20.03.2000

ENTERTAINER

Das Würstchen und der Senf

Von Kronsbein, Joachim

Otto Waalkes hat sein fünftes Kino-Werk gedreht: "Der Katastrofenfilm". Ein verzweifelt komischer Comeback-Versuch des ostfriesischen Spaßvogels.

Clowns, sagt man, sind privat ganz besonders traurige Kreaturen, denn hinter der Fassade des Frohsinns waltet klaftertiefe Melancholie: Nur wer tief drinnen traurig ist, hat auch Humor.

Demnach muss Otto Waalkes, 51, ein besonders heiterer Mensch sein. Seit den frühen siebziger Jahren, als er Witze reißend durch Hamburger Szene-Lokale tingelte und sich langsam zu einer Institution des deutschen Humorwesens emporkalauerte, gehört der spillerige Ostfriese mit dem spärlichen Haar zur deutschen Unterhaltungsszene wie das Würstchen zum Senf.

Und es sind gerade die Würstchen, in deren Rolle der Komiker am liebsten schlüpft: kleine verhuschte Angestellte, unerwidert Liebende, die ewig Vorletzten in der Warteschlange des Lebens. Doch an diesen Figuren interessiert ihn nicht die Tragik, sondern der Klamauk.

Vier Filme hat der Friese inzwischen in die Kinos gebracht. In jedem war er die Kunstfigur "Otto", ein besonders bedauernswertes Komik-Würstchen, das die vielen Nummern aus Otto Waalkes' Bühnenshow in eine Art Handlung zu packen versucht.

Doch bei jedem Film verringerten sich komischerweise die Zuschauerzahlen um je rund zwei Millionen. "Otto - Der Film" brachte es 1985 noch auf knapp 8,5 Millionen Fans. "Otto - Der Liebesfilm" mobilisierte sieben Jahre später nur noch 2,8 Millionen Menschen.

Jetzt soll der fünfte Versuch, "Otto - Der Katastrofenfilm", endlich die Trendwende einleiten. Aber Vorsicht: So lustig wie die Orthografie ist der ganze Film.

18 Millionen Mark - etwas mehr, als Joseph Vilsmaier für seine "Marlene"-Hommage ausgeben durfte - verpulverten Regisseur Edzard Onneken und Produzent Horst Wendlandt für das aufwendige Werk.

Es erzählt eine besonders krause "Otto"-Geschichte. Des Spaßvogels größter Wunsch ist es diesmal, auf dem Ozeanriesen "Queen Henry" nach New York zu fahren.

Doch bevor es tatsächlich dazu kommt, berichtet eine lange und langatmige Rückblende von der Geburt, Aufzucht und Mannwerdung des Helden. Geboren in einem Viehstall, die Weihnachtsgeschichte winkt als vergackeiertes Zitat, wird Klein-Otto schließlich in einem Weidenkörbchen auf einem friesischen Torf-Kanal ausgesetzt. Ottologen verwundert es nicht, dass Waalkes es sich auch dieses Mal nicht nehmen lässt, in Spitzenhäubchen und Windel als sabbernder Säugling aufzutreten.

In der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen dürften allenfalls die Allerjüngsten dank der Gabe ihrer verspäteten Geburt diesem fulminanten Ausbruch von treudeutscher Babybettchen-Travestie zum ersten Mal begegnen. Anderen ist der Anblick seit Jahrzehnten vertraut.

Otto wächst bei seinem von der Seefahrt besessenen Großvater auf. Als dieser den Löffel abgibt - und in einem Otto-Film offeriert der Moribunde tatsächlich dem Enkel als letzten Gruß sein Essbesteck -, will der Junge sich nun die unerfüllten Träume des verblichenen Greises erfüllen.

Endlich erwachsen - wenigstens dem Aussehen nach -, absolviert der Film-Otto als blinder Passagier die Überfahrt auf der "Queen Henry". Er schmuggelt sich an Bord des Schiffs, indem er sich als Mitglied der Mädchen-Band "Old Speis Görls" ausgibt.

Otto als Frau - ein weiterer Höhepunkt des "Katastrofenfilms". Und was Komik-Kenner spätestens seit "Charleys Tante" kommen sehen, kommt tatsächlich: Otto betritt im rosafarbenen Fummel und mit aufgetürmter Dutt-Frisur aus alter Gewohnheit die Herrentoilette, rafft den Rock, wühlt im Feinripp und schlägt sein Wasser ins Wandurinal ab. Zum Brüller wird die Szene natürlich erst dadurch, dass die Herren neben ihm sich mächtig wundern.

Aber auch der elaborierte Sprachwitz kommt nicht zu kurz. Ein Landstreicher, so erfährt der Zuschauer, ist jemand, der über Land streicht. Und ein Dialog mit einem kleinen Mädchen an Bord geht ungefähr so: "Wie alt bist du?" "Sieben." "Was möchtest du denn werden?" "Acht."

Der Film bietet selbstverständlich neben der erschöpfenden Pointen-Archäologie auch eine ebenso packende Spannungsebene. Da geht es um einen bösen japanischen Konzern, Agenten, eine Bombe und anderweitiges Ungemach. Aber hauptsächlich geht es um die appetitliche Sonja, die auf dem Schiff als Stewardess arbeitet. In sie ist Otto verliebt.

Da trifft es sich gut, dass Herr Waalkes im richtigen Leben in die Sonja-Darstellerin Eva Hassmann verliebt ist.

Aber das nützt ihm auch nichts. Am Ende nämlich, wenn der teure Modellbau der "Queen Henry" (die Ausstattungs-Millionen zerbröseln nahezu unsichtbar fürs bloße Zuschauerauge) so richtig katastrophal zu Bruch geht und bei den Bösewichten manch schmerzlicher Kollateralschaden zu beklagen ist, bleibt Otto an seiner Sonja kleben. Und an einem Pinguin.

Der offenbar hoch begabte Vogel hat ihm nämlich das Leben gerettet, nachdem Otto ihn vor einem frühen Ende im Kochtopf bewahrt hatte.

Der Film endet immerhin mit einem Hoffnungsschimmer. Otto säuselt am Ende seiner Sonja zu: "Mit dir möchte ich alt werden." Und das blitzgescheite Mädel weiß die einzig richtige Antwort: "Du bist doch schon alt."

Dämmert es diesem Humoristen vielleicht tatsächlich, dass es eine Altersgrenze für Kinderkram gibt? Aber Otto hat ja schon ganz andere Kalauer überlebt. JOACHIM KRONSBEIN


DER SPIEGEL 12/2000
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