Von Saltzwedel, Johannes
Ein einsamer Akteur, keine Musik, keine Dekoration: eine Show für Asketen. Dennoch drängten oft so viele in den großen Saal, dass der Hauptdarsteller manchmal am Eingang prüfen ließ, wer überhaupt eine Hörerkarte hatte. Er sei schließlich kein Entertainer, erklärte Georg Simmel dann streng, sondern Philosoph. Da könne ja jeder kommen.
Aber es kamen eben auch alle, die in Berlin etwas auf sich hielten. Man musste den Mann einfach bei der Arbeit gesehen haben. Ruhelos, in "schlangenhaften Bewegungen" glitt der Professor übers Hörsaal-Podium, einen gespitzten Bleistift in der Hand. "Er dachte mit dem ganzen Körper", schwärmten später viele, die es miterlebt hatten. Plötzlich sei es dann passiert: "Auf der äußersten Kante des Katheders wippend", bohrte Simmel den Stift in die Luft und erlegte wie "einen Käfer mit einer Nadel" den flüchtigen Begriff.
Und was für Begriffe. Simmel sprach vom Verrat, vom Modenarren ("Wenn hohe Kragen Mode sind, trägt er sie bis zu den Ohren") oder den neuesten Skandal-Kunstwerken. Seine Beispielfreude brachte ihn von der Chemie der Teerfarben zu Michelangelos Plastiken und wieder retour in den "Fünfzig-Pfennig-Bazar" an der Straßenecke. Als er einmal gar den verruchten neuen Tangotanz erörterte, stand es am nächsten Morgen in der Zeitung.
Aufregend einfallsreich, verdächtig brillant: Dieser Ruf eilt Georg Simmel (1858 bis 1918) voraus. Jemand, der eine dicke "Einleitung in die Moralwissenschaft", aber auch glänzende Ideenporträts über Goethe und Rembrandt oder einen Artikel zur Psychologie der Frauen schreiben konnte, ein Ästhet, bei dem der Jung-Lyriker Rainer Maria Rilke und der angehende Philosoph Georg Lukács zu Gast waren, passt nicht ins übliche Gelehrtenschema. Selbst im Fach, das er mitbegründete, gilt er noch immer als Ruhestörer. "Es ist unmöglich, von Georg Simmel nicht irri-
tiert zu sein", sagt der Hamburger Soziologe Stefan Breuer.
Das spürten zwar auch schon die Sozialforscher der Frankfurter Schule, die das geistige Klima der Nachkriegs-Bundesrepublik prägten. Nur legten sie es gegen ihn aus. Theodor W. Adorno etwa, selbst beängstigend vielseitig, spottete über Simmels "Fähigkeit und Bereitschaft, über alles und jedes zu philosophieren", und stellte seinen "unverbindlichen Esprit" als "arg verblichen" dar.
Von wegen: Inzwischen sind alle Zweifel emsigem Interesse gewichen - weltweit, quer durch die Disziplinen. Ökonomen, Anthropologen, Philosophen, Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler diskutieren Simmels Einsichten. Stichwortgeber der Phänomenologie, Postmoderner avant la lettre, Pädagoge, Wertdenker und Kriegskommentator: kaum ein Feld derzeit, auf dem der Berliner Tausendsassa nicht Wegbereiter zu sein scheint.
Neuerdings haben sogar Meinungsmacher ihn als Autorität entdeckt. Sein Satz vom Fremden als einem Gast, "der heute kommt und morgen bleibt", ist in Multikulti-Diskussionen ein geflügeltes Wort. Auch als es jüngst um die Ehre eines gewissen Herrn Kohl ging, konnten sich die Leitartikler auf Simmel berufen: "Die vollkommene Sittlichkeit gebietet von sich aus, was Ehre und Recht fordern, die vollkommene Ehre, was das Recht verlangt, das Recht hat den geringsten Umfang." Oder: "Der Räuber kann die Gebote seiner Verbrecherehre streng einhalten, während er jede sonstige Ehre eingebüßt hat."
Dabei galten zu seinen Lebzeiten Studien zur Ehre, zur "Psychologie der Diskretion", über den Typ des Abenteurers, "Das Problem des Stiles" oder "Die Ruine" unter Philosophen als abseitig. Doch schon Existenzialisten, etwa Martin Heidegger, ließen sich von ihnen anregen. Und nun, nach dem Zerfall der großen Ideensysteme, suchen fast alle das Subtile: "Spiel und Ernst", eine "Philosophie der Gemenge und Gemische" - diese Themen heutiger Denker klingen, als führe Simmel von fern Regie.
Er selbst zweigte seine Essays gern aus Großprojekten ab, etwa der "Philosophie des Geldes" (1900). Darin zeigte er die Folgen modernen Finanzdenkens: Zum Beispiel bremse das Geld die "Kultur der Personen" und fördere die "Vergegenständlichung des Geistes". "Die Geldhaftigkeit der Beziehungen schiebt eine unsichtbare, funktionelle Distanz zwischen die Menschen." Solche Diagnosen treffen heute angesichts von Globalisierung und seelischer Obdachlosigkeit oft deutlicher als damals.
Erst recht zeigt sich Simmels Weitblick an seinem Hauptwerk "Soziologie" (1908). Anstatt zu behaupten, die Gesellschaft funktioniere wie ein Räderwerk, machte er den Lesern klar: Soziale Wirklichkeit kann niemand total erfassen, denn alle "Atome der Gesellschaft" haben "ein Sein für sie und ein Sein für sich", soziale Rollen, den eigenen Blickpunkt und dazu noch ihr wechselvolles Innenleben. Im zentrumslosen Gebrodel der vielen Ichs gebe es sozusagen nur Übergänge, unablässigen "Wechsel von Engagiertheit und Lösung" wie auf einem endlosen, gigantischen Tanzball.
Heutige Postmoderne sehen das kaum anders. Zur Zeit des prinzipienstarren Wilhelminismus aber klang solche Relativitätstheorie des Miteinanders staatsgefährdend. Simmel indessen hielt die üblichen philosophischen Großsysteme für unfähig, das eigentlich Wichtige zu erfassen, und blieb bei seiner Neugier für die Nahtstellen des Lebens.
Dankbarkeit und Hass, Heimatgefühl und Einsamkeit, Eifersucht und Lüge wollte er verstehen, selbst den "Großbetrieb des Naturgenusses" oder die soziale Rolle des Parfums ("Geruch in seiner Bedeutung für die Vergesellschaftung"). Überall im sozialen Geflecht wurde er fündig. Kein Wunder, dass ein Ausbildungszentrum für Computer-Vernetzer mitten im US-Bundesstaat Ohio Simmel zum Namenspatron erwählt hat, dass es in Korea eine Website zu ihm gibt, dass Soziologen in Zürich seine Texte im Internet anbieten.
"Wer ihn gelesen hat, sieht die Muster hinter den Tatsachen, die Wechselwirkungen zwischen den Ebenen des Geschehens einfach klarer", sagt Paschen von Flotow. Der gelernte Volkswirt, Chef eines Forschungsteams an der "European Business School" in der Nähe von Wies-
baden, erarbeitet für Ministerien und Großkonzerne Gutachten, zum Beispiel über die Folgen globalen Ökologie-Exports. Seine Doktorarbeit hat der 38-Jährige über Simmels "Philosophie des Geldes" geschrieben.
"Eine Menge an der Systemtheorie kommt einem dann wie Geschwätz vor", sagt von Flotow und lächelt. Ketzerworte: Die "Systemtheorie" des Bielefelder Soziologie-Papstes Niklas Luhmann (1927 bis 1998), zu der es schon eigene Lexika gibt, ist vielen Ökonomen regelrecht heilig. Desto ironischer, dass die deutsche Zentrale in Sachen Simmel keine zehn Meter vom ehemaligen Amtszimmer Luhmanns entfernt liegt, in der vierten Etage des "Turms U" an der Bielefelder Universität.
Von einem spartanischen Büro aus organisiert der Soziologe Otthein Rammstedt, 62, seit über zehn Jahren eine Gesamtausgabe seines Fach-Patriarchen. Inzwischen ist über die Hälfte da; kürzlich kam ein Band mit den allerersten Arbeiten heraus*. Darunter findet sich auch der früheste bekannte Simmel-Text: ein Fragebogen über das Jodeln, den er 1879 im Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs veröffentlichte, um die Antworten für eine Doktorarbeit über die Grundlagen der Musik auszuwerten. "Typisch", meint Rammstedt, "Simmel war begeisterter Bergwanderer, und er ließ sich eben von jedem Gegenstand anregen. Wir finden immer noch abenteuerliche Dinge aus den frühen Jahren."
Die Fachleute wissen noch längst nicht genau, was der Sohn aus jüdischer Kaufmannsfamilie unter unscheinbaren Pseudonymen wie Paul Liesegang alles publiziert hat. Oft seien es "wilde Sachen" von der Theaterkritik bis zu linker Polemik, meint Rammstedt, der die publizistischen Seitensprünge demnächst mit Hilfe ausge-
klügelter Stilvergleiche identifizieren will. Geradezu "herumgetobt" habe der junge Simmel in der Boheme des kaiserlichen Berlin, im Hexenkessel von Expressionis-ten und Varietéstars, Lebenskünstlern und Literaten.
Von Haus aus finanziell unabhängig, mondän, sensibel und eloquent, erarbeitete sich der unbesoldete Privatdozent rasch intellektuellen Ruhm - vor allem, weil er sich leisten konnte, über das zu schreiben, was ihn interessierte. Bis in seinen Stil ist "etwas Elektrisches, Flackerndes, wie ein Wetterleuchten" (Stefan Breuer) zu spüren: das nervöse Dasein des Großstädters.
Dieser neue Mensch, schrieb er 1903, sei wegen der "Steigerung des Nervenlebens" geradezu auf Aversionen angewiesen, um sich nicht von seinen Mitmenschen geistig erdrückt zu fühlen. Andauernd erlebte er "die Kürze und Seltenheit der Begegnungen, die jedem einzelnen mit dem anderen - verglichen mit dem Verkehr der kleinen Stadt - gegönnt sind. Denn hierdurch liegt die Versuchung, sich pointiert, zusammengedrängt, möglichst charakteristisch zu geben, außerordentlich viel näher."
Es war natürlich auch eine Selbstanalyse. "Meine Natur ist viel mehr pfadfinderisch als anbauend", gestand er einem Kollegen; zu Langstreckenwerken musste er sich zwingen.
Lieber pflegte Simmel das Gespräch. An seinen wöchentlichen Privatseminar-Abenden teilnehmen zu dürfen bedeutete die Aufnahme in einen der exklusivsten Salons der Reichshauptstadt. Hier tauchte zuweilen plötzlich der mönchisch strenge Dichter Stefan George auf, Leitfigur einer stilbewussten Sekte junger Poeten und Kulturforscher (siehe Kasten Seite 208), oder die brillante, psychoanalytisch geschulte Lou Andreas-Salomé.
Auch der junge Philosoph Ernst Bloch bat um Zutritt zur Runde. Simmel ließ sich von ein paar steilen Sprüchen faszinieren und lud ihn ein. Bloch kam; doch rasch begann er sich ausgerechnet an Simmels gute Freundin, die Essayistin Margarete Susman, heranzumachen, und der Professor sperrte ihm das Haus. Bloch vergaß die Schmach nie - und gab fortan ohne Quellenangabe weiter, was er in Berlin gelernt hatte: Sein späterer Utopie-Spruch "Denken heißt überschreiten" ist vorgeprägt in Simmels Satz, Leben sei das "Überschreiten seiner selbst".
Wie ernst das gemeint war, hat Simmel noch persönlich bewiesen. Jahrelang war ihm eine reguläre Professur vorenthalten worden, auch deshalb, weil er angeblich "Israelit durch und durch" sei. 1914 endlich bekam er einen Lehrstuhl in Straßburg. Schweren Herzens gab er sein quirliges Berlin auf. In den ersten Weltkriegstagen ließ er sich sogar kurz vom nationalen Wahn anstecken. Umso schockierender waren für ihn die Berichte vom Grauen der Verdun-Schlachten - vor allem, weil er wusste, dass ihm kaum noch Zeit blieb: Weit fortgeschrittener Leberkrebs, gab der Arzt zu, als Simmel ihn zur Rede stellte.
Ein Buch aber, für ihn sein wichtigstes, vollendete er noch. "Lebensanschauung" hieß diese Summe seines Denkens: Von Weltbild-Fragen bis zur Erotik, vom Wahrheitsstreben bis zur Kunst altjapanischer Teeschalen, kaum etwas fehlte, das ihm wichtig war. Nur der Kriegsschrecken blieb ausgeblendet.
Es wurde eine Bilanz ohne Wehmut. "Wir sind alle Fragmente" vom "Typus, der nur wir selbst sind", schrieb er, und den vielen Moralaposteln seit Kant hielt er entgegen: Kein kategorischer Imperativ, keine noch so penible Ethik, nur ein "individuelles Gesetz" könne das "Unterschiedswesen" namens Mensch wirklich zum Guten verpflichten.
Damals klang das beinahe zersetzend. Heute ist die darin verborgene Botschaft, sich selbst ernst zu nehmen, schon deshalb aktuell, weil nach dem Untergang der Ideologien vor allem eins geblieben ist: Orientierungslosigkeit. Der urbane Geist Simmel, Feind aller Parolen, muss es geahnt haben, als er einem Kollegen vorschwärmte, was ihm an den jungen Studenten in Berlin so gefalle: Sie zeigten "ein Drängen nach wirklicher Philosophie, als einer Deutung vom Sinn des Lebens". JOHANNES SALTZWEDEL
DER SPIEGEL 12/2000
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