20.03.2000

AUTORENDie Frostbeulen der Seele

Die Irin Nuala O'Faolain beschreibt in ihrem autobiografischen Buch „Nur nicht unsichtbar werden“ ein extremes, ergreifendes Frauenleben. Von Elke Heidenreich
Heidenreich, 57, lebt als freie Autorin in Köln; zuletzt erschien von ihr das Kinderbuch "Sonst noch was" (1999). -------------------------------------------------------------------
Über dieses Buch kann ich nicht schreiben, ohne auch über mich zu schreiben. Ich kann dieses Buch nicht nach literarischen Kriterien beurteilen, sondern nur nach dem, was es in mir ausgelöst hat. Ich habe die ganze Zeit beim Lesen gedacht: Warum habe ich mich nie getraut, etwas Ähnliches zu schreiben?
Immer noch ist die Geschichte unserer eigenen Kindheit mit diesen Eltern nach diesem Krieg weitgehend unerzählt, während hier wieder die Geschichte einer unglücklichen katholischen irischen Kindheit in den fünfziger Jahren beschrieben wird, aber endlich aus der Sicht des verlassenen kleinen Mädchens, der einsamen Frau, nicht der saufenden Kerle, die es doch immer irgendwie schaffen.
Warum, zum Teufel, schreiben wir überhaupt, wenn wir uns an die Stille des Schreibtischs ausliefern? Um Geschichten zu erzählen, um - indem wir Geschichten von uns selbst erzählen - vielleicht endlich irgendwann bei uns selbst anzukommen. Nuala O''Faolain (man spricht es Nula O Feulein) hat das geschafft. Der Titel ihres Buchs ist wie ein Hilfeschrei: "Nur nicht unsichtbar werden" (im Original: "Are you Somebody?"), und der letzte Satz vor dem opulenten Nachwort endet mit dem trotzig-erleichterten Bekenntnis: "Da bin ich."*
Es ist die Geschichte einer Frau, die ihre Kindheit empfindet wie eine auf dem Meeresgrund dumpf ver-
brachte Zeit, einer Frau, die nie weiß, wer sie ist und was sie kann, ob man sie liebt und warum, die sich fast zu Tode säuft und von einer Affäre in die nächste stolpert, und die endlich mit über 50 Jahren und nachdem sie ihre Geschichte aufgeschrieben hat, mit einiger Gelassenheit feststellen kann:
Was kann ich anderes tun, als die Gelegenheiten wahrnehmen, die das Leben bietet? ... Mich um meine Zähne kümmern, so viel Musik wie möglich hören und weitermachen. Weiter an meinen Fluchttunneln aus der Vergangenheit arbeiten. Weiter darauf hoffen, dass ich irgendwann ans Hier und Jetzt stoße. Dass ich nur ich selbst bin, wie die Katze, die so perfekt und selbstverständlich eine Katze ist und nicht weiß, dass sie eines Tages sterben wird.
Nuala O''Faolain beschreibt das, was Frank McCourt in seinem berühmten Roman "Die Asche meiner Mutter" so benannt hat: "Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit."
Mindestens genauso schlimm ist eine unglückliche deutsche evangelische Kindheit im zerstörten Ruhrgebiet der fünfziger Jahre. Ich kenne die Verletzungen, die O''Faolain beschreibt. Ich war so wenig ein gewolltes Kind, wie sie es war, und schon unsere Mütter wurden ungewollt in bittere Armut hineingeboren und hatten nichts lernen dürfen. Ihre Mutter soff, meine prügelte, die Väter, den Krieg verdrängend, waren in charmanter Begleitung unterwegs. Für Kinder interessierte sich niemand, Zärtlichkeit war noch nicht erfunden.
Natürlich hat man da schon mit 14, 15 Jahren erste Affären, weil man nach etwas sucht, dessen Namen man noch gar nicht kennt. Sie landete deswegen im Klosterinternat, ich abgeschoben als Pflegekind beim Pfarrer. Die Frostbeulen auf der Seele wuchsen. Der Glaube an Gott ging für immer verloren in solcher Umgebung.
Natürlich hat, wer als Kind nur herumgeschubst wird, niemals Vertrauen in sich selbst und definiert sich allenfalls über Anerkennung nach außen, durch den Beruf, durch immer wechselnde Männer. Natürlich säuft man sich fast tot und schrammt jahrelang haarscharf an der Depression vorbei, und natürlich funktioniert man nach außen tadellos. Natürlich ist für eigene Kinder nach so einer Kindheit kein Platz im Leben, das man gerade so aushält. Und wenn man die Männer durchhat, die sich ratlos an uns wenden, versucht man es mit der Liebe der Frauen, was etwas besser funktioniert - immerhin lebte O''Faolain fast 15 Jahre mit einer Frau zusammen, länger als mit jedem Mann, aber letztlich dauert gar nichts.
Und man beginnt, über sich nachzudenken, und stellt erstaunt fest: "Außer mir glauben Millionen und Abermillionen von Menschen, dass man zur eigenen Vervollkommnung einen anderen braucht." Man fragt sich: "Wie kann man sich selbst überreden, sein Schicksal zu akzeptieren?" Männer helfen nicht, Frauen nur bedingt, Erfolg schon gar nicht - sie hat ihn reichlich als Kolumnistin der "Irish Times" und als Mitarbeiterin für Radio und Fernsehen. Wie ich das alles kenne: Nichts ist wichtig, wenn man sich selbst nicht wichtig ist. Jedes Lob macht misstrauisch. Endlich schreibt eine Frau ganz offen darüber.
Ja, es ist eine typische Frauengeschichte in der Mitte und am Ende des 20. Jahrhunderts, das so sehr von Männern bestimmt ("Die Männer verteilten Jobs und Zuneigung") und so oft von Männern beschrieben wurde. Wir kamen nur am Rande vor. Niemanden trifft direkt die Schuld an einem verkorksten Leben - nicht die prügelnden Mütter, nicht die abwesenden Väter - "Es war Irland, die ganze irische Gesellschaft, die so etwas zuließ."
Es war auch unsere Nachkriegsgesellschaft, die zuließ, dass wir im Kriegsurlaub gezeugten, ungewollten und unglücklichen Kinder keine Zugehörigkeit hatten, nie. Dass wir in Turbulenzen leben und zwischen Extremen pendeln, dass keine Ruhe ist, kein Ort, nirgends. Und dass sich niemand wirklich dafür interessiert.
Die Irin Nuala O''Faolain hat es aufgeschrieben - es sollte nur ein Vorwort zu einem Buch mit ihren Kolumnen werden. Es wurde ein Buch über ihr Leben, und es wurde ein Bestseller, weil sich so viele irische Frauen darin endlich wieder fanden: "Mehr als ein Bestseller - irgendwie war es ein emotionales Ereignis im öffentlichen Leben Irlands", wie es im deutschen Nachwort heißt.
Und so wünschte ich mir, ich könnte so ein Buch schreiben. Nicht, weil ich noch einen Bestseller will, denn Erfolge bedeuten gar nichts, wenn die Nacht kommt. Sondern weil ich mir eine emotionale Erschütterung für viele, für ein Land, für alle wünsche, eine Erschütterung, wie sie nur von einem Buch ausgehen kann, wenn wir alt gewordenen Nachkriegskinder dieser Nazi-Väter und Beton-Mütter endlich aufheulen und anklagen würden und endlich nicht mehr nur runterschlucken und dulden und mit Blumensträußchen in die Altersheime schlurfen würden und sie ertragen - diese Vorwürfe bis zum Schluss, dass es uns überhaupt gibt, die Lieblosigkeit der Eltern, die Ignoranz der Gesellschaft, sondern wenn wir uns zu sagen trauten, was Nuala O''Faolain sagt: "Ich habe es immer als selbstverständlich hingenommen, dass meine Eltern so wenig Zärtlichkeit für uns übrig hatten. Aber ich akzeptiere es nicht mehr ..."
Dies ist ein Buch über eine Kindheit, über ein Leben, über glückliche Momente, denn mehr ist es nicht, das Glück, als immer nur hier und da ein Moment. Es ist ein Buch über das Glück des Lesens und die lebensrettende Wirkung von Literatur, es ist ein Buch über Rollenmuster und die fatale Rolle, die die Kirche dabei spielt, diese Muster vor allem für uns Frauen zu prägen, es ist ein Buch darüber, wie gefährlich es für Töchter ist, das Leben ihrer Mütter zu wiederholen und wie wir fast mit unserem Leben dafür bezahlen.
Und es ist ein Buch über Leidenschaft, über Alkohol, Musik und Tränen, ein Buch darüber, wie wir sein möchten und wie wir sind, nämlich sehr, sehr zerbrechlich. Es ist - für mich - genau das Buch, das ich gebraucht habe, um wieder weiterzumachen, um zu schreiben, um mitzureden, denn jede Stimme, die nicht lügt und die sich traut, kann vielleicht das Eis schmelzen, das Kafka "das gefrorene Meer in uns" genannt hat.
Es ist bei solchen Büchern nicht wirklich wichtig, was die Literaturkritiker sagen. Hier zählen die Leser, die etwas von ihrem eigenen Leben wieder erkennen.
* Nuala O''Faolain: "Nur nicht unsichtbar werden. Ein irisches Leben". Aus dem Englischen von Renée Zucker. Rowohlt Berlin, Berlin; 256 Seiten; 36 Mark.
Von Elke Heidenreich

DER SPIEGEL 12/2000
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