20.03.2000

Todeskampf der Flachköpfe

Von Schulz, Matthias

Vor rund 40 000 Jahren entdeckte der Mensch die Kultur: Urplötzlich gebar er Kunst, Schmuck, Musik und Skulptur. Jetzt sind Prähistoriker dem Grund für diese Revolution auf der Spur: Der Homo sapiens traf auf einen ebenbürtigen Rivalen - seinen Vetter aus dem Neandertal.

Rentiere hatte der mächtige Häuptling gejagt, Filets vom Nashorn gegrillt und im Fellzelt die berauschende Wirkung vom Fliegenpilz genossen. An einem Sommertag vor rund 27 000 Jahren war es mit dem Wohlleben vorbei. Der Clanführer, rund 60 Jahre alt, lag entseelt in der russischen Tundra.

Feierlich hoben seine Stammesgefährten eine ovale Grube aus und bestreuten den Boden mit Asche und rotem Ocker. Sie kleideten den Verstorbenen in ein ledernes Prachtgewand, besetzt mit 2936 Elfenbeinperlen. Steinklingen, Amulette und verzierte Waffen wurde neben der Leiche platziert. Schließlich bedeckten sie den Körper mit einem Umhang und schlossen das Grab.

Erst jetzt offenbart sich, welch einzigartiges Dokument aus einer entscheidenden Wendezeit der Urgeschichte die Erde preisgegeben hat: Die Russische Akademie der Wissenschaften präsentierte unlängst eine Monografie über die Schädelstätte aus der Eiszeit. Auf 272 Seiten werden Details aus dem erstaunlichen "Ritualkomplex" vorgelegt*.

Der Friedhof von Sungir, 150 Kilometer östlich von Moskau, funkelt wie ein Kristall am Beginn der menschlichen Totenkultur. Reste von sieben Skeletten wurden aus der Nekropole geborgen, übersät mit

über 13 000 Schmuckelementen. Der Wurfspeer des Führers, 2,40 Meter lang, besteht aus massivem Elfenbein. Niemand weiß, wie das Rohmaterial aus dem Mammutzahn gerade gebogen wurde.

Zu den Bestatteten gehören auch zwei Kinder, die vermutlich aus dem Geschlecht des Fürsten stammten. Der Junge (Todesalter: 10 bis 13 Jahre) trug einen Gürtel, an dem 250 Fuchszähne hingen. Im Grab des Mädchens (etwa 7 Jahre) lagen Miniaturspeere und durchbohrte Löwenkrallen. Ihr Totenkleid (Felljacke, Kapuze, knielange Stiefel) war mit über 5200 Perlen aus Mammut-Elfenbein verziert.

Keine Frage, in Sungir liegen Siegertypen begraben, prachtvoll ausstaffierte Homo sapiens mit hohem Schädel und filigranen Gliedmaßen. Das Mausoleum stammt aus der Zeit der "paläolithischen Revolution", jener Epoche, in der der Mensch einen - bis heute rätselhaften - Technologieschub entfachte und wie im Sturmlauf die Weltherrschaft ergriff.

Jäh setzte die Spezies vor über 50 000 Jahren in Ostafrika zum großen Sprung an. Im Eilschritt eroberte sie Asien und drang nach Australien vor. Vor 32 000 Jahren stand der afrikanische Aufsteiger bereits in Südfrankreich und schuf im Licht von Fettfunzeln eine Sixtinische Kapelle der Urzeit. Mit Farben aus Eisen- und Manganoxiden bemalten die vorzeitlichen Picassos die Höhle Chauvet.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Der Mensch erlernt das Flötenspiel auf Schwanenknochen; er brennt Tonfiguren und erfindet den Tauchsieder (erhitzte Steine wurden in wassergefüllte Tierhäute geworfen). Er formt Harpunen und erste Nähnadeln. Vor 30 000 Jahren ist er bereits als Astronom tätig. Kurz danach breitet sich in Europa ein "Venuskult" aus, belegt durch Frauenstatuetten mit wallenden Brüsten und Speckhüften.

Wie ärmlich nimmt sich gemessen an diesem Feuerwerk von Innovationen ein anderes eiszeitliches Wesen aus: der Neandertaler. Seine letzte Spur findet sich in der Höhle von Zafarraya in Andalusien. Es ist ein zertrümmertes Gebiss, unscheinbar im Geröll verborgen, als sei er achtlos weggeworfen.

Und doch entpuppte sich dieses Fossil als Sensation: Am Isotopenlabor Gif-sur-Yvette (bei Paris) gelang es, einen der Zähne zu datieren. Das Ergebnis könnte die Forscher nötigen, die gesamte Vorgeschichte der Zivilisation neu zu schreiben: Der Beißer ist 27 000 Jahre alt. Der Neandertaler, der ihn einst im Mund trug, war folglich ein Zeitgenosse des Fürsten von Sungir.

Welch Kontrast tut sich auf! Hier die russischen Prachtskelette - dort eine schäbige Kauleiste. Hier der geniale Fred Feuerstein, der als Krone der Schöpfung schließlich Atombomben baute und im Internet landete. Dort der Loser-Typ, vierschrötig, mit fliehender Stirn, ein Auslaufmodell der Evolution.

Ein bizarres Lebewesen hatte da den Planeten verlassen. Der Neandertaler besaß Kniegelenke dick wie Kanonenkugeln, mit denen er bis fünf Meter tiefe Sprünge abfedern konnte. Über seinen Augen wölbten sich Knochenwülste, das Kinn fehlte. 170 000 Jahre lang hielt die Spezies die nördliche Hemisphäre im Griff. Fossilfunde von gut 300 Individuen belegen ihre Anwesenheit von Usbekistan bis in den Irak. Das nördlichste Exemplar lag im Elbsand bei Hamburg.

Schauer und Faszination geht von dem "Innerirdischen" ("Zeit") aus. Jährlich 250 000 Besucher strömen ins Neanderthal Museum bei Düsseldorf. In dem Gebäude sind Silikonpuppen mit Echthaar aufgestellt - Abbilder eines Wesens mit verblüffenden Fähigkeiten.

"Der Neandertaler besaß riesige Augen, mit denen er in der Dämmerung sehen konnte", sagt der Tübinger Anthropologe Alfred Czarnetzki. Sein extrem feines Gehör, an Innenohrknochen ermittelt, konnte noch Achteltöne wahrnehmen. Czarnetzki: "Der hätte spielend eine Geige gestimmt."

Dennoch starb der "deutsche Weltstar", wie ihn der Prähistoriker Gerd-Christian Weniger nennt, aus. Vor rund 40 000 Jahren räumte die Spezies sanglos den Nahen Osten. Vor 35 000 Jahren, heißt es in den Lehrbüchern, verliert sich ihre Spur in Mitteleuropa. Wie von Zauberhand, so schien es, war der europäische Altsiedler komplett ausgelöscht, ersetzt durch den Homo sapiens. Die Experten sprechen von "Replacement".

KALTER KRIEG IN DER EISZEIT

Seit nahezu 150 Jahren wird über den jähen Abgang des "Troglodyten" (Höhlenbewohner) gestritten. Litt er an Jodmangel? Hatte der Neuankömmling ein "tödliches Virus eingeschleppt", wie der Frankfurter Anthropologe Reiner Protsch spekuliert?

Die Mehrheit der Experten gibt dem Machtwillen des modernen Homo sapiens die Schuld an dem Trauerspiel. Er habe seinen Gegner in einem Blitzkrieg überrannt. "Keulenschläge gegen dickwandige Schädel, geschleuderte Dolomitsteine gegen die alten Wulstbrauen", so beschreibt der US-Autor Michael Brown die Theorie vom "pleistozänen Holocaust". Allenfalls 3000 Jahre sollen sich die Arten in Europa überlappt haben.

Doch warum gelang der Vormarsch so schnell? Ein schmächtiger Wandergesell aus den Tropen musste gegen einen kälteadaptierten Yeti antreten, der sich bestens im Biotop auskannte. Auch die Leibeskraft der Invasoren war deutlich geringer. Der Gegner besaß etwa 30 bis 40 Prozent mehr Muskelmasse. Es ist, als sei ein Arnold Schwarzenegger gegen den Friesenkomiker Otto angetreten - und sei dennoch kläglich untergegangen.

Um diese Rätsel zu erklären, flüchtete sich die Zunft in "den Mythos vom Super-sapiens" (der Buchautor Martin Kuckenburg). Der moderne Mensch sei schneller, schlauer, raffinierter gewesen. Mit besseren Jagdmethoden, so die Forscher, schnappte er seinem Rivalen die Beute weg, mit überlegenen Waffen schlug er ihn im Zweikampf. Wie die Europäer dank ihrer Feuerwaffen die Jagdgründe der Indianer im Handstreich nahmen, so eroberte Homo sapiens ruck, zuck das Neandertalerland.

Allerdings schmeckte dieses Szenario von der feindlichen Übernahme einigen Anthropologen nicht. Sie bezichtigten ihre Kollegen eines in die Vorgeschichte projizierten Rassenwahns. In Wahrheit sei der Früheuropäer ein netter Kerl gewesen, der mit den Einwanderern (Stichwort: Koexistenz) freundlichen Kontakt pflegte. Am Lagerfeuer sei man sich auch sexuell näher gekommen. Erik Trinkaus von der Washington University, ein Wortführer der Hybrid-Fraktion, glaubt: "Die Spezies mischten sich und zeugten Nachkommen."

Politisch korrekt, als gelte es, eine unterdrückte Minderheit zu schützen, müht sich dieses Lager, die anatomischen Unterschiede zwischen den Arten wegzudiskutieren. "Frisch rasiert, mit flottem Haarschnitt, im Designeranzug könnte ein Neandertaler unbemerkt das kalte Buffet abräumen", kolportiert die "Frankfurter Rundschau" die Meinung dieser Forscherfraktion. Der Hamburger Prähistoriker Ralf Busch lobt gar den Liebreiz der Damen aus dem Neandertal: "Die waren wenigstens nicht magersüchtig."

Doch der Expertenstreit wurde lange Zeit ebenso energisch wie faktenarm geführt. Viel zu lückenhaft waren die Informationen aus dem Aurignacien, jener Epoche vor etwa 40 000 bis 28 000 Jahren, als sich das Schicksal der beiden Arten entschied. Weder ließ sich die Marschroute der Eindringlinge zeitlich rekonstruieren, noch gab es Anhaltspunkte, ob sich die Spezies in Europa überhaupt je begegneten.

Erst in jüngster Zeit wendet sich das Blatt. Isotopenchemiker in hoch gerüsteten C-14-Labors, Pollenanalytiker und Paläoklimatologen, die Eisbohrkerne aus Grönland für Klimaszenarios nutzen, bringen Licht in die kritische Periode. Genetiker extrahieren Erbgut aus Urzeit-Skeletten, Anthropologen simulieren Neandertaler-Weichteile im Computer. Und es liegt eine Fülle von neuen Knochenfunden vor, den wichtigsten biohistorischen Urkunden.

Das sich abzeichnende Panorama hat in der Zunft schwere Konfusion ausgelöst. Beide Forscherfraktionen sind irritiert: Die Verfechter der Blitzkriegs- wie der Kuschelsex-These, so stellt sich heraus, waren auf dem Holzweg:

* Erst wurde die Idee der Artvermischung gekippt. Genetiker von der Universität München extrahierten Erbgut aus einem Neandertaler-Knochen. Die DNS sieht aus, als stamme sie von einem biologischen Alien. Chefforscher Svante Pääbo: "Es gibt keinerlei Hinweise, dass die Neandertaler einen wesentlichen Beitrag zum Genpool des heutigen Menschen geleistet haben."

* Dann kam der Tiefschlag für die Gegenfraktion: die Altersbestimmung des Zahns von Zafarraya. Und auch ein Neandertaler-Fossil aus der Riesengrotte von Vindija (Kroatien) ergab das verblüffende Alter von 28 000 bis 29 000 Jahren. Kommentar des Tübinger Prähistorikers Nicholas Conard: "Die These von der schnellen Eroberung ist damit passé."

Zudem liegen weitere grundstürzende Neuigkeiten vor, die zum Umdenken zwingen. Der Homo sapiens trat demnach keineswegs gegen einen grobschlächtigen Toren an. Der angestammte Herr über Europa war vielmehr ein intelligenter Rübezahl, der sein Territorium zäh verteidigte. Drei Hauptbefunde belegen dies:

* Die Neandertaler trugen Schmuck und stellten Präzisionswaffen her.

* Sie verfügten in Südfrankreich und Italien über hoch stehende Kulturzentren.

* Sie erwiderten den Vormarsch des anatomisch modernen Menschen mit einer Art Wettrüsten.

Eindrucksvoll ist die neue Sicht der Dinge im US-Fachblatt "Current Anthropology" dokumentiert. Dort beschreibt eine Gruppe um den französischen Vorgeschichtler Francesco d''Errico zwei so genannte Technokomplexe: Werkzeugindustrien der Neandertaler, die sich vom Pariser Becken bis nach Süditalien erstreckten.

Allein in der Höhle von Arcy-sur-Cure zählte das Team 36 "persönliche Ornamente": verzierte Fuchszähne, Elfenbeinperlen und Abfälle von Fingerringen. Die Befunde, so die Autoren, ließen nur einen Schluss zu: Die Neandertaler waren "voll kultivierte menschliche Wesen".

Prallten folglich zwei steinzeitliche Konkurrenzmächte aufeinander? Sind die Forscher einem Kalten Krieg in der Eiszeit auf der Spur? Schufen die Neandertaler im Widerstreit mit ihren Vettern ein kulturelles Paralleluniversum?

"Es ist erstaunlich", sagt der Urgeschichtler Conard, "aber wir haben diese Spezies gänzlich unterschätzt."

Schon beginnen die Experten vorsichtig, den Schlagabtausch auch regional zu erfassen. Demnach dienten Flüsse wie der Rhein und die Rhône über Jahrtausende hinweg als "biologische und demografische Grenzen" (Conard), an denen sich die beiden Menschenarten argwöhnisch gegenüberstanden.

Die Folgen dieser Erkenntnis sind weit reichend: Nicht nur der Keulenrambo aus dem Neandertal steht plötzlich als Supermann da. Auch der Ursprung der menschlichen Kultur taucht in völlig neues Licht.

Dessen Wurzeln sind seit je von einem Mysterium umgeben. Vor etwa 100 000 Jahren steht der Homo sapiens anatomisch ausgereift in Afrika da - doch nichts tut sich. "Die mittelpaläolithischen Hominiden hatten alle Voraussetzungen für eine spezifisch menschliche Lebensweise, aber das Tempo der Innovationen war unerklärlich langsam", erklärt der Mainzer Anthropologe Winfried Henke.

Erst vor 40 000 Jahren setzte dann der geistige "Big Bang" (der US-Forscher Randall White) ein. Raketenartig mutierte der Mensch zum Schöngeist, Maler, Waffenschmied und zettelte eine "atemberaubende kognitive und kulturelle Umwälzung" an (Henke).

Nun plötzlich bietet sich eine Erklärung für diese mysteriöse Leistungseruption an: Der nach Europa einwandernde Homo sapiens war auf einen ebenbürtigen Rivalen gestoßen, der ihm das Terrain streitig machte.

Schmuck, Reliefs, Knochenmesser - all jene Errungenschaften, die schlagartig im Aurignacien auftauchten, wären demnach das Ergebnis eines "Wettbewerbs" (Conard). Der Franzose D''Errico formuliert es so: Erst der Zusammenprall der Spezies hätte "beide unabhängig voneinander zu kulturellen Höchstleistungen" angespornt.

ÜBERLEBENSKÜNSTLER IM FROST

Die These vom Urkampf als Motor aller Kultur steht in scharfem Kontrast zum bisherigen Weltbild der Prähistoriker. Seit Anbeginn haftete den Neandertalern der Ruch geistiger Minderwertigkeit an. Als im Jahr 1856 der Namensgeber in einem Steinbruch nahe Düsseldorf auftauchte, waren sich die Gelehrten sogleich einig: Die Knochen stammten von einem "rohen Urvolk", vom "Geschlecht der Flachköpfe".

Frühe plastische Nachbildungen, etwa im Museum von Chicago, orientierten sich am Klischee des Primitiven. Jammergestaltig, antriebsschwach, als kränkelnder Kretin wurde der Kraftprotz dargestellt. Zeichner phantasierten sich Deppen mit Stiernacken und Affenbehaarung zusammen. "Der Neandertaler", sagt Sabine Gaudzinski vom Forschungsbereich Altsteinzeit in Neuwied, "war immer der Doofi."

Vor allem in den achtziger Jahren kam es knüppeldick. Unter dem kritischen Blick der "New Archaeology" sank der alte Platzherr Europas zum Tollpatsch herab, unfähig zur "Partner- und Familienbildung", ein Lebewesen, das seine Toten nicht bestattet und das feinmotorisch nichts auf die Reihe kriegt. Lewis Binford, Nestor der Bewegung, machte die Neandertaler gar zu Aasfressern. Allenfalls Kaninchen hätten sie mit ihren plumpen Waffen zuweilen erlegt.

Hinter dieser Ansicht verbarg sich ein grundsätzliches Ordnungsschema. Seit je hält sich der Mensch für ein Ausnahmewesen. In der Bibel tritt er als Auserwählter Gottes auf. In der griechischen Mythologie schenkt ihm Prometheus das Feuer. Nur der Mensch sei zur Schöpfung von Arbeitsmitteln fähig, meinte Karl Marx. Der Anthropologe Friedrich Keiter formulierte die These vom "toolmaking animal" so: "Der Hammer ersetzt die Faust, die Zange die Zähne, der Löffel die Hohlhand, die Kleidung das Haarkleid, das Schwert die Pranke."

Auch die Wissenschaft von der Urgeschichte orientierte sich über Generationen hin an diesem Dogma. Tauchten im Erdreich Schmuck oder feine Steinklingen auf, wurden sie automatisch dem Homo sapiens zugeordnet. Einzig ihm trauten die Forscher Geist und Kunstsinn zu, soziales Verhalten und symbolisches Denken. Nur er sei in der Lage gewesen, die Fesseln des Naturzustands zu sprengen, dank körperfremder Ausstattungsmittel wie Werkzeugen, Schutzbauten oder Kleidung.

Doch die Scheidewand - hier der intelligente Homo Faber, dort der tumbe Rest der Hominiden - bröckelt. So wissen die Experten erst seit kurzem, dass die Wurzeln vieler kultureller Erzeugnisse viel weiter zurückreichen, als sie es für möglich gehalten hatten. Vor ihren Augen ist eine - nahezu vollständig versunkene - Welt aus Holz- und Knochenwerkzeugen aufgetaucht.

Sie beweisen, dass bereits der Homo erectus vor 400 000 Jahren mit wuchtigen Lanzen schnellen Huftieren nachstellte.

Die bislang eindrucksvollsten Belege hat der Archäologe Hartmut Thieme vorgelegt. Im Braunkohlenabbaugebiet Schöningen nördlich des Harzes gräbt er mit den mächtigen Maschinen der Bergbaukonzerne um die Wette.

Während die Schaufelbagger 100 Meter tiefe Schneisen ins Erdreich schlagen, sitzt Thieme inmitten der Kraterlandschaft auf ausgesparten Plateaus. Acht Speere, aus kleinen Fichtenbäumen geschnitzt, kamen bislang zum Vorschein. Die Ausgräber stießen auch auf einen angekokelten Stock, den sie als "Bratspieß" deuten. Ein Wurfholz, 78 Zentimeter lang und beidseitig angespitzt, wurde wahrscheinlich "in auffliegende Entenschwärme gewirbelt" (Thieme).

Die Geräte - es sind die ältesten kompletten Holzwaffen überhaupt - haben ein weltweites Echo ausgelöst. "Diese archäologische Entdeckung macht sprachlos", notierte das Fachblatt "Nature". Wundersam im Sediment konserviert, haben die Artefakte alle Zweifler verstummen lassen: Schon der Homo erectus war in der Lage, "eine Großwildjagd mit speziellen Waffen vorausschauend zu planen" (Thieme).

Als vor etwa 200 000 Jahren der Neandertaler die Bühne betrat, muss die Technik der Tierhatz folglich bereits ausgefeilt gewesen sein. Lanzen, Dolche und Schlachterwerkzeug im Fellsack, wagt sich die Kreatur immer höher in die Frostwelt des Nordens vor. Sträucher und Grassteppen überwuchern diese Landschaft. Es regnet wenig, eisige Winde wehen. Im Winter fallen die Temperaturen häufig auf unter minus 30 Grad.

Doch das kalte Biotop entschädigt mit schier unerschöpflichem Nahrungsangebot. Rentiere und Bisonhorden äsen in der Tundra. Wollnashörner und über zwei Meter lange Riesenhirsche ziehen durch die Steppe. Gerade der fehlende Baumbewuchs macht den Reichtum der Landschaft aus. "Gras- und Kräuterfluren", erklärt der Stuttgarter Pollenspezialist Burkhard Frenzel, seien ein Dorado für Huftiere: "Das Äsungsangebot war damals bis zu zehnmal größer als heute."

Diesen herumtrabenden Fleischmassen gilt das Gelüst der frühen Abendländer. Die Jäger pirschen durchs offene Grasland, sie lauerten dem Wild an Furten und Flüssen auf. Bei Wallertheim in Rheinhessen erlegten Neandertaler vor etwa 100 000 Jahren Wildpferde und Wisente am Rande eines Sumpfes. Auch die erloschenen Vulkankegel am Mittelrhein wurden als Ausguck und Hinterhalt genutzt; die mit Wasser gefüllten Krater dienten den Herden als Tränke.

In kleine Jagdtrupps aufgeteilt, "Gruppen von einigen Familien" (Conard), ziehen die Clans durch ihre Reviere. Im Winter pausieren sie in Höhlen. Im Sommer schweifen sie unstet durch die Steppe und schlafen in Fellzelten. Abends prasselt, mit Pyrit und Zunder entfacht, das Lagerfeuer. Stabile Camps wie im Molodowa (Ukraine) sind die Ausnahme. Die Bevölkerungsdichte wird auf 0,1 bis 0,2 Personen pro Quadratkilometer geschätzt.

An das subarktische Klima ist das gedrungene Wesen perfekt angepasst. Sein schweres Skelett ist von prallen Muskeln umspannt. Die riesige Nasenhöhle, eine Art Vorwärmraum für kalte Luft, verhindert Schnupfen und Heiserkeit. Auch gegen klamme Finger ist das Kraftpaket anatomisch geschützt. An seinen Handtellern sitzen Wurstfinger mit Nägeln groß wie Markstücke. Schon der Knochenbau der Kinder ist deutlich vom modernen Menschen unterschieden, wie aufgefundene Babyskelette zeigen. Der Zürcher Experte Christoph Zollikofer versucht derzeit, die Individualentwicklung der Neandertaler zu rekonstruieren. "Die Kinder wirken wie kleine Erwachsene", sagt der Forscher. Vielleicht kamen die Knirpse schon mit zehn Jahren in die Pubertät.

Das Erstaunlichste an der Spezies aber ist ihr Denkorgan. Ein Skelett aus der Amud-Grotte weist ein Schädelvolumen von 1740 Kubikzentimetern auf - der Jetztmensch bringt es im Schnitt nur auf 1400. Solch ein imposantes Gehirn aufzubauen, darin sind sich die Evolutionsbiologen einig, war nur möglich, weil die frühen Hominiden über Jahrhunderttausende hinweg hochwertige tierische Proteine verzehrten.

Chemische Spezialuntersuchungen an fossilen Gebeinen haben den Verdacht erhärtet. "Die Knochenstruktur der Neandertaler", sagt Gaudzinski "ist karnivorer als die von Karnivoren." Im Klartext: Der Bursche verschlang unentwegt Fleisch - morgens Braten, mittags Gedärm, abends Filet Stroganoff.

Das wundert kaum. Müslitechnisch hatte die Tundra kaum etwas zu bieten. Ein bisschen Sauerampfer gegen den Mundgeruch, ein paar Beeren - vielleicht. Auch den Mageninhalt von erlegten Rentieren mag der Frostmensch verspeist haben. Bei Eskimostämmen gilt der fermentierte Grasbrei noch heute als Leckerbissen. Doch ansonsten, schreibt der Buchautor Kuckenburg, galt die Regel: "Die Pflanzenkost wurde knapper und knapper, je stärker der Eishauch von Norden blies."

Dafür bot die Fauna reichlich Ersatz. Feiste Biber und Moschusochsen raschelten im Gestrüpp. Von einem Rentier konnte eine vierköpfige Familie mindestens eine Woche lang leben. Auf der Kanalinsel Jersey, damals noch Festland (der Meeresspiegel lag 60 Meter tiefer), trieben Neandertaler Nashörner über eine hohe Kalkklippe. Auch dem wehrhaften Auerochsen stellten sie nach.

Beispiel für einen dramatischen Kampf hat die Fundstelle Lehringen in Niedersachsen erbracht. Dort wurde ein 120 000 Jahre alter Eibenholzspeer geborgen, der im Gerippe eines Waldelefanten steckte. Die Rekonstruktion ergab: Das verwundete Tier war an ein Seeufer geflüchtet und mit den Füßen im Morast versackt. Die Angreifer setzten nach, sprangen ihm auf den Rücken und schnitten dem Tier mit Steinmessern alle über der Wasserlinie liegenden Fleischteile ab.

Ethnologische Berichte aus Afrika mögen das Gemetzel illustrieren. 1918 war der Forscher Wilhelm Kuhnert beim Ausweiden eines Jumbos dabei: "Im Augenblick ist nichts mehr vom Elefanten zu sehen, sondern nur eine dicht gedrängte Masse blutglänzender Menschenkörper, die säbeln, schneiden, reißen und zerren."

Noch imposanter wirkt die Fundstelle von Salzgitter-Lebenstedt. Dort untersuchen Experten vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz einen gigantischen Knochenhain. Rund 3000 Reste von Tierskeletten lagen im Erdreich - einst eine Anhöhe nahe einer Flussbiegung. Sie gehören zu 86 Rentieren, 17 Mammuts, 8 Pferden und 3 Bisons.

Schnittmuster an den Knochen zeigen, dass die Tiere systematisch entbeint wurden. Auch die Markgewinnung aus den Langknochen der Rentiere verlief mit "Regelmaß" (Gaudzinski). Mit einem gezielten Querhieb wurde das obere Gelenk abgespalten - das leckere Fett lag frei.

Zugleich hat Lebenstedt verblüffende Belege für das handwerkliche Geschick der Neandertaler erbracht. Viele Mammutrippen sind angespitzt, Gelenke zu Keulen umfunktioniert. Abgeschlagene Rentiergeweihe, die wie Hockeyschläger aussehen, werden von den Forschern als "Grabstöcke" interpretiert. Der attraktivste Fund, eine 6,3 Zentimeter lange Speerspitze, wurde aus dem Skelett-Teil eines Nashorns geschnitzt. Die Geräte stehen, so die Forscher, "nahezu ohne Parallele" da.

Wahrscheinlich wurden nach den Massenjagden auch die Nachbar-Clans zum Festschmaus geladen. Berge an Gesottenem und Gegrilltem galt es zu verzehren. Ein ausgewachsenes Mammut warf Tonnen schieres Muskelfleisch ab, sein Herz wog 25 Kilogramm. Leckerer Bratenduft entstieg den Flammen. Der Urgeschichtler Weniger: "Die fraßen bis zum Platzen."

Zugleich müssen die Neandertaler eine intelligente Vorratshaltung gekannt haben. Einige Forscher denken an Fleischdepots im Permafrost. Im Sommer könnten kalte Höhlen als "Kühl-

schrank" gedient haben, wie der Tübinger Archäologe Hansjürgen Müller-Beck vermutet. Auch die Produktion von Pemmikan wird diskutiert. Bei diesem Verfahren wird das getrocknete Fleisch mit Beeren vermischt und mit heißen Fett übergossen.

Drall genährt und in guter Kondition, erobert der Nomade bald ein riesiges Gebiet. Vor 80 000 Jahren siedelt er am Ufer des Schwarzen Meeres, er tummelt sich im Libanon und bei Neapel und blickt von Portugal aus auf den Atlantik. Nur nördlich des 55. Breitengrads ist ein Leben unmöglich. Dort versperren Gletschermassen den Weg; ihre Abbruchkanten ragen steil in den Himmel.

Dennoch war das Leben kein Zuckerschlecken. Immer wieder gab es Ärger mit dem Höhlenbären Ursus spelaeus, der den Clans die Quartiere streitig machte. Nicht selten, wenn sie winters in ihre Unterstände zogen, trat ihnen der 900-Kilogramm-Petz entgegen. Wer beim Angriff auf dieses Tier danebenzielte, war schnell ein Fall für den Notarzt, den Schamanen.

Auch der Kampf gegen das Mammut ging mit einem hohem Risiko einher. Die Jäger mussten ihre Holzspeere aus kurzer Distanz abwerfen - Elefantenhaut ist zwei Zentimeter dick. Meist waren die Tiere nach der Attacke nur verwundet und griffen wutschnaubend ihre Peiniger an. Erst Tage später, ständig von ihren Jägern verfolgt, verendeten sie qualvoll.

Die aufgefundenen Neandertaler-Skelette zeigen, dass auch die Angreifer schlimme Blessuren davontrugen. Der US-Anthropologe Trinkaus hat im letzten Jahr dutzende von Fossilien untersucht. Er diagnostizierte eingedellte Köpfe, gebrochene Arme und zerschmetterte Rippen. Solche Frakturprofile, sagt Trinkaus, seien "typisch für Rodeoreiter".

Immerhin durften die weidwunden Mitglieder der Gruppe auf Mildtätigkeit hoffen. Einen Beweis dafür liefert die Höhle von Shanidar im Irak. Vor etwa 50 000 Jahren stürzte diese Grotte durch ein Erdbeben ein und begrub zwei Männer - beides Krüppel. Der eine hatte eine schlecht verheilte Schädelfraktur, ein Auge war blind. Der andere laborierte an einer frischen Wunde an der Rippe. Offensichtlich hüteten die Invaliden das Heim, während der Rest der Truppe auf Safari war.

Selbst für einen Totenkult gibt es, wenngleich spärliche, Indizien. In La Ferrassie (Frankreich) fand man - in einer Grube verscharrt - das Skelett eines 15 Tage alten Babys. Im Irak wurde eine Art Blumengrab entdeckt. Neben dem etwa 40jährigen Toten lagen Blütenpollen.

Doch solche Erdbestattungen sind die Ausnahme. Oft gingen die Neandertaler mit den Verstorbenen offenbar wenig zimperlich um. Von den 300 Skeletten sind nur vier Prozent halbwegs vollständig erhalten. Meist liegen nur einzelne Knochen vor, die häufig mit Kratzspuren übersät sind, in denen winzige Feuersteinsplitter stecken. Ein klares Indiz für "Leichenzerstückelung", wie der Anthropologe Henke meint. Der Pionierfund von der Düssel sei "in entfleischtem Zustand" abgelegt worden.

Solch gruselige Sitten wären durchaus vorstellbar. Das Klima der letzten Eiszeit bot wenig Platz für humanitäre Erwägungen. Überlebenskampf war angesagt.

Große Gefahr ging von den Interstadialen aus, den Perioden der schnellen Erwärmung. Denn mit der Sonnenglut kamen auch die Wälder zurück. Das Grasland wich und mit ihm die grasenden Herden.

Umgekehrt gab es jedoch auch Phasen, in denen die Durchschnittstemperatur binnen 20 Jahren um bis zu acht Grad Celsius fielen. Dann rückte von Norden der Eisschild heran. In solchen Krisenzeiten, meint der Pariser Anthropologe Jean-Jacques Hublin, seien die Clans "beträchtlich dezimiert" worden.

Doch das ist Spekulation. Mittlerweile liegen Indizien vor, dass die Tundrenbewohner in Perioden grimmigster Witterung nach Süden auswichen. Vor etwa 80 000 Jahren, als eine extrem kalte Klimaphase anbrach, begann ein Exodus Richtung Levante. In den Höhlen von Kebara und Tabun in Israel wurde reichhaltiges Knochenmaterial entdeckt.

Bei ihrem Rückstoß zogen die Neandertaler in eine wohl temperierte Parklandschaft ein. In der Wüste Sinai wuchs damals üppiges Gras, Birken und Sträucher bedeckten das Land. Doch im Gelobten Land stießen die Nordländer erstmals auf ein Wesen, das ihr Schicksal bedeuten sollten: den feingliedrigen Homo sapiens.

DER TRIUMPH DER MENSCHEN

Viele Experten haben sich den Zusammenprall der beiden Spezies als freundliches Tête-à-tête ausgemalt. Die Levante sei der Beleg für eine "friedliche Koexistenz". In Wahrheit sind die Abfallschichten, die die Clans in den Höhlen hinterließen, klar getrennt. Neue Untersuchungen legen nahe, dass der anatomisch moderne Mensch fluchtartig das Gebiet verließ und in seine Urheimat Afrika abgedrängt wurde.

Demnach wäre die Krone der Schöpfung vor dem drallen Nordländer ausgebüxt - eine Niederlage, die durchaus plausibel scheint. Vor kurzem hat der US-Paläoanthropologe John Shea 58 Höhlen in Israel, Jordanien und dem Libanon untersucht. Beide Spezies produzierten zu der Zeit drei bis vier Typen von Steinspitzen. Bei den Speeren mit Flintklingen, kostbaren Waffen, die nur gegen schwer jagbares Wild wie Pferde oder Steinböcke zum Einsatz kamen, hatten die Neandertaler einen deutlichen Vorsprung. In ihren Lagern, so Shea, "war die Produktion dieses Waffentyps 28-mal höher".

Noch hielt das Bollwerk des riesigen Troglodytenreichs. Noch gelang es dem Herrscher der nördlichen Hemisphäre, Herr über Taiga und Tundra und König der Eiswüste, sein Biotop mit Geschick zu verteidigen.

Doch der Quälgeist aus Afrika ließ nicht locker. Genetikern zufolge startete der Homo sapiens vor 50 000 bis 60 000 Jahren einen erneuten Ausfall. Als Gründerpopulation dürften kaum 2000 Wagemutige losmarschiert sein. Ihre Route wurde jüngst von Erbgut-Experten an der Universität von Pavia rekonstruiert. Demnach schlugen die Trecks vorerst einen Haken um Europa und setzten am Roten Meer Richtung Osten über. Dann drangen sie nach Indien und Australien vor (siehe Grafik Seite 245).

Kaum im Land der Beuteltiere angelangt, richteten die Neuankömmlinge eine Öko-Katastrophe an. Großflächige Kohlespuren zeigen, dass sie Buschfeuer entfachten, um das Wildbret in die Enge zu treiben. Vor 50 000 Jahren lebten in Australien die baumstammdicke Schlange Wonambi, das Drei-Meter-Känguru Procoptodon und Genyornis, ein flugunfähiger, 90 Kilogramm schwerer Vogel. Vieles spricht dafür, dass diese Riesenfauna in den Feuerwalzen unterging.

Doch das sind Marginalien. Denn nun begann der entscheidende Akt: Mit schlankem Fuß griff Homo Faber nach Westen aus, Richtung Abendland. Der Urgeschichtler Conard geht davon aus, dass die Kolonialisten, vom Schwarzmeer startend, "die Donau hochzogen". Dabei surften sie wahrscheinlich auf einer "ökologisch günstigen Welle", wie der britische Prähistoriker Paul Mellars darlegt. Der Durchbruch sei im "Hengelo-Interstadial" erfolgt, einer warmen Periode vor etwa 41 000 bis 38 000 Jahren.

Diesmal kommen die Stoßtruppen schnell voran. Erst vor wenigen Wochen hat der Tübinger Urgeschichtler Daniel Richter eine erstaunliche Thermolumineszenz-Datierung vorgelegt. Fossilien aus der Höhle Geißenklösterle bei Ulm belegen, dass der Homo sapiens bereits vor 40 000 Jahren den Oberlauf der Donau erreicht - über 5000 Jahre früher als bislang vermutet.

Mit diesem Datum steht die Umgebung des Geißenklösterles plötzlich als früher Brückenkopf der Invasoren da. Dicht bei dicht drängen sich auf der Schwäbischen Alb zahlreiche Karsthöhlen, die ungeheuerliche Artefakte enthielten. Aus den Grotten wurden Schaber, Stichel, Bohrer und zwei Knochenflöten geborgen - aber auch zahlreiche Skulpturen. Es sind die ältesten Kunstwerke der Welt.

Allein in der Vogelherdhöhle lagen elf Tierfiguren aus Elfenbein: winzige Darstellungen von Mammuten, Raubkatzen und einem Nashorn. In einer anderen Katakombe lag - völlig zersplittert - der "Löwenmensch". Die Plastik, aus einem Mammutzahn geschnitzt, ist 30 Zentimeter hoch und gilt als Paradestück der paläolithischen Revolution.

Auch das weltweit erste Abbild eines Menschen hinterließen die Siedler auf der Schwäbischen Alb. Kaum briefmarkengroß ist das Elfenbeinrelief, das einen Menschen mit erhobenen Armen und hufartigen Füßen zeigt. Den Buchautor Ernst Probst erinnert die Körperhaltung der Figur "an einen Betenden oder Schamanen". Ein merkwürdiger Fortsatz zwischen ihren Beinen könnte einen Phallus oder Tierschwanz darstellen.

Der portugiesische Experte João Zilhão hat für diese schlagartig auftauchenden Pretiosen aus dem Schwabenland nun eine schlichte Erklärung: Der Mensch wurde zum Bildhauer, weil er in die Fratze des Neandertalers blickte.

Eindeutig belegen die neuen Altersdatierungen: Als sich der Homo sapiens in der Geißenklösterle-Höhle einquartierte, war er von einer Welt aus muskelbepackten Fremdlingen umringt. Kaum 400 Kilometer Luftlinie entfernt, in Mettmann, saßen zur selben Zeit Neandertaler am Feuer.

Exakt zu jener Zeit beginnt der Mensc h seine soziale Stellung mit persönlichen Ornamenten zu markieren. Rangordnungen bilden sich aus. Mit dem Schmuck wird ein autonomer geistiger Code geschaffen, ein Kennzeichnungssystem, mit dem sich der Mensch innerhalb der Gruppe definiert und zugleich gegen die Umwelt absetzt.

Auslöser könnte die Begegnung mit dem Neandertaler gewesen sein. Die Konfrontation mit dem so ähnlich wirkenden Zweibeiner, glaubt Gaudzinski, "muss tiefe Fragen nach der eigenen Identität aufgeworfen haben". D''Errico drückt es so aus: Der Kontakt der beiden Arten habe "eine Explosion gezündet, die zum Gebrauch von Symbolen auf beiden Seiten führte".

Vielleicht wird die Forschung nie Antworten auf die spannende Frage geben können, wie die beiden Vettern einander begegnet sind. Ignorierten sie sich? Erkannten sie einander als Menschen an? Oder sah der eine im anderen nichts als eine besonders widerspenstige Jagdbeute?

Für ein friedliches Miteinander zumindest waren die Voraussetzungen denkbar schlecht. Mit Sicherheit bestand ein Kommunikationsproblem. Allenfalls mit Gebärden hätten sich aufeinander treffende Clans verständigen können.

Auch ihr anatomisches Outfit unterschied sich krass. Erst in der Schlussphase bildeten die Neandertaler ihre "klassischen" Gesichtszüge aus. Die Stirnwulste wurden dicker und dicker. Das Gebiss schob sich immer schnauzenförmiger vor - ein irritierender Anblick für den Bruder Leichtfuß aus den Tropen.

Grund zum Streiten gab es zudem genug: Beide Spezies besetzten dieselbe ökologische Nische. Sie nutzten dieselben Höhlen und erbeuteten dieselben Wildarten. Für den New Yorker Prähistoriker Ian Tattersall liegt der Fall klar: Die Neandertaler wurden "in einem direkten Konflikt eliminiert" oder indirekt durch einen "ökonomischen Wettkampf" ausgeschaltet.

Auch die Feuerstein-Komplexe deuten auf ein feindliches Gegeneinander. Kaum in Kontakt, scheinen die Spezies ihre Territorien abzustecken und schlagartig aufzurüsten. Vor etwa 40 000 Jahren entsteht in Thüringen und Bayern die Kultur der Blattspitzen-Leute, die feinste Steinklingen herstellten. Im ungarischen Raum breitet sich das Szeletien aus, belegt durch meisterhaft geformte Werkzeuge. Vor allem im Westen, das belegen die neuen archäologischen Befunde, stieß der Homo sapiens auf Widerstand. 6000 Jahre lang wurde sein Vormarsch Richtung Frankreich blockiert. Conard: "Wir müssen überprüfen, ob an Rhein und Rhône Grenzen existierten."

Jenseits dieser Flüsse lag kultiviertes Feindesland, die Welt des Châtelperronien. Die dort lebenden Neandertaler hatten völlig eigenständig einen kulturellen Alternativkurs eingeschlagen. Sie bestreuten ihre Verstorbenen mit der Totenkultfarbe Rötel und jagten mit neu entwickelten Präzisionswaffen Ziegen und Rentiere. Die Männer trugen verzierte Knochendolche im Gürtel. Die Handwerker sägten Fingerringe aus Elfenbein.

Ein neuer Skelettfund aus Italien zeigt, dass auch das Uluzien, eine hoch entwickelte Steinklingenindustrie, von den geheimnisvollen Kontrahenten des Homo sapiens erschaffen wurde. Damit, so heißt es in "Current Anthropology" verfügten die Neandertaler über eine Machtbasis, die sich "von Kantabrien bis zum Pariser Becken erstreckte" - ein Areal von 400 000 Quadratkilometern.

Doch auch diese Festung wurde schließlich geschleift. Vor rund 33 000 Jahren verschwinden die Neandertaler aus ihren Mittelmeer-Zentren. Die Schichtenabfolge in den Höhlen zeigen einen abrupten Wandel. Plötzlich tauchen Spuren des Homo sapiens auf. War General Feuerstein zur Attacke übergegangen?

Was besonders verdutzt: Ausgerechnet in Südfrankreich, der ehemaligen Hochburg der Neandertaler wurde kurz danach die Bilderhöhle von Chauvet erschaffen - fast so, als hätten die Okkupanten mitten im Feindesland ein Fanal des Sieges errichtet. Zumindest zeitweise, glaubt Conard, müsse es "Perioden des Konfliktes" gegeben haben.

Doch auch eine weniger dramatische Variante hält der Forscher für denkbar: das "Auskonkurrieren". Demnach geriet der Neandertaler bei dem Kulturspurt ganz langsam ins Hintertreffen. Schon eine minimal verbesserte Jagdwaffe hätte dem Homo sapiens in schweren Krisenzeiten mehr Nahrung garantiert - und damit eine höhere Reproduktionsrate.

Auch das Sozialgefüge und Wir-Gefühl des Homo sapiens scheint stärker ausgeprägt gewesen zu sein. Womöglich rief er die Onkel und Vettern aus den Nachbarclans zu Hilfe, wenn es galt, die vierschrötigen Gegner aus dem Revier zu verjagen. Oder ging er bei der Auseinandersetzung einfach fieser zu Werke, ein diabolisches Geistwesen im Kampf gegen den guten Wilden?

Auf jeden Fall war es ein langer Weg bis zum Siechtum, wie der britische Urgeschichtler Chris Stringer glaubt: "Die Neandertaler gingen nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln unter."

Nach dem großen Frankreich-Vorstoß folgte ein zäher Abgesang. Die Unterlegenen schotteten sich in ihren letzten Fluchtburgen ab. Im gebirgigen Balkangebiet überlebten die Neandertaler bis vor 28 000 Jahren. Mindestens ebenso lang wurde das - strategisch günstig gelegene - Krim-Gebiet gehalten.

Am längsten aber stand die "Ebrofront" in Nordspanien. Südlich dieser demografischen Grenze, umgeben von Heidekraut, Pinien und Eichen, hatten sich die allerletzten Repräsentanten der Spezies zum ruhmlosen Abgang versammelt. Zafarraya nahe Málaga markiert den Schlusspunkt. Homo sapiens hatte den "struggle for life" für sich entschieden.

Noch hat das neue Panorama viele dunkle Flecken. Viele Fossilien lassen sich bislang nicht chronologisch einordnen. Erst in jüngster Zeit beginnen die Forscher, die Relikte aus der Steinzeit mit Spezialtechniken anzugehen. Jahreswachstumsschichten von Korallen werden zu Rate gezogen, die Experten datieren Lössböden mit der Thermolumineszenz-Methode, oder sie untersuchen die Strahlenschäden in den Kristallgefügen von fossilen Zähnen.

Doch die Experten sind auf einer prinzipiell neuen Spur. Biologische Erklärungen für das Aussterben der Neandertaler scheinen nicht auszureichen. Sie wurden vielmehr in einem harten Schlagabtausch aufgerieben.

Im Europa der Eiszeit standen sich über 10 000 Jahre lang zwei nahezu gleichwertige Menschenarten gegenüber. Dem Neandertaler, dem Vetter und Rivalen, verdankt der Homo sapiens die Geburt der Kultur.

Zugleich fällt böses Licht auf die menschliche Vorgeschichte. Vermutlich mit Waffengewalt, jede Schwäche des Gegners nutzend, war Homo sapiens in Europa eingebrochen und räumte ein Wesen mit Sinn für Geist und Schönheit aus dem Weg. "Ist Genozid der richtige Begriff, um unser Verhältnis zum Neandertaler auszudrücken?", fragt der US-Forscher Peter Ward.

Unstrittig ist: Nach dem Sieg erstrahlte die Welt des Menschen herrlicher denn je. Er eroberte Sibirien und schaffte bald darauf den Sprung nach Amerika. Eitel behängte er sich mit Zierrat, Amuletten und durchlochten Muscheln.

Der Friedhof von Sungir markiert den Gipfel der Pracht. Festlich geschmückt, wie Irokesen im Kriegsgewand, wurden diese Eiszeit-Jäger bestattet. Allein für die Herstellung der Elfenbeinperlen, so haben Forscher errechnet, waren 26 000 Arbeitsstunden nötig.

Diese Totenstätte hat jetzt auch einen ersten konkreten Hinweis dafür geliefert, dass der Triumphzug des Menschen direkt auf die Vernichtung der Neandertaler zielte. In dem Grabkomplex fand der Chefausgräber Otto Bader auch einen "großen Oberschenkelknochen mit abgeschlagenen Gelenken". Die Markhöhle des wuchtigen Gebeins war mit Ockerpulver voll gestopft - eine Opferbeigabe.

Doch welches Tier wurde hier geschlachtet? Auch auf diese Frage haben die russischen Archäologen eine Antwort gefunden: Es war ein Neandertaler.

MATTHIAS SCHULZ

* Nikolai Bader (Hrsg.): "Posdnepaleolititscheskoje posselenije Sungir". Verlag Nautschny Mir, Moskau; 272 Seiten. * Oben: im Moskauer Institut für Ethnologie und Anthropologie mit Skeletten und Beifunden sowie plastischen Nachbildungen der Bestatteten; unten: der kroatische Prähistoriker Jakov Radovcic beim Untersuchen des Fundstücks von Vindija. * Links: aus Salzgitter-Lebenstedt; rechts: mit 400 000 Jahre altem Holzspeer.

DER SPIEGEL 12/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 12/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Todeskampf der Flachköpfe