24.04.2000

Meilensteine der Christenheit

Von Schlamp, Hans-Jürgen

Vom Campo dei Fiori bis zum Petersdom - ein historisch-touristischer Spaziergang durch das christliche Rom

Es war das größte und mondänste Theater der Welt: 45 000 Römer jubelten, wenn sich hier muskulöse Gladiatoren abschlachteten oder wilde Tiere zerfetzten.

"Amphitheater Flavium" hieß der Kolossalbau, nach der Familie der Kaiser Vespasian und Titus, die ihn in den Jahren 72 bis 80 mitten ins Zentrum setzten.

Durch Erdbeben beschädigt, von Päpsten als Steinbruch missbraucht, mutierte die im Mittelalter in "Kolosseum" umgetaufte Ruine im Laufe der Jahrhunderte zum Monument für die Leiden der Märtyrer, die ihres christlichen Glaubens wegen hier zu Tode kamen. Jedes Jahr zu Karfreitag betet der Papst mit großem Gefolge hier den Kreuzweg.

Dass im Kolosseum tatsächlich Christen hingerichtet wurden, ist unter Historikern allerdings umstritten. Die erwischte es andernorts, etwa im Zirkus Nero auf dem Vatikanischen Hügel. Dort soll anno 64, vielleicht auch 67, Simon Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und gleich nebenan begraben worden sein - genau da, wo heute der Petersdom steht.

Aber auch das ist eine fromme, historisch völlig ungesicherte Überlieferung. Und so ist das angebliche Grab des Apostels Petrus vielleicht das interessanteste, aber gewiss umstrittenste Monument im christlichen Rom.

"Ach, das ist es?", der Mittdreißiger aus Aschaffenburg schaut etwas ratlos auf eine dunkle Mauer hinter einem Loch in einer hellen Mauer. "Ach", sagt seine Frau.

In kleinen Gruppen, nach Voranmeldung, dürfen Gläubige und Neugierige durch einen unauffälligen Seiteneingang unter den Petersdom klettern und durch eine unterirdische Nekropole wandern. Als Kaiser Konstantin hier die erste Basilika bauen ließ, wurde, um das abschüssige Terrain zu begradigen, ein großer Teil der Gräber einfach zugeschüttet. Gut konserviert konnten sie so 1600 Jahre später wieder freigelegt werden: von unten und von der Seite, denn oben drauf stand inzwischen die mächtigste Kirche der Welt.

Neben prächtigen römischen Grabhäusern stießen die Archäologen auf ältere, schlichte Christengräber. Eines davon hat wohl schon vor Konstantins Aufschüttung besondere Beachtung gefunden, denn im Jahr 160 etwa wurde es mit einem zwei Meter hohen Altar übermauert. 40 Jahre später, als ein Riss das Bauwerk gefährdete, wurde eine grau verputzte Stützmauer davorgesetzt. Auf der fand sich dann jene berühmte Inschrift, die heute einigen Forschern als Beleg gilt, dass Petrus, der Apostel, dort im Grabe lag. Aber es braucht schon guten Willen, um die rudimentären Zeichen auf dem Steinfragment als "Petros eni" zu deuten: Hier ist Petrus.

Der junge Führer der Gruppe, die nun exakt zwölf Meter unter dem berühmten Bernini-Altar, dem Zentrum des Petersdoms, auf die touristische Offenbarung wartet, blättert in seiner Kladde und kramt eine Schwarzweißzeichnung jener berühmten Buchstaben heraus. Manche sagen "Ah!", andere schauen noch einmal, aber immer noch ratlos durch die Maueröffnung.

Der Aschaffenburger immerhin ist zufrieden. "Einmal im Leben muss ein guter Katholik in Rom gewesen sein", sagt er. Und der Regensburger neben ihm ergänzt: "Grad hier, am Grabe Petrus''."

Angebliche Petrus-Gräber finden sich noch mehr in der Ewigen Stadt. Beispielsweise in den Katakomben unter der Kirche des heiligen Sebastian an der Via Appia.

Steile Treppen führen in die Tiefe zu dunklen, winkligen Gängen. Nischen rechts und links: Die Gräberstadt unter San Sebastiano ist ein geheimnisvolles Labyrinth. Ab und zu öffnen sich Räume mit prächtig ausgemalten Familiengräbern oder Altären zur Verehrung von Märtyrern. An einer Wand steht "Ichthys". Das heißt "Fisch" auf Griechisch, der Sprache der Jesusgefolgschaft in jener Zeit. Nimmt man die einzelnen Buchstaben aber als Wortanfänge, so bildet sich "Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser".

Etwa 60 Katakomben gibt es in Rom mit mehr als 150 Kilometern Gängen, mindestens 750 000 Gräbern. Fast alle sind leer. Was Grabräuber nicht stahlen, sammelten die Kirchenfürsten ein. Mit Märtyrerleichen oder wenigstens ein paar Finger- oder Fußknöchelchen schmückten sie ihre Kirchen. Oder sie brachten sie den Mächtigen der Welt als Geschenke dar.

San Sebastiano ist nicht die bedeutendste Gräberstadt. Aber sie vermachte allen unterirdischen Friedhöfen ihren Namen: "Ad Catacumbas" hieß die Gegend hier, lange bevor die ersten Stollen in den Tuffstein gegraben wurden.

Als Zufluchtstätte der Christen, wie man es aus Filmen kennt, waren die Katakomben allerdings unbrauchbar. Denn ihre Lage, ihre Eingänge waren der römischen Militärverwaltung genau bekannt. Und, anders als in Filmen, mussten die Christen sich in Wirklichkeit ja auch nicht ständig verstecken. Meistens ließen die Römer die in ihren Augen seltsamen Betbrüder und -schwestern gewähren, wenn die nicht allzu viel Aufhebens von ihrem neuen Gott machten. Nur ihre Anführer schienen der Obrigkeit oft allzu fanatisch: Von den 15 Päpsten des dritten Jahrhunderts wurden 11 umgebracht.

Die große Wende kam 312 - mit Kaiser Konstantins Sieg an der Milvischen Brücke. Durch die Porta Flaminia, die Via Flaminia stracks nach Norden und dann über den Ponte Milvio, so verließ Rom-Herrscher Maxentius mit seinem Heer in jenem Jahr die Stadt, um dort draußen den Rivalen Konstantin zu vernichten. Die schmale Brücke mit dem mächtigen, Turmbewehrten Tor sieht heute noch aus, als stünde sie seit jenen Zeiten unversehrt.

Tatsächlich aber ließ Maxentius das Bauwerk abreißen, kaum hatte er den Tiber hinter sich. Ohne Rückweg, dachte er, würden seine Kämpfer besonders tapfer hauen und stechen. Ein taktischer Fehler: Die Armee stand ohne Fluchtweg mit dem Rücken zum Fluss, mit den Füßen im Matsch und verlor ganz furchtbar.

"Auf Eingebung der Gottheit" habe er gehandelt und gesiegt, jubelte Konstantin anschließend. Welcher Gottheit sagte er vorsichtshalber nicht. Denn die Mehrheit der Römer hing an Jupiter, wollte von Jesus nicht viel hören.

Konstantins Mutter hingegen war Christin, er selbst ließ sich viel später, kurz vor seinem Tod, taufen. Gleichwohl reparierte Konstantin nicht nur umgehend den Ponte Milvio, sondern zeigte sich Christen gegenüber von großer Freundlichkeit. Dem Bischof von Rom überließ er eine pompöse Residenz. Dieser "Lateran-Palast", benannt nach den früheren Besitzern des Terrains, der Familie Laterani, wurde für tausend Jahre Amtssitz der Päpste.

Gleich daneben wurde eine gigantische Basilika gebaut: "San Giovanni in Laterano" ist noch heute die Amtskirche des Bischofs von Rom. Und weil dieses Amt dem Papst zufällt, gilt sie - zumindest formal - als wichtigste Kirche der Welt. Entsprechend ist der Trubel: Busladungen aus Tschechien und Spanien, Pilgergruppen, die sich nach den farbigen Fähnchen ihrer Anführer orientieren, katholische Wandervögel mit Gitarre auf dem Rücken und italienische Familien mit Kinderwagen oder dem Großvater im Rollstuhl.

130 Meter lang ist die Basilika, fünf gewaltige Kirchenschiffe nebeneinander, darin prächtige Kompositionen von der Antike bis zum Barock, Fresken und Figuren, Mosaiken und Grabdenkmäler. In den gold- und silbergeschmückten Büsten von Petrus und Paulus über dem Tabernakel stecken "ehrwürdige Reliquien der beiden Apostel", sagt der Kirchenführer. Was Genaueres weiß er nicht. Dafür verrät er, dass hinter dem Bronzerelief ("Das letzte Abendmahl") ein Zedernholzfragment verborgen sei: Holz vom Tische Jesu, an den der sich zum letzten Abendmahl mit den Jüngern gesetzt habe.

Während die Kirche in den Zeiten nach Konstantin mächtig und reich wird, schwindet Roms weltliche Herrlichkeit. 410 plündert Westgotenkönig Alarich das schlaffe Imperium. Bald werden die Ostgoten unter Theoderich dem Großen kommen, die Vandalen, die Franken, die Langobarden. Das römische Weltreich bricht peu à peu zusammen.

Dafür raffen "die Stellvertreter Christi auf Erden", wie sich Roms Bischöfe nun selbstbewusst nennen, alles zusammen, was Geld bringt: Ländereien, Burgen, Mühlen, mautpflichtige Brücken.

Bald war so viel zusammengekommen, dass Papst Gregor I. (590 bis 604), der sich mit den nach ihm benannten Gregorianischen Gesängen verewigte, den kirchlichen Besitz erst einmal richtig ordnen und die Verwaltung reformieren musste. Das brachte ihm den Beinamen "der Große" ein und der Kirche das "Patrimonium Petri" - Ursprung und Vorläufer des Kirchenstaats. Zu seiner Blütezeit umfasste der fast ein Viertel Italiens, reichte von Rom bis Bologna und von der Westküste bis zur Adria.

Heute ist das Gebiet, das sich "Vatikanstadt" nennt, zum kleinsten Staat der Welt geschrumpft: 0,44 Quadratkilometer, etwa tausend Einwohner, fast alle in Diensten des "Papa". Es gibt keine Armee und keine Steuern, aber eine Mauer drumherum, und an den Toren halten junge Männer in Kostümen von Michelangelo Wache: die Schweizer Garde.

Eigentlich ist ganz Papst-Land nur ein einziger, überbauter Hügel. Gleich hinter dem Petersdom geht es die Vatikanischen Gärten hinauf, 76 Meter hoch. Links unten döst der vatikaneigene Bahnhof. Angerostete Gleise schieben sich unter einem großen Tor durch, darauf steht ein einsamer Güterwagen. Ein Ölbaum aus Israel, ein Bäumchen aus Slowenien, eine Kopie der Wundergrotte von Lourdes - die päpstlichen Gärten, inzwischen nach Voranmeldung auch für Touristen zugänglich, sind ein religiöses Disneyland.

Zum Papst kommt man über den Damasushof, ein Rechteck von hohen Häusern, die aus wenig Mauern und vielen hellen großen Fenstern bestehen. Der Weg zur Privatbibliothek ist kompliziert und streng reserviert für die Auserwählten, die dort auf die Audienz beim Heiligen Vater der Katholiken warten, still und geduldig.

So gesittet ging es bei Papstens nicht immer zu. Als Gregor I. 590 sein Amt antrat, wütete in Rom die Pest, und die Langobarden standen vor den Toren. Der Papst zahlte ihnen Geld, damit sie Rom verschonten und andere Städte plünderten.

Auch seine Christen, dekretierte Gregor, sollten es künftig lassen, die Tempel anderer Religionen zu zerstören, und sie lieber nutzen. So wurde, Gregor sei Dank, aus dem römischen Pantheon im Jahre 608 die Kirche "Santa Maria ad Martyres".

Aber seltsam, eine richtige Kirche wurde sie bis heute nicht. Die Besucher bewegen sich in ihr wie in einer überdimensionalen Markthalle: Kinder tollen darin herum, lustige Witwen testen, ob es in der Mitte - unter der Kuppel mit dem Loch - ein Echo gibt, italienische Großväter erzählen mit markiger Stimme vom König, der hier begraben ist. Dabei ist der Bau von aufregender Architektur. 43,3 Meter breit und exakt genauso hoch, die Pantheonkuppel ist noch breiter als die des Petersdoms.

Der richtige Ort für die Ewigkeit, fand Raffael, der gefeierte Freskenmaler und Architekt, und beantragte, im Pantheon beigesetzt zu werden. Nun gab es da ein Problem: Ohne den Segen der Kirche liebte der gefeierte Künstler das hübsche Bäckerstöchterchen Margherita Luti aus Trastevere. Und das über Jahrzehnte. Diese sündige Geschichte, verlangte der Klerus, müsse bereinigt werden, ehe an ein Kirchengrab zu denken sei. So verstieß Raffael kurz vor seinem Tod die Geliebte.

"Guck mal", sagt die rheinische Mutter zum Töchterchen, "der Sarg von Raffael." "Raffael?" Die begeisterte, aber nicht idolfeste Mutter verzieht den Mund, "na der, der die Mona Lisa gemalt hat".

Aber mit dem vereinnahmten Pantheon und etlichen neu gebauten Kirchen waren die römischen Bischöfe längst nicht zufrieden, strebten vor allem nach mehr weltlicher Macht. Dabei waren sie in der Wahl ihrer Mittel wenig penibel. Um 750 etwa entstand in kirchlichem Auftrag eine der berühmtesten Fälschungen der Geschichte: die Urkunde über die "Konstantinische Schenkung". Jener christenfreundliche Kaiser, behauptet der Text des Dokuments, habe der Kirche ganz Rom und die westlichen Teile seines riesigen Imperiums - das bis Kleinasien reichte - geschenkt. Erst viel später, im 15. Jahrhundert, wurde der Betrug entdeckt.

Im Jahr 800 erlebte das päpstliche Rom eine Feier besonderer Art: In der von Konstantin erbauten Petersbasilika, dort, wo heute der Petersdom steht, wurde Karl der Große zum Kaiser gekrönt. Papst Leo III. war gerade in heikler Lage. Er hatte es mit den Römern gründlich verdorben, war nach Paderborn unter den Schutz von Frankenkönig Karl geflohen und kehrte nun mit dessen Truppen an den Tiber zurück. Rom kuschte.

Dankbar und berechnend setzte Leo, am Ende der Weihnachtsmesse, seinem Gönner eine prächtige Krone auf. Und siehe da, "spontan" jubelte das Kirchenvolk Karl zum Kaiser hoch. Der konnte sich fortan "Augustus" nennen und das römische Imperium regieren.

Viel war das freilich nicht mehr wert. Bald nach Karls Tod begann, wie es Kirchengeschichtler nennen, das "finstere Zeitalter": In zwei Jahrhunderten hievten sich 44 Päpste auf den Stuhl Petri und lösten sich durch Gift, Schwert oder Würgeschlinge genauso behände ab.

Einer, Formosus, wurde vom rabiaten Nachfolger Stephan VI. sogar aus dem Grab gezerrt, in päpstliche Gewänder gekleidet und auf den Thron gesetzt. Dann wurde dem Toten der Prozess gemacht und zur Strafe der Segensfinger der rechten Hand abgehauen. Aber auch Stephan VI. überlebte nicht lange. Er wurde wenig später erwürgt.

Einer seiner Vorgänger oder Nachfolger, genau weiß man das nicht, war womöglich sogar eine Johanna. Als Mann verkleidet wurde sie zum Pontifex gekürt. Aber die Sache flog auf, als Johanna bald darauf ein Kind gebar, so die Legende.

In den offiziellen Vatikan-Chroniken existiert Johanna nicht. Aber bei den Papstbüsten im Dom von Siena ist sie vertreten. Johannes Hus, der Reformator, hat von ihr erzählt. Und ein seltsames Sitzmöbel gilt als glaubwürdiger Beleg für die Existenz eines weiblichen Sündenfalls auf dem Petrus-Thron: ein Stuhl, noch heute im Besitz des Vatikans, aber vor der Öffentlichkeit schamhaft verborgen, mit einem großen Loch in der Sitzfläche. Im Mittelalter, heißt es, habe jeder neugewählte Papst sich darauf setzen müssen, und kundige Hände hätten von unten seine Männlichkeit geprüft.

War Rom auch ein obskures Örtchen geworden, so fanden Karls Erben doch Gefallen daran, sich wie ihr großes Vorbild dort zum Kaiser krönen zu lassen. 18 weitere deutsche Könige zog es im Laufe der Jahre an den Tiber: Und war der amtierende Papst mal nicht willig, dann wurde er flugs durch einen gefälligeren ersetzt.

Im Gegenzug zeigten die Deutschen sich großzügig. Sie brachten viel Geld in die Stadt, bauten neue Gebäude. 797 gründeten sie die "Schola Francorum", die Franken-Schule. Etwa dort, wo heute noch ein kleiner Friedhof, gleich neben dem Petersdom, an deutsche Rom-Liebhaber erinnert, jedenfalls an die, die in der Ewigen Stadt starben - der "Campo Santo Teutonico".

Das nette deutsch-italienische Verhältnis zerbrach im Streit zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. Der wurde erst exkommuniziert, dann musste er den berühmt-peinlichen Bußgang nach Canossa antreten. Aber das reichte ihm denn auch, und er eroberte Rom. Der Papst verkroch sich in der Engelsburg und rief die Normannen zu Hilfe.

Die verjagten zwar die Deutschen, plünderten aber Rom wie nie eine Siegertruppe zuvor. Viele Römer wurden als Sklaven verkauft, ganze Stadtviertel gingen in Flammen auf, 1084 zerstörten sie eine der ältesten Kirchen, San Clemente. Die Römer bauten eine neue Kirche auf die Reste der zerstörten Basilika.

So entstand nahe am Touristen-Highlight Kolosseum ein Ort mit mystischer Atmosphäre. Von der um 1100 gebauten "neuen" Kirche, mit aufregenden Fresken und Mosaiken in sanften Tönen, steigt man hinab in die Fundamente des alten Bauwerks aus dem vierten Jahrhundert. Noch weiter treppabwärts überrascht ein antikes Gebäude und an dessen Ende, in einer Grotte, steht ein Altar mit dem Relief des Mithras, der den Stier tötet. Dieser aus Persien stammende Kult war seit dem ersten Jahrhundert in Rom sehr in Mode.

Ein paar Minuten weiter beginnt für die Katholiken der Aufstieg zum "heiligsten Ort der Welt", kaum 20 Meter von der Lateran-Basilika entfernt. Eng gedrängt, knien die Menschen, 28 mit Holz umkleidete Marmorstufen hoch: die "Heilige Stiege" aus dem Haus des Pontius Pilatus, des römischen Statthalters in Jerusalem. Jesus, so heißt es, sei diese Treppe am Tage seiner Verurteilung hinauf- und hinabgestiegen. Kniend muss die Treppe genommen werden, jede Stufe hat ihr vorgeschriebenes Gebet.

Im 13. Jahrhundert begann die Macht des Papstes zu bröckeln. Um den Niedergang aufzuhalten, erfand Bonifaz VIII. im Jahr 1300 das "Giubileo", das "Heilige Jahr". Doch auch das half nichts: Mitte des 15. Jahrhunderts war Rom auf dem Tiefpunkt. Die einstige Metropole war auf gerade noch 20 000 Einwohner geschrumpft. 1450 begann Papst Nikolaus V. mit dem Umbau der neuen Basilika von Sankt Peter, um neuen Glanz in die Christenzentrale zu bringen. Direkt neben dem Petersdom, im Vatikan, sollte zudem fürderhin der Papstsitz sein. Alt-Rom wurde von Grund auf renoviert: neue Wasserleitungen und Brunnen, neue breite und gerade Straßen.

Die Via dei Coronari entstand in jenen Jahren, benannt nach den Rosenkranz-Verkäufern ("coronari"), die sich dort niederließen. Das Sträßchen zwischen Zentrum und Vatikan ist heute ein malerischer Spazierweg. Antiquitätenhändler haben sich breit gemacht, an den Hauswänden aber sind noch immer viele uralte Marienbilder und -altäre zu entdecken.

Nikolaus'' Stadtverschönerung reichte seinen Nachfolgern nicht. Julius II. legte 1506 den Grundstein des heutigen Petersdoms. Sixtus V. (1585 bis 1590) beschloss, ganz Rom zu einem christlichen Monument zu erheben. So wurde die Stadt am Tiber wieder interessant für die Bildungsreisen des jungen europäischen Adels.

Einer der ersten auf "Kavalierstour", Erbprinz Friedrich von Jülich-Kleve-Berg, kam um dabei und wurde in Santa Maria dell'' Anima beigesetzt. In dieser "Deutschen Nationalkirche" gibt es heute deutschsprachige Messen und Filmnachmittage "mit Kaffee und Kuchen".

Auf die Reformation, vor allem in Deutschland, reagierte Rom mit einer brutalen Rekatholisierung, einer neuen kirchlichen Säuberung von vermeintlichen Ketzern und Irrgläubigen. Im Namen des gerechten Gottes wurde etwa am 17. Februar des Jahres 1600 der allzu freisinnige Dominikaner-Mönch und Naturphilosoph Giordano Bruno auf dem Campo dei Fiori verbrannt.

Tausende von Menschen waren gekommen. In den Kaschemmen um den Platz herrschte Hochbetrieb. Papst Clemens VIII. feierte ein "Heiliges Jahr" - so nahmen Fromme aus ganz Europa an der Verbrennung des Ketzer-Mönches teil.

Der Campo dei Fiori war der Platz des Lasters und des Fegefeuers, der Pilger und Huren, der Kneipen und der Päpste. Einer von denen, Alexander VI., hatte eine Freundin am Campo, die schöne Vanozza Catanei. Eine interessante Frau: verheiratet mit einem reichen Römer und Kurtisane des Papstes. Zwar hatte der Kirchenfürst sich ein Haus gleich neben dem ihren zugelegt, hielt die Liebschaft aber geheim. Das ärgerte Vanozza, und so ließ sie an ihre Hauswand ein keckes Phantasiewappen meißeln: ihre Insignien, die Familiensymbole ihres Gatten und jene des päpstlichen Galans.

Auch Giordano Brunos Schicksal wurde dokumentiert, antiklerikale Italiener setzten ihm 1889 ein mächtiges Denkmal: In Kutte und Kapuze, ein dickes Buch in den

Händen, steht er mitten auf dem Platz und blickt düster in Richtung Vatikan. Papst Leo XIII. ärgerte sich seinerzeit so sehr, dass er Rom für immer verlassen wollte. Was er aber nicht tat. Und heute kaufen in bester Eintracht Klerikale wie Atheisten auf dem schönsten römischen Markt ein.

Bis 1870 war dieser Markt auf einem anderen berühmten Platz Roms, der Piazza Navona. Aber der wurde schließlich zu fein für Broccoli und Tintenfisch. Die barocke Pracht der Piazza Navona spiegelt eine andere Etappe der Christengeschichte Roms wieder: den eitlen Wettbewerb der so genannten "Kunst-Päpste". Die versuchten, sich einander mit Kirchen und Brunnen, Fassaden und Statuen zu übertreffen, ohne Rücksicht darauf, dass quer durch Europa Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten tobten.

Im päpstlichen Auftrag konkurrierten vor allem die beiden Großmeister des Barock, Gian Lorenzo Bernini und Francesco Borromini. Zwei ihrer Hauptwerke stehen sich auf der Piazza Navona frontal gegenüber: Borrominis Aufsehen erregende konkave Fassade der Kirche Sant'' Agnese in Agone und Berninis üppiger "Vier-Ströme-Brunnen", dessen Travertin-Giganten die vier damals bekannten größten Flüsse - Ganges, Donau, Nil und Rio de la Plata - symbolisieren.

Als Bernini 1680 starb, hatten Borromini und er das Bild Roms gründlich verändert. An ihren prunkvollen Palästen, Kirchen, Brunnen verknipsen heute die Rom-Besucher Myriaden von Kleinbildfilmen. Die Päpste wurden jedoch damit nicht eben populär. Denn viele Kunstwerke wurden mit Sondersteuern, selbst auf Brot, finanziert.

Knapp 200 Jahre später war es mit der geistlichen Herrlichkeit endgültig vorbei: 1860 eroberte der italienische Freiheitsheld Giuseppe Garibaldi Teile des Kirchenstaats. Hoch über dem Petersdom, auf dem "Gianicolo", dem Nachbarhügel des Vatikans, steht sein Denkmal. Jeden Mittag wird eine Kanone davor abgefeuert, ehrenhalber.

Zehn Jahre später ließ sich der Pontifex Maximus der Katholiken auf den Gipfel geistlicher Macht heben: 1870 erklärte das I. Vatikanische Konzil die Päpste für unfehlbar, wenn sie eine Lehre der Kirche zum Dogma erheben.

Die weltliche Macht war da allerdings schon endgültig verloren. Trotzig zog sich Pius IX. in den Vatikanspalast zurück und verweigerte jeden Kontakt mit dem neuen italienischen Königreich.

Erst sein Namensvetter Pius XI. brachte die römische Kirche wieder mit dem römischen Staat ins Reine. Mit Benito Mussolini, dem "Duce", handelte er die Lateranverträge aus, die Grundlage für den Vatikanstaat heute. Mussolini räumte voller Dankbarkeit ein paar Häuser ab und baute dem Vatikan eine Prachtstraße mit freiem Blick vom Tiber bis zum Petersdom, die Via della Conciliazione.

Die war wieder einmal voller Menschen und Gerüchte, als am 29. September 1978, nur 33 Tage nach seiner Wahl, Johannes Paul I. plötzlich starb. "Die Kurie hat ihn beseitigt", flüsterten manche. Bestseller wurden geschrieben, aber Beweise für finstere Machenschaften fand keiner.

Niemand weiß bis heute ganz genau, wie und warum der Papst so plötzlich verschied. Tot fand ihn, morgens um sechs Uhr, John Magee, sein irischer Sekretär. Das Licht brannte noch vom Vorabend. So wie es das Protokoll seit 200 Jahren vorschreibt, klopfte der Kardinalkämmerer ihm mit einem kleinen Hammer auf die Stirn und fragte "Dormisne?" - Schläfst du? Zwei Mal muss er das tun, ehe er das Endgültige sagen darf: "Wahrlich, der Heilige Vater ist tot."

Gut zwei Wochen darauf versammelten sich die Kardinäle zum "Konklave" und wählten in strenger Abgeschiedenheit einen neuen Papst. Der vorgeschriebene Versammlungsraum ist unbequem und eng (etwa 40 mal 13 Meter) für über hundert Männer, zumal sie oft tage- oder wochenlang ausharren mussten, bis sie sich geeinigt hatten. Aber es ist der berühmteste, vielleicht auch der schönste Raum in Rom: Michelangelos Sixtinische Kapelle.

Draußen stehen dann oft tausende und warten auf das Rauchsignal nach jeder Abstimmung. Enttäuschung bei schwarzem Qualm - zum Färben wird nasses Stroh unter die Stimmzettel gemischt, ehe die verbrannt werden - Jubel, wenn es weiß dampft.

Diesmal ging es rasend schnell. Als am 16. Oktober 1978, um 17.30 Uhr, weißer Rauch aufstieg, hatten die Purpurträger sich unter Michelangelos Himmelsbildern auf den ersten nicht italienischen Papst seit 1523 geeinigt. "Habemus papam", rief Kardinal Angelo Felici über 20 000 Menschen auf dem Petersplatz mit den vorgeschriebenen Worten zu und haspelte dann den ungewohnten Namen "Carlum Wojtyla". Schweigen auf dem Platz "Wer? Ein Neger?" "Nein, ein Pole": Karol Wojtyla, fortan Johannes Paul II.

HANS-JÜRGEN SCHLAMP

* Rechts das Giordano-Bruno-Denkmal.

DER SPIEGEL 17/2000
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