01.05.2000

AFFÄRENSchraube in der Vene

Ein Freiburger Chefarzt steht unter Pfusch-Verdacht. Doch die Uniklinik hält zu ihrem Unfallchirurgen - ein Lehrstück über Filz im Medizinbetrieb.
Professor Dr. med. Hans Peter Friedl aus Freiburg im Breisgau hält sich selbst für einen Mann zum Fürchten: "Vor mir muss man Angst haben", pflegt er zu scherzen, denn "ich bin ein scharfer Hund".
Damit hat er Recht - zumindest aus Patientensicht scheint Furcht angebracht vor Friedl, dem forschen Operateur. Der Karriere-Mediziner ist schon mit 37 Jahren Chefarzt geworden, Direktor der Abteilung Unfallchirurgie am Freiburger Universitätsklinikum. Jetzt ist Friedl 40 Jahre alt, und sein Ruf liegt in Scherben: Untergebene, Patienten, Professorenkollegen, Gutachter und die Ärztekammer Südbaden werfen dem Skalpell-Helden Schlamperei, Selbstherrlichkeit und Pfusch vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung.
Und dennoch: Friedl operiert weiter. Noch immer ist der C-4-Professor in Amt und Würden, denn die Uniklinik hält unverbrüchlich zu ihm. Der Fall Friedl wird damit zum Lehrstück für Mauschelei und Vertuschung in deutschen Universitätskliniken - einem Filzmilieu, das Fehlleistungen in Serie deckt, nur um Kollegen zu schützen.
Schon im Januar 1999 hatten sich drei Ärzte aus der Unfallchirurgie dem damaligen Vizepräsidenten der Ärztekammer Südbaden, Ruprecht Zwirner, anvertraut: Ihr Chef fälsche seine OP-Berichte. Und Röntgenbilder würden auf Friedls Station nicht mehr wie üblich in großer Runde besprochen. Friedl behandle sie vielmehr wie Geheimmaterial, damit Behandlungsfehler nicht auffielen.
Ärztefunktionär Zwirner informierte umgehend den Prorektor der Freiburger Uniklinik, Eduard Fahrtmann. Doch der Chirurgenchef unternahm nichts.
Auch die Ärztekammer hielt zunächst still. Der Kammerjurist hatte gemahnt, die Vorfälle reichten höchstens für eine Verwarnung, nicht aber für den Staatsanwalt.
So arbeitete Friedl ungehindert weiter. Doch am 24. September 1999 unterlief ihm wieder ein Fehler. Und diesmal war er so gravierend, dass er wahrscheinlich allein eine Kündigung rechtfertigen könnte. Friedl hat an diesem Tag einen 35-jährigen Polizisten aus Rumänien operiert. Der Mann hatte eine Beckenfraktur. In einer längeren Operation schraubte Friedl eine Stahlplatte auf das zerstörte Becken: Sie sollte helfen, dass das Becken zusammenwächst.
Doch der Patient Nicolai Matei erholte sich nicht wie vorgesehen. Noch in der Nacht bekam er ein "kaltes Bein" - es wurde nicht mehr durchblutet und begann abzusterben. Die Dienst habenden Ärzte entschieden sich um kurz vor vier Uhr morgens zur Notoperation. Sie öffneten die frische Wunde und wurden ausweislich ihres OP-Berichts zu Zeugen davon, wie kläglich der Chefoperateur versagt hatte.
Die "Arteria iliaca externa" ist die einzige Arterie, die das Bein mit Blut versorgt. Ausgerechnet dieses Gefäß wurde während der OP durchtrennt. Die Stahlplatte muss mit brachialer Gewalt auf das Becken gedrückt worden sein. Dabei war die 1,5 Zentimeter dicke Ader auseinander gerissen. Das Bein wurde von diesem Augenblick an nicht mehr durchblutet.
Die Nachoperateure entdeckten noch mehr Pfusch. Die Stahlplatte wurde grotesk falsch verschraubt: Die Schraube steckte nicht nur im Knochen, sie perforierte außerdem die Vene. In Friedls Operation wurde das Richtung Herz führende Gefäß abgequetscht. Einen Blutstau im Bein gab es nur deshalb nicht, weil zuvor ja schon die Arterie zerstört worden war.
Diese Fehlleistungen müssen Friedl wohl bewusst gewesen sein - darauf scheint jedenfalls der dritte Schreckensfund in dieser Nacht hinzudeuten: Tief in der Wunde entdeckten die Chirurgen ein von Friedl vergessenes Bauchtuch von der Größe eines Taschentuchs. Mit dem Bauchtuch sollte offenbar Blut aufgefangen werden, das reichlich aus den zerfetzten Gefäßen trat.
Der Bericht dieser Not-OP mitten in der Nacht wurde Ärztefunktionär Zwirner Monate später zugespielt. Der pensionierte Krankenhaus-Arzt war darüber so entsetzt, dass die Ärztekammer die Uniklinik in einem Gespräch Anfang Februar vehement zum Handeln drängte. Hermann Frommhold, der Vorstandsvorsitzende der Uniklinik, ließ sich dazu bewegen, der Einrichtung einer Untersuchungskommission zuzustimmen - einer "kleinen", wie es im Gesprächsprotokoll ausdrücklich heißt.
Zum Chefaufklärer ernannte die Klinik den Ulmer Professor Lothar Kinzl, den Vize der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Mitte März lieferte er sein Gutachten ab. 70 Friedl-Operationen aus dem Jahr 1998 hatte sich Kinzl vorgenommen und nach Schulnotenmanier beurteilt.
Das Gutachten fällt scheinbar milde aus: "In geschätzten 2/3 der Fälle würde ich von befriedigender technischer Durchführung sprechen und in 1/3 die Einstufung zwischen 4 und 5 sehen." Friedl wäre demnach nicht gerade ein Sauerbruch, aber gerade noch tragbar; kein Patient sei direkt geschädigt worden, schreibt Kinzl.
Das Gutachten von Kinzl wird von der Universität als Triumph und Freispruch gewertet. Friedl selbst verweigert dem SPIEGEL eine detaillierte Stellungnahme zu den Vorwürfen, weist aber über seine Anwälte darauf hin, dass Kinzl ihm in seinem Gutachten "fachliche Integrität und Kompetenz" bestätigt habe.
Von wegen - Kinzl hat dem ärztlichen Standesdenken entsprechend ein harmonisches Gutachten abgegeben, an das er wohl selbst nicht glaubt. Eine ganz andere Sprache benutzt der Gutachter nämlich in einem privaten Brief an den "lieben Hans Peter".
Kinzl offenbart darin, dass er sich in seinem Gutachten auf Kunstfehler-Vorwürfe gar nicht hat einlassen wollen - Streit um Fehlbehandlungen betrachtet er "unter akademischen Lehrern als unwürdig". Über Friedls Fehlleistungen ist er dennoch bestürzt: Kinzl schreibt, er empfinde "erschütternde Betroffenheit" hinsichtlich der "durchgehend nassforschen" Art, wie Friedl Komplikationen bei einer OP bewältigt oder gar verdrängt.
Besonders empörend findet er den Fall eines Lungenkrebskranken. Der Patient hatte Metastasen in der Wirbelsäule und lag im Sterben. In einer mehrstündigen Operation hat Friedl dem Patienten den gesamten Rücken mit Stahleinlagen verschraubt. Im privaten Schreiben stellt Kinzl die Frage, ob Friedl auch einem Angehörigen eine solche Globalverplattung verpasst hätte, obwohl von ihr wenig Linderung zu erwarten wäre.
Jetzt streiten sich die Ärztekammer Südbaden und die Uniklinik Freiburg über die Auslegung des nach wie vor unter Verschluss gehaltenen Gutachtens. Während die Pressestelle der Universität noch ungerührt repetiert, der Fall sei nunmehr "erledigt", ist für die Ärztekammer das Ende der Geduld erreicht: Auf wesentliche Vorwürfe des Gutachtens werde "in keiner Weise eingegangen", schreibt Ärztepräsident Martin Schieber an die Uni. Schieber: "Das dem Universitätsklinikum entgegengebrachte Vertrauen" werde "schwer beschädigt".
Klinikchef Frommhold, mit Friedl im Rotary-Club Freiburg-Schloßberg verbunden, hat sich über Monate mehr als Schutz- denn als Dienstherr gebärdet. Nun scheint er umzuschwenken - mit einem Standestrick: Nicht ob Friedl am Patienten versagt hat, wird für ihn zur Schicksalsfrage. Sie lautet vielmehr: Hat Friedl in seiner 50seitigen Rechtfertigung für die Untersuchungskommission die Kollegen belogen und damit die Standesehre beschmutzt?
"Wenn es auch nur den geringsten Hinweis gibt, dass Professor Friedl gelogen hat, dann ist der Mann nicht mehr tragbar", sagt Frommhold nun.
Der Beleg dürfte leicht fallen. Im Tresor der Ärztekammer in Freiburg liegt ein Röntgenbild. Es zeigt die Lunge einer Patientin, die von Friedl Mitte 1998 operiert wurde. Gleich nach dem Eingriff hat er sie ein zweites Mal aufgeschnitten, weil ihre Lunge sich nicht wieder ausgedehnt hatte.
Das stimmte, doch den wahrscheinlichsten Grund für das Lungenproblem hat Friedl verschwiegen: Auf dem Röntgenbild im Tresor ist ein vergessenes Bauchtuch zu sehen. JÜRGEN DAHLKAMP, MARCO EVERS
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DER SPIEGEL 10/2009 vom 2.3.2009:
Der SPIEGEL berichtete ...
... in Nr. 18/2000 "Affären - Schraube in der Vene" über einen Kunstfehler-Verdacht in mehreren Fällen gegen den Direktor der Abteilung Unfallchirurgie am Freiburger Universitätsklinikum, Hans Peter Friedl.
Neun Jahre nach seiner auf den SPIEGEL-Bericht folgenden Suspendierung einigten sich das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg und Friedl außergerichtlich darauf, dass Friedl aus dem Landesdienst ausscheidet. Trotz einer rechtskräftigen Verurteilung wegen fahrlässiger und vorsätzlicher Körperverletzung im Jahr 2003 erhält er als Abfindung 1,98 Millionen Euro.
Von Jürgen Dahlkamp und Marco Evers

DER SPIEGEL 18/2000
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