27.03.2000

LITERATUR

Pirat im Meer der Harmlosigkeit

Von Wellershoff, Marianne

Haruki Murakami ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Japans und ein Held der jüngeren Generation. Sein neuer Roman "Gefährliche Geliebte" verherrlicht, gegen die Tradition des Landes, das Glück des Individuums.

Jeden Morgen um sieben rennt der Japaner Haruki Murakami wie um sein Leben. "Laufen gibt mir die Kraft, mich aufs Schreiben zu konzentrieren", sagt er, "und ich habe dabei immer die besten Einfälle."

Und so sind seine Romane ein Marathonlauf durch eine Welt, die ihm täglich befremdlicher vorkommt. "Mister Aufziehvogel" heißt Murakamis vor zwei Jahren in Deutschland erschienenes Hauptwerk, "mein bisheriges", sagt Murakami, er ist schließlich erst 51 Jahre alt. Ein chaotischer, poetischer und immer wieder gewalttätiger Roman, dessen Sprache dahinströmt wie die Gedanken beim Laufen.

Erzählt wird die Geschichte eines 30-Jährigen, der auf der Suche ist - nach seinem Kater, seiner Frau, sich selbst und der Lösung des Rätsels, was eigentlich der große Sinn des Hier und Jetzt und Morgen und Gestern ist. Dabei begegnet er lauter seltsamen Menschen: rätselhaften Frauen, die in die Zukunft sehen können, einem pubertierenden Mädchen, das Perücken knüpft, einer Mutter und ihrem Sohn, die undurchschaubare, geheime Therapiesitzungen für reiche Japaner abhalten; und zum Nachdenken klettert er in einen Brunnen hinab.

An den 680 Seiten hat Murakami vier Jahre lang geschrieben. 300 000-mal wurde der Roman in Japan verkauft - was viel sei für ein Buch dieses Umfangs, sagt der Autor, aber wenig im Vergleich mit den Millionenauflagen seiner anderen Werke. Und es wurde, wie die meisten seiner Bücher, mit hohen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Dabei hat Murakami viele Feinde, weil er sich von der steifen, feinziselierten japanischen Literaturtradition verabschiedet und zu einer neuen, schnelleren und amerikanischeren Sprache gefunden hat. Verrat, rufen seine Kritiker, Populärliteratur! Für seine Leser ist Murakami gerade deshalb ein Held. Und auf jeden Fall gilt er, neben Banana Yoshimoto, als der wichtigste moderne Autor seines Landes.

Während der Arbeit an "Mister Aufziehvogel" nahm er ein Kapitel aus dem Roman heraus und arbeitete es zu einem eigenständigen Buch um. "Ich hatte das Gefühl, dass es nicht passte", sagt Murakami. Und tatsächlich ist "Gefährliche Geliebte", der nun in deutscher Übersetzung erschienene Roman, bei aller Leichtigkeit viel zielstrebiger konstruiert und kommt ohne jene Fantasy-Elemente aus, die Murakamis Werke oft ins Skurrile ziehen.

"Gefährliche Geliebte" ist die Geschichte eines Einzelgängers, der zerrissen ist zwischen dem Versuch, die normierte japanische Biografie nachzuleben, und seinem Wunsch nach individuellem Glück: Der Roman beginnt damit, dass Hajime sich als Zwölfjähriger mit seiner Schulkameradin Shimamoto anfreundet, weil beide Einzelkinder in einer Zwei-Kind-Gesellschaft sind. Sie hören die Schallplatten von Shimamotos Vater, eine Ouvertüre von Rossini, ein Klavierkonzert von Liszt, Weihnachtslieder von Bing Crosby. Und Nat King Coles "South of the Border, West of the Sun", was auch der Originaltitel des Romans ist.

Als Shimamoto auf eine andere Schule wechselt, versandet die Freundschaft. Hajime findet jedoch seine erste Freundin wieder und betrügt sie ausgerechnet mit deren Cousine. Diese Schuld trägt er durch die Jahre. Erst als er eine andere Frau kennen lernt, heiratet und Vater zweier Töchter wird, als er seinen tristen Job in einem Schulbuchverlag aufgibt und mit finanzieller Hilfe seines Schwiegervaters einen Jazzclub aufmacht, fällt diese Schwere von ihm ab. Jetzt lebt er so, wie alle es von ihm erwartet haben: geordnet und erfolgreich.

Bis eines Abends Shimamoto an der Bar sitzt und ihn tief in ihr inneres, unerklärtes Drama hineinzieht und herauszerrt aus der perfekt scheinenden Welt, die Hajime dem Vorbild der japanischen Zwei-Kind-Musterfamilie nachkonstruiert hat. Am Ende kehrt Hajime zurück in seine Ehe. Aber er wird für immer ein Fremder in seinem eigenen Leben sein.

Und darin gleicht Hajime allen anderen Hauptfiguren in den Romanen oder Kurzgeschichten Murakamis: Sie sind Einzelgänger, die vom individuellen Glück träumen und den Idealen der großen japanischen Gemeinschaft misstrauen. Wie zum Beispiel der kleine Angestellte in der Erzählung "Der Elefant verschwindet", der in der Werbeabteilung eines Küchengeräteherstellers seine Alltage abarbeitet und sich in eine Welt davonwünscht, in der nichts und niemand an seiner Effizienz und Nützlichkeit gemessen wird. Oder wie die Hausfrau aus einer Kurzgeschichte, die ein verliebtes männliches Monster, das auf dem Sofa sitzt und ihr so nett einen Heiratsantrag macht, bestialisch erschlägt - Piraten im Meer des Konformismus und der lächelnden Harmlosigkeit.

Wer in Japan nicht dazugehört, zu einer Firma, zu einem Verein, zu einer Sekte, sei gesellschaftlich nicht existent, sagt Murakami, "das ist hart". Natürlich spricht er aus eigener Erfahrung: Der Schriftsteller wuchs selbst als Einzelkind auf. Er hat sich von Anfang an für die Abweichung entschieden: Seine Eltern waren Lehrer für japanische Literatur, er aber las nur US-Autoren, Truman Capote und F. Scott Fitzgerald am liebsten. Die Mitschüler machten Mannschaftssport, er ging schwimmen. Die Kommilitonen an der Filmhochschule wurden Regisseure und Dramaturgen, er zog nach dem Abschluss einen Job im Plattenladen vor. Als er 29 Jahre alt war, begann Murakami, nachts am Küchentisch einen Roman zu verfassen. Er hieß in der englischen Übersetzung "Hear the Wind Sing", erschien 1979 und war auf Anhieb ein Erfolg.

Das mal störrische, mal deprimierte Anderssein von Murakamis Helden ist es, das ihn auch außerhalb Japans zum Lieblingsautor der 20- bis 30-Jährigen macht. Denn die sind in der Phase der Identitätsfindung und müssen darüber entscheiden, wer sie sein wollen: sie selbst oder Herr und Frau Mustermann. "Die meisten meiner Leser hassen ihre Arbeit und die Zwangsidentifikation mit der Firma", sagt Murakami, "sie wollen frei und unabhängig sein, aber sie haben auch Angst davor."

Doch nicht nur die jüngere Generation, sondern ganz Japan befinde sich in einer Identitätskrise, sagt Murakami. Das Land habe seinen Bewohnern heute keine Geschichten mehr zu bieten, an die sie glauben könnten. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es den Mythos vom Gottkaiser und von seinem Volk der Gotteskinder, danach das Wirtschaftswunder und sein fleißiges Volk. Doch seit der Rezession und den Bankenpleiten herrsche ein Identitätsvakuum. "Wir Schriftsteller hätten es füllen müssen", sagt Murakami, "aber wir haben versagt. Die Sektengurus hatten bessere Geschichten."

Wie der Aum-Chef Asahara zum Beispiel, dessen Anhänger 1995 einen Giftgas-Anschlag in der Tokioter U-Bahn verübten. Sie glaubten an die Reinkarnation und wollten die Fahrgäste aus ihrem traurigen kleinen Leben befreien, das pro Woche zehn Stunden gequetschter Enge in den U-Bahn-Waggons vorsieht.

Dieser Anschlag und das schwere Erdbeben von Kobe, bei dem 6430 Menschen starben, haben Murakami bewogen, wieder nach Tokio zurückzukehren - nach fünf Jahren in den USA, wo er "Mister Aufziehvogel" und "Gefährliche Geliebte" geschrieben hatte. "Ich wollte meine Pflicht für mein Land erfüllen", sagt er, "ich hatte das Gefühl, dies sei ein Wendepunkt für Japan."

Über das Erdbeben verfasste Murakami Kurzgeschichten, über die Aum-Sekte und ihre Opfer ein Sachbuch, für das er 12 Sektenmitglieder und 65 Opfer interviewte; in Japan ist es schon erschienen, im Herbst soll es in den USA herauskommen. Aus seinen Recherchen folgert Murakami: Die japanischen Arbeitsameisen halten ihr Leben nicht für unglücklich, sondern für natürlich und gegeben. "Ich denke trotzdem, die Leute sollten anders leben", sagt er.

Für ihn war das Angestelltenleben sowieso nie ein möglicher Lebensentwurf. Bevor er sein erstes Buch schrieb, besaß er wie Hajime, der Protagonist aus "Gefährliche Geliebte", jahrelang einen Jazzclub in Tokio. Erst einen kleinen, schäbigen, wo arme Musiker für wenig Geld auftraten. Dann einen größeren, in dem alle etwas mehr verdienten. Nachdem er seinen zweiten Roman veröffentlicht hatte, gab er den Club auf.

Bei einem Aufenthalt in Stockholm hat er unlängst drei Tage in einem Second-Hand-Plattenladen verbracht. "60 Platten habe ich gekauft", sagt er, "war ziemlich schweres Gepäck." Im Moment verstellen zwölf Umzugskartons das Musikzimmer im zweiten Stock seines Arbeitshauses, das im teuer-schicken Tokioter Viertel Aoyama liegt; in nur wenigen Tagen wird er in sein neues Eigenheim am Stadtrand umziehen. 6000 Schallplatten hat er in den Kisten verpackt, Jazz meistens. Stan Getz hört er am liebsten.

"Musik ist essenzieller Teil meines Lebens", sagt Murakami. Joggen, schreiben, Platten hören sind die Säulen seines Daseins, und sie lassen sich, zum Glück, kombinieren: beim Joggen Musik hören und übers Schreiben nachdenken, zum Beispiel, oder aber beim Schreiben Musik hören - allerdings nur, wenn er an Essays oder Rezensionen arbeitet. "Für meine Romane brauche ich Stille", erklärt Murakami.

Stille, wie sie ihn selber umgibt.

MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 13/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 13/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Pirat im Meer der Harmlosigkeit