10.04.2000

„Wow! Es könnte doch Frösche regnen!“

„Magnolia“-Regisseur Paul Thomas Anderson über eine katholische Kindheit
SPIEGEL: Mr. Anderson, Sie konnten an Neujahr nicht nur das neue Jahrtausend, sondern auch Ihren 30. Geburtstag feiern ...
Anderson: Nein, Unsinn. Ich weiß nicht, warum in allen amerikanischen Datenbanken der 1. Januar als mein Geburtsdatum steht. Ich werde erst Ende Juni 30. Dann ist Schluss mit "Wunderkind"!
SPIEGEL: Waren Sie denn ein Wunderkind?
Anderson: Überhaupt nicht. Ich war von klein auf ein totaler Filmfreak und ansonsten ein ganz lausiger Schüler. Den Wunderkinder-Kult, der in "Magnolia" eine Rolle spielt, kenne ich, weil ich mal eine Weile als Produktionsassistent bei einer Quiz-Show mit Kindern gejobbt habe.
SPIEGEL: Aber Sie hielten sich immer schon für zu begabt, um beispielsweise eine Filmhochschule zu besuchen?
Anderson: Mein Vater war schon ein totaler Filmfreak; alles, was ich über Film weiß, habe ich als Kind gelernt, während ich neben ihm saß und mir alte Filme auf Video ansah. Das ist kein technisches Wissen, sondern Instinkt; ich habe Film in Fleisch und Blut. Dennoch, mit 19 Jahren bin ich in die Filmschule der New York University gegangen. Zwei Tage lang. Dann fand ich, ich wüsste schon alles, was man mir dort beibringen könnte, und fuhr wieder nach Hause.
SPIEGEL: Wie schafft man es, wenn man noch lange keine 30 ist, in Hollywood das Geld und die volle künstlerische Kontrolle für ein so riskantes Riesenprojekt wie "Magnolia" zu bekommen?
Anderson: Das ist ein absolutes Wunder, und ich weiß nicht, ob es sich je wiederholen wird. Aber eines ist sicher: Man kriegt das nicht geschenkt, man muss darum kämpfen, jeden Tag und bis zur Erschöpfung. Mein Vorteil ist, dass ich extrem sparsam arbeite. 35 Millionen Dollar für drei Stunden Film mit allem, was "Magnolia" bietet - das ist ein Spottpreis. Eigentlich hat das alles etwas zu wenig gekostet, denn wenn ein Film teurer ist, steckt das Studio auch mehr in die Werbung, damit das Geld wieder reinkommt.
SPIEGEL: All Ihre Filme kreisen um dominierende Vaterfiguren, und besonders in "Magnolia" erscheinen diese Väter ohne Ausnahme als Zerstörer ihrer Kinder. Finden Sie, dass es in der Regel so ist?
Anderson: Absolut. Wir wissen doch, dass Menschen dazu verflucht sind, als Täter zu wiederholen, was man ihnen als Opfer angetan hat, wieder und wieder. Offenbar entrinnt man dem nicht. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich genau das tue, wovon ich mir als Kind geschworen hatte, dass ich es nie, nie, nie tun würde. Aber die stärkste, schmerzhafteste Erfahrung, die hinter "Magnolia" steht, ist natürlich das Sterben meines Vaters.
SPIEGEL: Ihr Vater kann doch kein Ungeheuer gewesen sein! Er benutzte den Künstlernamen "Ghoulardi", und ein "Ghoul" ist eine Art menschenfressender Dämon. Ihre Filmfirma heißt nun "Ghoulardi". Und am Schluss von "Magnolia" steht die Widmung "for fa and ea" - sind mit diesen Initialen nicht Ihre Lebensgefährtin Fiona Apple und Ihr Vater Ernie Anderson gemeint?
Anderson: Ich habe meinen Vater vergöttert. Aber auch er hatte seine unerträglichen Seiten. Und ich bin manchmal genauso unausstehlich stur wie er.
SPIEGEL: Er hatte neun Kinder. Da muss zu Hause immer viel los gewesen sein.
Anderson: Ich gehöre zu seiner zweiten Familie, ich bin als Zweitjüngster mit drei Schwestern großgeworden. Ich glaube, deshalb verstehe ich mich so gut mit Tom Cruise: Auch er ist in einem ähnlichen Milieu als einziger Junge mit drei Schwestern aufgewachsen. Das hat Vorteile. Weil man Mädchen kennt oder zu kennen glaubt, hat man weniger Angst vor ihnen.
SPIEGEL: Hat der Katholizismus in Ihrer Kindheit eine große Rolle gespielt?
Anderson: Ja und nein. Meine Eltern waren zwar beide katholisch, aber nicht so streng, dass wir dauernd in die Kirche mussten. Andererseits, diese Vorstellung von Sünde, diese grundsätzlichen Schuldgefühle, besonders was Sex angeht - das steckt tief in einem drin, das wird man nie los. Sonst hätte ich bestimmt nie einen Film über die Pornofilm-Branche gemacht.
SPIEGEL: Für manche Menschen ist der Bruch mit der Religion, besonders in der Pubertät, geradezu traumatisch.
Anderson: Bei mir hat sich das einfach allmählich verflüchtigt. Vielleicht war ich auch nie so tief drin. Ich habe die Bibel nie gelesen. Ich habe zum Beispiel nicht gewusst, dass im Buch Exodus Frösche über die Menschen herfallen, bis mir das ein Schauspieler während der Dreharbeiten erzählt hat.
SPIEGEL: Wie? Aber wenn das keine biblische Plage darstellen soll, warum regnet es dann Frösche in "Magnolia"?
Anderson: Die Idee stammt von dem Schriftsteller Charles Fort. Der hat in den zwanziger Jahren systematisch Berichte über unwahrscheinliche Zufälle und unglaubliche Naturphänomene veröffentlicht. Also zum Beispiel über Fälle von Froschregen aus den verschiedensten Weltteilen. Als ich das las, dachte ich: Wow! Das möchte ich mal auf der Leinwand sehen! Fort sagt auch, schon die antiken Auguren hätten die Gesundheit einer Gesellschaft an der Gesundheit ihrer Frösche gemessen, und unsere Frösche sind krank.
SPIEGEL: Wie sind Sie denn auf diesen obskuren Autor gestoßen?
Anderson: Meine Musiker-Freunde Michael Penn und Aimee Mann, ohne deren Lieder es "Magnolia" überhaupt nicht gäbe, sind seit langem die Anführer des Charles-Fort-Fanclubs, und der Zauberkünstler Ricky Jay, der in "Magnolia" mitspielt, gehört auch dazu. Fort hat übrigens auch ein Buch über Wunderkinder geschrieben; das habe ich Stanley, dem "Wunderkind" in "Magnolia", gut sichtbar auf seinen Lesetisch in der Schulbibliothek gelegt. Von Fort stammt auch die Geschichte aus Greenberry Hill, mit der "Magnolia" beginnt. Wir haben sie zum Spaß in Archiven nachprüfen lassen, und sie scheint wahr zu sein. Genauso gut könnte doch wahr sein, dass es manchmal Frösche regnet.

DER SPIEGEL 15/2000
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