DER SPIEGEL



RECHTSCHREIBUNG

Freie Bahn dem Alkoholissmuss

Von Saltzwedel, Johannes und Traub, Rainer

Die mühsam eingeführte Reform-Orthografie bringt keine Übersichtlichkeit, sondern Wirrwarr und Zweifel. Viele Zeitungen folgen hausgemachten Regeln, und die meisten Literaten tun es der Mehrheit der deutschen Schriftnutzer gleich: Sie üben sich in stummem Boykott.

Der Fehler springt ins Auge. Dick und rot leuchtet vom weißen Buchumschlag "Arnes Nachlaß". Dabei müsste praktisch jeder Sprachkundige, der den jüngsten Roman von Siegfried Lenz im Schaufenster sieht, zusammenzucken. Nach den neuen Rechtschreibregeln wäre nur ein "Nachlass" zulässig.

Doch Schreck, lass nach: Altmeister Lenz, 74, der die Änderung der Regeln stets als "kostspieligen Unsinn" abgelehnt hat, ist in guter Gesellschaft. Fast lückenlos boykottieren die Erzählbände, die jüngst auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurden, den Neuschrieb; sie beharren auf "daß" und "Kuß" - von der trendigen "Generation Golf" des jungen Berliner Autobiografen Florian Illies bis zum neuesten Werk von Botho Strauß, sinnig "Das Partikular" genannt.

Wie versprengte Partikel, ja schwer behindert (oder gar - regelwidrig - schwerbehindert?) fühlen sich dagegen jetzt viele, die seit vergangenem August laut Beschluss der großen Agenturen reformiert schreiben müssen. "Bis zur Sehnenerschlaffung" habe er "Eszetts in Doppelesse verwandeln müssen", murrte jüngst ein Redakteur der "Welt", und nun ließen die Dichter ihn hängen.

Doch die Poeten handeln nur wie die schweigende Mehrheit der Schriftnutzer auch. Und die hat, so "gräulich" und "belämmert" ihr die Umstellung stets vorkam (SPIEGEL 42/1996 und 3/1998), inzwischen mit dem Missstand leben gelernt, dass in Büchern anderes gilt als für die Zeitung.

Kopfschüttelnd ertragen sie, dass in ihrem Lokalblatt Diebesgut "sichergestellt", Anträge "zurückgestellt", aber Häuser "fertig gestellt" werden, als könne man sie auch unfertig stellen. Achselzuckend registrieren sie, dass "hier zu Lande" - vermutlich weil es nicht dort auf See geschieht - "wohl durchdacht" behauptet wird, jemand sei "nicht wieder zu erkennen".

Dabei müssen Vielleser sogar von Blatt zu Blatt andere Wortbilder schlucken: Der konservative "Rheinische Merkur" ließ "Delphin" und Kommata unangetastet, führte aber die "Geografie" ein; die "Neue Zürcher Zeitung", weltoffen und sprachbewusst, blieb gar beim "placieren". Auch im SPIEGEL wurde notgedrungen ein eigenes, die Lesegewohnheiten möglichst schonendes Regelwerk entwickelt, das zumindest an der Zeichensetzung so gut wie nichts ändert. "Die Woche" dagegen folgt den neuen Regeln total. All das nebeneinander ergibt Chaos am Kiosk und im Leserhirn.

Welche Verwirrung inzwischen herrscht, kann der Erziehungswissenschaftler Harald Marx von der Universität Leipzig beweisen. Er testete Grundschüler - neue Trennmöglichkeit: "Tee-nager" -, die seit 1996 die ss-Reformregel praktizieren. Ergebnis: "Signifikant mehr Fehler" als zuvor, unter anderem weil die Schüler das scheinbar einfache Prinzip (nach Kurzvokal steht ss) "übergeneralisieren", also häufiger nutzen als erlaubt. Warum sollte es etwa nicht "Alkoholissmuss" heißen dürfen?

Das Dasein versüßt hat die Neuregelung immerhin ein paar Legasthenikern. "Für Leute, die vorher Schwächen hatten, ist die Reform ungeheuer entlastend", erklärt Almut Schladebach von der Hamburger Volkshochschule. "Denn sie sind jetzt nicht mehr die Einzigen, die damit Schwierigkeiten haben."

Allerdings. Die orthografische Hürde, für Umlernende vielfach höher als für Schreibanfänger, demütigt Profis, kostet Zeit und Nerven. Doch nach dem jahrelangen Hickhack um des "Keisers" "Bot" rettet sich die Mehrzahl in Sarkasmus. "Wenn schon ,potenziell', dann bitte auch ,nazional'!", forderte ein Leser der "Süddeutschen Zeitung". Auf Werbebildschirmen in U-Bahnen verbreitet die Münchner Firma "InfoScreen" unterhaltende Orthografie-Spots - Titel: "wortwahn".

Der plagt offenbar selbst Spezialisten. So fand Theodor Ickler, Linguist an der Universität Erlangen, bei Durchsicht des neuen zehnbändigen "Duden-Wörterbuchs" klammheimlichen Rückbau (neben der Reform-Form "wieder sehen" kehrt plötzlich "wiedersehen" wieder), aber auch dreiste Vereinnahmungen: Die sprachgeschichtlich unsinnige Neuschöpfung "Zierrat" wird Max Frisch unterschoben; Botho Strauß soll "Fantast" geschrieben haben; der SPIEGEL von 1966, heißt es, habe einen "Tipp" gegeben.

Verständlich, dass Autoren und Verlage sich da lieber aufs eigene Gutdünken verlassen - allerdings markttechnisch abgestuft. "Das Bild ist komplex", beschreibt Martin Spieles vom S. Fischer Verlag diplomatisch, was insgesamt wie ein heilloses Kuddelmuddel wirkt.

Schon seit anderthalb Jahren wird bei S. Fischer und Rowohlt, die beide zum Holtzbrinck-Konzern gehören, die neue Rechtschreibung im Kinder- und Jugendbuch angewandt; schließlich müssen Kids auch in der Schule die neuen Regeln lernen. Im übrigen literarischen Programm dürfen die Autoren hingegen selber über die Schreibweise ihrer Werke entscheiden. Viele von ihnen lehnen den Neuschrieb strikt ab.

Ihre Verlagsprospekte wollen Fischer und Rowohlt vom kommenden Herbstprogramm an nach neuer Schreibung drucken. Bücher jedoch sind zäher: "Wenn ältere Satzvorlagen existieren, steht zur Diskussion, ob man das Geld für einen neuen Satz in neuer Rechtschreibung ausgeben will", meint Spieles. "Das muss dann von Fall zu Fall entschieden werden."

Bei Suhrkamp, einer weiteren literarischen Renommier-Adresse in Frankfurt am Main, sind ausgerechnet für Kommentare zu toten Dichtern im "Deutschen Klassiker Verlag" die Neuerungen verbindlich. Das gilt auch für Übersetzungen, die "gewissermaßen auch als Kommentierungen des literarischen Originals zu betrachten sind", so Suhrkamp-Pressechefin Heide Grasnick. Übersetzerverträge weisen eigens darauf hin. Zugleich aber bestehen rund zwei Drittel der deutschsprachigen Autoren, die die legendäre "Suhrkamp-Kultur" mitschufen, auf der von früher gewohnten Schreibung. Und noch ist der Wille des Autors heilig.

Ähnlich buntscheckig ist das Bild in der schöngeistigen Abteilung des Münchner Carl Hanser Verlags. Kinder- und Jugendbücher folgen dem Neuschrieb, aber "Sachbuch und Literatur tun so, als ob sie von nichts wüssten", sagt Lektor Volker Matz. Nur auf Verlangen eines Autors werden hier zur Zeit neue Schreibweisen verwendet. Zumindest ein Teil der Reform-Regeln sei so unelegant oder widersinnig, meint Matz, dass er bei vernünftigen Buchkäufern nicht durchzusetzen wäre.

",Alleinstehend' zum Beispiel soll jetzt in zwei Wörtern geschrieben werden. Aber es ist etwas anderes, ob ich alleine stehen kann oder ob ich Single bin. Da gehen doch wichtige Nuancen verloren." Die Rechtschreibreform, vermutet er optimistisch, könnte sich nach und nach von allein zurechtwachsen, weil "ein Teil der Sachen nicht akzeptiert werden wird".

Besonders heikel ist es mit den Klassikertexten. Bisher wurden sie meist behutsam den Veränderungen der Schriftsprache angepasst: Aus dem "Seyn", wie es der Philosoph Schopenhauer schätzte, wurde das Sein, aus dem Thee von anno Tobak der Tee von heute. Aber eine Erzählung des biedermeierlichen Adalbert Stifter, sagt Matz, sei doch unmöglich "in der letzten Schreibweise des 21. Jahrhunderts" zu präsentieren. So sei das Paradox entstanden, "dass man Klassiker wieder schreibt wie vor 200 Jahren".

Nächstes Jahr wird bei S. Fischer eine große Thomas-Mann-Edition zu erscheinen beginnen, textlich treu den Erstausgaben, als Reliquie sozusagen. Hanser-Mann Matz: "Auf bürokratischem Weg sollte eine einheitliche Schreibweise hergestellt werden, die theoretisch aus irgendwelchen Begründungen abgeleitet wurde. Aber am Ende werden wir drei Schreibweisen nebeneinander haben: Die reformierte, die moderat alte und die historische. Die Verbindlichkeit löst sich auf."

Schon jetzt gibt es auf dem Buchmarkt eine unscheinbare Zwei-Klassen-Gesellschaft: Während Verlage mit schöngeistigem Programm ihre deutschsprachigen Autoren selber entscheiden lassen, kommen Gebrauchswerke überwiegend in der neuen Schreibweise auf den Markt.

Bei mehreren Programmlinien unter einem Dach geht die Trennung oft mitten durch den Verlag: Die juristische Abteilung des C. H. Beck Verlags fordert, anders als die belletristisch-historische, Manuskripte gleich in neuer Rechtschreibung an. Zitate aus älteren Texten indessen, bei Juristen alltäglich, müssen in authentischer Originalschreibweise erscheinen.

Lektor Matz beobachtet an sich als "üble Folge" des Tohuwabohus eine wachsende Gleichgültigkeit. Wenn er in der "Frankfurter Allgemeinen" über eine sonderbare Schreibweise stolpere, überlege er: "Ist das ein Druckfehler oder die Rechtschreibreform? Irgendwas wird es schon sein, sagt man sich, das ist sowieso alles kurios - und liest weiter. Es gibt jetzt eine Grauzone."

Die hatten Fachleute seit langem vorhergesagt. Doch nun sind alle Zwangsmitglieder im orthografischen Chaos-Club Deutschland. Und wo Präzision ohnehin futsch ist, schwindet die Furcht vor dem Rotstift. Kurse für Unsichere, wie Volkshochschulen sie anbieten, sind kaum einmal ausgebucht. Auch in Amtsstuben erregt sich niemand. "Es geht ja selten um Delfine", witzelt Rainer Schwing von der Frankfurter Stadtverwaltung.

Bestätigt fühlen kann sich die große Zahl verstockter Privat-Orthografen vom extrem niedrigen Rechtschreibstandard in den Datennetzen. Der Buchversender "Amazon.de" prüft die Amateur-Rezensionen, zu denen er seine Kunden ermuntert, gar nicht erst auf Schreibfehler. Bei flinken E-Mails werden fast regelmäßig die Möglichkeiten elektronischer Prüfung übergangen. In den winzigen Text-Botschaften von Handy zu Handy geht es sowieso anarchisch knapp zu.

"Meine Rechtschreibung ist nicht mehr so propper wie früher, weil alles per Mail so schnell geht", gesteht Nicholas Negroponte, Medien-Guru vom Massachusetts Institute of Technology. "Aber ich glaube, das ist heute auch nicht mehr so wichtig."

Gründlichere hoffen auf Suchmaschinen, die Begriffe in neuer und alter Schreibung aufspüren. Angekündigt sind solche "schreibweisentoleranten" Helfer längst, doch quer durchs weltweit wuchernde Netz der Dokumente lotst noch keiner.

Nur einige CD-Roms für Zeitungsjahrgänge und andere feste Datenbestände bieten bislang die Möglichkeit, Crêpes auch in der reformierten Form als "Krepps" im Text zu finden. Doch trotz der ringsum wachsenden Datenflut macht das höchstens ein paar weitblickenden (vielleicht gar weit blickenden) Bibliothekaren Sorgen.

Alle Übrigen handeln nach dem Prinzip: "Sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, daß er nicht falle". Das riet immerhin schon der orthografisch tolerante Geheimrat Goethe seinen Zeitgenossen, und Kollege Gottfried Keller gab noch 1860 zu: "Ich verfahre immer nach augenblicklicher Eingebung."

Behaglich war es beiden Dichtern dabei allerdings nicht - und genauso geht es auch heute wieder vielen Schreibenden. Wie tief das irreversible Durcheinander sie verunsichert und wohl oft auch frustriert, zeigt drastisch eine einzige Zahl: Der Rechtschreib-Duden, so wenig er im Schreib-Wildwuchs noch unanfechtbares "Standardwerk" (Verlagswerbung) ist, wird seit über drei Jahren besser verkauft als jedes andere Nachschlagewerk.

JOHANNES SALTZWEDEL, RAINER TRAUB


DER SPIEGEL 14/2000
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