10.04.2000

KINOHorrorväter und Wunderkinder

Bei der Berlinale im Februar gewann der Hollywood-Glücksjunge Paul Thomas Anderson für „Magnolia“ den Goldenen Bären. Sein Drei-Stunden-Film ist ein vielfiguriges, überbordend ereignisreiches Familienschicksalspanorama made in Los Angeles. Von Urs Jenny
Seltsamer Titel, "Magnolia", nichts weiter, und er bleibt seltsam, auch wenn man, jenseits des Botanischen, die greifbaren Erklärungen zur Kenntnis nimmt. "Magnolia Boulevard" heißt einer jener Boulevards, die im nördlichen Los Angeles in regelmäßigen Abständen das San Fernando Valley in schnurgerader Ost-West-Richtung durchziehen.
Diese schier endlose, meist im Dunst liegende und gewitteranfällige Ebene des San Fernando Valley ist das glanzlose Hinterland Hollywoods, Suburbia in quintessenzieller Langweiligkeit; kein berühmter Film spielt dort, außer "E.T." Es soll Leute geben im San Fernando Valley, die noch nie das Meer gesehen haben.
Der Film "Magnolia" wahrt die klassische Einheit von Zeit und Ort, indem er an einem Tag und der folgenden Nacht im San Fernando Valley spielt. Doch was die Handlung angeht, greift er weit aus und verknüpft etwa ein dutzend Einzelschicksale zu einem Gruppenporträt.
Es ist heftig bewegend, es ist mitreißend, es ist bestürzend, es ist emotions- und ereignisüberladen, es ist kühn in seiner Erzählstruktur (die das mächtige Vorbild von Robert Altmans "Nashville" und "Short Cuts" ermutigt hat), es riskiert wilde Ausschläge ins Melodramatische, Surreale, Mirakulöse, es ist eine Tour de Force auch in der Vielfalt seiner filmischen Mittel, und es ist gut drei Stunden lang: ein Mordsding, alles in allem, wie man es nicht so oft zu sehen bekommt.
Paul Thomas Anderson, geboren 1970, ein schmaler, dunkelhaariger Bursche, der eine geradezu rasende Energie ausstrahlt, steht mit diesem Film als einer der überragenden Macher im US-Kino seiner Generation da. Er versteht sich gleichermaßen als Schriftsteller wie als Regisseur (würde also nie das Drehbuch eines anderen Autors inszenieren wollen) und beweist, obwohl er doch Autodidakt ist, jenseits des Spektakulären einen enormen Instinkt für die Möglichkeiten seiner Schauspieler (wofür diese ihm mit Treue danken): Es ist eine Lust, ihnen und ihrem Zusammenspiel zuzusehen - auch das hat "Magnolia" in Berlin verdientermaßen den "Goldenen Bären" eingebracht.
"Magnolia" leistet sich, bevor die eigentliche Chronik eines typischen gewitterträchtigen San-Fernando-Valley-Tags beginnt, als Prolog ein kleines kinematografisches Feuerwerk: Anderson erzählt in Kurzform drei haarsträubend unglaubliche und also schrecklich komische Mord-und-Selbstmord-Geschichten, die auf das größere Todesthema vorausweisen und zugleich den Blick für unwahrscheinliche Zufälle und phantastische Koinzidenzen schärfen.
Die erste dieser Anekdoten spielt im Jahr 1911: Für einen gemeinsam begangenen Raubmord werden im englischen Ort Greenberry Hill drei Männer namens Green, Berry und Hill gehenkt. Anderson hat das als flimmernden Schwarzweißstreifen mit einer Handkamera von damals gekurbelt - die geradezu überschießende Lust am Detail, die sich schon in dieser Miniatur meldet, verschafft dem Film später noch ein paar märchenhafte Momente. Manchmal allerdings, später, nimmt er sich auch ein bisschen zu ernst.
Die erste Person, die man dann im San Fernando Valley näher kennen lernt, ist ein Polizist namens Jim (John C. Reilly): keiner der schneidigen Kerle vom LAPD, die man in Thrillern gern mit Geheul und rauchenden Reifen durch die Stadt brettern sieht, vielmehr ein scheinbar einfältiger, schwerfälliger Einzelgänger, der vor Dienstantritt betet, der auch (was unter seinesgleichen selten ist) allein seine Streifenrunden dreht und (was noch seltener ist) eine entschiedene Abneigung gegen Four-Letter-Words zeigt.
Dieser Jim ist manchmal ein rechter Tollpatsch, der seinen Schlagstock fallen lässt oder (was das Schlimms- te ist) unterwegs seine Dienstpistole verliert. Und doch beginnt man diesen vermeintlichen Trankopf, der auf seine tranige Art alles genau richtig macht, im Lauf des Tages zu lieben, als wäre er einer der 36 Gerechten oder der heimliche Schutzengel des Magnolia Boulevards: Er verliebt sich an diesem Tag, und deshalb gehört ihm auch die letzte Szene des Films, ihm und dem rätselhaft verheißungsvollen Lächeln seiner Claudia (Melora Walters).
Als Erstes aber, in der wüst-komischen ersten Szene, steht dieser Polizist mit plötzlichem Erschrecken vor einer Leiche, vor einem erschlagenen Mann. Der sei zu Hause ein brutaler Prügler gewesen, so hört man; ob aber seine Frau ihn erschlagen hat, die dann die Tat auf sich nimmt, oder sein Sohn, der abgetaucht ist, bleibt offen.
Der Tote ist der erste in einer Reihe von tyrannischen Vätern (zwei weitere werden im Gang dieses Tages sterben) und deren beschädigten Kindern, die die Hauptfiguren in "Magnolia" sind, darunter zwei "Wunderkinder", die als Sieger in einer Fernseh-Quizshow zu Stars geworden sind. Gegen Ende, als ein neuer Tag dämmert, fasst eines dieser Wunderkinder, ein verängstigter kleiner Junge namens Stanley (Jeremy Blackman), sich ein Herz und weckt seinen herzlosen Vater mit dem Satz: "Du musst netter zu mir sein, Dad!"
Für den anderen dieser Wunderknaben, Donnie (William H. Macy), liegt sein Augenblick des Triumphs, seine Viertelstunde Berühmtheit, schon ein paar Jahrzehnte zurück; nur der joviale Quizmaster von damals zieht, schon dem Tode nah, gnadenlos noch immer dieselbe Show ab. Donnie hingegen, ein runzlig gewordener Kümmerling und Pechvogel mit zwei linken Händen, der nicht nur von seinem Vater einst um den Siegespreis betrogen, sondern später auch noch von einem Blitz getroffen wurde, ist der schwärmerischste und närrischste Verliebte in diesem Figurenreigen.
Er hat sich eine Zahnspange anpassen lassen, weil er hofft, er könnte mit diesem Schmuck die Gunst des Burschen hinter dem Tresen seiner Stammkneipe gewinnen, was reichlich absurd ist - doch noch in derselben Nacht schlägt Donnie sich bei einem Sturz die Zähne ein und kann die Spange nun also wirklich brauchen: So bekommt Zufall, multipliziert mit Absurdität, einen Sinn. Und die Tatsache, dass der kleine Stanley sich bei seinem letzten Quizshow-Auftritt in die Hose gepinkelt hat, könnte - falls die Chaostheorie Recht behält - der Grund dafür sein, dass in dieser Nacht auf den Magnolia Boulevard ein Gewitter von strampelnden Fröschen herunterprasselt. Ein Klacks, verglichen mit Hitchcocks Vögeln, aber vielleicht etwas Kathartisches.
Im Umkreis dieses Magnolia Boulevards ist Paul Thomas Anderson auf die Welt gekommen und herangewachsen. Er lebt noch immer dort und kann sich nicht vorstellen, je wegzuziehen; der Meeresblick von Beverly Hills oder Malibu fehlt ihm nicht. Andersons Vater, erfolglos als Schauspieler und Fernseh-Präsentator, ernährte die vielköpfige Familie mit seiner Stimme, die für TV-Serien-Ansagen und Commercials gefragt war - es mag eine so vertrauensvoll sonore Erzählerstimme gewesen sein wie jene, die Prolog und Epilog von "Magnolia" trägt und als Fazit all dieser Familienschicksale zitiert: "Wir mögen mit der Vergangenheit fertig sein, doch die Vergangenheit ist nicht fertig mit uns."
Der junge Anderson entwickelte sich, vom Vater angeregt und gefördert, zu einem frühreifen, auch ungeduldigen Film-Besessenen und brachte schon mit 25 Jahren seinen ersten kleinen Kinofilm "Sidney" zu Stande, der 1996 in einer Erstlingsreihe beim Festival in Cannes präsentiert wurde und später im Kino unter dem Titel "Hard Eight" Kritiker-Beifall, doch kein Publikum fand.
Da die Story dieser subtilen, vielleicht etwas zu literarischen Gangsterballade sich in der Flitterwelt der Spielcasinos bewegt, die für Kalifornien nicht typisch sind, drehte Anderson den Film im Zockerparadies Reno (Nevada). Doch dann scheint er sich entschlossen zu haben, der Heimatfilmer des San Fernando Valleys zu werden - indem er auf jene auffällig fensterlosen Lagerhäuser in der Nachbarschaft zuging, die er schon als Junge mit wilden Phantasien umkreist hatte: Es waren lauter verschwiegene Porno-Produktionsklitschen.
An die 90 Prozent des amerikanischen Pornofilm-Business, einer typischen Mittelstandsbranche, seien, so sagt Anderson, im biederen San Fernando Valley angesiedelt, und mit halb nostalgischer, halb ironischer Unverschämtheit hat er in seinem zweiten Film "Boogie Nights" deren heimlichen Horror wie deren entschwundenen Siebziger-Jahre-Glamour noch einmal heraufbeschworen.
Die Schauplätze für "Boogie Nights" suchte er sich, wie er sagt, in einem Radius von 15 Autominuten um sein Haus, damit er sich (wie der bewunderte Stanley Kubrick) am Ende jedes Drehtags im eigenen Bett schlafen legen konnte. Bei "Magnolia" sah die Logistik kaum anders aus - denn ganz nebenbei war Anderson bewusst geworden, wie viel am Produktionsbudget man spart, wenn alle Mitwirkenden, Akteure wie Techniker, abends wieder nach Hause fahren können. Und er hatte auch kapiert: Je weniger ein Film kostet, desto mehr Eigensinn alias "künstlerische Freiheit" können die Macher ihren Finanziers abtrotzen. Nur weil "Magnolia" als Billigproduktion galt, hatte Anderson Pleinpouvoir; nicht einmal den Wunsch der Geldgeber, das vollendete Werk von 188 auf weniger als 180 Minuten zu trimmen, hat er erfüllt.
Die Business-Welt, die den Hintergrund zu "Magnolia" bildet, auch sie typisch fürs San Fernando Valley, versorgt die Welt mit zynischem Entertainment und TV-Tralala vom Fließband. Da ist der gockelhafte, geölte Sex-Guru (Tom Cruise), der in Seminaren einer Möchtegern-Macho-Kundschaft sein Erfolgsprogramm "Seduce and Destroy" verkauft; und da ist, wie sich herausstellt, sein gehasster, verleugneter Vater, der mächtige, nun qualvoll dahinsterbende TV-Produzent (Jason Robards) mit seinem geduldigen letzten Pfleger (Philip Seymour Hoffman) und seiner immer am Rand eines Nervenzusammenbruchs taumelnden jungen Frau (Julianne Moore). Da ist der onkelhaft nette alte Kinder-Quizmaster mit pädophiler Schlagseite (Philip Baker Hall), und da ist seine für immer vor ihm davongelaufene Tochter Claudia, ein flatteriges Kokainhühnchen, in das sich ausgerechnet der Streifenpolizist verliebt.
Zu Andersons Produktivkraft gehört seine Treue: Seit dem bescheidenen Erstling "Hard Eight" hält er an Kameramann, Ausstatter, Cutter und anderen Crew-Mitgliedern fest. Auch drei Hauptdarstellern von damals - John C. Reilly, Philip Baker Hall, Philip Seymour Hoffman - hat er nun zum dritten Mal eine lohnende Rolle geschrieben, und weil auch viele aus "Boogie Nights" unbedingt wieder dabei sein wollten, geriet "Magnolia" so lang.
Zum wichtigsten Arbeitspartner für Anderson wurde aber diesmal die Liedermacherin und Sängerin Aimee Mann. Es gebe ja, so sagt er, keine Rezepte für die Struktur eines Drei-Stunden-Films, und da er schon beim Schreiben immer Musik höre, sei er zum Schluss gekommen, in einem solchen Langstreckenwerk könne die Musik als treibende Kraft gar nicht stark genug sein. Aimee Manns Lieder für den Film entstanden zugleich mit dem Drehbuch, sie haben seinen Anfang mitbestimmt und tragen ihn nun mit kraftvoller Emphase bis zum Schluss.
Der Titel "Magnolia", wohl wahr, bleibt (trotz einer Magnolie auf dem Poster) etwas beliebig. Anderson gibt zu, er habe vielleicht unbewusst an "Magonia" gedacht, eine Art himmlisches Bermuda-Dreieck im Zenit. Es soll vorkommen - Anderson beruft sich in dieser Sache auf einen obskuren Mythomanen namens Charles Fort, dessen Bücher auf Deutsch "Zweitausendeins" vertreibt -, dass verlorene Gegenstände aus diesem Himmelsloch herabfallen. Ob Beten dabei hilft, ist nicht bekannt, doch die verlorene Dienstpistole fällt dem Streifenpolizisten mitten auf dem Magnolia Boulevard aus dem Himmel vor die Füße.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 15/2000
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