08.05.2000

„Eine Reise in die Hölle“

Protokoll der Geiselnahme: Das Martyrium der verschleppten Touristen auf Jolo und die Angst vor einem Blutbad - ohne Erfolg intervenierten die Europäer bei der philippinischen Regierung.
SONNTAG, 23. APRIL
Auf der malaysischen Ferieninsel Sipadan, einem Tauchparadies mit prächtigen Korallenriffen am Nordostzipfel Borneos, treffen sich am Abend im Restaurant des "Pulau Resort" die Urlauber zum Ostermahl. Es sind Touristen aus aller Welt, Europäer vornehmlich, und die meisten sind begeisterte Hobbytaucher. "Ein unberührtes Stück Kunst" hat der Meeresbiologe Jacques Cousteau das nur wenige Hektar große Palmen-Eiland genannt.
Zu den Urlaubern gehört auch eine deutsche Familie: Renate Wallert, 56, Musiklehrerin an der Wilhelm-Busch-Grundschule in Göttingen, ihr Mann Werner Wallert, 57, Studienrat für Erdkunde am Theodor-Heuss-Gymnasium, und deren jüngster Sohn Marc, 26, ein Unternehmensberater. In einem Fax, das die Familie nach Hause schickte, stand: "Wasser wunderbar, Tauchrevier hervorragend, Bungalows herrlich."
Gegen 19.30 Uhr stürmen bei strömendem Regen sechs Maskierte über die Freitreppe ins Restaurant. Sie sind mit AK-47-Schnellfeuergewehren und einer Panzerfaust bewaffnet, greifen sich ein paar Wertsachen und Handys, treiben dann die Gäste zu zwei Schnellbooten am Strand. Zwei Amerikanern gelingt die Flucht. Die Kidnapper verschwinden mit 21 Geiseln in der Tropennacht.
"Es fiel kein Schuss, keine Geisel wurde verletzt", sagt später Malaysias Polizeichef Norian Mai. Küstenboote der malaysischen Marine nehmen vergebens die Verfolgung der Kidnapper auf. Die befinden sich längst in philippinischem Hoheitsgebiet und steuern die Tawi-Tawi-Inseln der Sulu-See an - ein Hort von Piraten und muslimischen Extremisten. In ihrer Gewalt haben die Entführer zwei Franzosen, zwei Südafrikaner, zwei Finnen, eine Libanesin mit Wohnsitz in Frankreich, drei Filipinos, acht Malaysier - und die drei Deutschen.
Für das Ferienziel existiert keine so genannte Reisewarnung aus dem Auswärtigen Amt - die Region gilt amtlich als sicher.
MONTAG, 24. APRIL
Unklarheit herrscht über Identität, Motiv, Ziele und Forderungen der Geiselnehmer. Und über den Verbleib der Verschleppten.
Malaysias Behörden vermuten philippinische Piraten und Lösegelderpressung hinter der Tat. Alle Geiseln seien "sicher", behauptet Außenminister Syed Hamid Albar. Er sagt aber nicht, worauf sich diese Information gründet.
Polizeichef Norian Mai ergänzt, "möglicherweise" seien muslimische Extremisten der philippinischen Abu-Sayyaf-Guerrilla in die Entführung verwickelt. Auch der philippinische Verteidigungsminister Orlando Mercado spricht von "Muslimrebellen". Die kämpfen in einem fast 30 Jahre andauernden Bürgerkrieg auf der südphilippinischen Insel Mindanao um einen unabhängigen Staat (siehe Seite 32).
Abu Sayyaf ("Träger des Schwertes") gilt als die kleinste und gewalttätigste der untereinander zerstrittenen Guerrillagruppen. Seit dem 20. März hält diese Rebellenorganisation auf der Nachbarinsel Basilan 27 Schüler, Lehrer und einen katholischen Priester als Geiseln fest. Eine ihrer Forderungen: Auf Basilan müssten sämtliche Kruzifixe entfernt werden, und Mädchen sollten im Sportunterricht keine Shorts mehr tragen.
Am Samstag startete das Militär mit mehr als 1800 Soldaten, schwerer Artillerie und Kampfhubschraubern eine Offensive gegen das Dschungellager der Extremisten. Bei den Gefechten gab es mindestens 28 Tote.
Um 6.15 Uhr MEZ erfährt das Berliner AA über die Nachrichtenagenturen von der Entführung. Außenminister Joschka Fischer ist auf Sizilien in Urlaub. Sein persönlicher Referent wird aus dem Bett geklingelt. Er übermittelt Fischer die schlechte Nachricht. Der Grüne erklärt die Angelegenheit zur Chefsache, lässt sich von nun an jeden Morgen um sieben Uhr über den neuesten Stand informieren.
Um 14 Uhr tritt erstmals der Krisenstab in Berlin zusammen. Er meldet sich bei Wallerts Angehörigen in Göttingen. Die schnelle Reaktion ist möglich, weil es seit dem vergangenen Jahr einen ständigen Krisenmanager für solche Fälle gibt: Hubertus von Morr, ein Berufsdiplomat. Er führt eine Gruppe von 12 bis 20 Experten aus dem Kanzleramt und den Ministerien. Sie tagen in einem 200 Quadratmeter großen Saal im Erdgeschoss des Außenministeriums hinter Türen aus purem Stahl, 75 Zentimeter stark. Hier, in einem der ehemaligen Tresorräume der Reichsbank, bewahrten die Nazis einst Wertpapiere auf.
Der Militärattaché in Kuala Lumpur, der über beste Kontakte zur malaysischen Marine verfügt, wird nach Sipadan beordert.
DIENSTAG, 25. APRIL
In einem Radiointerview bekennt sich die Muslimgruppe Abu Sayyaf durch einen Sprecher zur Tat. Es werde noch "viele solcher Überraschungen" geben.
Ein Militärsprecher in Manila gibt bekannt, die verschleppten Touristen seien auf der Inselgruppe Tawi-Tawi gesehen worden, ein Aufklärungstrupp dorthin sei unterwegs.
Eilig erlässt das AA eine Reisewarnung für die malaysische Provinz Sabah, in der die Kidnapper zuschlugen. Fischer ruft den malaysischen Außenminister Syed Hamid Albar an und beschwört ihn, alles zu tun, um das Leben der Geiseln zu retten. Dutzende solcher Appelle werden in den kommenden Tagen noch folgen.
In Göttingen macht der daheim gebliebene Wallert-Sohn Dirk, 30, ein selbständiger Marketing-Unternehmer, auf Zweckoptimismus: "Meine Eltern sind hart im Nehmen, sie werden die Nerven behalten."
Für den deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verband (DRV) erklärt eine Sprecherin, es handele sich um einen "tragischen Einzelfall". Malaysia gelte als Land mit einer sehr niedrigen Kriminalitätsrate.
MITTWOCH, 26. APRIL
Kidnapper und Geiseln, sagt ein philippinischer Militärsprecher, seien nun auf der Insel Jolo im Sulu-Archipel geortet worden. Und zwar in einem abgelegenen Dorf des bergigen Gebiets um Talipao. Sie wurden barfuß durch den Dschungel getrieben.
Die Entführten, so Verteidigungsminister Mercado, befänden sich in der Hand des berüchtigten Abu-Sayyaf-Führers Galib Andang, genannt "Kommandant Robot". Von Forderungen sei nichts bekannt.
Der von Präsident Joseph Estrada zum Sondervermittler ernannte Mindanao-Gouverneur Nur Misuari, 59, einst selber Untergrundkämpfer, nennt dagegen in einem Fernsehinterview eine erste Lösegeldforderung der Geiselnehmer: Verlangt würden umgerechnet 1,5 Millionen Mark. Nach anderen Berichten geht es um fünf Millionen Mark.
Manilas Außenminister Domingo Siazon schließt eine Militäraktion zur Geisel-Befreiung "vorerst" aus. Die Sicherheit der Geiseln "hat für uns die höchste Priorität".
Nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Sulu, Abdusakur Tan, überwachen Geheimdienstler die Bewegungen der Kidnapper. Der Onkel einer der Entführer werde als Unterhändler eingesetzt.
Die deutsche Botschaft in Manila steht in Kontakt mit dem philippinischen Generalstab und meldet zuversichtlich nach Berlin: "Die philippinischen Behörden sind in der Lage, mit eigenen Mitteln den weiteren Verlauf der Entführung zu entwickeln."
Ein Experte des Bundeskriminalamts, der sich von seinem Dienstsitz in Bangkok auf den Weg ins Krisengebiet gemacht hat, wird vom AA gestoppt: Er sei in Malaysia nicht ordnungsgemäß als deutscher Gesandter registriert. Das Berliner Innenministerium weist das BKA an, nichts ohne ausdrückliche Zustimmung des Fischer-Ministeriums zu unternehmen. Auch der philippinische Außenminister Siazon macht der deutschen Botschaft in Manila klar, dass man keine Hilfe benötige - und sie auch nicht wünsche.
Im Krisenstab wird eine restriktive Öffentlichkeitsarbeit beschlossen. Die Verhandlungsgruppe des BKA, eine für die psychologische Betreuung geschulte Spezialeinheit, kommt zum Einsatz. Nur sie soll ab jetzt die Familie informieren. Der Krisenstab rät aber zur Vorsicht: Wallerts Sohn Dirk hat die Exklusivrechte des Falls an Sat 1 gegeben. Man fürchtet, dass er künftig alles Wissen sofort an den Fernsehsender weiterleitet.
DONNERSTAG, 27. APRIL
Sonderermittler Nur Misuari meldet erste Kontakte zu den Entführern. Die geplante Entlassung der malaysischen Geiseln sei gescheitert, weil ein Bootsmotor gestreikt habe. Die Kidnapper verlangten auch humanitäre Hilfe für verarmte Muslime auf Mindanao.
Gleichzeitig droht die philippinische Armee mit einem Eingreifen, sollten Verhandlungen zur Befreiung der Urlauber scheitern.
In einem Telefonat informiert Außenminister Siazon den Kollegen Fischer, dass man keinen unmittelbaren Kontakt zu den Entführern habe. Das AA beordert den Presseattaché aus Manila nach Zamboanga. Der Mann soll nicht nur informieren - sondern die immer zahlreicheren Journalisten "auf die Gefahren der Region" hinweisen.
Berlin fürchtet, dass die Terroristen noch weitere Geiseln nehmen. Noch hofft man auf ein schnelles Ende: Das Referat 513-9 bietet seinen Pool erfahrener Psychotherapeuten an, die binnen 24 Stunden vor Ort sein könnten, um die Freigelassenen zu betreuen. Fischer schickt den Asienbeauftragten seines Ministeriums, Cornelius Sommer, nach Manila.
FREITAG, 28. APRIL
Nach Tagen der Ungewissheit und Spekulationen dramatische Fakten und erstmals Nachrichten über den Zustand der Geiseln: Am Morgen rücken rund 400 Polizisten und Soldaten auf die Verstecke der Entführer vor. Dies geschehe zur Vorbereitung von Verhandlungen, sagt ein Polizeisprecher.
Ein Sprecher der Rebellen fordert in einem Rundfunkinterview die Ablösung von Chefunterhändler Misuari, der die Muslimgruppe zu spalten suche, "andernfalls werden wir allen eine Lektion erteilen und Geiseln köpfen".
Regierungstreue Milizionäre wollen die Verschleppten gesichtet haben. Die "weißen Geiseln" würden als Gruppe in einem Lager am Berg Bayog festgehalten, seien nicht gefesselt und könnten sich bewegen. Die meisten trügen T-Shirts und Sportkleidung.
Die Geiseln erleben ihre "schlimmste Nacht", wie die Französin Sonia Wendling später sagt: "Plötzlich mussten wir alle Sachen packen und losmarschieren. Wir gingen durch den Wald, waren völlig durchnässt, und dann, als es nicht mehr weiterging, sind wir wieder in unsere Hütte zurückgekehrt."
Erstmals erfahren deutsche Diplomaten in Manila von einem Plan, die Entführten gewaltsam zu befreien. Aber die philippinischen Behörden hätten abgewiegelt. An die Umsetzung sei überhaupt nicht gedacht, man setze auf Verhandlungen.
Kurz vor Mitternacht empfängt Siazon den deutschen Botschafter Wolfgang Göttelmann und dessen finnischen und französischen Kollegen. Siazon beeindruckt mit scheinbar präzisem Wissen: Acht der Geiseln, darunter die Wallerts, seien in der Hand von "Kommandant Robot". Der gelte als gefährlichster der Rebellenführer ("deadly killer") und ausgewachsener Krimineller, der nur Geld machen wolle.
Gouverneur Misuari weigere sich nach Jolo zu fahren, weil er einen Anschlag auf sein Leben fürchte. Er habe vier seiner Gefolgsleute, manche davon Ex-Kriminelle, als Kuriere eingesetzt. Der philippinische Außenminister lässt die EU-Botschafter wissen, Misuari sei wegen seiner guten Kontakte zur lokalen Ganoven- und Polit-Szene besonders geeignet. Mit einem der Entführer sei er sogar verwandt. Aber natürlich traue man so einem nicht voll über den Weg. Man habe daher parallel zwei weitere Vermittler eingeschaltet. Siazon mahnt zur Geduld: Die Verhandlungen würden sich sicher lange hinziehen.
SAMSTAG, 29. APRIL
Die philippinische Regierung lehnt eine Ablösung von Sondervermittler Misuari ab. Die Entführer erklären gleichwohl ihre Bereitschaft, weiter mit der Regierung zu verhandeln.
Die philippinische Journalistin Arlyn de la Cruz tritt in Aktion, sie darf als erste Reporterin die Entführten im Dschungel besuchen. Ihr Report alarmiert: Einige der Geiseln sind in schlechtem Zustand, sie weinen, viele leiden unter Durchfall, brauchen einen Arzt. "Sie sind schmutzig, müde, hungrig und durstig", berichtet die Reporterin.
Eine finnische Geisel klagt: "Aus meinem Urlaub wurde eine Reise in die Hölle." Renate Wallert erleidet einen Schock. "Sie zitterte zwei Stunden lang", sagt ihr Ehemann Werner, "wir konnten sie nur mit ein wenig Wasser und frischer Luft versorgen, das war alles."
Um halb neun Uhr morgens MEZ meldet sich Botschafter Göttelmann aus Manila beim Lagezentrum in Berlin. Der kommandierende General in Zamboanga habe ihn aufgefordert, seinen in die Provinzhauptstadt entsandten Diplomaten zurückzuziehen. Er sei, wie übrigens auch alle Journalisten, ein Sicherheitsrisiko.
Das AA lehnt ab, der Mann soll bleiben. Gegen Mittag erfährt das Lagezentrum vom prekären Gesundheitszustand der Geiseln. Eilig werden bei der Bundeswehr 500 so genannte Einmannpackungen, das Stück zu elf Mark, geordert.
Sie sollen am 1. Mai mit dem Flug LH 750 von Frankfurt nach Manila abgehen. Die Lufthansa-Cargo verspricht, großzügig zu prüfen, ob die Frachtkosten gesponsert werden. Fischer entscheidet, der in Jakarta stationierte AA-Regionalarzt Wolfgang Benkel solle sofort nach Manila fliegen - um näher an den Geiseln zu sein.
SONNTAG, 30. APRIL
Im Camp der Geiseln leidet Renate Wallert an Rückenschmerzen; die Entführer geben ihr eine Hängematte.
Misuari erklärt, ihm lägen noch keine schriftlichen Forderungen der Entführer vor. Die Muslimrebellen verkünden, statt Friedensgesprächen werde es wieder Kampfhandlungen geben.
Als eine Journalistengruppe im Beisein der Polizei versucht, zu den Entführern vorzudringen, kommt es zum Schusswechsel. Die Polizei feuert mit einer 50-Millimeter-Kanone aus einem Panzerwagen.
MONTAG, 1. MAI
Um 9.30 Uhr bricht einer von Misuaris Unterhändlern mit einem Schnellboot von Zamboanga nach Jolo auf. An Bord hat er in elf Kisten Medikamente, Kleidung, Notrationen, Zahnpasta, Seife, Sandalen und sogar sauberes Trinkwasser, das ihm Diplomaten der drei europäischen Botschaften übergeben haben. Auf Jolo schließt sich ihm die Ärztin Nelsa Amin auf dem Weg zum Camp an, um die Geiseln zu behandeln. Auch drei philippinische Journalisten sind mit von der Partie.
"Es ist ein guter Tag", sagt die Französin Sonia Wendling, "denn es hat geregnet. Wir konnten die Kleidung und die Hände waschen, und wir haben ein Mittagessen bekommen."
Renate Wallert ist offenbar am Ende ihrer Kraft. "Die Kidnapper sollen lieber mich als meinen Sohn erschießen", sagt sie, "ich bin alt."
Der Rebellenkommandant warnt die Militärs, die den Belagerungsring immer enger ziehen: "Stoppt die Aktion, oder wir schicken euch die abgeschlagenen Köpfe von zwei Geiseln." Studienrat Wallert, der Älteste unter den Geiseln, sagt zu den Journalisten: "Wenn die Armee das Versteck stürmt, wird es ein Blutbad geben."
Der deutsche Außenminister ist auf Wahlkampftour in Nordrhein-Westfalen, als die ersten Bilder von den Geiseln in den TV-Nachrichtensendungen gezeigt werden. Fischer ist so betroffen, dass er spontan Dirk Wallert in Göttingen anruft. Der hat schon vorher die angebliche Herz-Lungen-Krankheit seiner Mutter dementiert: "Alles Unsinn, meine Mutter hat ein tauchärztliches Gesundheitszeugnis."
DIENSTAG, 2. MAI
Kurz nach sieben Uhr holt in Manila Außenminister Siazon den deutschen Botschafter Göttelmann vom Frühstückstisch. Es stehe zu befürchten, berichtet der Chefdiplomat ausschließlich nach Berlin, dass bei einem nächtlichen Schusswechsel zwei Geiseln ums Leben gekommen seien.
Ähnliche Schocknachrichten verbreitet ein Lokalradio in der Regionalhauptstadt Zamboanga: "Eine westliche Geisel wurde von einem Querschläger tödlich getroffen, eine weiße Frau erlitt daraufhin einen Herzschlag und verstarb."
Eine Bestätigung dieser Informationen gibt es nicht, bald aber Dementis.
"Ich muss gestehen, wir haben keinen Überblick mehr, was auf Jolo wirklich passiert", bekennt um elf Uhr Außenminister Siazon den Botschaftern Deutschlands, Frankreichs, Finnlands und Malaysias.
Die Forderung der Europäer nach Einschaltung eines internationalen Vermittlers lehnt Manila ab. "Wir können nicht zulassen, dass die Angelegenheit internationalisiert wird", sagt ein Regierungssprecher. Im Berliner Lagezentrum hagelt es schlechte Nachrichten: Die BKA-Verhandlungsgruppe meldet, dass die Eheleute Wallert keinerlei Impfschutz haben - sie hätten diesen aus prinzipiellen Gründen immer abgelehnt.
Botschafter Göttelmann meldet, er fürchte, der innenpolitische Druck werde so stark, dass die Filipinos ihr Heil in einer gewaltsamen Lösung suchen könnten. AA-Staatssekretär Wolfgang Ischinger bestellt den philippinischen Botschafter in Berlin ein, mahnt zu einer friedlichen Lösung.
Im AA gehen Berichte ein, wonach der Vater der libanesischen Geisel nach Manila gereist sei und Lösegeld angeboten habe. Im Berliner Amt will man nicht zahlen, aber "private Zahlungen nicht verhindern und auch nicht erschweren". Ein deutscher Polizeiexperte soll jetzt eiligst in die Botschaft in Manila entsandt und den philippinischen Militärs als Berater angedient werden.
Da trifft es sich, dass die Eliteeinheit GSG-9 von Beginn an über den Gang der Dinge informiert wurde - jedes Krisenstabpapier ging auch an die Spezialeinheit. Doch ihr einstiger Kommandeur Ulrich Wegener, der 1977 die Geiselbefreiung in Mogadischu leitete, warnt: "Dschungelkampf ist etwas anderes als ein Einsatz in Mitteleuropa."
In der Nacht meldet sich noch einmal der Botschafter aus Manila. Wie Finnen und Franzosen habe auch er den ganzen Tag versucht, entweder Siazon oder Verteidigungsminister Mercado zu erreichen. Die hätten nicht einmal zurückgerufen.
Um Schlimmstes zu verhindern, übermitteln die drei Botschafter eine Stunde vor Mitternacht gleich lautende Demarchen an das philippinische Außenministerium: Man ersuche die Regierung dringend, "dem Militär sofort zu befehlen, alle Aktionen zu stoppen, die das Leben der Geiseln gefährden könnten".
Die philippinische Ärztin Nelsa Amin war ein zweites Mal im Camp: Renate Wallert hat sie wegen ihres Bluthochdrucks behandelt, einen der Franzosen wegen einer Blasenentzündung. Alle Übrigen sind einigermaßen wohlauf, Medikamente und Lebensmittel der Europäer sind zu den Geiseln durchgekommen.
Im "Philippine Daily Inquirer" erscheint ein Kommentar zur Geiselnahme: "Treat them like pigs." Darin wird behauptet, dass Moro-Kidnapper ihre weiblichen Opfer immer vergewaltigen. Selbst eine 80-jährige Großmutter, die sie im vergangenen Jahr entführt haben. Der Kommentator: "Ich bin sicher, dass dies auch den westlichen Geiseln auf Jolo passiert ist."
MITTWOCH, 3. MAI
Der Asienbeauftragte Sommer und die drei EU-Botschafter werden um elf Uhr endlich zu Außenminister Siazon vorgelassen. Nach der Unterredung ist klar, dass auf Manila kein sonderlicher Verlass ist. Sommer spricht später von einem "Informations-Offenbarungseid". Was er denn seinem Minister in Berlin mitteilen könne, fragt er fast verzweifelt den Außenminister. Siazon antwortet lapidar, man werde die Forderungen der Europäer vom Vorabend "ernsthaft in Erwägung ziehen".
Die Diplomaten setzen jetzt auf Informationen von der Kardiologin Yuda Lim, die eine zweite Hilfslieferung ins Geiselcamp bringen durfte.
"Anfangs haben die Entführer uns mehr Lebensmittel und Wasser gegeben, sie waren sehr korrekt", sagt Werner Wallert. Doch seit die Soldaten das Lager eingekreist haben, gingen die Vorräte zur Neige, "die Geiselnehmer können nicht mehr in die Städte gehen".
Es kommt zu einem neuerlichen Feuergefecht. Stunden später stürmen die Soldaten das Dschungelcamp, aber Kidnapper und Verschleppte sind verschwunden. In der Bambushütte, in der 21 Menschen eingepfercht waren, gibt es keine Blutspuren.
In Berlin beschäftigt sich das Bundeskabinett mit der Entführung, Staatsminister Zöpel trägt die Lage vor. Am Nachmittag ruft Kanzler Schröder den philippinischen Präsidenten Estrada an. Seine Botschaft ist klar: "Keine Gewalt."
Fischer erhält einen Brief von Schülern des Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasiums, in dem diese ihn bitten, für eine glückliche Heimkehr ihres Lehrers Werner Wallert zu sorgen. Der Außenminister versichert der Schulleiterin, es werde "alles Menschenmögliche getan".
DONNERSTAG, 4. MAI
Die Geiseln sind in fünf Gruppen aufgeteilt, aber alle 21 sollen leben, berichten philippinische Militärs. Es kommt zu mehreren Schusswechseln, angeblich wird Kommandant Robot dabei verwundet.
Fischer telefoniert mit seinem französischen Amtskollegen Védrine. So richtig glauben die Europäer offenbar nicht mehr an die Wirkung von Appellen. Verteidigungsministerien und Geheimdienste durchforsten die Akten nach philippinischen Militärs, die in Europa oder Amerika ausgebildet wurden. Vielleicht, so die Hoffnung, gehören sie heute ja zu den Mächtigen im Militärapparat der Inselrepublik und lassen sich direkt für die gewünschte Deeskalationsstrategie gewinnen.
Dirk Wallert in Göttingen bleibt weiter cool. Vielleicht weil er die Briefe, die seine Angehörigen in der Gefangenschaft geschrieben haben, per Fax bekommen hat. Das macht Hoffnung, für Illusionen reicht es nicht. Auf die Frage, wie das Drama im Dschungel seiner Ansicht nach weitergehe, ist die Antwort knapp: "Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie die da rauskommen können: entweder lebendig oder tot."
FREITAG, 5. MAI
Noch immer akzeptieren die Entführer Nur Misuari nicht als Verhandlungsführer. In den Zeitungen der Philippinen stehen Horrorberichte über die Befreiung der Geiseln auf Basilan. Besonders die Frauen wurden gefoltert, dem Priester die Fingernägel abgerissen, bevor ihn die Geiselnehmer erschossen.
In Manila lässt Präsident Estrada erklären, man werde den Aufenthaltsort der Geiseln "nicht angreifen, aber es den Entführern auch nicht erlauben, zu entkommen".
KLAUS BRINKBÄUMER, JÜRGEN HOGREFE,
OLAF IHLAU, JÜRGEN KREMB, GUNTHER LATSCH,
GEORG MASCOLO, HEINER SCHIMMÖLLER
Von Klaus Brinkbäumer, Jürgen Hogrefe, Olaf Ihlau, Jürgen Kremb, Gunther Latsch, Georg Mascolo und Heiner Schimmöller

DER SPIEGEL 19/2000
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