DER SPIEGEL



Die Welt im 21. Jahrhundert

DAS JAHRHUNDERT WIRD SCHÖN

WELTAUSSTELLUNG

Von Wellershoff, Marianne

Bei der Expo 2000 in Hannover werden derzeit die nächsten hundert Jahre geplant: humane Städte, digitale Wissensspeicher für alle, moderne Kleinbetriebe in der Dritten Welt. Die Menschheit muss jetzt nur die richtigen Entscheidungen treffen, lautet die Botschaft.

Die Zukunft ist eine Konstruktion. Forscher spinnen Beobachtungen aus Vergangenheit und Gegenwart weiter und geben Prognosen ab - oft erfreuliche über technische Fortschritte, meist düstere für soziale Entwicklungen. Science-Fiction-Autoren entwerfen phantasievolle Szenarios von Reisen im Datennetz oder Wohnvierteln im All, und im Kino terrorisieren Außerirdische die Menschheit.

In Hannover, bei der Expo 2000, ist die Zukunft dagegen eine Rekonstruktion. Sie wird Schicht für Schicht freigelegt während einer Zeitreise, die im Jahr 2100 beginnt und im Jahr 2000 endet. Unendlich weit scheint die Gegenwart plötzlich zurückzuliegen. Und sie wirkt deshalb genauso unwirklich wie die Zukunft.

Der Blick in die Zukunft ist der Blick zurück - die Präsentation von Visionen als archäologische Ausgrabung, so lautet die überraschende und verspielte Idee der Ausstellung "Das 21. Jahrhundert" im Themenpark der Expo, mit dessen Aufbau am vergangenen Wochenende begonnen wurde. Die These der Planer lautet: Wer von der Gegenwart in die Zukunft blickt, versteigt sich schnell in absurde Gedankenspiele. Wer dagegen von der Zukunft aus zurückschaut, muss seine Vorstellungen logisch auf das Hier und Jetzt zurückführen.

Die Ausstellungsmacher schicken den Besucher auf eine langwierige Expedition: Auf einem Laufband fährt er hinauf ins Jahr 2100. Dort symbolisiert eine Laserinstallation die unterirdischen Versorgungskabel der modernen Stadt. Dann folgt eine Ausgrabungsstätte aus dem Jahr 2070, in der Alltagsgegenstände aus den vergangenen vier Jahrzehnten freigelegt werden, zum Beispiel ein Hologramm-Kopfschmuck, eine selbsterhitzende Thermoskanne, eine Kiementauchermaske, die das Atmen unter Wasser ermöglicht. Im Jahr 2030 führt der Weg durch Aachen, Dakar und die Megastädte São Paulo und Schanghai. Am Ende kehrt der Besucher in das Jahr 2000 zurück.

Realistisch, glaubwürdig und amüsant - den Ausstellungsmachern, angeführt vom Themenpark-Chef Martin Roth, dem für die Expo freigestellten Direktor des Dresdner Hygienemuseums, geht es nicht um fröhlich-zielloses Entertainment, aber auch nicht um statische Information. Sie wollen Infotainment bieten, was ja viel moderner ist und auch viel wirkungsvoller - sonst wäre das Fernsehprogramm nicht so voll davon. Schließlich hat die Ausstellung ein Thema, das von zentraler Bedeutung für dieses Jahrhundert ist: die Zukunft der Städte.

Schon heute lebt die Hälfte der sechs Milliarden Menschen auf der Erde in Städten. Im Jahr 2025, so die Prognose des Washingtoner World Resources Institute, werden es zwei Drittel sein. 24 Megacitys mit jeweils mehr als acht Millionen Einwohnern gibt es derzeit, bis 2015 wird ihre Zahl auf 33 anwachsen.

Die Zukunft dieser alles verschlingenden Moloche ist ungewiss, in jedem Fall aber schwierig. Experten streiten darüber, ob die Verstädterung ökologische und soziale Probleme vermindert oder verschärft. Wiegt der höhere Energieverbrauch der Städter den geringeren Landverbrauch auf? Haben Stadtbewohner auch noch in 30 Jahren eine längere Lebenserwartung als das Landvolk?

Auf dem Expo-Gelände in Hannover ist die Lage übersichtlicher. Die Zukunft wird nicht prognostiziert, sondern konzipiert, und zwar in der Kartoffelkiste, wie Roth die Planungszentrale für den Themenpark nennt. Sie ist ein mehrstöckiges Containerhaus, von außen verkleidet mit langen rohen Brettern. Wenn die Länderpavillons nebenan fertig sind, wird es noch murkeliger aussehen. Dass das Denk-Hauptquartier innen eine modern-alte rostige Eisentreppe hat, eine Kaffeeküche und viele luftige Glastüren, sieht man von außen nicht.

Hier drinnen hat ein über die drei Planungsjahre dahinfluktuierendes Team Daten und Ideen zu seinem Entwurf des 21. Jahrhunderts verarbeitet. Wissenschaftliche Basis war eine Studie des London Research Centre, geleitet vom Stadtplaner Max Dixon. Er analysierte und verglich die vier als Beispiele ausgewählten Städte Aachen, Dakar, São Paulo und Schanghai, die in der Ausstellung präsentiert werden. Für jede von ihnen entwickelte er ein optimistisches und ein pessimistisches Zukunftsszenario.

Auf der Expo wird die geglückte Variante groß ausgebaut: eine futuristische U-Bahn-Station in São Paulo beispielsweise - öffentliche Transportmittel als die Rettung vor dem Erstickungstod im Verkehr.

Das traurige B-Szenario ist nur angedeutet in einer Videoprojektion autoverstopfter Straßen. "Eine Message der Hoffnung" solle die Ausstellung sein, sagt Hélène Robert, französische Innenarchitektin und Chefkonstrukteurin des "21. Jahrhunderts". Und der Stadtplaner Dixon erläutert: "Wir wollen zeigen, dass die Menschen jetzt noch die Wahl haben."

Die Wahl nämlich, eine "nachhaltige" Entwicklung, wie es in der Fachsprache der Ökologen heißt, einzuleiten. Für Aachen hieße das nach Max Dixons Untersuchung: eine generationsdurchmischte Bevölkerung, neue wissensorientierte Wirtschaftszweige, eine kompakte, lebendige Innenstadt. Das B-Szenario lautet: überalterte, kränkelnde Einwohner, Fixierung auf alte Industrien, eine verlassene Innenstadt und eingezäunte Vorstadtsiedlungen für die Reichen.

Auf der Expo teilt sich der optimistische Plan A für Aachen in zwei Präsentationen, angesiedelt im Jahr 2030. Auf einem fiktiven Platz hat der Expo-Sponsor Sparkassen Finanzgruppe seine Zukunfts-Filiale aufgebaut, der Zentralverband des Deutschen Handwerks stiftete einen Brunnen. Dafür benutzt Themenpark-Chef Roth die Vokabel "public private partnership". In einer Art Laterna magica auf dem Platz sind verschiedene Videos zu sehen. A-Filme zeigen zum Beispiel, wie das intelligente Haus mit seinen Bewohnern kommuniziert und ihnen das Leben erleichtert. Der B-Film führt zugenagelte Läden in einer verödeten Innenstadt vor. Armes Aachen.

In einem anderen Raum ist ein Teil eines Jugendstil-Schwimmbades nachgebaut, in Originaldimensionen und mit plätscherndem Wasser. In eine der Arkaden ist eine Videoleinwand eingespannt, auf der ein anderthalbminütiger Film läuft. Gezeigt wird darin die Jubiläumsparty der fiktiven Firma Bio Zell im Jahr 2030. Der Mitinhaber Jan erzählt, wie er seinen Diabetes mit selbst entwickelter Gentherapie geheilt hat.

Eigentlich sollte diese Installation von einem Biotechnologie-Unternehmen mitfinanziert werden und nicht von der Sparkasse. Es fand sich aber keines. "Die wollen alle nicht an die Öffentlichkeit gehen", sagt Roth, "die Debatte ist wahnsinnig vorsichtig." So vorsichtig, dass die Sparkasse darauf bestand, die Erfolge der Biotechnologie noch positiver zu beschreiben, was wohl als Selbstberuhigung zu verstehen ist. Nun sagt der BioZell-Chef Jan im Film: "Pränatale Gentests, implantierte Computer - wir haben heute eine so viel bessere Kontrolle über Krankheiten." Ja, das wäre wirklich schön.

Wahrscheinlich waren die Expo-Organisatoren froh, überhaupt Sponsoren zu finden. Die Allianz-Versicherung engagiert sich für die São-Paulo-Installation. Siemens hat das digitale Wissenszentrum in Schanghai gleich selbst entworfen, mit Hologramm-Tisch und einem traditionellen chinesischen Garten. Der Stromkonzern RWE hilft bei der Bezahlung der verkabelten Stadt im Jahr 2100.

Nur für die Dakar-Räume, in denen ein senegalesischer Familienbetrieb Hightech-Gewebe herstellt, wollte keine Textilfirma Geld geben. Die ganze Branche ist in einer Dauerkrise, wen interessiert da ein fernes Land und seine nachhaltige oder nicht nachhaltige Entwicklung. Afrika ist für die Expo ein verlorener Kontinent.

Allerdings ist die Zeit bis zur Eröffnung zu knapp, um einer deprimierenden Zukunft vorauszutrauern. 570 Tonnen Stahlträger müssen nummeriert, gelagert und in richtiger Reihenfolge aufgebaut werden. "Wie ein Fischertechnik-Kasten" funktioniere das, sagt die Architektin und Projektmanagerin Maja Neske: produzieren, einsortieren, zusammenschrauben. Die Expo hat für die Koordination des Ausstellungsaufbaus Logistik-Experten engagiert, die zuvor die Arbeiten am Potsdamer Platz überwacht hatten.

Im Alltag der Planer zerfällt der Entwurf eines Jahrhunderts in hunderte von Details. Neske hat Fotos per E-Mail bekommen und grübelt darüber nach, welche der 40 braun gelockten Brasilianerinnen sich für das Ausstellungsvideo eignen. Die Chefdesignerin Robert versucht, ihren Mitarbeitern die Bedeutung des gewellten Fußbodens vor dem Übergang in die Vegetationszone für die Gesamtaussage des Projekts zu erläutern. Und dann ist da noch die Frage, welche Kleider die Aachener Partygesellschaft im Jahr 2030 wohl anzieht. Londoner Modescouts haben rote, bademantelartige Gewänder vorgeschlagen. "Abgelehnt", sagt Neske. Im Jahr 2000 werden doch auch immer noch die Hippieblusen der siebziger Jahre getragen, was soll also ein so abwegiges und dazu noch hässliches Kleidungsstück? Besser gefallen ihr da schon die weißen Hemdkleider mit den bunten Schürzen. Und die schimmernden Anzüge für die Männer, weil glänzende Kunstfaser so was von Zukunft hat.

Immerhin ist endlich das Problem der Journalistin Lisa gelöst. Diese fiktive Figur wird die Besucher auf ihrer Zeitreise begleiten, ihnen in Videos die Stationen erklären. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Lisa zehn Jahre alt, dann morpht sie zu einer 110-jährigen Dame im Jahr 2100, um sich beim Gang durch die Ausstellung wieder zu verjüngen. Wie soll die Journalistin der Zukunft aussehen? Blond und weiß? Asiatisch? Schwarz? "Wir haben nach einem kontinentübergreifenden Gesicht gesucht", sagt die Projektmanagerin Neske. Die Wahl fiel auf eine Lisa, die halb afrikanisch, halb europäisch ist. Das 21. Jahrhundert wird multi-ethnisch.

Und es wird schön. Das A-Szenario, so Stadtplaner Dixon, ist positiv, aber noch realistisch: moderne, humane Unternehmen, Städte, die eng durchzogen sind vom Nahverkehr; Wissen für alle, Arbeit für die Armen und rundherum Natur im Gleichgewicht. "Mit jedem Tag determiniert die Menschheit ihre Zukunft", sagt Dixon, "und jeder Einzelne bestimmt sie mit." Packen wir's an.

Wenn die Expo-Besucher nach 30 Minuten die Ausstellung verlassen und in die wirkliche Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts zurückkehren, werden sie das Verkehrschaos auf der Zufahrt zur Ausstellung sehen und das mit Parkplätzen und Bürohäusern und Pavillons zugebaute Land. Sie werden feststellen, dass sie hier draußen mitten im Szenario B stehen MARIANNE WELLERSHOFF

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DIE ZUKUNFTSSERIE:

Der Titelkomplex dieses Heftes bildet den Auftakt zur 40-teiligen SPIEGEL-Serie "Die Welt im 21. Jahrhundert". Die Serie ist in zehn Kapitel zu je etwa vier Folgen gegliedert. Jede Folge besteht aus mehreren Beiträgen, die die großen Herausforderungen, Probleme und Verheißungen an der Schwelle dieses neuen Jahrhunderts aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Das Themenspektrum reicht von der Zukunft der Medizin über den Umgang mit knappen Ressourcen auf dem Planeten Erde, die befürchtete Klimakatastrophe und den Wandel in der Informationsgesellschaft, die Zukunft von Technik, Städtebau und Verkehr bis hin zu Veränderungen in der Kultur und Perspektiven einer globalen Politik.

IM NÄCHSTEN HEFT:

* 1. Medizin von morgen

* 1.1. Das entschlüsselte Genom - neue Waffen gegen die Krankheit?

Forschung: Mit Genchips zum Sieg über den Krebs

Start-up-Firmen: Deutschland im Genomfieber

Medikamente: Jedem die Pille, die auf sein Erbgut passt

Essay: Haben Kinder ein Recht auf Designer-Gene?

DIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT:

1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungsexplosion und knappe Ressourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum 5. Zukunft der Wirtschaft 6. Technik: Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft der Kultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis


DER SPIEGEL 14/2000
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