27.03.2000

ZEITGESCHICHTEDas Wiener Modell

Aus Stasi-Archiven tauchten Akten auf, die Adolf Eichmanns Wüten in Österreich nach dem Anschluss 1938 dokumentieren. Der spätere Holocaust-Organisator vertrieb mit antisemitischem Terror mehr als 100 000 Juden aus ihrer Heimat.
Das Pappelgrün der Aktendeckel ist kaum verblasst, die Runenzeichen der SS prangen noch deutlich sichtbar auf dem Karton, darauf steht schlicht: "SD-Donau". SD steht für den Sicherheitsdienst der SS, und die Aufgabe dieses paramilitärischen Verbandes bestand darin, nach Hitlers umjubeltem Einmarsch in Wien 1938 gemeinsam mit der Sicherheitspolizei alle österreichischen Juden aus dem Land zu treiben.
Die Aktion leitete Adolf Eichmann, der zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt war. Während des Dritten Reiches war er nur seinen Opfern bekannt; erst als die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Namen ganz oben auf die Fahndungslisten setzten, errang er schaurigen Weltruhm. Im Holocaust hatte Eichmann den Transport von Juden aus West- und Mitteleuropa in das Vernichtungslager Auschwitz organisiert. 1960 spürte ihn der israelische Geheimdienst Mossad in Buenos Aires auf und entführte ihn nach Jerusalem. Der Schreibtischmörder kam vor Gericht und erhielt die Todesstrafe; Eichmann starb 1962 am Galgen.
Von Eichmanns Unwesen zeugt eine Fülle von Dokumenten. In mehreren Versionen hat er zudem Erinnerungen niedergeschrieben. Was er in der Haft zur Rechtfertigung vor seinen Kindern notierte, wurde vor kurzem zur Gänze veröffentlicht (SPIEGEL 10/2000). Nur Eichmanns Jahre in Wien nach dem Anschluss Österreichs blieben dagegen blass.
Jetzt aber sind in einer Außenstelle des Berliner Bundesarchivs tausende von SD- und Gestapo-Akten über die Verfolgung von Kommunisten und Katholiken, Freimaurern und Rotariern aufgetaucht. Ein Teil stammt aus Eichmanns Wiener Büro und dokumentiert die Leidenszeit der österreichischen Juden unter den Nazis.
Die Unterlagen hatte die Rote Armee 1945 in Wien erbeutet. Jahrelang lagerten die Papiere in Moskau, in den fünfziger Jahren wurden sie der DDR übergeben und in Güterzügen nach Berlin-Lichtenberg transportiert.
Häftlinge aus dem Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Volkspolizisten und Archivare mussten die schweren Kisten mit den Ordnern in ein Depot der Stasi schleppen. Als das Bundesarchiv nach der Wende Teile aus der Hinterlassenschaft der DDR-Geheimpolizei übernahm, blieb erst einmal unbemerkt, dass sich darunter die Eichmann-Akten befanden.
Die Unterlagen sind ein Zufallsfund des Berliner Historikers Jörg Rudolph, 34. Noch immer stecken die SD-Ordner in den beigefarbenen Stehkartons der Stasi, als seien sie dort erst vorige Woche abgelegt worden. Wie viele es sind, ist noch nicht bekannt. Die Stasi-Archivare hatten sie an verschiedenen Stellen in ihrem riesigen Archiv verteilt. Rudolph schätzt die Zahl der Akten auf 15 000 bis 20 000.
Ihre Auswertung wird Monate dauern - und die österreichische Debatte über die Entschädigung von NS-Opfern neu beleben. Erst vorige Woche hat der Jüdische Weltkongress der Wiener Regierung mit Klagen gedroht und gefordert, endlich geraubtes Eigentum zurückzugeben oder zu kompensieren. Im Unterschied zur Bundesrepublik entschädigte Österreich NS-Verfolgte kaum.
Die österreichische Historiker-Kommission, die noch von Kanzler Viktor Klima den Auftrag erhielt, den Arisierungen in der damaligen Ostmark nachzuspüren, signalisierte bereits Interesse am Aktenfund.
Über den Wert des Eigentums, das die Nazis den jüdischen Österreichern geraubt haben, gibt es nur grobe Schätzungen. Die Berliner Unterlagen könnten Klarheit bringen. Eichmanns SD war für seine ordentliche Buchführung bekannt.
Zum SD hatte sich der arbeitslose Eichmann 1934 freiwillig nach Berlin gemeldet. Nach einem Jahr wurde der Mann aus dem Bergischen Land, aufgewachsen in Linz, in das so genannte Judenreferat versetzt. Der ehrgeizige Nazi war bemüht, sich bei den neuen Kollegen als Experte zu profilieren. Unter den Berliner Papieren finden sich seine Leihscheine aus der SS-Bibliothek; Eichmann bestellte Bücher wie "Die Judengemeinden des Mittelalters" und "Der Talmudquell" - ausgewählte Sagen und Erzählungen aus dem Talmud.
Der Aufstieg Eichmanns begann 1938. Österreich wurde Teil des Reiches, und er bekam die Aufgabe, in Wien für den SD das Referat II-112 aufzubauen, zuständig für die "systematische Bearbeitung des Gegners Judentum".
Eichmann und fast alle seine Mitarbeiter haben später bestritten, dass sie Antisemiten gewesen seien. Glaubhaft war das nie; unter den nun gefundenen Akten finden sich denn auch besonders prägnante Belege für ihren Judenhass. Auf Verhaftungslisten jüdischer Rechtsanwälte, die gleich nach dem Anschluss ins KZ Dachau gebracht werden sollten, setzten Eichmann und seine Mitarbeiter hinter jeden Namen Schmähungen wie "Schieber", "asozialer Ausbeuter" oder "sensationslüsterner Hetzer".
Im Jahr 1938 ging es den Nazis um die Vertreibung der österreichischen Juden, nicht um ihre Ermordung, und Eichmann schuf dafür eine besonders effiziente Bürokratie. In den ersten 15 Monaten in Wien sorgte der SS-Funktionär - flankiert von offenem Terror - dafür, dass über 100 000 Menschen aus ihrer Heimat flohen. Eichmann ließ sämtliche österreichischen Juden in Wien zusammentreiben, setzte Auswanderungsquoten fest und machte die jüdische Gemeinde für ihre Erfüllung verantwortlich.
Männer wie Josef Löwenherz, Leiter der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, zwang Eichmann, bei jüdischen Auslandsorganisationen Devisen einzuwerben und in Übersee nach Einwanderungsmöglichkeiten zu suchen. Löwenherz schrieb verzweifelte Berichte, etwa über seinen Versuch, 400 Juden die Ausreise nach Ceylon
zu ermöglichen; sie liegen heute in den Berliner Eichmann-Akten.
Unter den Nazis wurde Eichmanns Vorgehen als "Wiener Modell" bekannt. Es war, so der Eichmann-Experte Hans Safrian, eine "Lehrstätte für Vertreibungsexperten"**. Als die Nationalsozialisten später die Juden aus Deutschland und der Tschechoslowakei vertrieben, orientierten sie sich am Wiener Muster.
Organisatorischer Kern war die Zentralstelle für jüdische Auswanderung, die Eichmann in einem Palais der Familie Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße einrichtete. Dort zog er alle bürokratischen Stellen zusammen, deren Bescheide die Zwangsemigranten brauchten. Eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Ausreise bekam nur, wer sich zuvor freigekauft hatte.
Vergebens versuchte Löwenherz mit immer neuen Eingaben, seinen Schützlingen zu helfen. Die Bittbriefe an Eichmann, etwa mit dem Anliegen, im 9. Wiener Bezirk jüdischen Familien "bis zu ihrer Abreise das ungestörte Verbleiben in ihren Wohnungen zu ermöglichen", befinden sich ordentlich abgeheftet in den nun gefundenen Ordnern.
Eichmanns wichtigste Verbündete waren Österreichs Antisemiten. Schon am Vorabend von Hitlers Einmarsch in Wien hatten sie begonnen, Läden zu plündern und den Juden Geld und Vermögen abzupressen, indem sie mit Anzeigen bei der Gestapo drohten. Es war, erinnerte sich der Schriftsteller Carl Zuckmayer, als ob "die Unterwelt ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen" hätte.
Erst die wilden Arisierungen machten die Menschen mürbe. Die Ausschreitungen, heißt es in einem Bericht aus Eichmanns Referat, hätten "am meisten dazu beigetragen, den Auswanderungsgedanken Gemeingut der Juden werden zu lassen". Aus Oberpullendorf im Burgenland meldete denn auch die SD-Außenstelle am 19. August 1939: "Keine Juden im Gebiet. Auf eine Rückkehr der Juden wird nirgends Wert gelegt."
Es ist von bitterschwarzer Ironie, dass der Antisemitismus vielen österreichischen Juden das Leben rettete. Wären sie in ihrer Heimat geblieben, hätten die Nazis sie drei Jahre später in die Todeslager nach Osten deportiert. KLAUS WIEGREFE
* Ein junger Jude wird gezwungen, das Geschäft seines Vaters zu kennzeichnen. ** Hans Safrian: "Eichmann und seine Gehilfen". Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main; 362 Seiten; 19,90 Mark.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 13/2000
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