DER SPIEGEL



MUSIKFERNSEHEN

Singendes Gummizeug

Von Arnu, Titus

Trickfilm-Videoclips sorgen für Abwechslung im Pop-Einerlei der Musiksender Viva und MTV. Ein Stuttgarter Studio profitiert vom Erfolg der bunten Ware.

Die Band E-rotic widmet ihre Arbeit erschöpfend dem Abenteuer geschlechtlicher Vereinigung. Mit dem Titel "Max Don''t Have Sex with Your Ex" begann ihre Karriere, mit "Fritz Love My Tits" oder "Help Me Dr. Dick" bekräftigten die Musiker den Eindruck, dass es ihnen nur um das eine geht.

Vorläufiger Höhepunkt im Schaffen der wunderlichen Dancefloor-Formation ist das Album "Gimme Gimme Gimme", das in Japan derzeit Platz eins der Album-Charts belegt. Möglicherweise hätten E-rotic es aber nie bis zur Veröffentlichung von sieben Alben gebracht, hätte der Stuttgarter Trickfilmzeichner Zoran Bihac nicht so viele bunte Weichteile für ihre Songs gemalt.

Im Auftrag der Sex-Maniacs produzierte Bihac bizarre Mini-Kunstwerke, die Wissenschaftlern Stoff für dicke Interpretationswerke liefern dürften. Der musikalisch und textlich eher schlichte Titel "Fritz Love My Tits" etwa animierte Bihac zur Schaffung eines ganzen Universums aus bebenden Brüsten, für andere E-rotic-Songs schuf er singende Penisse.

Es waren wohl erst Bihacs verwegene Clips, die der musikalisch bedeutungslosen Band im Programm der Musiksender MTV und Viva zu Dauerpräsenz verhalfen - heutzutage Grundvoraussetzung für den kommerziellen Erfolg jeder Popgruppe.

Weil der Trickfilmer Bihac und seine Kollegen im Musikgeschäft mittlerweile einen tollen Ruf genießen, lassen sich unbekannte Hitparaden-Aspiranten wie der Italiener Gigi D''Agostino in der Stuttgarter Produktionsfirma "Film Bilder" knallige Trickfilm-Clips basteln. "Bei Viva und MTV werden die Videos mit Kusshand genommen", sagt der Regisseur Jürgen Haas, der im Auftrag von Film Bilder Clips produziert.

Angesichts der Konkurrenz ist der Erfolg der Trickfilmer nicht verwunderlich: Die Zeichen-Clips sind eine wohltuende Abwechslung gegenüber der Alltagsware in den Musikkanälen, die fast immer cool in die Kamera grinsende Popstars zeigen.

Film Bilder ist spezialisiert auf Trickfilme für die Pop-Industrie. Außerdem produzierte man dort für den Spielfilm "Lola rennt" die Trickfilmsequenzen und bringt für die Werbeindustrie Kühe zum Tanzen.

Warum aber spielt die Film-Bilder-Erfolgsstory ausgerechnet im Schwabenland? Das hat offenbar damit zu tun, dass Albrecht Ade, künstlerischer Leiter der Ludwigsburger Filmakademie und Gründer des Stuttgarter Trickfilmfestivals, sich seit Jahren um die Ausbildung von Zeichnern und Computer-Animations-Spezialisten bemüht.

Fast alle der Film-Bilder-Mitstreiter stammen aus Ades Grafik-Design-Klassen, berichtet Thomas Meyer-Hermann, der Geschäftsführer des Studios. Zu seinen Kunden gehören viele Stars aus der deutschen Popwelt: Die Stuttgarter HipHop-Gruppe Freundeskreis gab einen Film zum Titel "Esperanto" in Auftrag. Der Cartoon-Clip "Zehn kleine Jägermeister" (Regie: Andreas Hykade und Sabine Huber) verhalf den Toten Hosen vier Wochen lang zu Platz eins in der Hitparade und wurde 1996 mit dem Echo Award belohnt. Das Knetgummivideo "Ich wär so gern so blöd wie du" für Tic Tac Toe erhielt 1998 gar den Preis für den besten Werbefilm beim Trickfilmfestival in Annecy.

Die Kosten einer Trickproduktion sind mit denen eines Realfilms durchaus vergleichbar. Drei- bis Fünf-Minuten-Clips sind ab 50 000 Mark zu haben, aufwendige Produktionen kosten bis zu 5 Millionen Mark.

Den Siegeszug der Animationsvideos bremst bislang allein die Eitelkeit vieler Popstars: Die Musiker ziehen konventionelle Realfilme, in denen sie nett frisiert ins Mikro trällern, meist der Darstellung durch lustige Knetmännchen vor. "Entweder eine Band ist so uneitel, dass sie auf ihre eigenen Gesichter verzichtet, oder es handelt sich um Techno - da ist der Musiker nicht so wichtig", sagt der Zeichner Hykade.

Manchmal wirken die Musiker mit beim Trickfilmbasteln. Für einen Clip zum Titel "Esperanto" etwa steuerten die Künstler von Freundeskreis eine lokalpatriotische Idee bei: Eine Hauptrolle im "Esperanto"-Clip spielt der Stuttgarter Fernsehturm. TITUS ARNU

* Regisseur Hykade, Musiker D''Agostino, Regisseur Ged Haney.

DER SPIEGEL 15/2000
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