Von Dallach, Christoph und Wellershoff, Marianne
Blixa Bargeld, 41, bürgerlich Christian Emmerich, ist Chef und Gründer der Berliner Band Einstürzende Neubauten. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Bargeld, vergangenes Wochenende feierten die Einstürzenden Neubauten mit einem Konzert in Berlin das 20-jährige Band-Jubiläum. Was ist Ihnen aus dieser Zeit geblieben - ein Pfeifen im Ohr?
Bargeld: Zum Beispiel. Ich höre das Geräusch des unter Stress arbeitenden Nervensystems. Das ist aber nicht das einzige physische Andenken.
SPIEGEL: Welches sind die anderen?
Bargeld: 1981 sind wir in Münster zur Einweihung einer Rechtsanwaltskanzlei aufgetreten. Wir haben im Treppenhaus gespielt, und ich habe durch eine Glasscheibe gestikuliert. Die Hand hat eine Narbe, vielleicht, weil das Glas farbig war. In Pula, in Kroatien, waren wir 1987 bei einem miserabel organisierten Rockfestival eingeladen. Die Band, die nach uns spielen sollte, hat sich über die achtstündige Verzögerung so geärgert, dass sie eine Schlägerei angezettelt hat. Davon habe ich eine Narbe an der Augenbraue zurückbehalten. Und unser Schlagzeuger Mufti hat sich mit einem Wellblech mal das halbe Bein abgesäbelt.
SPIEGEL: Welche Schäden nahm das Publikum?
Bargeld: Dem ist nie was passiert, auch wenn unsere Auftritte durchaus infernalisch waren.
SPIEGEL: Ihr Motto "Hör mit Schmerzen" hat Sie schnell berühmt und erfolgreich gemacht.
Bargeld: So leicht und schnell war das nicht. Wir sind in einem Berliner Biotop entstanden, und außerhalb Berlins wurden wir gehasst. Vor allem in Hamburg, wo die Hausbesetzer uns nicht hart und volksnah genug fanden: "Tod den Berliner Punks", stand an den Kneipenwänden. Die Hamburger wollten einfache Akkordstrukturen und einfache Texte, in ihrer Form vergleichbar mit dem, was heute Skinhead-Bands aus Ostdeutschland produzieren. Das war damals ein ziemlicher Schock.
SPIEGEL: Haben Sie die Einstürzenden Neubauten als Protestband gegründet?
Bargeld: Ich war Anfang der achtziger Jahre ungelernter Hausbesetzer mit anarchistischem Selbstverständnis. In der zehnten Klasse bin ich von der Schule geflogen. Ich wollte dann das Berufsschuljahr machen, und man sagte mir, man würde mich anrufen, wenn es eine Klasse für mich gebe. Es hat mich aber nie einer angerufen. Ich habe mal gearbeitet, mal Sozialhilfe kassiert, mal war ich krankgeschrieben. Also kam es so, wie die Rolling Stones in "Street Fighting Man" sagen: Was soll ein armer Junge tun? In einer Rock'n'Roll-Band singen.
SPIEGEL: Oder kriminell werden.
Bargeld: Das ist auch vorgekommen.
SPIEGEL: Was haben Sie angestellt?
Bargeld: Das möchte ich nicht sagen.
SPIEGEL: Sind Sie je erwischt worden?
Bargeld: Nie. Ich habe auch noch gezeichnet, und ich war damals in Berlin dabei, eine Karriere als Künstler zu starten. Ich war mir aber nicht sicher, ob ich Schriftsteller, Musiker oder Maler werden sollte - obwohl ich aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus komme, das ein künstlerisches Vakuum war. Geld verdient habe ich mit meinem kleinen Laden, in dem ich Kassetten von Berliner Bands verkaufte. Dann wurde ich zu einer Gruppenausstellung eingeladen, gerade als die Neuen Wilden aufkamen. Der Galerist bestellte bestimmte Bildformate bei mir, und ich dachte nur: "Was soll denn das jetzt?"
SPIEGEL: Das war das Ende der Maler-Karriere?
Bargeld: Genau, und ich bin am Ende ganz froh, dass ich Musiker geworden bin. Mich fragte dann jemand, ob ich nicht in seinem Club beim wöchentlichen Montagskonzert auftreten wollte. Er kannte meinen Namen, wusste aber nicht genau, was ich machte. Als er wissen wollte, wie meine Band hieß, habe ich spontan "Einstürzende Neubauten" gesagt. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin.
SPIEGEL: Die Band gab es aber gar nicht?
Bargeld: Nein. Eine Punkband hatte mich gefragt, ob ich mitspielen wollte. Weil die schon einen Gitarristen hatten, habe ich eben gesungen. Eigentlich wurde ich nur engagiert, weil ich mir mit Batikfarben die Haare bunt gefärbt hatte und geschminkt war, Lippenstift trug, Nagellack, total bizarr. Dann habe ich mir Leute zusammengesucht und mit denen eine Woche vor dem geplanten Auftritt die Einstürzenden Neubauten gegründet. Wir standen vor dem ökonomischen Nichts, da haben wir lieber etwas gemacht, als dazustehen und zu klagen. Diese Atmosphäre, in der jeder ständig etwas tun wollte, war eine der größten kulturellen Leistungen Berlins.
SPIEGEL: Es war die Zeit des fröhlichen Dilettantismus?
Bargeld: Des genialen Dilettanten, wie ich mich selbst mal auf einem Anstecker bezeichnet hatte. Aus dem Begriff wurde erst eine Theorie, danach ein Festival, und dann schrieb die Berliner Medienwelt ihn auf die Schublade, in die sie alles stopfte, was sie noch nicht kannte, auch die Einstürzenden Neubauten. Dilettant hatte ich übrigens, aus Unwissenheit, mit Doppel-L geschrieben.
SPIEGEL: War zur Zeit der Bandgründung klar, welche Musik Sie spielen wollten?
Bargeld: Nur die Instrumente waren festgelegt: Bass, Gitarre, Schlagzeug, Synthesizer und Gesang. Wir haben dann frei improvisiert, ohne Vorgaben, das war alles. Genau so haben wir uns auf die Bühne gestellt, gespielt, bis mir die Worte aus dem Mund fielen, und das alles aufgezeichnet. Mit dem Doppelrecorder haben wir zu Hause 40 bis 60 Kassetten davon kopiert, das Cover handgemacht und anschließend in meinem Laden verkauft. Ich treffe heute noch ab und zu Taxifahrer, die so ein Original haben.
SPIEGEL: Warum haben Sie Mitte der achtziger Jahre mit dem Bühnenchaos Schluss gemacht? Ihre neue Platte heißt sogar "silence is sexy"...
Bargeld: Irgendwann verkommt die Planlosigkeit zu einer Lüge. Wenn Spontaneität zum Programm wird, sieht doch alles gleich aus. Um dieser Lüge vorzubeugen, haben wir begonnen, uns mit Strukturen auseinander zu setzen - für Songs und für Auftritte.
SPIEGEL: Seitdem werden Sie vor allem von Feuilletonisten geliebt.
Bargeld: Die haben uns lange überhaupt nicht geliebt. Der komische Umschwung kam 1987 mit dem Theaterstück "Andi" von Peter Zadek am Hamburger Schauspielhaus.
SPIEGEL: Da waren Sie aber schon berühmt.
Bargeld: Das täuscht. Bekannt waren wir eher im Ausland. 1983 hatte ich sogar beschlossen, nicht mehr in Deutschland aufzutreten. Man hat uns hier erst ernst genommen, nachdem wir in England gefeiert wurden.
SPIEGEL: Warum?
Bargeld: Es gab landesweit eine tiefe Aversion gegen Berliner. Da war es schon besser, in Amerika aufzutreten, wo wir als Exoten galten und im schlimmsten Fall beantworten mussten, ob Berlin noch bewohnt sei oder nicht.
SPIEGEL: Sie haben immer in Berlin gelebt. Macht es Ihnen auch jetzt noch Spaß?
Bargeld: London ist auch nicht so toll. Aber ansonsten habe ich von Berlin keine Ahnung, ich lebe heute ziemlich eremitisch. Ich bleibe immer allein zu Hause.
SPIEGEL: Die Entwicklung von Blixa Bargeld ist also die vom Anarcho zum verbürgerlichten Wesen, das abends mit einem Glas Wein vor dem Fernseher hockt und hofft, dass keiner anruft?
Bargeld: Klingt nicht schlecht, leider ist es nicht so friedlich. Mehrmals im Jahr muss ich mich notgedrungen in meiner Wohnung verbarrikadieren, weil irgendwelche Durchgeknallten mal wieder versuchen, meine Haustür einzutreten.
SPIEGEL: Fans?
Bargeld: Im wahrsten Sinne des Wortes: Fanatiker. Irre, die Stimmen im Kopf hören, sie für meine halten und daraus das Recht ableiten, ihre Zeit in meinem Dachgeschoss verbringen zu dürfen. Wenn man bei mir im Haus aus dem Fahrstuhl kommt, ist man umgeben von Graffitis. Okay, das ist belanglos. Aber wenn man aus dem Fahrstuhl kommt, und da steht ein Koffer vor deiner Haustür und jemand liegt quer davor, kriegt man es doch mit der Angst zu tun. Manchmal bleibt mir nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen.
SPIEGEL: Warum ziehen Sie nicht um?
Bargeld: Das würde nicht lange vorhalten. Ich muss nur zum Bäcker gehen, und garantiert bekomme ich am nächsten Tag einen Brief: "Ich habe Sie im Laden gesehen und würde gerne Ihr Horoskop erstellen." Die Leute laufen mir hinterher und schauen, in welche Tür ich gehe. Die wollen keine Autogramme von mir, sondern Lebensweisheiten. Das allein verhindert eine bürgerliche Existenz, obwohl ich tatsächlich gern fernsehe, Wein trinke und koche.
SPIEGEL: Wie hat man sich das vorzustellen? Bargeld in der Bulthaup-Einbauküche?
Bargeld: Ich habe tatsächlich eine Bulthaup-Küche, woher wussten Sie das? Alles aus Buchenholz, super Schränke. Wenn man die Türen aufmacht, fahren die Regale von selbst raus.
SPIEGEL: Hatten Sie beim Kochen in Alfred Bioleks Sendung genau so viel Spaß?
Bargeld: Das war super, seitdem kennt mich auch mein Zeitschriftenhändler. Ich habe das Gericht zubereitet, das ich am liebsten mag, schwarzes Risotto.
SPIEGEL: Und ist es gelungen?
Bargeld: Der Moment, als ich die schwarze Tintenfisch-Soße über den weißen Reis gekippt habe, hat Biolek sprachlos gemacht. Ich habe das genossen. Die Stille war, wie immer, der schönste Moment.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,
MARIANNE WELLERSHOFF
DER SPIEGEL 14/2000
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