27.03.2000

AUTOREN„Das hatte biblische Ausmaße“

Walter Kempowski dokumentiert in seinem einzigartigen Zitatwerk „Echolot“ fremde Stimmen mit Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg - der dritte Teil ist in Vorbereitung. Bisher hat der Schriftsteller über eigene Erlebnisse im Bombenhagel nur zögerlich Auskunft gegeben.
In der Debatte über "Luftkrieg und Literatur" (SPIEGEL 3/1998) wurde gefragt, warum die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Nachkriegsliteratur so wenig Beachtung gefunden hat. Immerhin betraf die alliierte Vergeltung für die deutsche Aggression Millionen und kostete rund 600 000 Zivilisten das Leben. Kempowski, 70, war als Jugendlicher Zeuge der Angriffe, worüber er hier erstmals ausführlich spricht. Er und andere Schriftsteller kommen zu diesem Thema am Dienstag in der ZDF-Sendung "Tabu Vergeltung" zu Wort (22.45 Uhr). -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Kempowski, im zweiten Teil Ihrer Zitatsammlung "Echolot" aus dem Zweiten Weltkrieg berichten Augenzeugen von der Bombardierung Dresdens im Februar 1945. Vorher ist das in der deutschen Literatur kaum vorgekommen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Kempowski: Nein.
SPIEGEL: Über eigene Erfahrungen im Inferno schweigen Sie. Haben Sie selbst keine Luftangriffe erlebt?
Kempowski: Doch. Rostock, wo ich geboren und aufgewachsen bin, war 1942 nach Lübeck die zweite deutsche Stadt, die zerstört wurde. Fast die ganze Altstadt brannte ab, ein Drittel der Stadt. Von heute aus gesehen glaube ich, dass damit eigentlich meine Kindheit beendet war, es hat einen Schnitt gegeben. Die Flugzeuge kamen nachts, man hörte sie, man hörte das Schießen der Flak, alles ein furchtbares Durcheinander. Und wir saßen in einem nicht abgestützten Keller, es war ein unaufhörliches Gekrache, absolut neuartig.
SPIEGEL: Woran erinnern Sie sich besonders gut?
Kempowski: Als ich an einer bestimmten Stelle saß, sagte meine Mutter zu mir: "Junge, komm mal ein bisschen hier rüber!" Und genau nachdem ich den Platz gewechselt hatte, fiel dorthin von draußen eine große Schaufensterscheibe, sie hätte mir ohne weiteres den Hals durchgeschnitten.
SPIEGEL: Wie sah es am nächsten Tag aus?
Kempowski: Ein absolutes Tohuwabohu. Kein Mensch wusste, wo er helfen sollte. Häuser brannten, ohne dass sich jemand darum kümmerte. Hausrat wurde raus- und reingetragen.
SPIEGEL: Angedeutet haben Sie diese Vorgänge 1971 in Ihrem berühmten und später auch verfilmten Roman "Tadellöser & Wolff" - eher nebenbei, leicht unterkühlt.
Kempowski: Das stimmt. Ich lese heute diese Passagen nicht gern. Ich habe den Eindruck, dass ich mich damals fast etwas über meine eigenen Gefühle lustig gemacht habe. Vielleicht erklärt es sich daraus, dass ich den Roman Ende der sechziger Jahre geschrieben habe, da waren die Eindrücke noch so frisch, und man wollte eigentlich die Selbstbetrauerung, das Selbstmitleid nicht hochkommen lassen. Vielleicht habe ich mich auch ein bisschen lustig gemacht über die Leute, die ihr eigenes Unglück betrauerten, ohne dass sie daran dachten, dass es ja eigentlich nur die Wirkung einer Ursache gewesen war - schließlich haben wir Deutschen den Krieg begonnen.
SPIEGEL: Sie haben später noch heftigere Angriffe als die auf Rostock erlebt?
Kempowski: Ja, ich habe den großen Angriff auf Hamburg miterlebt. Meine Mutter meinte, mich in die Sommerfrische schicken zu müssen. Und da fiel ihr, im Juli 1943, ausgerechnet Hamburg ein, wo mein Großvater wohnte. Es flogen hunderte von Bombern über der Stadt. Ich sehe mich noch im Keller sitzen und habe dieses widerwärtige Geräusch im Ohr, das Pfeifen der fallenden Bomben. Am nächsten Tag geriet ich mitten in der Stadt in einen noch viel schlimmeren Angriff. Ich überlebte in einem Hochbunker.
SPIEGEL: Wie fühlten Sie sich?
Kempowski: Zunächst merkte man da drin nichts. Man hörte wohl das Gebumse, gebändigt durch die dicken Mauern. Dann wurde der Sauerstoff knapp. Die Ventilatoren arbeiteten nicht mehr, es kam heiße Luft herein. Die Leute fingen an, unruhig zu werden. Kinder und Frauen schrien, manche gebärdeten sich hysterisch, warfen sich auf den Boden, andere beteten plötzlich, ganz sonderbar.
SPIEGEL: Wie kamen Sie raus?
Kempowski: Zunächst überhaupt nicht. Die alten Männer, die da Wache hielten, wussten: Es geht nicht. Als die Türen kurz geöffnet wurden, kam ein Gluthauch herein. Also wieder zu! Nun wurde uns klar, wenn das hier weitergeht, dann gehen wir alle drauf. Später wurden immer drei Leute rausgelassen, mit feuchten Decken umhüllt. Ich spüre es fast heute noch an den Augenlidern, wie es mir da wehtat. Es war eine unglaubliche Hitze. Manche sind in die Fleete gesprungen, aber da brannte dann Öl auf dem Wasser, grauenhaft. Tote lagen herum: die frischen Toten und die vom Vortag. Verkohlte, holzstückartige Menschen, mit herausgequollenen, ganz roten Eingeweiden. Und da stand man als Halbwüchsiger dazwischen. Ich bin dann nach Hause gegangen, zu meinem Großvater.
SPIEGEL: Wie war es dem ergangen?
Kempowski: Sein Haus brannte nicht, wohl aber das vom Nachbarn. Und der saß in einem Sessel vor diesem brennenden Haus und guckte sich an, wie es abbrannte. Ich lief rein - und wissen Sie, was ich gegriffen habe? Absurd. Ein billiges Schiffsmodell, das habe ich ihm rausgetragen und auf seinen Schoß gesetzt. Das war mein Beitrag zur Rettung des Bürgertums.
SPIEGEL: Blieben Sie in Hamburg?
Kempowski: Nein, ich bin sofort zum Bahnhof gegangen. Da war eine unübersehbare Menschenmenge, merkwürdigerweise ging niemand hinein. Ich bin ganz einfach nach Lübeck gefahren und war eine Stunde später in Sicherheit. Und dort, stellen Sie sich vor, waren halbverbrannte Bücher vom Himmel herabgefallen, Bücher aus Hamburg. Sie lagen in den Gärten: Das habe ich selbst gesehen.
SPIEGEL: Welchen Eindruck hat das alles auf Sie gemacht?
Kempowski: Einen sehr gemischten. Es gab dieses oft beschriebene Erlebnis, dass man hunderte von Bombern sah, alle ganz geordnet, in großer Höhe. Und die blinkten in der Sonne, ohne sich überhaupt stören zu lassen, vollkommen unbeirrt. Majestätisch, möchte man fast sagen. Als Schüler konnte man dem Fliegeralarm im Übrigen auch seine guten Seiten abgewinnen. Die ersten beiden Stunden fielen aus, wenn die Entwarnung nach 24 Uhr kam.
SPIEGEL: Warum war das damalige Inferno unter Deutschen lange tabuisiert?
Kempowski: Es ist mir ein Rätsel, warum dieses Thema von den Deutschen so verdrängt wurde. Ich glaube, der Grund liegt vor allem darin, dass die endlosen Züge der KZ-Häftlinge nicht lange danach vor aller Augen über die Straßen getrieben wurden. Es gab das Unrechtsbewusstsein.
SPIEGEL: In der Debatte zum Thema "Luftkrieg und Literatur" wurde gefragt, warum die Bombardierung und ihre Folgen auch kaum ein literarisches Echo gefunden haben.
Kempowski: Natürlich hat es mich auch bewegt, warum eigentlich Bombenangriffe in der deutschen Romanliteratur nicht vorkommen, von Ausnahmen abgesehen. Ich glaube, das ist auch eine Generationsfrage. Die "Gruppe 47" - das waren doch eigentlich die Soldaten. Und die erzählten von Gefangenschaft, von der Front. Die Jüngeren hatten ganz andere Themen. Die haben nie ein Gewehr in der Hand gehabt, die trugen das Erlebnis der Bombardierung in sich. Vielleicht aber liegen die Ursachen auch ganz woanders: Es war vielleicht eine Art Scham, die schwer zu definieren ist.
SPIEGEL: Lange nachdem Ihre erfolgreichen Romane erschienen waren, haben Sie damit begonnen, den Zweiten Weltkrieg in Form der Montage aus authentischen Stimmen darzustellen. Warum?
Kempowski: Die Romane schrieb ich aus subjektiver Sicht. Später schien mir dieses Erlebnis vor allem ein kollektives zu sein. Dafür eine Form zu finden, war zunächst sehr schwierig. Ich habe sehr viele Tagebücher aus der Kriegszeit gesammelt, auch Briefe, Konvolute archiviert und immer wieder durchgelesen. So kam ich darauf, dass man doch eigentlich das Kollektive dieser Ereignisse zeigen müsste.
SPIEGEL: Das führte zur Idee des "Echolot"?
Kempowski: Was mir dabei sehr wichtig war: Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. Das fehlt in den früheren Romanen, meiner deutschen Chronik. Die Konfrontation ereignet sich dort nicht. Im "Echolot" aber kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge. Das alles wird zu einem großen Chor komponiert, der der Wirklichkeit, der damals erlebten Wirklichkeit nahe kommt.
SPIEGEL: Wollen die Leute das noch hören?
Kempowski: Ich kann gut verstehen, dass Menschen das heute vielleicht nicht lesen wollen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, alles aufzuschreiben und in diese Form zu bringen. In 50 Jahren, da bin ich sicher, werden diese gesammelten Erlebnisse als ein großes - na, ich möchte fast sagen - Epos begriffen werden. Man wird sagen: Hier ist den Leidenden ein Forum eröffnet worden, hier sind sie einmal zusammengeführt worden.
SPIEGEL: Könnte es sich hier um die Grundlage für einen großen Roman handeln, eine Art Vorstufe?
Kempowski: Kein Film, kein Roman kann das leisten, was hier der Chor der Leidenden ausspricht. Ich kann es mir nicht vorstellen. Vielleicht ein Gedicht wie die "Todesfuge" von Celan? - Warum 6000 Seiten, könnte man fragen, vielleicht genügen ganz wenige Zeilen. Und doch hängt das eine vom anderen ab, beides ergänzt sich. Ich habe im Übrigen ja noch einen großen Teil vor mir, das dritte und letzte "Echolot".
SPIEGEL: Sie verstehen sich nicht nur als Spurensicherer, als Sammler, sondern auch als Arrangeur, als Dirigent des Chors?
Kempowski: Schon das Wort "sammeln" stört mich, ich würde sagen: Es ist eigentlich mehr ein Abrufen. Es ist ja schon gesammelt. In jedem Kopf ist es gesammelt. Das zweite "Echolot", die "Fuga furiosa", beginnt mit der Offensive der Roten Armee gegen das Dritte Reich, die die große Flüchtlingswelle auslöste. Es endet mit dem Angriff auf Dresden. Wir müssen auch das erzählen dürfen.
SPIEGEL: Es heißt oft, dass Soldaten auf Heimaturlaub lieber zurück an die Front wollten, als noch einen Tag länger im Luftschutzkeller zu sitzen.
Kempowski: Das hatte ja auch biblische Ausmaße. Mein Vater, der einen Bombenangriff miterlebte, hatte - als Offizier! - große Angst vor den Bomben. Und ein Jahr später wurde er von einer Bombe getroffen und getötet. INTERVIEW: VOLKER HAGE
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 13/2000
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