24.04.2000

PRESSEPrickelwasser Entenwein

Aktivisten des wohl skurrilsten deutschen Vereins haben die „FAZ“ unterwandert. Immer wieder hinterlassen sie im Feuilleton ihre Spuren.
Alljährlich an ihrem "Kampftag", dem 1. April, schmettern sie beim Jahreskongress dasselbe Lied: "Und lieg ich dereinst auf der Bahre / so denkt auch an meine Gui-tah-re / und legt sie mir mit in mein Gra-hab."
Die Schnulze "Der rührselige Cowboy" - entnommen einem Walt-Disney-Comic - ist die "Hymne" der vermutlich kuriosesten Vereinigung in der Bundesrepublik: der "Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus", kurz D. O. N. A. L. D. genannt.
Bei den Treffen der Donaldisten stimmen stets auch zwei verdiente Comic-Fans das schaurig-schöne Lied an: der Historiker Patrick Bahners, 33, und der Philosoph und Betriebswirt Andreas Platthaus, 34; beide wurden von den 500 deutschen Entenfreunden schon vor Jahren mit dem Titel "Ehrenpräsidente" bedacht.
Beifall brandete jüngst in Marburg auf, als Bahners einen als "wortgewaltig" gefeierten Dia-Vortrag hielt. Dabei rührten die Anwesenden nach Vereinssitte nicht die Hände zum Applaus, sondern skandierten "Klatsch, klatsch, klatsch".
Bahners zählt, so rühmt der Verein im Internet (www.donald.org), neben Platthaus zu den "bedeutendsten Autoren des Donaldismus" - einer Kunstform, die während der Studentenrevolte von 1968 erblühte. Nachdem Comics lange Zeit pauschal als Schmutz und Schund verurteilt worden waren, gediehen manche Bilderheftchen in antiautoritären Studenten- und Intellektuellenzirkeln zu Kultobjekten.
Angesagt waren vor allem jene Storys, die der geniale Disney-Autor und -Zeichner Carl Barks, heute 99, und seine kongeniale deutsche Übersetzerin Erika Fuchs, 93, geschaffen haben - mit dem geizigen Fantastilliardär Dagobert Duck, der kriminellen Panzerknacker-Bande, dem cholerischen Donald Duck und dessen Neffen Tick, Trick und Track (SPIEGEL 43/1969).
Anleihen aus Donald-Heften finden sich seither in Werken so unterschiedlicher Autoren wie Hans Magnus Enzensberger und Max Goldt, Klaus Theweleit und Eva Heller. Der Pop-Schreiber Diedrich Diedrichsen etwa schätzt den Enterich über alle Maßen: Er ist davon überzeugt, "dass Donald Duck Botho Strauß wirklich weit überlegen ist".
An den "dadaistischen Debatten auf hohem Niveau" ("taz"), die bei den eingeschriebenen Donaldisten geführt werden, beteiligen sich Bahners und Platthaus schon seit über zehn Jahren. Patrick Bahners, der sich im Verein nur "PaTrick" nennt, hat Barks-Originalskripte ins Deutsche übersetzt, Kollege Platthaus arbeitete über "Architektur in Entenhausen".
Immer wieder bereichern beide mit ihren Beiträgen auch das Vereinsblatt "Der Donaldist", wo Experten die onomatopoetischen Äußerungen ("krächz", "würg", "schnurch") der anthropomorphen Tiergestalten analysieren oder mit wissenschaftlicher Akribie nahe liegenden Fragen nachgehen - etwa warum Enten nur in Entenhausen, nicht aber in der realen Welt Zähne haben.
Anders als andere D. O. N. A. L. D.-Mitglieder widmen sich Platthaus und Bahners der "Verbreitung donaldistischen Sinngutes" (Paragraph 1.1 der Satzung) auch außerhalb ihres Vereins - zum Beispiel als Sachbuchautoren.
Platthaus, dem die Donald-Comics von Barks "mehr als jede andere Literatur bedeuten", hat 1998 eine "Geschichte der Bildgeschichte" verfasst, laut "Süddeutscher Zeitung" ein "philosophisch und kunstgeschichtlich fundiertes" Werk. Bahners veröffentlichte im selben Jahr eine Helmut-Kohl-Biographie, in die irgendwie auch seine donaldistische Begeisterung eingesickert sein muss. Jedenfalls urteilte die "Zeit" damals über das Bahners-Buch: "Manchmal denkt man beim Lesen: Helmut Kohl ist fast so groß wie Gustav Gans, der Glückspilz aus Donald-Duck-Land."
Seine bedeutendste publizistische Plattform verdankt das Donaldisten-Duo einer glücklichen Duplizität: Bahners und Platthaus sind seit 1997 Redakteure im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"). In Deutschlands wichtigster Tageszeitung hinterlassen sie immer wieder Spuren - die freilich nur eingefleischte Donald-Kenner wie der Österreicher Michael Freund zu lesen verstehen.
Dem Wiener Redakteur kam kürzlich der Verdacht, dass die Frankfurter beim Texten von Titeln und Bildunterschriften "seit Jahren einschlägige Wühlarbeit leisten" - in dem so witzigen wie wahnwitzigen Bemühen, möglichst viele Sätze aus Duck-Sprechblasen im "FAZ"-Feuilleton unterzubringen. Wenn zum Beispiel ein Artikel über den US-Unabhängigkeitstag mit "Hört sich an wie nahes Donnergrollen" betitelt sei, habe das "zwar auch mit dem Inhalt zu tun", sei aber in erster Linie die Abwandlung eines Satzes, "den ein Panzerknacker angesichts heranflutender Dagobert-Taler geäußert hat".
Ob eine "FAZ"-Rezension von Chopin-Büchern den Titel trägt "Das Echo hat ausnahmsweise keinen Umweg gemacht"; ob die Kritik eines Buches über Aberglauben unter der Überschrift erscheint "Schnurrli, was ficht dich an?"; ob ein Bildtext zu einer Antigone-Inszenierung lautet "Ach, dass mein Herz doch schmölze" - dahinter steckt immer ein Donaldist. (Im Original lautet letzteres Zitat allerdings geringfügig anders: "Ach, dass mein Herz doch schmülze wie eine saure Sülze.")
In jüngster Zeit trieb es das Duo - dem Redaktör ist nichts zu schwör - besonders toll. Am 22. März stand über der Rezension eines Reklame-Bildbandes die Duck-Zeile "Prickelwasser Entenwein, das ist billig und schmeckt fein". Am 13. April wurde ein Buch über Bad Ems unter der Überschrift vorgestellt "Prickelwasser, Emser Wein, das ist teuer und schmeckt fein".
Mit dem Verdacht donaldistischer Umtriebe konfrontiert, entschloss sich Bahners vergangene Woche, gegenüber dem SPIEGEL "die Karten auf den Tisch zu legen" und das ganze Ausmaß der Infiltration zu offenbaren: Allein in der Ausgabe vom Freitag voriger Woche haben die Reduckteure demnach zehn Titel oder Bildtexte mit Zitaten aus Walt-Disney-Sprechblasen bestritten, zum Beispiel
* auf Seite 44 die Überschrift eines Berichts über einen Museumsneubau ("Im rauhen Schurzfell schafft dort der Schmied im lichten Raum") und einen Bildtext ("Da steht endlich einmal der Glasermeister im vollen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit");
* auf Seite 45 die Bildunterschrift zu einer Filmkritik ("Wieder so ein egoistischer Bursche, der nichts abgeben will");
* auf Seite 46 die Unterzeile zu einem Bericht über Kurt Weills "Happy End" ("Man sollte vielleicht etwas in die Knie gehen vor dieser Musik");
* auf Seite 48 den Titel eines Beitrags über eine Kulturfabrik in Berlin-Tegel ("Pulverqualm und Paukenschlag");
* auf Seite 50 die Überschrift eines Berichts über das Deutsche Archäologische Institut ("Griechische Gemmen und keltische Ketten").
Nach seinem Coming-out zeigte sich Bahners zwar erfreut über "die hermeneutische Aufmerksamkeit und die kollegiale Neugier", die der SPIEGEL den Enten in der "FAZ" widme. Zugleich aber fürchtet er, "dass unsere Vorgesetzten uns das nun verbieten".
Das wäre schade. Denn noch viele Duck-Sprüche aus der Feder von Erika Fuchs harren der Verwendung als "FAZ"-Überschrift - beispielsweise so einzigartige Sprechblasen wie "Sicus, Picus, Sellericus", "Flicus, Flacus, Dumdideldacus" oder "Schnaptus, Claptus, Totalraptus".
Ganz zu schweigen von jener Wortschöpfung, mit der die legendäre Mickymaus-Übersetzerin einst das Geräusch einer zu Boden fallenden, mit Glühbirnen gefüllten Zinkwanne beschrieb: "Klickeradomms".

DER SPIEGEL 17/2000
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