DER SPIEGEL



SCHRIFTSTELLER

Monster mit höflicher Maske

Von Matussek, Matthias

Chile seit dem Ende der Pinochet-Diktatur: eine Gesellschaft, die den Terror von einst immer noch verdrängt oder beschönigt. Der in Spanien lebende chilenische Romancier Roberto Bolaño besuchte nun seine Heimat - und provozierte sie. Von Matthias Matussek

Vielleicht sollten alle Gespräche über das neue, das demokratische Chile so stattfinden: an einem festlich gedeckten Tisch, genau über dem Schachtgitter einer U-Bahn. Auf diese Weise würde jeder zweite zukunftsfrohe Trinkspruch erschüttert werden von einem untergründigen Rumoren, das die Gläser zittern lässt.

Roberto Bolaño ist zurück in Santiago, und er genießt diesen Tisch und seine Freunde, die seine Ankunft feiern. Sie sitzen auf der Providencia-Promenade vor der Bar Liguria über dem Gitter, trinken Wein und diskutieren die Frage der Fragen: Was machen wir mit Pinochet?

Alejandra, die Fotokünstlerin, plädiert dafür, ihn einzugießen, wie sie das mit diesem Hai gemacht haben in der Ausstellung der jungen Briten. "Ein Raubtier", sagt sie. "Man konnte es aus der Nähe betrachten, ohne jede Angst, gebissen zu werden." Und dann fröstelt sie leicht, in einem kalten Luftstoß von unten.

"Er ist ein alter Mann", sagt Roberto Bolaño. "Was soll man mit ihm vor Gericht?" Den Rest versteht man nicht im anschwellenden Brüllen der U-Bahn, aber alle nicken, denn die Sache ist klar: Der alte General, der dort draußen auf seinem Anwesen dem Tod entgegendämmert, ist nicht das Problem.

Das Problem ist diese Gesellschaft, die noch von Pinochets Terroristen eingerichtet wurde - nach einem lässigen Wechsel zur demokratischeren Etikette 1990, der mit einem atemberaubenden Wirtschaftswunder belohnt worden war. All diese entsetzlich vertrauten Gesichter, im Militär, im Parlament, in den Zeitungen, im TV. Und in der Literatur, ganz besonders hier.

Diese Figuren etwa, die den Salon der Mariana Callejas frequentierten, gibt es immer noch. Sie hatte ihre literarischen Gesellschaften in der Beletage ausgerichtet, während ihr Mann Mike Townley im Keller der Villa Regimegegner mit Stromstößen folterte. Die Sonette waren kunstvoll vorgetragen und die Speisefolge erlesen, und ab und zu flackerte das Licht.

Townley steht wegen der Ermittlungen um die Ermordung von Allendes Außenminister Letelier in den USA unter Zeugenschutz, und seine Frau hat den Kurzgeschichten-Preis der Zeitschrift "Bicicleta" (Fahrrad) gewonnen - so was kann man sich nicht ausdenken, das ist phantastische Literatur in Chile, die passiert.

Und der legendäre Literaturboom nach dem Ende der Junta, die "nueva narrativa", das neue Erzählen? Eine reichlich kaltschnäuzige Antwort auf den Terror, produziert von jugendlichen Schreibmaschinen aus der Oberschicht, die lediglich über die Vulgarität der Militärs die Nase rümpften und ihre Video-Literatur mit Metropolenjargon dagegensetzten, geschichtslos, dumm, und überaus erfolgreich.

Um das große Thema machten sie gemeinsam mit ihrem Publikum einen Bogen. Es gibt einige Literaten, die sich ihm stellten, wie Ariel Dorfman, dessen Folter-Thriller "Der Tod und das Mädchen" in Santiago keiner sehen wollte.

Oder Pablo Azócar ("Pinochet - Epitaph für einen Tyrannen"), der sich mit Literaturworkshops über Wasser halten muss. Pablo hat sich an diesem Abend in die Bar Liguria an Roberto Bolaños Tisch gerettet wie auf eine Planke. Gerade hat er seinen Kurs im Spanischen Kulturzentrum hinter sich gebracht, in einem Meer an Mittelmäßigkeit. Er hat sich die Größenphantasien eines Angestellten mit pinkfarbenem Hemd angehört und die erotischen Träume eines Teenagers auf Plateausohlen. Eine Kaffeemaschine spielte dabei eine Rolle. An der Wand eine Karikaturengalerie großer Schriftsteller und dazwischen ein blauer Feuerlöscher. Pablo hat gelitten.

"Das ist der chilenische Wahnsinn", sagt Bolaño vergnügt. "In keinem Land der Welt gibt es so viele Dichter." Poesie, ein Selbstgespräch der ungefährlichen Art: "Sie ist eine Alternative zur Beichte - und billiger als Psychoanalyse."

Vor wenigen Stunden erst ist Bolaño aus Spanien eingetroffen. Die Augen hinter der Nickelbrille hängen in müden, violetten Ringen, aber er ist elektrisiert. Wie vergnüglich ist es doch, zu entdecken, dass alles beim Alten geblieben ist. Selbst nach Jahrzehnten kennt man sich noch aus.

Man könnte die chilenische Literatur derzeit vergessen, gäbe es nicht diesen schmalen, krausköpfigen Mittvierziger, seinen Klang, seinen Witz, seine Unerschrockenheit. Roberto Bolaño ist womöglich das Kühnste, was die Literatur spanischer Sprache heute zu bieten hat. "Vielleicht wäre sogar Borges, wenn er Neid gekannt hätte, neidisch gewesen", urteilt der besonnene Paul Ingendaay in der "FAZ".

Ein Glücksfall für Chile ist Bolaño auf alle Fälle. Er hat sein Land bereits 1974 nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt unter Pinochet verlassen. Jahrelang hat er es gemieden wie eine Lepra-Kolonie. Seit neuestem besucht er es zu gelegentlichen Stippvisiten, und jedes Mal gibt es Ärger. Produktiven Ärger. Bolaño ist die wohl verhassteste chilenische Berühmtheit.

Er ist ein Star, seit sein Roman "Die wilden Detektive" mit dem hoch dotierten und prestigereichen Rómulo-Gallegos-Preis ausgezeichnet worden ist, was in den Zeitungen gefeiert wurde wie ein chilenischer Daviscup-Sieg. Andererseits ist er ein Emigrant und Nestbeschmutzer.

Bei seinem letzten Besuch im November hat er das literarische Establishment lückenlos beleidigt. "Bolaño gegen die Nationalmannschaft", titelte der "Mercurio". Jetzt ist er in der Stadt, um die Prämie eines weiteren Literaturpreises abzuholen - und sich neue Feinde zu machen.

Es gibt im Grunde nur einen chilenischen Kollegen, den Bolaño tief verehrt: den großen alten Nicanor Parra, den er diesmal in seinem abgeschiedenen Küstendorf besuchen möchte. Ansonsten hält Bolaño Chile für ein literaturfeindliches Land, denn es fehlten sämtliche Qualitätsstandards. "Eine literarische Kritik existiert hier nicht." Dass seit Neruda immer wieder chilenische Dichter als Botschafter ins Ausland geschickt werden, wie jetzt Antonio Skármeta nach Berlin, hält er für wenig aussagekräftig. "Wichtiger wäre doch, dass Skármeta mal ein Buch schreibt, das man zu Ende lesen kann."

Nein, Bolaño kann mit seinen Landsleuten nicht viel anfangen, und die nichts mit ihm. Seine funkelnde Satire "Die Naziliteratur in Amerika" blieb in Chile ohne Resonanz**. Virtuos massakrierte er hier den Kunstbetrieb samt dessen ominösen Dichterschulen und Kultfiguren, und das Schönste daran: Es war alles genauestens erfunden. Ein Lexikon voller germanophiler Pamphletisten und hitlerschwärmender Lyrikerinnen, ein Höllenspaß, den in Chile keiner komisch fand.

Vielleicht fühlte man sich bei einer anrüchigen Liebe ertappt, nämlich der zu den Nazi-Deutschen. Nirgendwo auf der Welt wird Deutschland so sehr und so missverständlich gemocht wie in Chile, das ergibt jede Umfrage, und bei Pinochets Regime-Stützen waren besonders jene Älteren beliebt, die nach dem Kriege hier untertauchten und noch wussten, was Zucht und Ordnung und Rassenreinheit bedeutet. Was sollte es da zu lachen geben?

Erst recht ignoriert wurde Bolaños unmittelbar folgender Meisterwurf "Stern in der Ferne"***. Diesmal starrte man wohl von vornherein in die andere Richtung, denn Bolaños Prosa stört auf dem beschwingten Weg in die neue Zeit - da fliegen keine Blütenblätter, sondern Knüppel.

In Deutschland dagegen, dem realen, wo der Roman gerade erschien, wurde er bejubelt. Mittlerweile sind die meisten Bücher Bolaños von großen deutschen Verlagen gekauft - es wird ein Bolaño-Fieber geben bei denen, die Lesen als Abenteuer begreifen.

"Stern in der Ferne" ist aus dem Schlusskapitel der "Naziliteratur" entstanden. Die Vita des Mörders und Dandydichters Carlos Wieder, dort nur ein Steckbrief, ist hier zu einem grandiosen Monsterroman gewachsen. Bolaño lässt einen jungen Schriftsteller berichten, in Sätzen, die um Objektivität bemüht sind und nur gelegentlich ein leichtes Schaudern nicht unterdrücken können.

Vage erinnert er sich an ein frühes Gedicht: "Ich weiß nur noch, dass an irgendeiner Stelle ein Messer auftauchte." Wieder bleibt ein Schatten, allerdings einer, der die Sonne verdüstern kann. Er ist "poète maudit" und Folterspezialist für Pinochets Geheimdienst, und wir lernen ihn in erster Linie über seine Taten kennen: die Worte aus der Genesis, die er mit seiner Messerschmitt in den Himmel schreibt; die Fotos von seinen geschundenen Opfern, die er in einer Vernissage in seiner Wohnung ausstellt.

In den Feuilletons des Landes wird das Flieger-As mit seinen tollkühnen Wolken-Versen ("Der Tod ist Chile") zunächst als wahre Avantgarde gefeiert. Doch im Grunde ist er für das Establishment nicht brauchbar. Er verstört das Regime und dessen Elite.

Es ist sein Einzelgängertum, das ihnen auf die Nerven geht. "Wieder, das wussten wir, flog nicht im Geschwader. Wieder flog in einem kleinen Flugzeug, und er flog allein." Er ist das absolut Böse in höflicher Maske, und himmelweit entfernt vom ordinären Bösen des Regimes.

Das Kunststück von Bolaños Roman: Die negative Monumentalität des Helden wird nicht durch moralisches Geschmatze verkleinert. Wieder bleibt unfassbar. Irgendwann wird er zwar mit Hilfe eines melancholisch-zerknitterten Detektivs gestellt, aber das sind dann schon die versöhnlichen (und schwächeren) Schlussseiten dieser nervenzerrenden Lektüre.

Es ist ein Buch der raffinierten Finten und überraschenden Treffer. Bolaños Vater, ein Immigrant aus Mexiko, war Boxer, ein einfacher Mann, der die Schriftstellerei als "Beschäftigung für Tunten" verachtete. Aber er hat seinem Sohn wohl alle Tricks beigebracht, die er kannte: wie man den Schlag ansetzt und wie man ausweicht. Wie man den Gegner stellt, selbst wenn man schwächer ist.

Bolaño war 20, als Pinochet die Macht übernahm. Bei einer Buskontrolle wurde er verhaftet, weil er mit dem mexikanischen Akzent seiner Eltern sprach, was ihn prompt als Terrorist verdächtig machte. "Es brauchte nicht viel damals, um auf immer zu verschwinden." Bolaño hatte Glück, denn unter den Gefängnisoffizieren waren zwei ehemalige Schulfreunde. Er konnte seine Papiere herbeischaffen und wurde entlassen. "Kurz darauf bin ich gegangen, und ich lachte, weil ich nicht gefoltert wurde." Im Grunde, meint er, müsse er Pinochet dankbar sein, denn der habe ihn außer Landes getrieben. "Ich bin leidenschaftlicher Ausländer."

Bleiben? Sicher, auch Bolaño zählte sich zu den "romantischen Hunden", wie es in seinem jüngsten Gedichtband heißt. Doch das Exil war produktiver: "Ich hatte ein Land verloren / aber einen Traum gewonnen."

Sein Weltmittelpunkt ist nun dieses kleine Dorf bei Barcelona, in dem er mit seiner Frau Carolina und dem zwölfjährigen Sohn Lautaro 50 Meter vom Strand wohnt. Morgens schreibt er. Mittags kocht er. Und wenn Barcelona spielt, hängt er vor dem Fernseher und bejubelt Rivaldo. Chile ist weit weg für ihn.

Es ist eine hinterhältige Pointe, dass sich die Zeitungen Santiagos in diesen Tagen gleichzeitig mit Roberto Bolaños Ankunft und der einer internationalen Truppe von Neonazis beschäftigen müssen.

Die Feuilletons begrüßen Bolaño, den Dichterstar - die Aufmacherseiten indes gehören dem jungen Neonazi Alexis López, der Hitlers Geburtstag mit einer Konferenz begehen möchte. Ein PR-Desaster für die neue Regierung Lagos, die sich red-

lich um einen Neuanfang gegen das alte Establishment bemüht. Erst vor wenigen Wochen flimmerte der peinliche Jubel über Pinochets Heimkehr über die Fernsehgeräte der Welt. Und jetzt soll das "neue", das demokratische Chile salutierende Jungfaschisten verkraften? Einige Teilnehmer, zumindest, können schon am Flughafen identifiziert und nach Hause geschickt werden.

Doch die Schatten der Vergangenheit sind mächtig. Auf der Fahrt zur Pressekonferenz spricht Bolaño mit dem Taxifahrer über Pinochet. Der ist, wie Bolaño, ebenfalls dagegen, den General vor Gericht zu stellen - allerdings aus völlig entgegengesetzten Gründen. Bolaño würde ein Verfahren als Verharmlosung, als Ablenkung von den zahllosen Helfern empfinden, der Taxifahrer dagegen als persönliche Kränkung. Er sagt: "Er war schließlich mein Staatspräsident."

In dieser kurzen Bemerkung liegt die ganze schmutzige Wahrheit Chiles, jenseits aller linken Volksfront-Rhetorik des Exils: Das Land mochte Pinochet. Der war - mit Ausnahme des unter seiner Ägide ermordeten Sängers Víctor Jara - einfach populärer als seine Opfer. So populär, dass ihn das Volk in einem Plebiszit nach 15-jähriger Amtszeit fast bestätigt hätte.

Auf der Pressekonferenz zunächst die üblichen, respektvollen Preisträgerfragen, mit denen Bolaño sich sichtlich langweilt: "Wo fühlen Sie sich eher zu Hause, in der Prosa oder in der Lyrik?" Bolaño lächelt dünn. Am wohlsten fühle er sich vor dem Fernseher, besonders wenn Barcelona gewinnt.

Wie es mit der Literatur des Landes aussehe? Bolaño enttäuscht nicht. "99 Prozent ist Mist." Der eine ist ein müdes Hemingway-Plagiat, der andere infantil, der nächste so schlecht, dass man davonlaufen möchte. Wie sein nächster Roman heißt? "Tormenta de mierda", Gewitter aus Scheiße. Bolaño genießt die Verlegenheit, die er damit auslöst. Das Buch handle von der Geschichte des Landes in den letzten 50 Jahren.

Am Ende kommt das Gespräch doch noch auf den Jungnazi López. Der hat gegen die "Einschränkung der Meinungsfreiheit" protestiert. Bolaño reagiert zum ersten Mal humorlos an diesem Vormittag. "Ein Nazi ist ein Nazi ist ein Nazi", sagt er knapp. "Meinungsfreiheit gilt nicht für die, die sie abschaffen wollen - ich werde niemandem ein Messer in die Hand drücken, der mich umbringen will."

Bolaño hat über Nazis geschrieben, aber keine Lust, welche kennen zu lernen - anders als etwa der Dichter Erich Fried, der sich mit dem Jungnazi Michael Kühnen ausgetauscht hatte: um zu verstehen, um zu erziehen, vielleicht auch, um anzugeben in der linken Schickeria.

Für Bolaño kommt das nicht in Frage. Als sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit López ergibt, lehnt er brüsk ab. "Er ist todsicher ein Dummkopf."

López ist alles andere als das: ein geschmeidiger Aktivist um die 30, der im Café Köln unter einer Fototapete mit Rheinufer-Ansicht von seiner Karriere unter Pinochet erzählt. Schon mit 17, als Jugendsekretär, wurde er vom General persönlich mit einer Medaille ausgezeichnet.

Ob Pinochet vor Gericht gehört? "Selbstverständlich", sagt López überraschend. Doch wiederum täuscht die Antwort. López legt damit kein Bekenntnis zur Demokratie ab, sondern zur faschistischen Vorwärtsverteidigung. Er fordert Haltung bis in den Tod. "Hitler hatte sie." Der General nicht.

Mit 19 gründete López eine ökologische Partei. Gleichzeitig, überhaupt kein Widerspruch, schwor er Rudolf Heß auf einem Friedhof an dessen Todestag Gefolgschaft, gemeinsam mit dem mystischen Altnazi und Schriftsteller Miguel Serrano, dessen Werk auf der "Thule"-Website deutscher Neonazis beworben wird.

Doch López wäre kein Chilene, wenn er nicht in allererster Linie Dichter wäre. Neben einer voluminösen "Geschichte des Nazismus in Chile von 1921 bis heute" ist da ein Lyrikband, in dem sich Liebesseufzer und dunkle Gralsmetaphern, Todeskult und New-Age zu einer legalistischen Blut-und-Boden-Pampe mit braunen Klumpen andicken. Eines der Gedichte schmückt sogar das Programm seiner Neonazi-Partei. Kurz: Der eloquente, glühende López hätte sich eindeutig für Bolaños Kompendium der "Naziliteratur" qualifiziert.

Doch Bolaño lacht nicht, als er am Abend in der Bar Liguria davon hört. Ihm ist unwohl, denn López scheint eine dunklere Wahrheit zu belegen: Bolaños Figuren laufen tatsächlich frei herum in Chile, sie haben seine Buchseiten längst verlassen und scheinen nun, wie in Pirandellos Stück, auf der Suche nach einem Autor, der sie vollendet.

Bolaño fühlt sich sichtlich bedrängt, als ihm López'' Programm vorgelegt wird. Er blättert in dem mit Runen verzierten Pamphlet, dann vertieft er sich in das Gedicht. Er liest eine Zeile laut vor, lächelt gequält. Dann schmeißt er es zur Seite. "Das ist nicht Lyrik", knurrt er, "das ist ... das ist ..." Zum ersten Mal fehlen ihm die Worte.

Mit "Stern in der Ferne" hat Bolaño kein politisches Pamphlet geschrieben, sondern - einen Künstlerroman. "Ich glaube nicht, dass es jemanden wie Wieder gibt", sagt er über seinen Monsterhelden, "aber ein Teil von ihm steckt in jedem, auch in mir." Sein Buch ist ein poetisches Erinnerungsalbum. Sein eigenes Exil ist darin enthalten, bekannte Namen und erdachte.

Da sind groteske Miniaturen wie die über den amputierten Dichter und Selbstmörder, der ins Meer springt und im letzten Moment lernt, wie ein Aal zu schwimmen. Daneben, wie ins Skizzenbuch geklebt, eine Hommage an den großen William Carlos Williams, dessen Foto ausführlich beschrieben wird und dessen lyrische Klarheit überall gegenwärtig ist, etwa wenn Bolaño vom Mord an zwei jungen Frauen erzählt, jäh und knapp wie Eishauch: "Die Nacht kommt, die Nacht geht, rasch und gründlich."

Es wird gefachsimpelt. Über ein paar frühe Verse Wieders heißt es: "Auf mich wirkte es wie ein Gedicht von Jorge Teillier, nachdem dieser eine Gehirnerschütterung erlitten hatte." Ja, der Schrecken, der sich auf diesen Seiten ausbreitet, hat auch damit zu tun, dass ständig vom Schreiben die Rede ist.

Bolaño hat den chilenischen Horror nur im ersten Jahr erlebt. Danach hat er ihn sich im Exil und schreibend vom Leibe gehalten, wobei er ihm gültig Gestalt gegeben hat - neben ihm liest sich Isabel Allendes "Geisterhaus" wie ein Lore-Roman. Bolaño hat das Böse tatsächlich eingegossen, so, dass es sich betrachten lässt, und das geht weit über banale Figuren wie Pinochet oder López hinaus. Das nennt man Kunst.

Doch das Leben, wie es passiert, ist noch mal eine andere Sache. An seinem dritten Tag in Santiago lässt er sich widerstrebend darauf ein, einen der grauenhaftesten Schauplätze der Pinochet-Diktatur zu besuchen. Sehr widerstrebend, vielleicht weil er spürt, dass er hier verwundbar sein wird. Es geht um die Villa Grimaldi in Santiagos Stadtteil La Reina, eine der schlimmsten Folterwerkstätten der Junta.

Sein Freund Rodrigo Pinto, Redenschreiber von Staatschef Lagos, ermuntert ihn zu diesem Besuch. "Schau es dir an", sagt er. "Es gehört zur Geschichte." Pinto und Bolaño stehen im Innenhof des Präsidentenpalastes "La Moneda", der zum ersten Mal in hundert Jahren für das Volk offen steht, und Bolaño legt den Arm um seine Frau, als suche er Halt im Strom der Besucher.

Die Freunde sprechen über den Tag, als der Palast beschossen wurde, über Allendes Tod.

"Kein Zweifel, dass es Selbstmord war."

"Er liebte die theatralische Geste."

"Ich habe mich am Tag danach bei einer kommunistischen Zelle am Stadtrand gemeldet", sagt Bolaño. "Ich wollte eine Waffe, wollte kämpfen." Das klingt so, als müsse er sich im Nachhinein für irgendetwas entschuldigen. Aber wer verlangt Heldenmut von einem 20-jährigen?

Auf der Fahrt hinaus nach La Reina erzählt er von einer Freundin, die dort draußen gefoltert wurde. "Man hat ihr eine Ratte in die Vagina eingeführt", sagt er. Er hat sie später in Mexiko getroffen. Mittlerweile hat sie sich umgebracht. "Sie ist an Traurigkeit gestorben."

Die Villa Grimaldi war einst ein kleiner Palazzo im toskanischen Stil, von Pinien umstanden, ein Juwel in diesem Viertel. Dicht an ihre Mauern grenzen andere Villen - die vermögenden Nachbarn müssen gewusst haben, was hier geschah. Ganz sicher haben sie die Schreie gehört.

Der Himmel hängt schwer über dem schwarzen Gitter der Gedenkstätte. Es regnet. Sehr viel mehr gibt es nicht mehr als dieses Gitter, die Fundamente, ein Mosaik. Und ein Swimmingpool im schönsten Blau, als hätte ihn David Hockney gemalt.

In einem kleinen Schuppen steht ein verstaubtes Modell der Anlage, in der Ecke ein Stapel ungerahmter Ölbilder auf Spannrahmen mit dem Gesicht zur Wand. Eines zeigt ein gemartertes Gesicht, ein anderes Gefangene im Estadio Nacional. Sie stammen von einem Häftling. Er ist mittlerweile gestorben, seine Bilder sind vergessen. Kunst, eine ohnmächtige Geste.

Und stets doppeldeutig. Es gab kunstsinnige Folterknechte, die Stillleben malten, und hier, in dieser Villa, ging es um die perverse Kunst des Tötens. Das Ineinander von Tortur und ästhetischer Raffinesse ist keine Bolaño-Erfindung. Hier hat die Elite foltern lassen, eine sinistre Schickeria, die jungen Männern und Frauen sinnlose Denunziationen herauspresste, die zu weiteren Opfern führten.

Eine Gedenktafel nennt ihre Namen. Bolaño entdeckt den eines Bekannten. "Ich war mit seinem Bruder befreundet." Kleine Mosaike markieren die verschiedenen Gefängniskeller. Die Zellen, die einen Quadratmeter maßen, wurden "Casa Corvi" genannt - so hieß das Sozialbau-Modell für die kleinen Leute. "Ein bemerkenswerter Sinn für Humor", sagt Bolaño. Er hat Tränen in den Augen. Der Schließer der Anlage schaut auf die Uhr, aber er lässt Bolaño in Ruhe. Schließlich wendet der sich zum Aufbruch. "Es war gut, dass ich hier war", sagt er.

Carlos Wieder hat es nie gegeben? Bolaño ist sich nicht mehr sicher. Jetzt kann er sich durchaus vorstellen, dass er gelebt hat. Und dass er diese Villa kannte. Über 90 Opfer-Familien warten darauf, dass der Verantwortliche für das System, in dem sich Wieder austoben konnte, vor Gericht kommt. In diesen Tagen wird über die Aufhebung von Pinochets Immunität entschieden. "Es wäre eine Genugtuung für sie", sagt Bolaño nun.

Wieder, der Todes-Dichter, ist an diesem trüben chilenischen Nachmittag überall, auch auf dem kleinen Flugfeld in der Nähe, wo ein paar Cessnas auf ihre Piloten warten. Wieder könnte hier aufgetankt haben. Benommen und gleichzeitig neugierig folgt Bolaño dem Wunsch des Fotografen nach einem Bild genau dort. Doch unversehens droht die Sache in einen bösen Alptraum abzukippen, denn das Gelände gehört der chilenischen Polizei.

Plötzlich wird Bolaño mit seiner Frau in einen Raum gebeten und befragt. Was das denn für ein Roman sei, den er da geschrieben habe, will ein Leutnant in grüner Ledermontur wissen. Bolaño schaut nervös zur Tür. "Er handelt von einem Piloten", sagt er. "Und vom Horror."

Der Leutnant schaut verständnislos durch Bolaño hindurch. Er brütet eine Weile vor sich hin. Dann seufzt er und nickt ein gelangweiltes "Okay". Ob er in letzter Zeit mal in der Villa Grimaldi war? "Nein", sagt der Leutnant überrascht. "Gibt''s die noch?"

* Bei seiner Rückkehr aus Großbritannien in Santiago am 3. März. ** Roberto Bolaño: "Die Naziliteratur in Amerika". Aus dem Spanischen von Heinrich v. Berenberg. Verlag Antje Kunstmann, München; 240 Seiten; 38 Mark. *** Roberto Bolaño: "Stern in der Ferne". Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Verlag Antje Kunstmann, München; 176 Seiten; 32 Mark.

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