27.03.2000

DIGITALES BUCH

Schauder auf Verlangen

Von Wellershoff, Marianne

Zum ersten Mal veröffentlichte ein Bestseller-Autor sein neues Erzählwerk zuerst und ausschließlich im Internet: Horror-Meister Stephen King. Der sensationelle Erfolg dieser Premiere markiert für die Verlagsbranche den Beginn einer neuen Ära.

Immer wenn ein neuer Roman von Stephen King erscheint, hat der Buchhandel gute Laune: Ein Mann rennt durch ein abgelegenes Hotel und will seiner Frau mit einer Axt den Schädel spalten; ein Mädchen entdeckt seine psychokinetischen Kräfte und rächt sich an seinen Peinigern; ein Fan zertrümmert einem gefesselten Schriftsteller mit dem Hammer die Schienbeine - fast jedes der mehr als fünfzig Schauerwerke des Amerikaners war ein Bestseller und damit ein schönes Geschäft für den Buchhandel.

Doch nun ist King für die Buchhändler selbst zum Horror geworden. Seine Erzählung "Riding the Bullet" veröffentlichte der Schriftsteller vorvergangene Woche ausschließlich im Internet. Innerhalb von 24 Stunden luden sich 400 000 Fans die 68-seitige Gruselgeschichte über einen Anhalter, der neben einem Toten am Steuer durch Maine fährt, auf ihren Computer - kostenlos über die Web-Site des Netz-Buchhändlers Amazon.com, für umgerechnet fünf Mark bei der Konkurrenz Barnesandnoble.com und einigen anderen Anbietern im Netz. Die Erzählung kann am Bildschirm gelesen, im Heimcomputer gespeichert, aber auf Grund eines technischen Tricks nicht ausgedruckt werden.

Die Buchhandlungen gingen leer aus: ein Schreckenstag. Denn so schnell ist Literatur noch nie zum Bestseller geworden. Dauer-Hitschreiber wie King oder wie die US-Thrillerautoren Tom Clancy und John Grisham verkaufen maximal 75 000 Exemplare am ersten Erscheinungstag, wenn auch für 50 Mark pro Stück. "Ich bin völlig überwältigt", sagte deshalb der Simon-&-Schuster-Verleger Jack Romanos, "niemand hat vorausgesehen, dass so viele Leute das geschriebene Wort in einer papierlosen Form akzeptieren."

Kings digitale Publikation demonstriert spektakulär, dass das immer in die Zukunft verschobene Zeitalter des elektronischen Buchs nun doch angebrochen ist. "Das war ein Aha-Erlebnis für die ganze Branche", sagt Georg Reuchlein, Chef des Münchner Goldmann-Verlags, "es hat deutlich gemacht: Jeden Tag, den man jetzt verstreichen lässt, wird man später teuer bezahlen müssen."

Lange überließ die deutsche Buchbranche die virtuelle Welt den Dilettanten. Zuerst boten Hobby-Autoren jene Texte auf privaten Internet-Seiten zum Lesen und Herunterladen an, die sie bei keinem Verlag unterbringen konnten oder wollten: "Das Dope hatte Pits Nerven gerade sanft aufgefächert, als er Manuelas ersten Schrei hörte. Sein Magen krampfte. Alles war zu. Er kannte diesen gurgelnden Ton in ihrer Stimme. Er wusste, was er zu bedeuten hatte" - so beginnt beispielsweise eine Kurzgeschichte auf der private2me.de-Homepage. Unter wissdorf.com ist "Hamlet - Ein Romananfang" zu lesen: "In solchen Nächten ging der Spuk meist in den Köpfen um. Und nur dort - so dachte Horatio, als er die Stufen zum Wehrgang nahm. Sein eisenklirrender Schritt schallte hohl von den engen Wänden wider."

In den USA geht es professioneller zu. Da haben viele etablierte Autoren wie Stewart O'Nan oder die Krimi-Schreiberin Janet Evanovich längst eigene Homepages - mit bis zu 300 000 Besuchern pro Monat. In Deutschland nutzen nur wenige jüngere oder jung gebliebene Schriftsteller das Netz zur Selbstpromotion, zum öffentlichen Schreiben, Diskutieren oder Schwadronieren. Rainald Goetz produzierte 1998 das Internet-Tagebuch "Abfall für alle", das demokratisch und kostenlos täglich mitzulesen war. Matthias Politycki schrieb, unterstützt von der Kultursendung "Aspekte", unter der Beobachtung und auch gemeinsam mit Internet-Surfern den Roman "Marietta". Elke Naters gründete mit Sven Lager die Webseite ampool.de, auf der ausgewählte Kollegen über sich, das Leben, das Leiden und den Rest schreiben, auf der dazugehörigen loop-Seite darf das Publikum gegenpöbeln. In virtuellen Salons treffen sich Autoren und Leser zum Plausch - zum Beispiel im "Berliner Zimmer" oder im "Literatur-Café".

Ungedruckten Hobbyschreibern oder Autoren von Doktorarbeiten eröffnet die digitale Welt noch weitere Chancen: Der Hamburger Grossist und Internet-Händler Libri bietet an, für rund 500 Mark die Texte digital aufzubereiten und sie auf Bestellung, als so genanntes Book on Demand, auch in der Auflage von einem einzigen Exemplar zu drucken.

Wolfram Göbel, früher Verleger von Ullstein und Vater des Dünndruck-Taschenbuchs, geht jetzt als erster Verlag mit 20 Krimis on Demand auf den Markt. "Es ist Bewegung in eine Szene gekommen, die lange die Marktchancen der elektronischen Medien nicht gesehen hat", sagt Göbel. Tatsächlich plant die amerikanische Buchhandelskette Borders, solche Schnelldruckmaschinen in jeden ihrer Läden zu stellen, um sich in einem stagnierenden Buchmarkt bloß keine Anteile von gewitzten Kleinunternehmern abnehmen zu lassen - auch wenn jedes Gerät derzeit 40 000 Dollar kostet.

Erste Erfahrungen mit den Leiden der Zuspätgekommenen in der schnellen Internet-Welt hatte nämlich schon der Konkurrent Barnes & Noble gemacht. Als der 1997 seinen digitalen Laden eröffnete, hatte der Amazon-Gründer Jeff Bezos zwei Jahre Vorsprung: 1999 machte Amazon.com mit 1,6 Milliarden Dollar fast sechsmal so viel Umsatz wie der Nachzügler. In Deutschland war Amazon.de schneller und erfolgreicher als die Bertelsmann-Konkurrenz Bol.de: 51,3 Millionen Mark Umsatz allein im vergangenen Quartal - Bol.de schaffte es im ganzen Jahr insgesamt nur auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Trotz konstant steigender Verkaufszahlen schreiben alle Internet-Buchhandlungen noch rote Zahlen. Barnesandnoble.com hofft aber, im Jahre 2002 die Profitzone zu erreichen.

Im Juni wird in Deutschland eine neue Lese-Ära anbrechen. Dann bringt hier die US-Firma NuvoMedia als erste ein Lesegerät auf den Markt, das "Rocket-E-Book" - einen rund 600 Gramm schweren Computer, klein wie ein Taschenbuch, der 50 Bücher mit je 400 Seiten speichern kann. Etwa 500 Mark wird das Gerät kosten, das in den USA seit anderthalb Jahren im Handel ist.

1998 boten die Internet-Buchhändler 140 verschiedene E-Books zum Herunterladen an, heute sind es 6000 Titel. Sogar Bücher von der "New York Times"-Bestseller-Liste und zahlreiche Neuerscheinungen sind in Amerika inzwischen als E-Book verfügbar. Sie in das Lesegerät zu laden dauert ein bis zwei Minuten - in der Zeit kann niemand in eine Buchhandlung gehen und einen Roman kaufen. Die nächste Generation des Rocket-E-Books, die noch in diesem Jahr ausgeliefert werden soll, wird außerdem gleichzeitig Terminkalender sein und Musik abspielen können - bei einem geplanten Preis von 99 Dollar. Microsoft arbeitet derweil an einem Programm, das die Lesbarkeit der Schrift verbessert.

"Reizvolle Möglichkeiten" sieht der Goldmann-Verleger Reuchlein daher in dem neuen Buchspeicher: "Wer zehn Bücher in den Urlaub mitnehmen will, braucht nur noch ein kleines Gerät zu tragen." Sehr praktisch sei das digitale Buch beispielsweise auch für Anwälte: Sie müssten keine dicken Gesetzeskommentare mehr herumschleppen und könnten ihre Literatur außerdem schnell und unkompliziert aktualisieren. Immerhin hält Goldmann schon 60 deutsche und internationale Titel als E-Book bereit, und für jeden musste Reuchlein mit Autoren und Agenten die elektronischen Rechte erst verhandeln.

Die meisten Verlage halten sich mit ihrem digitalen Engagement noch zurück. "Ich glaube, nur in Ausnahmefällen sind Leute bereit, 400 Buchseiten auf einem E-Book-Display zu lesen", sagt Hans-Peter Übleis, Geschäftsführer der Droemer-Weltbild-Verlagsgruppe. Tatsächlich wurden in den USA bisher erst schätzungsweise 10 000 Rocket-E-Books verkauft. Vor allem aber ist Übleis überzeugt, dass nur die Bücher weniger Autoren zum neuen Medium passen: In Deutschland komme da gerade mal der Teenie-Autor Benjamin Lebert in Frage; in den USA sehe er Chancen für Tom Clancy.

Dass Stephen King als erster Bestseller-Autor ein Werk ausschließlich digital veröffentlicht, sei, sagt Übleis, "nicht weiter überraschend". King sei "extrem innovativ", schließlich habe er als erster eine Kurzgeschichten-Sammlung exklusiv als Audio-Version herausgebracht und mit "The Green Mile" den Fortsetzungsroman modernisiert - der, ganz konservativ als Einteiler, derzeit im Kino zu sehen ist.

Kings Internet-Erzählung "Riding the Bullet" ist auf eine unbeabsichtigte Weise rückschrittlich - sie ist nur auf einem PC lesbar, Besitzer von Macintosh-Computern wurden aus der Gruselwelt ausgeschlossen.

Diese werden also in den Laden gehen und dort das kaufen müssen, für das sich der Rocket-E-Book-Erfinder Martin Eberhard einen Schauer-namen ausgedacht hat: ein "Toter-Baum-Buch". MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 13/2000
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