15.05.2000

PSYCHOLOGIE

Blick hinter die Fassade

Von Berndt, Christina

Das Zusammenwirken von 24 Muskeln lässt ein Gesicht freudig, überrascht oder von Angst erfüllt erscheinen. Jetzt will ein US-Forscher seinen Computer lehren, das Mienenspiel zu lesen. Schon kann das Programm geheucheltes und echtes Lachen besser unterscheiden als die meisten Menschen.

Datum: 18. Oktober 1962, Ort: Weißes Haus in Washington. Drei Männer sitzen beisammen: der Botschafter der Sowjetunion in den USA, Anatolij Dobrynin, der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko und US-Präsident John F. Kennedy. Alle drei Gesichter lachen fröhlich, die Lage scheint entspannt.

Historikern hingegen ist bekannt, dass Kennedy zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Tagen wusste, dass die Sowjetunion

Raketen auf Kuba stationiert hatte, die auf die Vereinigten Staaten gerichtet waren - wenig Grund also für lockere Plauderei in diesem Kreis.

Terrence Sejnowski glaubt denn auch, hinter die ausgelassen scheinende Fassade des US-Präsidenten blicken zu können. "Nur bei einem ist das Lachen echt", versichert der Forscher vom Salk Institute im kalifornischen San Diego. Fast 40 Jahre nach dem Treffen der drei Männer hat er sich das Foto ihrer Begegnung vorgenommen - und einen Computer darauf angesetzt, die wahren Gefühle der drei Staatsmänner zu enttarnen.

"Unser Programm zeigt deutlich, dass Kennedy die Situation gar nicht komisch fand", erklärt Sejnowski. "In Wirklichkeit drückt sein Gesicht Angst und Ärger aus." Das verrate die leicht angespannte Muskulatur um den Mund herum ebenso wie die hoch gezogenen Augenbrauen. "Auch Dobrynin fühlte sich unwohl", meint Sejnowski. "Sein Lachen ist nämlich stark übertrieben." So war also allein Gromyko an jenem 18. Oktober wirklich zum Lachen zu Mute.

Wo sich manch menschlicher Beobachter täuschen lässt, ist Sejnowskis Computer unerbittlich. Mit mehr als 1100 Videoaufnahmen von Personen in den unterschiedlichsten Gemütszuständen haben ihn Sejnowski und sein Team gefüttert. Das hat die Maschine gelehrt, selbst subtile Anzeichen von Angst, Ärger oder Freude im menschlichen Antlitz zu erkennen.

Oft schleichen sich diese Gefühle unbewusst ins Gesicht. "Wir haben insgesamt 35 verschiedene Indizien in Mimik, Gestik oder Stimme zusammengetragen, die alle eine Lüge entlarven können", versichert Paul Ekman, Psychologe an der University of California in San Francisco und einer der Pioniere in der Mimikforschung.

Seit den siebziger Jahren befasst er sich mit den Bewegungen im menschlichen Antlitz. Jeder einzelne der 24 Gesichtsmuskeln ist ihm vertraut. Im Detail hat Ekman studiert, wie sie während des Gesprächs zweier Menschen Emotionen kundtun, Überzeugungen unterstreichen, aber auch ausdrücken, wer von beiden Gesprächspartnern dem anderen überlegen ist.

Zwar vermögen die meisten Menschen die Muskeln rund um ihren Mund nach Wunsch zu steuern. Einige Partien der oberen Gesichtshälfte jedoch entziehen sich hartnäckig der Kontrolle. Erst nach hartem Training ist Ekman inzwischen fähig, die meisten dieser unwillkürlich zuckenden Muskeln mutwillig und einzeln zu bewegen.

Doch selbst ihm passiert es immer wieder, dass sich unwillkürliche Gesichtsbewegungen in sein bewusst eingesetztes Mienenspiel mischen. "Microexpressions" nennt Ekman sie, weil sie nur eine dreißigstel Sekunde andauern und für den Laien kaum zu erkennen sind.

"Wenn sich jemand zu lange angestarrt fühlt, drückt sein Gesicht unwillkürlich einen winzigen Augenblick lang Ekel aus", erzählt Jörg Merten, Psychologe an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Dann bewegt sich die Oberlippe leicht zur Nasenspitze, das Riechorgan zieht sich ein wenig zusammen.

Obwohl das Gegenüber dieses eindeutige Signal meist nicht bewusst wahrnimmt, bricht es doch sofort den Blickkontakt ab und geht auf Distanz. Das hat Merten nach stundenlangem Studium von Videoaufnahmen festgestellt. Etwa eine Stunde lang wendete er dabei für jede Filmminute auf.

So viel Geduld hat Sejnowski nicht. Er möchte die mühselige Arbeit von seinem Rechner erledigen lassen. Erst trainierte er seinen Computer an den immer gleichen Gesichtern. Inzwischen hat er ihm auch beigebracht, die Grimassen fremder Personen zu deuten. Erleichtert wird Sejnowskis Arbeit dadurch, dass alle Menschen auf dem Erdball ihr Antlitz in ähnlicher Weise bewegen, wenn sie etwas bewegt.

Angst, Ekel, Wut, Überraschung, Freude, Trauer: Diese Grundemotionen setzen schon bei Babys die immer gleichen, typischen Gesichtsmuskeln in Gang. "Wahrscheinlich kommen später noch Scham und Verachtung hinzu", meint der Psychologe Wallace Friesen. Er hat zusammen mit Ekman schon vor Jahren Naturvölker besucht. Dort konnte er Testpersonen, die nicht durch das Fernsehen voreingenommen waren, Fotos von Weißen zeigen, die hasserfüllt, verschämt, überrascht oder erschrocken blickten.

Bei ihren Interviews verzichteten die Forscher auf die sprachliche Umschreibung der fotografierten Gefühlszustände. "Begriffe", so Merten, "bilden Empfindungen in verschiedenen Kulturen häufig ganz unterschiedlich ab." Um derartige Begriffsverwirrungen zu vermeiden, bat er seine Probanden, den Gesichtern Geschichten mit empörendem, traurigem oder überraschendem Verlauf zuzuordnen. Alle Völker der Welt, so stellte er dabei fest, sprechen nur eine Sprache der Mimik.

Deshalb verwundert es nicht, dass sogar ein Computer auf die feinen aber doch stereotypen Bewegungen im Menschengesicht trainiert werden kann. Bei der Schulung seines Rechners griff Sejnowski auf so genannte neuronale Netze zurück, die nach dem Vorbild des Gehirns verschaltet sind.

Vor allem in puncto Freude gelingt dem Gerät die Analyse der menschlichen Mimik schon recht gut. Denn ein normales Lächeln ist durch eine festgelegte Folge von unwillkürlichen Muskelbewegungen charakterisiert. Ist das Lächeln hingegen nur geheuchelt, verzögert oder verändert sich der Ablauf dieser Bewegungen.

Daher glückt es Sejnowskis Rechner in 95 Prozent aller Versuche, ein echtes von einem falschen Lächeln zu unterscheiden. Seine Erfolgsquote ist damit sogar etwas

höher als die von trainierten Experten (94

Prozent) und schlägt Laien, die nur 78 von 100 fröhlichen Gesichtsausdrücken richtig interpretieren, um Längen. Schon jetzt braucht der Computer dabei nur fünf Minuten, um eine Minute Videoband auszuwerten. In nicht allzu ferner Zukunft, hofft Sejnowski, soll er sogar in Echtzeit arbeiten.

Systematisch will der Neuroforscher vom Salk Institute nun auch alle anderen Informationen, die das Gesicht unwillkürlich mitteilt, entschlüsseln. Er greift dabei auf die Arbeiten des schwedischen Anatoms Carl-Herman Hjortsjö zurück, der in den sechziger Jahren erstmals die kleinsten Einheiten der Mimik untersuchte.

Auf die Arbeiten von Hjortsjö baute Ekman auf, als er 1978 ein System von 46 so genannten Action Units schuf. Diese sind elementare Grundbewegungen, aus denen sich praktisch alles zusammensetzt, was sich im menschlichen Antlitz abspielt.

Das Hochziehen der Augenbrauen gilt ebenso als Action Unit wie das Zusammenziehen der Stirnmuskulatur. "Manche dieser Bewegungen sind so schwierig mutwillig auszuführen, dass das nur geschulte Schauspieler hinkriegen", sagt Marian Bartlett, eine Mitarbeiterin von Sejnowski.

Noch stehen die kalifornischen Neurowissenschaftler allerdings am Anfang. Von Ekmans 46 Action Units beherrscht ihr Rechner gerade einmal zwölf. So schließt der Computer aus den Action Units 12 ("Heben der Mundwinkel") und 6 ("Heben der Wangen" - wobei sich die Lachfalten am Auge bilden) auf ein aufrichtiges Lächeln, während er bei Action Unit 12 allein ein falsches wittert.

Dieser feine Unterschied zwischen wahrer Freude und grimassenhaftem Grinsen war schon dem französischen Anatom Duchenne de Boulogne im Jahre 1862 aufgefallen. Er notierte damals, ein Lächeln mit dem Mund sei so lange kein Zeichen von Fröhlichkeit, bis sich auch ein Teil des Muskels, der das Auge umgibt, zusammenzieht. Seinerzeit wurde diese Beobachtung ignoriert. Erst posthum wurde dem Forscher dafür Ehre zuteil: Das "Duchenne-Lachen" gilt für Psychologen inzwischen als der Ausdruck ungetrübter Heiterkeit.

Derlei Erkenntnisse, so beteuern die Verfechter der mittlerweile mit digitaler Technik aufgerüsteten Mimikforschung, könnten vor allem den Seelenheilern zu Nutze kommen. So setzte Ekman seine Mienenanalyse bereits als Erfolgskontrolle psychiatrischer Behandlungen ein - und stellte den Ärzten dabei ein erfreuliches Zeugnis aus: Nach der Therapie, so stellte der Forscher fest, Duchenne-lächelten die Patienten deutlich häufiger als davor.

Schon bald, glaubt Sejnowski, könnten derartige Aufgaben Computer übernehmen. Immer wieder würden Patienten aus Anstalten entlassen, weil die Suizidgefahr als gebannt gilt - und wenig später nähmen sie sich dann doch das Leben. "In solchen Fällen könnte unser Programm während des Entlassungsgesprächs Alarm schlagen, wenn es einen depressiven Zug um den Mund des Patienten registriert", glaubt der Neurowissenschaftler. Deshalb will er die Aufmerksamkeit der Computer vor allem auf diejenigen Muskeln lenken, die sich nicht bewusst kontrollieren lassen - auf "unsere ehrlichen Muskeln", wie Ekman sie nennt.

Viele Experten halten klinische Diagnosen anhand von Mimik-Analysen für möglich. "Fast alle Personen, die unter der gleichen Art von Depression leiden, haben auch die gleichen Microexpressions", erklärt etwa Rainer Krause, klinischer Psychologe an der Universität des Saarlandes. Auch ob ein Mensch immer wieder von seinem Partner verlassen wird, lässt sich mitunter in seinem Gesicht ablesen: "Wer seine Mitmenschen oft durch winzige, bewusst gar nicht wahrnehmbare Anflüge von Ekel verschreckt", berichtet Krauses Kollege Merten, "kann sich immer wieder im gleichen Beziehungsmuster gefangen sehen - weil sich der andere unweigerlich als unerwünschter Eindringling fühlt."

Patienten wiederum, die in krankhaftem Maße auf die Zuwendung anderer angewiesen sind, buhlen mit einem ebenfalls kaum merklichen, doch meist sehr stereotypen Lächeln um die Sympathie ihrer Mitwelt. "Man hat das Gefühl, eine unglaublich nette, reizende Person vor sich zu haben", erklärt Krause. Aber hinter der Maske verberge sich eine tief verunsicherte Persönlichkeit. Krause: "Weil diese Leute mit den gleichen Mitteln Kontakt zu ihren Therapeuten suchen, muss ein erfolgreicher Psychologe diese Strategie erkennen, damit er ihrer Verführung nicht erliegt."

Die Kunst, mit Hilfe einer Analyse von Action Units die Gefühls-Camouflage im Gesicht zu durchschauen, beherrschen jedoch nur wenige Experten. Den Übrigen, sagt Sejnowski, könnte bald seine Software helfen. "Nicht nur Psychiater, auch viele andere Ärzte brauchen Unterstützung, wenn sie ihre Therapie optimieren wollen", meint er. "Bislang sind sie auf das angewiesen, was ihnen ihre Patienten erzählen. Aber die mögen nach einer Behandlung oft nicht sagen, wie es ihnen wirklich geht. Oder sie wissen es gar nicht." Sejnowski hofft daher, im Gesicht von Kranken eines Tages auch unterdrückten körperlichen Schmerz ablesen zu können.

Jeffrey Cohn, der an der University of Pittsburgh an einem ähnlichen Computerprogramm arbeitet, geht in seinen Visionen sogar noch weiter. Dereinst könnten Fernsehsender dank automatischer Gesichtsanalysen auf die Seelenlage ihres Publikums schließen: Statt bloße Einschaltquoten zu messen, ließe sich so auch die Heiterkeit, Spannung oder Langeweile der Zuschauer systematisch erfassen. Auch der Online-Unterricht der Zukunft, so Cohn, müsse sich am Mienenspiel der Kinder vor dem Bildschirm orientieren. "Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich die Inhalte ändern, sobald die Kinder nicht mehr interessiert gucken?", fragt er.

Glaubt man den vollmundigen Ankündigungen der Mimik-Deuter aus den USA, so sind den denkbaren Anwendungen der Ausdrucksanalyse kaum Grenzen gesetzt. So arbeitet Sejnowski bereits daran, auch Verhaltensweisen vorherzusehen, die sich im Gesicht eines Menschen schon ankündigen, ehe dieser sich dessen überhaupt bewusst ist.

Denn Mimik, Gefühle, körperliche Empfindungen und Reaktionen sind in höchst komplexer Weise miteinander verwoben. "Emotionen kommen nicht nur aus dem Inneren", sagt der Saarbrücker Psychologe Krause. "Sie lassen sich auch durch Vorstellungen hervorlocken, durch den Gesichtsausdruck des Gegenübers oder durch ein bestimmtes Atemmuster."

So steigere der Rhythmus, mit dem man beim Weinen die Luft in die Lungen presst, die Trauer, ein etwas anderer Rhythmus hingegen beim Sex die Erregung. Durch rein mechanische Reize lasse sich sogar die Laune heben, fügt Krauses Kollege Merten hinzu: "Wer sich zum Beispiel einen Bleistift quer in den Mund legt, stimuliert damit, ohne es zu merken, seine Lachmuskulatur - und fühlt sich auch prompt besser."

Auch physiologische Werte, wie zum Beispiel der Cholesterinspiegel, scheinen sich auf Stimmung und Mimik auszuwirken - ein Phänomen, dem sich Sejnowski jetzt zugewandt hat. "Bislang verfügen wir nur über grobe epidemiologische Daten. Aber die deuten darauf hin, dass ein niedriger Cholesterinspiegel die Risikobereitschaft fördert", erzählt er. Eine Senkung des Blutfettspiegels, so spekuliert er, könnte deshalb die Aggressivität steigern. "Bevor jemand aber gewalttätig wird, zeigt sich das im Gesicht. Deshalb versuchen wir, einen Zusammenhang von Zerstörungswut und Blutfett mit Hilfe unseres Computerprogramms herauszufinden."

Das Interesse für diese Forschung geht weit über den Kreis der Wissenschaftler hinaus: Vor wenigen Wochen zum Beispiel hat das US-Außenministerium bei Sejnowski angefragt. Dort hofft man, dass mit Hilfe seiner Software - ob bei Videokonferenzen, im Internet oder im Empfangssaal des Weißen Hauses - künftige US-Präsidenten erfahren, wer wirklich etwas zu lachen hat. CHRISTINA BERNDT

* Links: Demonstrant bei einer NPD-Kundgebung in Magdeburg (Februar 1999); Mitte: albanischer Junge nach der Flucht aus dem Kosovo (März 1999); rechts: Steffi Graf nach dem Sieg bei den French Open (Juni 1999). * Sowjet-Botschafter Anatolij Dobrynin, Sowjet-Außenminister Andrej Gromyko, US-Präsident John F. Kennedy im Oktober 1962 bei der Vorbereitung eines Gipfeltreffens.

DER SPIEGEL 20/2000
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