10.04.2000

TOURISMUSSonnenbrillen verboten

Ein Job als Animateur ist der Traum vieler junger Leute, die dem Alltagstrott entfliehen wollen. In Crashkursen werden sie für den Dienst am Cluburlauber trainiert.
Der Alptraum eines Animateurs sieht etwa so aus: Gut gelaunt spaziert der junge Mann (oder die junge Dame) zum Pool, nimmt das Mikrofon, kündigt eine Aerobicstunde im Wasser an - und keiner macht mit.
Alles schon passiert, sagt Thomas Fehrs, 35. Aber einer wie Fehrs, der schon seit vielen Jahren im Geschäft ist, kennt kein Verzagen. Sein Rat: "Liegen-Aerobic hilft immer." Die Menschen im Sonnenstuhl sollen erst langsam das rechte Augenlid heben, dann das linke. Danach den rechten Zeigefinger, dann den linken. Das ganze mit sanfter Erika-Berger-Stimme moderiert, und schon seien alle gut drauf, verspricht Fehrs.
Fehrs bildet im Auftrag der TUI-Tochter 1-2-Fly Nachwuchsanimateure aus. Die Firma bietet Pauschalreisen rund ums Mittelmeer und in die Dominikanische Republik an, der Workshop findet in Damp an der Ostsee statt. Die Jung-Entertainer sollen hier in einer Woche lernen, wie man Urlauber glücklich macht. Diese Schnellkurse sind ein gängiges Mittel der Clubveranstalter, um die Animateure auf die Saison vorzubereiten.
Zwar haben sich Edelclubs wie Robinson oder Club Med mittlerweile von der klassischen Animation verabschiedet, doch billigere Anbieter wie Club Aldiana und Neckermann Family Club, der Magic Life Club oder die 1-2-Fly-Fun-Clubs sind offenbar gerade wegen der Animateure gut im Geschäft. In der Sommersaison 1998 arbeiteten bei dem TUI-Unternehmen 120 Animateure in 14 Clubanlagen, jetzt sind es schon 450 Stimmungsmacher in 48 Clubs, in denen pro Saison eine viertel Million Gäste erwartet werden.
Vier Workshops waren dieses Jahr bereits in Damp angesetzt, jeder kostete rund 100 000 Mark. "Wir wollen unseren Gästen keine Ballermann-Animation bieten", sagt der Organisator Alexander Hass, "und das lassen wir uns was kosten."
Bewerben kann sich jeder, der kontaktfroh, flexibel und belastbar ist. "Animation ist harte Arbeit", sagt Hass. In Damp werden die Teilnehmer in Gruppen eingeteilt: Sport-, Kinder-, Gymnastik- und Musikanimation. Morgens um acht beginnt das Programm mit Aerobic. Danach folgt im großen Konferenzsaal der gemeinsame Clubtanz.
Zum Programm gehören auch "allgemeine Verhaltensregeln": kein Alkohol, keine Drogen, keine Badelatschen, keine Sonnenbrille beim Gespräch mit dem Gast. Außerdem muss jede Gruppe eine eigene Abendshow einstudieren. Das Programm geht bis in die tiefe Nacht.
"So drei, vier Stunden Schlaf pro Nacht schaffe ich vielleicht", sagt Antonia Friedrich, die mit Sportanimateuren Musical-Choreografien übt. "Aber die puschen dich hier mit Musik und Teamgeist total hoch." Die 22-Jährige hat sich beworben, nachdem ihr Versuch, an verschiedenen Schauspielschulen genommen zu werden, scheiterte.
Allzu viel Geld ist im Animationsjob nicht zu verdienen. Das Monatsgehalt beträgt rund tausend Mark netto, Kost und Logis sind frei. Die meisten haben sich beworben, weil sie keine Lust mehr auf ihren Acht-Stunden-Job haben oder "noch was erleben" wollen, bevor sie 30 sind. Ramona Eickner, 21, etwa ist genervt vom deutschen Wetter und will nach Ibiza. "Da sind coole Leute und coole Partys." In Damp fühlt sie sich "wie im Film", wenn auch die Beobachtung durch die Ausbilder stresst: "Die gucken schon sehr genau, ob du spätabends noch motiviert bist."
Denn wer nicht die richtige Power hat, ist ungeeignet. Beim letzten Workshop hat Hass jemanden nach drei Tagen nach Hause geschickt. "Animation kann nur gut machen, wer wirklich dahinter steht, sonst hält man nicht mal den halben Sommer durch." Und das ist schlecht fürs Team.
Chefanimateure, die schon Berufserfahrung vorweisen können, heißen folglich Teamleiter. Sie sollen in Damp lernen, ihre Truppe zu koordinieren, sind dauergebräunt, nach Deutschland, sagen sie, zieht sie kaum noch etwas.
Und doch wollen die meisten in der kalten Heimat sesshaft werden, womöglich mit einem Job in der Zentrale eines Reiseveranstalters. Und wenn das Fernweh allzu sehr zwickt, fliegen sie für eine kurze Kontrolle ins "Zielgebiet", um selbst das Mikro in die Hand zu nehmen. Denn, so Fehrs, "Animieren macht süchtig". BRITTA KUHN
Von Britta Kuhn

DER SPIEGEL 15/2000
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