DER SPIEGEL



Deutschland

Was für ein tolles Gemurkse!

Von Mohr, Reinhard

Das kulturelle Leben boomt trotz der finanziellen Dauerkrise. Berlins neuer Metropolenreiz hat wenig mit Politik zu tun - und viel mit dem chaotischen Nebeneinander von großen Orchestern und Literatursalons, Theaterkrawall und Party-Protz, Love-Parade und Opernglanz. Von Reinhard Mohr

Ob Sonne, ob Regen, winters wie sommers, ob an Werktagen oder am Wochenende - der Strom der neuen Berlin-Touristen reißt nie ab. Englische Schüler, schwäbische Senioren, japanische Manager, gruppenweise oder in Paaren durchstreifen sie das alte jüdische Scheunenviertel in Mitte, fotografieren Ornamentreste und Granatenlöcher an wundersamerweise immer noch nicht eingestürzten Altbauten, gleiten in die Galerien der Auguststraße und wieder hinaus und verteilen sich gleichmäßig auf Museumsinsel, Lustgarten und Schlossplatz, bevor sie die Bars, Cafés und Restaurants füllen, in denen neben Falafel, Couscous und Hummus die Info-Broschüren fürs kulturelle Abendprogramm bereitliegen.

Castorfs Volksbühne, Peymanns Berliner Ensemble und das einst von Max Reinhardt geleitete Deutsche Theater liegen in fußläufiger Entfernung, und die gläserne Reichstagskuppel, in der die Besucher wie Ameisen emporsteigen, grüßt die goldglänzende Synagoge in der Oranienburger Straße: die demokratische Berliner Republik im täglichen Zwiegespräch mit den Abgründen ihrer totalitären Geschichte - demnächst noch um Haackes Erdhäufchen aus allen Gauen bereichert. Die Bevölkerung dankt.

Wer möchte, kann den literarischen Spuren Franz Biberkopfs zwischen Rosenthaler Platz und Sophienstraße folgen und am Abend in einer vierstündigen Inszenierung des Gorki-Theaters zusehen, wie der Schauspieler und Jungkneipier ("Trompete") Ben Becker, Berlins neuer Tresen-Juhnke, den Proleten Franz als Macho-Ben gibt, der gern mal die Hosen runterlässt: "Berlin Alexanderplatz" als Edel-Boulevard. Hier steppt der Bär auch ohne Slip, da ist noch das soziale Elend schön.

Nicht zuletzt der aktuelle Touristenboom zeigt: Jeden Tag wird Berlin ein bisschen mehr Paris, London, New York oder Rom. Und jeden Tag kommen Menschen aus aller Welt nach Berlin, um diesen Vorgang zu bestaunen. Nicht wenige, um ihn mitzugestalten, mitzuerleben - in Berlin zu wohnen und zu arbeiten. Neben Türkisch sind Englisch und Französisch inzwischen übliche Landessprachen. Und das ist erst der Anfang.

Aus dem Mythos Berlin wird in diesen Tagen - kaum zu glauben - tatsächlich die Metropole Berlin. Das Wunder freilich ist eher ein kulturelles als ein politisches Phänomen. Nicht zufällig gebärdet sich die Sphäre der Politik mit Vorliebe provinziell und pflegt nur rhetorisch hier und da die Metaphern des Neuen, Zukünftigen, während sie am Althergebrachten träge festhält und es gegen intellektuelle Eindringlinge zäh verteidigt.

Auch deshalb ist die kulturpolitische Debatte zwischen Finanznot und Klagegesang, Rücktritt und Neuanfang so schwindsüchtig und seltsam blutleer, voll routiniert heiserer Empörung und eingeübter Rituale. Sie ist selbst nicht auf der Höhe der Wirklichkeit, die sie doch verändern will.

Eine Stadt, in der Preußen und das Kaiserreich, die Weimarer Republik und Hitler, die DDR und das vereinte Deutschland, Ost und West in historischen Schichten präsent sind wie nirgends sonst in Deutschland, wird stets mehr sein als eine postmoderne Kulisse für häufig wechselnde Kunst- und Lebensstile. Sie ist selbst ein unendlicher Dramenstoff, ein Kosmos, mythisch aufgeladen, und ein soziales Experimentierfeld avant la lettre. Das ist die Faszination Berlins - dies- und jenseits von Haushaltslöchern, Strukturproblemen und Kompetenzstreitigkeiten.

Filme wie "Das Leben ist eine Baustelle", "Lola rennt", "Nachtgestalten", "Helden wie wir" und "Sonnenallee" vermittelten auf je eigene Weise Aspekte dieser jüngsten Metamorphose, für die kein einzelnes Großereignis (jenseits des Mauerfalls) und schon gar kein womöglich genialer Großkünstler mit einer Musilschen "Parallelaktion" verantwortlich ist - nicht einmal eine ominöse "Generation Berlin", die sich beim Edelitaliener zusammenrottet.

Im Gegenteil. Entscheidend ist die Summe all dessen, was in dieser riesigen Stadt gleichzeitig passiert, was gelingt und scheitert, gefeiert oder verrissen wird, was großartig und was lächerlich ist. Unübersehbar das Kulturangebot von Staatsoper und Off-Theatern, Upperclass-Partys und Underground-Events, In-In-Locations in Mitte und Outer-Space-Acts in Friedrichshain oder Pankow: Hier werden alle Widersprüche zwischen unten und oben, Ost und West, jung und alt zusammengeworfen - auch gegen den Willen der Betroffenen. Das macht die Sache manchmal anstrengend, aber auch sehr komisch.

Da ist zum Beispiel ein mittelmäßig aussehender, nicht mehr ganz junger Friseur namens Udo Walz, der Sabine Christiansen, Anouschka Renzi und Angela Merkel die Haare richtet, ein gefeierter Star und Frauenschwarm, der schon seine Autobiografie ("Waschen, Schneiden, Leben") veröffentlicht hat - ein schier unfehlbarer Garant für A-Events unter all den A-, B- und C-Partys ebenso wie die extrem blonde und extrem amerikanische Ehefrau des Schweizer Botschafters, Shawne Borer-Fielding, von der allerdings bislang noch kein wegweisendes Wort zum Geist der Zeit überliefert ist. Aber die Figur!

Davon völlig unbeeindruckt schießen derweil literarische Salons aus dem märkischen Sand - es wird gelesen, geplaudert und diskutiert, mit und ohne Lachshäppchen, als gelte es das Leben.

In der Friedrichshainer Knorre etwa wurde vergangenen Donnerstagabend die "Show zum Buch" präsentiert - mit dem emblematischen Titel "Im Osten kocht man auch sein Süppchen" (was kein West-Berliner je bestreiten würde). Die Connaisseure unter ihnen gehen dennoch lieber Sonntagmittag zu "Dr. Seltsams Frühschoppen" in die "Kalkscheune".

Im Salon "An einem Sonntag im August ..." entspann sich letzte Woche wieder mal "Erotisches zur Nacht. Alexandra Madincea: Hot Nights - Heiße Nächte", und im "Lichtenberger Kulturverein" las Hermann Kant, einst linientreuer Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, daneben auch mal Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, zum 100. Geburtstag von Anna Seghers - und erzählte "Geschichten", seine Geschichten. Gleichzeitig präsentierten sich auf der "Chaussee der Enthusiasten" in der "Tagung" die nach eigener Auskunft "schönsten Schriftsteller Berlins", junge Surfpoeten des Ost-Berliner Keller-Untergrunds, die noch jede Bordsteinkante aus eigener Anschauung kennen.

Doch auch oberhalb der Gully-Ebene im harten Metropolenalltag spielen sich virtuelle Begegnungen der dritten Art ab. Während Wolf Biermann, halb alter Osten, halb neuer Westen, vor einigen Wochen im ausverkauften Berliner Ensemble drei Stunden lang so poetisch und altersweis über die Gegenwart des Vergangenen sang, als gäbe es tatsächlich eine Zukunft, stimmten die jungen Neo-Nihilisten der Schaubühne am Kurfürstendamm um Thomas Ostermeier ein paar Taximinuten weiter westlich den radikalen Abgesang auf die Gegenwart an, als müsse man jede Hoffnung fahren lassen - abgesehen von der nächsten Schaubühnen-Premiere. Die freilich wird abermals in Abgründe von Entfremdung, Einsamkeit und Kommunikationsverweigerung blicken lassen. Trotz aller gegenteiligen Aufrufe und Bemühungen: Der kulturelle Diskurs wird überwiegend als Monolog absolviert, als ein kakophonisches Nebeneinander von Bekenntnissen, Ängsten und Sehnsüchten.

"Erzählt euch eure Geschichten!", lautete vor Jahren der Rat wohlmeinender Volkspädagogen, um die "Mauer in den Köpfen" zu überwinden. Die boomende Kulturszene beweist: Geschichten gibt es jede Menge, doch sie fügen sich zu keiner großen, alles überwölbenden Erzählung, zu keiner Metropolen-Saga 2000.

"Das Leben zerflattert und zerstiebt heut", schrieb Alfred Kerr bereits vor über hundert Jahren in seinen "Briefen aus der Reichshauptstadt" am 29. September 1895. Aber das Fragmentarische - Achtung: Die Moderne lebt! - ist zugleich bunt und unterhaltsam: "Der getreue Chronist, der die amüsante Aufgabe hat, in regelmäßigen Abständen Bilder des jeweiligen Berlins zu geben, gibt Mosaikbilder."

Zwei Wochen zuvor hatte Kerr den Stand des trivialen Augenblicks notiert: "Auf dem Gebiete der niederen Kunst haben auch die subtiler Empfindenden, die verwöhnteren und perverseren Großstadtelemente, gegenwärtig ihr Hauptvergnügen."

Genauso ist es. Heute treffen sich die gleichen Großstadtelemente, die üblichen Verdächtigen aus Politik, Kultur und Medien in der "Bar jeder Vernunft" zur Premiere des neuen Kabarettprogramms der "Geschwister Pfister", unter ihnen Walter Momper und Meret Becker, Renate Künast und Wolfgang Menge, Sandra Maischberger und Otto Sander.

"Im Getümmel gesichtet" heißt es dann beflissen kokett am nächsten Tag in der Zeitung, und wessen Name da fett gedruckt erscheint, der kann frohgemut zur nächsten Vernissage pilgern, das nächste "Grand Opening" einer neuen Lounge oder einer Bankdependance ansteuern: Für ihn wird immer ein Glas Sekt bereitstehen. Den B- und C-Eventgängern aber bleibt immer noch das Restaurant "Borchardt" am Gendarmenmarkt, wo der Kanzler (samt Wiener Schnitzel) zu besichtigen ist, Erich Böhme vorm Dessertteller und Hellmuth Karasek beim öffentlichen Nachdenken über die nächste Kolumne für den "Tagesspiegel".

Auch die Berliner Philharmoniker verlangen keine VIP-Einladung fürs Dabeisein und Zuhören. Weiterer Vorzug: Sie sind wirklich exzellent und besitzen Weltgeltung - gleichsam das Brandenburger Tor der internationalen Klassik-Szene mit dem Briten Simon Rattle als künftigem Chefdirigenten.

Die drei Opernchefs am Platze kämpfen derweil noch um die Pole-Position. Je eitler sie sich aufplustern, desto häufiger prallen sie mit der Kulturbürokratie zusammen. Gemeinsam beanspruchen sie fast 250 Millionen Mark pro Jahr. Mit teuren, repräsentativen Großunternehmen, etwa Richard Wagners "Ring des Nibelungen", kamen sich vor allem Staatsoper (Ost) und Deutsche Oper (West) immer wieder schwer ins Gehege. So geriet die gesamte Opernszene ins Zwielicht - immer wieder wird über die Schließung eines der drei Häuser spekuliert.

Allein, die einzigartige Aura Berlins macht nicht zuerst die ganz große Kunstanstrengung aus - DDR-deutsch "Weltniveau" -, sondern das schwer entwirrbare, zuweilen auch schwer erträgliche Neben- und Ineinander von Extremen, jene riesige Ansammlung von Möglichkeiten, die ihre Form suchen: Berlins ewiges Lärmen, Protzen, Werden.

"Wird nicht wirklich in dieser gesegneten Stadt ein bisschen viel projektiert? Wird nicht ein bisschen viel hergemacht? Vorschusslorbeer? Wechsel auf die Zukunft? Wie -?" Kurt Tucholsky fragte so, im Jahre 1919. Gerade war die Novemberrevolution gescheitert, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Freikorpsoffizieren ermordet, der Ex-Monarchist Ebert zum sozialdemokratischen Reichspräsidenten gewählt worden. Es folgten die wilden Zwanziger. Marlene, Hitler, Ulbricht, Kohl. Und Diepgen. Und Landowsky, Radunski, Saberschinsky.

1929 schrieb Alfred Döblin in seinem Meisterwerk: "Am Alexanderplatz murksen und murksen sie weiter. In der Königstraße Ecke Neue Friedrichstraße wollen sie über dem Schuhhaus Salamander das Haus abreißen, daneben das brechen sie schon ab."

Murksen, brechen, abreißen. So ist es noch heute. Und es wird gestritten: steinerne Fassaden in der Tradition Schinkels und Stülers oder Glas und Stahl? Hoch hinaus, wie es die Planung am Alexanderplatz vorsieht, oder immer schön der Traufhöhe entlang? Wohlfühl-Architektur à la Hotel Adlon (wo es sich auch das popkulturelle Quintett mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht ein Wochenende lang in ihrer "Tristesse Royale" gemütlich machte) oder Spacig-Provokatives wie das Sony-Center am Potsdamer Platz?

Wie ein "Reißzahn" wollte Claus Peymann mit seinem Berliner Ensemble in dieses ganze Piefke-Gewimmel fahren und Schröders neue Mitte nach allen Regeln fortschrittlicher Bühnenkunst zerlegen - doch aus der großen Attacke eines neuen, politischen Theaters wurde erst mal nichts. Lähmende Langeweile und hölzernes Agieren auf den alten, runderneuerten Brettern boten sowohl George Taboris "Brecht-Akte" als auch Peymanns Einstandsinszenierung "Das Ende der Paarung", eine Kolportage des bayerisch-kanarischen Dramatikers Franz Xaver Kroetz über den Selbstmord der grünen Helden Petra Kelly und Gert Bastian. Aus dem Versuch, das tragische - und buchstäblich tödliche - Scheitern einer politischen Utopie zu zeigen, wurde eine zähe Strindbergiade, biederer Naturalismus, konventionelles Stadttheater. Am Ende machte es piff, paff.

Da auch die neue Schaubühnen-Mannschaft trotz kraftvoll radikaler Programmatik noch mit Anlaufschwierigkeiten kämpft und das Deutsche Theater des scheidenden Intendanten Langhoff zuletzt eher Hohn und Spott, gar Mitleid erntete, kann Altrebell (Ost) Frank Castorf von der Volksbühne die erste Runde im Berliner Theaterwettlauf für sich buchen. Nur der jämmerliche bauliche Zustand seines Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz trübt die Zwischenbilanz - weiter sparen hieße hier tatsächlich nur noch: abreißen.

Das neue Berlin hat viele Sänger und noch mehr Kritiker, es hat die Love-Parade und die Festspiele, den Roten Salon und die Newton Bar, das Deutsche Historische Museum und die Nationalgalerie, Kreuzberger Nächte und den Endlosstreit um das Holocaust-Mahnmal - aber es hat nur einen wahren Orpheus, um all dies für die Nachwelt festzuhalten, zu werten und zu ordnen, die Saga am Ende doch noch zu schreiben: die "Berliner Seiten" der "FAZ". Tagtäglich wird hier auf sechs großen Zeitungsblättern der Rohstoff des Metropolenlebens, frisch gemahlen, in feinen Dosen ausgebreitet und zart verstreut - feuilletonistisches Rorschach.

Da reiht sich Glosse an Randbemerkung, ein hingetupftes Stück ("Haftpflicht für Kampfhunde") jagt das andere ("Einstürzende Opernbühnen"), Theaterrezensionen konkurrieren mit Erwägungen über Torf und Mischerde aus dem ostfriesischen Ostrhauderfehn, doch Höhepunkt des publizistischen Wirkens ist zweifellos stets die Spalte "WebCam", die uns am Fortsetzungsroman der Stadt teilhaben lässt und ganz, ganz nah draufzoomt: "21.15 Uhr, S-Bahn-Bogen 584. Über den Köpfen der Gäste im Sachiko fährt eine S-Bahn in Richtung Bahnhof Zoo. Gläser klirren. Fußgänger schauen von der Savignypassage durch die großen Fenster ..."

Vierzig Zeilen und dreizehn Minuten später dann die Erlösung: "Ich habe schon eine Wohnung, sagt ein junger, braun gebrannter Mann, der am Ausgang sitzt, zu ihr, als sie die Sushi-Bar verlässt. 21.27 Uhr."

Besser hätte es Alfred Döblin auch nicht formulieren können. Jetzt wissen wir es wieder: Berlin ist ein Roman.


DER SPIEGEL 15/2000
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