01.05.2000

Eva ist das Urgeschlecht

Wie die Natur Mädchen und Jungen gestaltet
Am Anfang sind alle Embryonen gleich, egal, ob ihre Gene männlich (XY) oder weiblich (XX) geprägt sind: Sie haben ein und dieselben Geschlechtsanlagen. Entwickelt sich in einer Keimdrüsen-Vorstufe das Mark stärker, entstehen Hoden, dagegen werden aus der Rinde Eierstöcke.
Haben XY oder XX dieses Kommando richtig gegeben, ist die wesentliche Aufgabe dieser Gene erfüllt. Dann treten die fötalen Hormone als die eigentlichen Bildhauer in Erscheinung.
Das Tuberculum genitale vergrößert sich entweder zum Penis oder zieht sich zur Klitoris zusammen. Was bei einem Mädchen zu den kleinen Schamlippen wird, ergibt bei einem Jungen die Harnröhre des Penis; was sich weiblich zu den großen Schamlippen formt, wächst nach dem männlichen Programm zum Hodensack zusammen.
Entgegen der biblischen Schöpfungsgeschichte ist das weibliche Geschlecht das ursprüngliche: Alle Embryonen werden zu Evas, wenn die Natur nicht zwei Substanzen zur Gestaltung der Adams hinzufügt. Von der siebten Woche an sorgen die Androgene aus den Hoden für die Vermännlichung. Funktioniert die Hormonproduktion nicht richtig oder sind die Zellen des Fötus immun gegen Androgene, kommt ein XY-Baby zur Welt, das äußerlich nicht von einem Mädchen zu unterscheiden ist, trotz seiner männlichen Gene.
Noch ein zweiter Stoff, Anti-Müller-Hormon genannt, muss auf einen Jungen im Mutterleib einwirken: Er verhindert, dass sich eine rudimentäre Anlage, der Müller-Gang (entdeckt bereits im 19. Jahrhundert von dem Berliner Anatomen Johannes Müller), zum Uterus und den Eileitern auswächst.
Eine weite Varianz im fehlerhaften Zusammenspiel der beiden Substanzen und zeitliche Ungenauigkeiten ergeben bei genetisch männlichen Babys alle möglichen Zwitterformen: vom Mikropenis, der nur aus einer winzigen Eichel an einem häutigen Schlauch ohne voll ausgebildeten Schwellkörper besteht, bis hin zu echten, aber sehr seltenen Hermaphroditen, die einen Penis und einen Uterus, Hoden und Eierstöcke haben.
Umgekehrt können genetisch weibliche Föten vermännlichen, wenn sie unter den Einfluss von Androgenen geraten, die entweder aus einer überschüssigen Produktion ihrer eigenen Nebennierenrinde oder aber aus einem mütterlichen Tumor stammen. Denselben Effekt lösten auch synthetische Hormone aus, die in den fünfziger Jahren Müttern gegen drohende Fehlgeburten verschrieben wurden.
Leichte Abweichungen von den Naturregeln haben die Genitalien von etwa jedem hundertsten Baby. Auf etwa 20 000 Geburten kommt ein Fall von einer schwereren Fehlbildung.
Intersex-Kinder werden bald nach der Geburt chirurgisch zumeist ihrem Chromosomen-Geschlecht angepasst, aber nicht immer: Genetisch weibliche Babys mit stark vermännlichten Genitalien werden zu Jungen gemacht. Wenn bei genetisch männlichen Kindern mit Mikropenis das Gewebe nicht auf männliche Hormone anspricht, werden sie zu Mädchen umoperiert. Die Grenzen sind fließend und umstritten.

DER SPIEGEL 18/2000
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DER SPIEGEL 18/2000
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