08.05.2000

ABENTEUER„Tränen aus Blut“

Das Walfang-Epos „Moby Dick“ beruht auf einer wahren Geschichte. 1820 versank die „Essex“, von einem Wal gerammt, im Pazifik. Ein US-Historiker ging jetzt auf Spurensuche.
Der Crew des Walfängers "Dauphin" bot sich ein grauenvolles Bild: Menschenknochen übersäten die Planken des Boots, das die Seefahrer kurz zuvor in der Dünung gesichtet hatten. Zwei ausgemergelte Gestalten kauerten in Bug und Heck.
Die Haut mit Geschwüren übersät, nagten die Schiffbrüchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen.
Die dramatische Rettungsaktion im Pazifik markierte den Endpunkt einer beispiellosen Schiffskatastrophe, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Welt in Atem hielt. Gerammt von einem 80 Tonnen schweren Pottwal, versank am 20. November 1820 der Walfänger "Essex" rund 1500 Seemeilen westlich der Galapagos-Inseln in den Tiefen des Pazifik. 12 der 20 Besatzungsmitglieder fanden bei der anschließenden Irrfahrt über den Ozean im kleinen Walfangboot den Tod. Bis heute gilt die Geschichte als "Titanic"-Katastrophe ihrer Zeit. Herman Melville inspirierte
sie zu seinem Walfang-Epos "Moby Dick". Jetzt kommt die Odyssee der "Essex" wieder zu Ehren.
Der amerikanische Historiker Nathaniel Philbrick hat das Walfang-Drama neu aufgeschrieben. Das vergangene Woche in England veröffentlichte Buch beruht auf den Berichten Überlebender einschließlich einer kürzlich entdeckten Version des Kabinenstewards der "Essex"**. Mitte Mai soll ein weiterer Band mit den Augenzeugenberichten des Untergangs erscheinen. Voraussichtlich im August wird Philbricks Buch auch auf Deutsch zu haben sein.
In faszinierenden Details lässt Philbrick die brutale Welt der Walfänger wieder auferstehen, die auch schon Melvilles "Moby Dick" mit ihrer blut- und öltriefenden Ästhetik zum Klassiker werden ließ. Häufig waren die Walfänger über drei Jahre lang auf den Meeren unterwegs, bevor sie wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Das wertvolle Öl der geschlachteten Wale beleuchtete die Straßen und schmierte die Maschinen der industriellen Revolution.
Viele der Männer zahlten einen hohen Preis für den Fortschritt und blieben für immer auf See. In der Walfang-Hochburg Nantucket beispielsweise, einer Insel vor der Ostküste der USA, war zur Blütezeit des Walfangs ein Viertel aller Frauen über 23 verwitwet.
In Nantucket begann vor rund 180 Jahren auch die Odyssee der "Essex", deren Fahrt schließlich im Kampf Wal gegen Schiff gipfeln sollte. Am 12. August 1819 ließ Kapitän George Pollard die Anker des 26 Meter langen Dreimasters lichten. Mit an Bord waren der Steuermann Owen Chase, 22, und der Kabinensteward Thomas Nickerson, 14, die später zu den wenigen Überlebenden zählen sollten.
Die Fahrt der "Essex" führte zunächst über den Atlantik bis vor die Küste Westafrikas und dann weiter nach Südamerika. Nach der Umrundung Kap Hoorns erreichten die Seefahrer im Frühjahr 1820 Peru. Elf zu Tran verkochte Wale füllten bereits die Laderäume. Längst waren die tonnenschweren Tiere für die Walfänger keine belebten Kreaturen mehr, sondern nur noch "fahrende Kübel voller hochwertigen Fettes".
Minutiös beschreibt Philbrick die Jagd auf die Meeresgiganten. In nur acht Meter langen Ruderbooten näherten sich die Männer den fleischgewordenen Titanen, um ihre Harpunen im Tierleib zu verankern. Gelang dies ohne von der Schwanzflosse des Opfers zerschmettert zu werden, folgte ein kilometerlanger Höllenritt, bei dem der Wal die Boote mit Geschwindigkeiten von bis zu 20 Knoten hinter sich herzog. Am Ende wurde dem erschöpften Leviathan mit einer langen Lanze der Todesstoß in die Lungenarterie verpasst.
"Daraufhin begann der Wal, Blut zu spucken. Seine Blasfontäne verwandelte sich in einen 15 bis 20 Fuß hohen, blutroten Geysir. Dann wurde die Kreatur still, ein riesiger schwarzer Körper, der in einer Lache aus Blut und Erbrochenem schwamm", schildert Philbrick den Todeskampf.
Über die Hafenstadt Atacames in Ecuador und die Galapagos-Inseln drang die "Essex" schließlich in die Weiten des Südpazifik vor. Dort wendete sich das Blatt: Aus den Jägern wurden Gejagte.
Am 20. November 1820, kaum 40 Seemeilen südlich des Äquators, sichteten die Männer die Blasfontänen von Pottwalen. "Es war ein klarer Morgen, perfekt für das Töten", schreibt Philbrick. Drei Walfangboote wurden zu Wasser gelassen. Eines von ihnen, gesteuert von Owen Chase, musste jedoch schon bald, von einem Wal beschädigt, zum Schiff zurückkehren.
Noch während Chase an Bord das Boot reparierte, war es der Kabinensteward Nickerson, der als erster den großen Pottwal in der Nähe des Schiffs liegen sah: ein "85 Fuß langes", männliches Tier, den gewaltigen Kopf "von Narben übersät".
Zwei-, dreimal blies der Walbulle - dann tauchte er unter. Als Chase den Riesen erneut ausmachte, schwamm er mit hoher Geschwindigkeit direkt auf das Schiff zu. Mit voller Wucht krachte das Tier in die Backbord-Seite des 238-Tonnen-Seglers und riss die Männer von den Beinen.
Der Wal tauchte unter der "Essex" hindurch, kam auf der anderen Seite wieder an die Oberfläche und nahm erneut Anlauf. "Ich sah ihn aus etwa 40 Fuß Entfernung noch zweimal schneller als vorher auf uns zuschießen, wie von Sinnen vor Wut und Rachegelüsten", notierte Chase später.
Direkt am Bug krachte der 80-Tonner erneut in die "Essex", stoppte das Schiff ab und schob es mit kräftigen Flossenschlägen sogar noch einige Meter rückwärts. Dann erst löste sich der Riese vom Eichenrumpf des lädierten Dreimasters und verschwand in den Tiefen des Meeres.
Herman Melville, Autor von "Moby Dick", hörte diese Geschichte wahrscheinlich erstmals 1840, als er - selbst auf einem Walfänger unterwegs - von Chases Sohn eine Kopie des Augenzeugenberichts erhielt. Als dramatischer Einzelfall galt das Verhalten des Pottwals, der nicht mit seinen Kiefern und seiner Schwanzflosse kämpfte, sondern seinen Kopf in die "Essex" rammte - "allein mit der Absicht, dem Schiff den größtmöglichen Schaden zuzufügen" (Chase). Fast identisch taucht die Szene später in Melvilles Roman "Moby Dick" auf, in dem ein weißer Pottwal die "Pequod" versenkt und anschließend Kapitän Ahab, verfangen in seinem eigenen Harpunenseil, mit in die Tiefe reißt.
Was an der Geschichte um den rachsüchtigen Ahab, der beim ersten Kampf mit dem Wal ein Bein verlor, außerdem auf Tatsachen beruht, versucht derzeit ein weiteres Buch zu ergründen**. In Thor-Heyerdahl-Manier begab sich der irische Autor Tim Severin auf die Spuren von Queegqueg und Tashtego, den Südsee-Wilden der Melville-Saga.
Severin reiste nach Indonesien und ging mit Eingeborenen auf Waljagd, um die Legende vom weißen Wal zu überprüfen. Mit den Insulanern im kurzen Tena-Boot unterwegs, fragte er die Jäger nach dem Tier. "Die Antwort brachte einen neuen Moby Dick ans Licht der Welt", schreibt Severin. Regelmäßig, so berichteten die Männer, würden sie weiße Pottwale sichten - allerdings verhielten sich die Tiere äußerst friedlich.
Woher Melville von weißen Walen wusste, ist ungewiss. Fraglos jedoch diente ihm die "Essex"-Katastrophe als Vorlage. Anders aber als im Roman, der mit dem Angriff des Wals endet, fing die wahre Odyssee der "Essex"-Besatzung mit dem Rammstoß
des Giganten erst an. Nachdem der Bootsrumpf vom Kopf des Tiers zerschmettert worden war, sank der Segler rasch. Den Männern blieb gerade noch genug Zeit, die kleinen Walfangboote provisorisch mit Segeln auszurüsten und Vorräte zu verladen.
Stürme, brennende Sonne, sogar die Attacke eines Orcas erwarteten die Seeleute in den nächsten Wochen. Einmal stießen sie auf Land, mussten die Henderson-Insel jedoch wieder verlassen, weil es auch dort nichts zu essen gab. Hunger und quälender Durst brachten die Männer, deren Boote schließlich auch noch getrennt wurden, bald an die Grenzen ihrer Kraft.
Mit wissenschaftlicher Präzision beschreibt Philbrick die Leiden der Schiffbrüchigen. Trocknet der Körper aus, wird die Zunge hart und schwillt an. Dann versagt die Sprache. Die Augenlider "brechen auf, die Augäpfel weinen Tränen aus Blut". Schließlich werde das Atmen zur Last. Es stelle sich das "widersinnige Gefühl des Ertrinkens" ein.
Den Strapazen nicht mehr gewachsen, begannen die Männer der "Essex" zu sterben. Die zwei ersten Toten bestatteten sie noch nach Seemannsart. Dann kam es zum Alptraum jedes Schiffbrüchigen. Halb verhungert begannen die Seeleute, ihre toten Kameraden zu verspeisen. Als auch das nicht mehr satt machte, zogen sie das Los. Owen Coffin, der junge Cousin des Kapitäns, war der erste, der den Todesschuss empfing.
Wie viele Männer nach ihm noch das gleiche Schicksal traf, bleibt für immer das Geheimnis der Schiffbrüchigen. Nur acht der Walfänger, unter ihnen Chase, Nickerson und Kapitän Pollard, konnten am Ende gerettet werden. "Eine der großartigsten wahren Geschichten, die je erzählt wurden", so Philbrick, fand schließlich nahe der Küste Südamerikas ihr trauriges Ende. PHILIP BETHGE
* Mit Gregory Peck als Kapitän Ahab, USA 1956. ** Nathaniel Philbrick: "In the Heart of the Sea". Harper Collins, London; 320 Seiten; 16,99 Pfund. * Holzstich von 1869. ** Tim Severin: "In Search of Moby Dick". Little, Brown & Company, London; 244 Seiten; 18,99 Pfund.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 19/2000
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