17.04.2000

PSYCHOLOGIEErwin und die Sex-Evangelisten

Das „Archiv für Sexualwissenschaft“ am Robert-Koch-Institut in Berlin soll nächstes Jahr geschlossen werden und sucht jetzt nach privaten Sponsoren. Von Henryk M. Broder
Wenn einer Haeberle heißt, in Dortmund zur Welt kam, in Freiburg Brecht spielte, in Heidelberg über Thornton Wilder promovierte, in Umkirch als Privatlehrer einen Hohenzollernprinzen unterrichtete, in den USA Professor für Sexologie und mit 52 noch deutscher Beamter wurde, dann ist ihm nur ein Gedanke ein Gräuel: dass er nächstes Jahr in Rente geschickt wird und nicht mehr arbeiten darf. "Im April 2001 ist es so weit."
Prof. Dr. Erwin J. Haeberle wird 65, seine Planstelle beim Robert-Koch-Institut wird eingespart. Das Berliner "Archiv für Sexualwissenschaft", von Haeberle 1994 gegründet und seitdem geleitet, verliert das institutionelle Obdach und damit die Finanzierung. Um zu überleben, müsste es "privatisiert", mit Hilfe von Sponsoren in einen Verein oder eine Stiftung überführt werden. "Wir brauchen etwa eine halbe Million Mark", sagt Haeberle, "jährlich", setzt er hinzu, und es klingt wie ein Hilferuf an den Allmächtigen.
Haeberles Archiv für Sexualwissenschaft kann man unter zwei Adressen besuchen. In der Hannoverschen Straße in Ost-Berlin, auf einem Gelände der Charité, und im Internet unter der Chiffre: www.sexology.cjb.net. "Wir haben über 2000 Besucher täglich, letzten Monat waren es 70 000", sagt Haeberle und meint die www-User. Denn ins Gästebuch des Archivs, das in der Bibliothek ausliegt, tragen sich jeden Tag nur wenige Besucher ein.
Die Website, eine sexologische Database vom Umfang einer Enzyklopädie, wird auf Englisch und Spanisch gemacht, "mit diesen beiden Sprachen komme ich an zwei Drittel der Menschheit ran, und wenn ich etwas erreichen will, muss ich viele erreichen", erklärt Haeberle ohne falsche Bescheidenheit. Eine chinesische Version ist in Vorbereitung, denn auf seine guten Kontakte zu China ist Haeberle besonders stolz. Er hat an der ersten Sexualumfrage, die in China unternommen und 1992 veröffentlicht wurde, mitgearbeitet, neben Haeberles Schreibtisch hängt eine Urkunde der Forschungsstelle für Sexualsoziologie in Schanghai, die ihn als "Berater" ausweist.
Allerdings - Haeberles historische Wurzeln liegen nicht im Reich der Mitte, sondern in Berlin, wohin er 1988, nach 22 Jahren in den USA, zum Robert-Koch-Institut geholt wurde, um bei der Aids-Aufklärung und Aids-Prävention mitzuhelfen. "Ich wusste nicht, ob ich bleiben würde, aber dann gab es in San Francisco ein schweres Erdbeben, und in Deutschland fiel die Mauer. Da wurde mir klar: Somebody is trying to tell you something."
Haeberle blieb, wurde verbeamtet und machte es sich zur Aufgabe, an die Tradition der Sexualwissenschaft anzuknüpfen, wie sie bis 1933 in Berlin betrieben wurde. Im Sitzungszimmer seines Archivs hängen die Fotos der Begründer der Disziplin. "Ich nenne sie die vier Evangelisten. Sie verkünden die frohe Botschaft der sexuellen Befreiung durch die Wissenschaft."
Da sind: Iwan Bloch, 1872 bis 1922, der den Begriff "Sexualwissenschaft" geprägt hat. Magnus Hirschfeld, 1868 bis 1935, Gründer des Instituts für Sexualwissenschaft. Max Marcuse, 1877 bis 1963, Herausgeber der "Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik". Und Albert Moll, 1862 bis 1939, der mit allen anderen verkracht war, die Hypnose als Therapiemittel propagierte und, obwohl "ein konservativer Einzelgänger", revolutionäre Werke verfasst hat, unter anderem das erste Buch über "Das Sexualleben des Kindes" und eine grundlegende Abhandlung über Homosexualität: "Die konträre Sexualempfindung".
Bloch wurde nur 50 Jahre alt. Hirschfeld starb im Exil in Nizza an seinem 67. Geburtstag. Moll blieb in Deutschland, verlor aber, wie alle jüdischen Ärzte, seine Approbation. Er starb am selben Tag wie der von ihm gering geschätzte Sigmund Freud, der den Begriff "Libido sexualis" von Moll übernommen hatte. Nur Max Marcuse, der das Buch "Die Gefahren der sexuellen Abstinenz für die Gesundheit" geschrieben hatte, war ein langes, wenn auch nicht unbedingt erfülltes Leben vergönnt. "Er ist nach Palästina emigriert, saß da einsam und allein in seiner Wohnung in Tel Aviv, und kein Mensch hat sich um ihn gekümmert. Was hätte der alles erzählen können, wenn er gefragt worden wäre!"
Die vier "Evangelisten" residieren heute in Haeberles Archiv. Wer hier anklickt, findet deren Biografien und Werke, ebenso wie die Arbeiten der anderen Wegbereiter der sexuellen Revolution: Neben dem berühmten Wilhelm Reich sind das Harry Benjamin, der als erster über Transsexualität geforscht hat, Ernst Gräfenberg, der den G-Spot entdeckt hat, Felix Theilhaber, der in seiner Praxis Verhütungsmittel an Arme verteilte. Lauter Männer, von Beruf Ärzte, von Hause aus Juden. Und mittendrin eine Frau und Nichtjüdin, Helene Stöcker, 1869 bis 1943, Begründerin des Bundes für Mutterschutz, "eine radikale Feministin, die sich für die unehelichen Mütter und Kinder eingesetzt hat, eine tolle, vergessene Frau".
Erst mit dem Internet schaffte Haeberle den Sprung aus der Geschichte in die Gegenwart. Im Jahr 1996 wurde ihm vom Sozialamt ein "Pleite gegangener Immobilienhändler" geschickt, der sich anbot, für das Archiv eine Website einzurichten.
Inzwischen kennt sich Haeberle mit dem Medium aus. Er registriert so gut wie alles, was weltweit in Sachen Sexforschung passiert, und stellt es unter "Sexology Worldwide" oder "Links to other Websites" zur Besichtigung. "Schauen Sie mal, was ich gefunden habe!", ruft er, während er "North America" anklickt, "das ist wirklich aufregend!" Die "Maimonides University" in Florida bietet ein "Doctoral Program in Clinical Sexology for Sex Therapists" an, wobei nicht nur Themen wie "Alternative Formen von Ehe und Familie, Elternschaft und Sexualität" behandelt werden, sondern auch "phone sex, online computer sex". Da warten schon die Bibel, der Koran, das Kamasutra und andere nur darauf, angeklickt zu werden.
"Das Archiv funktioniert wie ein Tamagotchi", sagt Haeberle, "es muss täglich gefüttert werden. Nur so bleibt es aktuell." Dafür sorgt Thomas Haase, 35. Seit vier Jahren leistet der die Arbeit, die in einer traditionellen Bibliothek der Chef-Bibliothekar machen würde: Er stellt laufend neue Bücher in die virtuellen Regale.
"Das Tolle an dieser Methode ist, dass es keine Ausleihfristen und keine Wartezeiten gibt, man kann jede Arbeit jederzeit bekommen", sagt Haeberle, "damit könnte man den Uni-Betrieb revolutionieren, aber wie ich die deutschen Erzieher kenne, werden die auch das verpennen." Haeberles Vorstellung einer Universität im 21. Jahrhundert sieht so aus: "Sie sitzen zu Hause, in Wilmersdorf, in Usbekistan, in der argentinischen Pampa und studieren online. Und wenn Sie glauben, Sie wissen genug, melden Sie sich bei einer Uni an, machen ein Praktikum und legen ein Examen ab."
Vor ihm liegt ein Artikel aus der "New York Times" vom 16. März 2000. Ein US-Milliardär hat 100 Millionen Dollar gestiftet, um eine "Online University" in Washington D.C. zu gründen, eine Art von virtueller Library of Congress. "In ein paar Jahren sind die so weit, und dann können auch die Inder mit ihren Kindern in Kalkutta studieren, während bei uns noch immer die Green Cards verlost werden."
Haeberles "Courses in Sexology", die er online anbietet, werden von neun Universitäten in sieben Staaten als Lehrstoff eingesetzt, und wo er per Internet nicht durchkommt, da bedient er die Verbraucher auf eine beinah konventionelle Weise. "Gestern habe ich 20 CD-ROMs nach China geschickt, an das Population Training Institute in Nanjing, nächste Woche geht eine Lieferung an die National Family Planning Association in Bejing."
Das gesamte Archiv passt auf eine CD-ROM, die kann zwar nicht aktualisiert, dafür aber überall benutzt werden, wo ein Computer steht. "Ich kann sie in die Tasche stecken und mitnehmen. Die Akten und Bücher von Hirschfeld konnten die Nazis noch verbrennen, ein virtuelles Archiv dagegen ist mobil und sicher."
Es muss nur gewartet werden. Über die Option, es an die Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität anzubinden, mag Haeberle nicht einmal nachdenken. "Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass die Sexualität unter dem Gesichtspunkt der Krankheit gesehen wurde. Der Normalfall des menschlichen Sexualverhaltens bleibt bei den Medizinern unberücksichtigt. Das ist so, als wenn sich die Theologie auf das Studium der Ketzereien beschränken würde."
Um das Archiv über den Tag seiner Pensionierung fortführen zu können, hat sich Haeberle an Firmen mit der Bitte um Unterstützung gewandt. Er bekam nur Absagen. Auch Beate Uhse mochte keine Mark locker machen, Ende Februar 2000 war, wie es heißt, das "Budget für soziale und kulturelle Zwecke in diesem Jahr bereits ausgeschöpft". Diese Absage hat Haeberle am meisten geärgert. "Frau Uhse hat Millionen mit Sex gemacht. Aber sie hat kein Geld, um ein Archiv über Sexualität zu unterstützen."
Trotz Absagen sucht Haeberle weiter nach Sponsoren. Auch Magnus Hirschfeld, sein Vorbild, hatte Gönner und ein gut entwickeltes Selbstbewusstsein. Als eine New Yorker Zeitung ihn 1931 zum "Einstein des Sex" ernannte, antwortete er: "Mir wäre es lieber, man würde Einstein den Hirschfeld der Physik nennen."
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 16/2000
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