01.05.2000

KIRCHE Das Nest mal ausmisten

Ein Dorfpfarrer in der Eifel probt den Aufstand gegen Machtmissbrauch und Unterdrückung in der katholischen Kirche. Der Mann hat großen Zulauf.
Revolutionäre sehen anders aus. Nicht so zerbrechlich. Nicht so schüchtern. Sie entschuldigen sich nicht so oft.
Der katholische Pfarrer Bruno Ix aus dem Dorf Dreiborn in der Eifel entschuldigt sich ständig bei seinem Publikum: dafür, dass er "aufgeregt" ist. Dafür, dass sein Buch den reißerischen Titel "Ein Priester bricht das Tabu des Schweigens" trägt: "Das wollte der Verlag." Und dafür, dass es so schlecht geschrieben ist: "Ich bin kein Schriftsteller."
Nur für seine Lebensgeschichte, für die entschuldigt sich der kleine Mann mit der Goldrandbrille bei seiner Lesung in Jülich nicht. Ix, 64, aktiver Gemeindepriester, wurde als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs und vielleicht mehr noch Opfer von Seelenhirten - rabiaten Beichtvätern, strengen Patres in einer bayerischen Klosterschule, unsensiblen Glaubensbrüdern.
Obwohl er das alles reichlich verquer und stümperhaft zu Papier gebracht hat, erscheint das simple Büchlein binnen weniger Monate bereits in dritter Auflage. Denn die Geschichte des Pastors trifft offenbar den Nerv vieler Gläubigen: Vor allem ältere Katholiken sehen in dem leisen Dorfpopen einen Vorkämpfer für mehr Demokratie und Reformen in der katholischen Kirche.
"Er fühlt sich nicht wie ein Revolutionär", schwärmt Marita Joerig aus der Eifelgemeinde Hellenthal, mit 43 eine der jüngsten Ix-Fans, "aber für uns ist er einer." Menschen wie sie, die sich trotz aller Zweifel und Zwänge nie von der Kirche lösten, empfinden es als befreiend, dass "endlich mal ein Priester über Gewalt spricht, die ihm in den eigenen Reihen widerfahren ist".
Seit Jahresbeginn tingelt Pfarrer Ix mit seiner Autobiografie durch nordrhein-westfälische Gemeinden. Eine "ganze Generation", ahnt Petra von der Au, Referentin beim Bistum Aachen, angesichts der Scharen leicht ergrauter Zuhörer, verarbeite offenbar ihre "negativen Erfahrungen mit Kirche".
Da ist die Ex-Nonne Hannelore Goertzen, 64, aus Langerwehe bei Düren, die berichtet, wie sie in den sechziger Jahren aus einem rheinischen Kloster flog, "weil ich laut über ein paar Dinge nachdachte, die heute selbstverständlich sind" - wie etwa eine Sozialversicherung für Nonnen. Da ist die 53-jährige Dame aus Aldenhoven bei Aachen, die seit zehn Jahren platonisch einen Priester liebt - und den Zölibat ein "unzeitgemäßes Zwangsmittel der Kirche" nennt. Und da ist Marita Joerig, früher Leiterin katholischer Frauen- und Kindergruppen, die erzählt, wie sie vor acht Jahren auf Druck eines Pfarrers ihre Ehrenämter aufgeben musste, weil sie sich scheiden ließ.
Fast täglich bekommt Ix in seinem Eifeldorf Dreiborn, dessen katholische Gemeinde er betreut, Post und Anrufe von Lesern, die mit ihm über ihr persönliches Schicksal reden wollen. "Sogar aus Karlsruhe und der Diözese Freiburg", wundert sich der Kirchenmann.
Die Hände stets auf der Suche nach etwas zum Festhalten, erzählt der Priester bei seinen Lesungen, wie er 1946 im Alter von zehn Jahren während eines Urlaubs auf einem Bauernhof bei Jülich von einem Knecht missbraucht wurde.
In völliger Verwirrung ("Schließlich hatte ich ja Unkeusches getan - der Knecht an mir und ich an ihm") ging der Junge aus einer niederrheinischen Arbeiterfamilie zur Beichte - doch das machte alles noch schlimmer. Der Dorfpfarrer habe ihn "so behandelt, wie ich mich seit der Vergewaltigung fühlte: wie ein Stück Dreck", schreibt er. 30 Jahre lang habe er nach diesem Schock nicht mehr über das Erlebte sprechen können. Wie vielen Menschen, fragt Ix, ist es wohl ähnlich ergangen, "allein bei diesem Dorfpfarrer".
Es folgten Gewissensnöte und weitere leidvolle Erfahrungen mit einer sadistischen Religionslehrerin, die ihn wegen eines zerbrochenen Radiergummis prügelte, und mit kaltherzigen Patres in der Klosterschule Ettal.
Trotzdem wurde Ix Priester - einer der vielen Widersprüche seiner Lebensgeschichte. 1971 kam er in das Dorf Dreiborn bei Schleiden. Doch der Seelsorger, der jahrzehntelang unter psychosomatischen Störungen litt und Psychotherapien machte, fand in der Kirche für sich selbst kein Seelenheil. "Die Kirche ist unbarmherzig bis auf den heutigen Tag gegenüber Menschen in Lebenskrisen", verkündet er in Jülich unter dem Applaus seiner Zuhörer.
Die ursprüngliche Version seines kirchenkritischen Buches verwahrt der Pfarrer daheim in seiner Dreiborner Schreibstube. In einjähriger Überarbeitung entschärfte er sie, "weil der, der aus Wut schreibt, nur Wut auslösen wird - und keine Veränderung".
Doch auch der Aufguss für die braven Gläubigen sorgt für Zoff im Klerus des Bistums Aachen. Zwar verhängte der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff, dem Ix das Manuskript vorab zu lesen gab, bislang keine Sanktionen gegen den schreibenden Pfarrer. Doch zahlreiche Kleriker beschimpfen Ix als "Nestbeschmutzer", weiß sein Amtsbruder Herbert Falken: "Die empfinden das Buch als unsolidarisch." Wenn das Nest beschmutzt sein sollte, kontert Heinz Josef Arentz, Pfarrer im Dekanat Mechernich, "wäre es gut, wenn man es mal ausmistet".
Andere Kritiker spotten, das Buch sei larmoyant und "theologisch völlig anspruchslos". "Intellektuell Anspruchsvolles wollte ich gar nicht schaffen", wehrt sich Ix milde. Er sieht sich in der Tradition des belgischen Ordenspriesters und Volkspredigers Phil Bosmans, der seit den siebziger Jahren mit großem Erfolg beim katholischen Publikum schlichte Lebenshilfebändchen schrieb und den Verein "Menschen in Not" gründete. Wie Bosmans träumt Ix von einer "menschlichen Kirche", in der Priester "vor allem Seelsorger sind", die "das Einzelschicksal über starre Vorschriften stellen".
Wer erfahren will, was er damit meint, muss über gewundene Straßen in die tiefste Eifel fahren. Eine Kirche, ein paar Häuschen wie aus der Spielzeugkiste, ein Supermarkt, zwei Gaststätten, drei Bankfilialen und die Bäckerei "Stoff" - das ist Dreiborn, die Welt des Bruno Ix.
In dieser Idylle, wo der Pfarrer im Dorf noch was zu sagen hat, der Pfarrgemeinderatsvorsitzende zugleich der Karnevalspräsident ist und der Sparkassenchef im Kirchenvorstand sitzt, haben sich die Menschen an ihren eigenwilligen Pastor gewöhnt. "Auch wenn er uns manchmal ganz schön was abverlangt", sagt die Hausfrau Rita Peters, 57.
Die Provokation begann mit Hanne Schaffrath. Vor 17 Jahren holte Ix die damals 36-Jährige als Pfarramtsleiterin in die Gemeinde. Sie hatte ihre Stelle als Chefin eines katholischen Kindergartens im niederrheinischen Viersen aufgeben müssen, als sie unverheiratet Mutter wurde. Mit zwei Kindern lebt sie inzwischen im Pfarrhaus - beide nennen den Priester "Papa". Ix: "Ich fühle mich als ihr Vater, auch wenn ich's biologisch nicht bin."
Natürlich tratschten die Dreiborner anfangs über die junge Frau. Einige wechselten sogar die Straßenseite, wenn sie auftauchte. Aber Schaffrath ging hinterher, bat, ihr doch bitte "jede Frage zu stellen - bevor Sie was Falsches erzählen". Und setzte sich in ihrer freundlichen, hartnäckigen Art durch.
Früher als andere engagierte der Dreiborner Dorfpfarrer weibliche Messdiener. Geschiedene und Wiederverheiratete lädt er ausdrücklich zur Kommunion ein - gegen geltendes Kirchenrecht. Und in Ehevorbereitungsgesprächen verkündet er, dass Verheiratete nicht um jeden Preis zusammenbleiben sollen.
So fragte der Seelsorger die Caritas-Helferin Karin Bermers im Brautgespräch, was sie tun würde, wenn ihr Mann Alkoholiker würde. Sein Rat: Dann hilft nur noch Trennung - "weil man auch an sich selbst denken muss".
Ebenso pragmatisch rät Ix schon mal verliebten Pensionären, lieber ohne Trauschein zusammenzuziehen. "Denn sonst gibt's nur noch eine Rente, und dann reicht das Geld kaum zum Leben."
Nicht immer kommt Ix mit seinen Aktionen in der Gemeinde an. 1994 etwa, als der Pfarrer einen Fall von sexueller Nötigung und Kindesmissbrauch aufdeckte und das Jugendamt informierte, gab es viele, die fanden, dass er zu weit ging. Der Täter, ein angesehener Mann im Dorf, wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Ein paar Wochen lang bekam der Pfarrer sogar Drohbriefe.
Trotz aller Irritationen - die Mehrheit im Dorf steht auch jetzt zu ihrem Hirten. Der Pfarrgemeinderat hat das Buchmanuskript vorab gelesen und für gut befunden. Sollte Ix nun Ärger mit der Amtskirche bekommen, erklärt Pfarrgemeinderatschef Jürgen Kirch, "organisieren wir notfalls 'ne Demonstration".
Die könnte schon bald vonnöten sein. Denn Ix macht inzwischen auch andere rebellisch. In einem Rundbrief an alle Pfarrgemeinderäte der Region fragt er, ob "Machtmissbrauch und Unterdrückungsmechanismen" in der Kirche nicht dringend "aufgedeckt und benannt" werden müssten. Und ruft dazu auf, bei den Katholiken-Oberen eine Untersuchungskommission zum Thema "Opfer und Täter in der Kirche" einzufordern.
Zuerst nur im Bistum Aachen, "aber so schnell wie möglich auch bundesweit", sagt der Dorfpfarrer - noch immer mit sanfter Stimme. ANDREA STUPPE
Von Stuppe, Andrea

DER SPIEGEL 18/2000
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