DER SPIEGEL



Ausbruch aus der Käseglocke

Von Schneider, Peter

Verteidigung der 68er gegen die Maschendrahtzaun-Generation. Von Peter Schneider --- S.36 Der Berliner Autor Schneider, 60, veröffentlichte zuletzt "Die Diktatur der Geschwindigkeit: Ausflüge, Zwischenrufe".

Was mein Verhältnis zur Regierung angeht, bin ich in einer neuen Lage: Ich kenn ein halbes Dutzend ihrer Würdenträger per du. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich näher bekannt mit ihnen wäre. Wie sich der eine oder andere aus meiner Generation vielleicht erinnert, waren das "Du" und die Anrede per Vornamen kein Vertrauensbeweis. Diese Anrede stand für "Genosse" und kam einem politischen Bekenntnis gleich.

Man duzte sich, ohne zu fragen und auf ein "Du" anzustoßen; man duzte Freunde wie Widerlinge mit der gleichen Entschlossenheit und zog damit eine Trennungslinie zu den anderen, den Millionen und Abermillionen, die auf der anderen Seite der Barrikade standen und zu siezen waren. Kurz, jenes unpersönliche, tausendfach vergebene "Du" bezog seine Intimität aus einer Geste der Abgrenzung. Manch einer, der sich heute per "Du" angesprochen sieht und weder mit dem Gesicht noch mit dem Vornamen seines "Duzfreundes" etwas anzufangen weiß, sehnt sich im Stillen nach dem "Sie" zurück. Aber bekanntlich ist der Rückweg vom "Du" zum "Sie" nur wenigen gelungen.

So let''s play it again: Du, ihr da, Genossen! Wir haben Fehler gemacht. Wir, die 68er, haben als bald oder längst 60-Jährige die Macht übernommen, und die Jungen in Nordrhein-Westfalen zeigen uns den Effenberg-Finger. Sie laufen einem Spaßmacher und Polit-Unterhalter hinterher, der sich mit Kalauern empfiehlt: "Grün staut, Mölli baut". Man kann es den Einzug des Prinzips Stefan Raab in die Politik nennen.

Wie konnte das passieren? Sind wir inzwischen zu denen geworden, vor denen wir damals gewarnt haben? Mit der Pointe, dass wir keinem mehr trauen, der unter 30 ist? Müssen wir mit Manne Krug bekennen: "Ich wollte nie so werden, wie mein Vater ist. Jetzt bin ich so und find''s gar nicht so schlimm!"?

Unbeschädigt haben wir diese 30 Jahre nicht überstanden. Sandalen und Turnschuhe passé - aus dem langen Marsch durch die Institutionen ist eine Fahrt mit dem gepanzerten Dienstwagen geworden. Aber Möllemann? Genossen, wir können und wollen das Geschrei über das Versagen der "68" nicht mehr hören. Mittlerweile ist der gute Name ja zu einem Ersatzwort für Rotwein, Flucht aus dem Amt und serielle Scheidung geworden!

Wir sehen sie schon Schlange stehen, die 89er, die es in ihrem politischen Leben zu nichts gebracht haben als zu Dauersargträgern, die nur darauf warten, uns zum hundertsten Mal zu Grabe zu tragen. Inzwischen muss man sich von Angehörigen der Maschendrahtzaun-Generation die Frage anhören, wie ein halbwegs intelligenter Mensch überhaupt an "so einem Irrsinn" hat teilnehmen können. "Habt ihr diese Sprüche wirklich auch nur einen Augenblick geglaubt: Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten, Bürger, runter vom Balkon, unterstützt den Vietcong."

Machen wir es ihnen nicht zu leicht, Genossen, werden wir uns selbst gerecht, drehen wir uns auf der Bahre und die Frage um.

Wie eigentlich konnte es ein halbwegs wacher junger Mensch in jenen Jahren fertig bringen, sich aus dieser Bewegung herauszuhalten, sich nicht anstecken und sich nicht mitreißen zu lassen? In einer Bundesrepublik, in der die Aktiven der Nazi-Generation im besten Alter waren und uns nach einer wundersamen Wandlung als Demokraten und Verfassungsfreunde gegenübertraten. Deren Lehrer, Richter, Professoren, Ärzte, Polizeipräsidenten, Politiker und Unternehmer ihre Laufbahnen im Dritten Reich begonnen hatten und sie nach dem Krieg in der Regel unbehelligt fortsetzen konnten. In der ein lähmendes, für einen jungen Menschen ganz unerklärliches, dröhnendes Schweigen herrschte, ein Schweigen, das nicht nur die Frage nach der "Vergangenheit", sondern auch viel harmlosere Fragen erstickte. Etwa, warum das Betreten eines Rasens, das Übertreten einer roten Ampel auf einer verkehrsarmen Straße, das Singen im Hof und auf der Treppe gleich als Anschlag auf die öffentliche Ordnung empfunden wurden.

Und warum derartige Regelverstöße, falls ein Ordnungshüter nicht zur Stelle war, sogleich dutzende von freiwilligen Polizisten auf den Plan rief - Menschen, die man eben noch für Nachbarn oder Passanten gehalten hatte. So dass man das Gefühl hatte, all diese Menschen müssten erst einmal eine Woche lang schreiend durch die Straßen laufen und ihre Angst und Wut aus sich herausschreien, bevor ein halbwegs entspannter Umgang miteinander möglich würde.

Was für ein Langweiler, Stubenhocker, Lebens- und Risikovermeider musste einer damals sein, um sich dem Ausbruch aus der großen, deutschen Käseglocke zu verweigern. Immer noch mit ausrasiertem Hals und frisch gezogenem Scheitel, mit weißem Plastikhemd und dem Trevira-Schlips unter dem Jackett in die Seminare zu gehen und über einen Franzosen des 19. Jahrhunderts zu arbeiten, der seinerseits über einen Römer des 2. Jahrhunderts gearbeitet hatte.

Das Leben musste mehr bieten als die Straßenverkehrsordnung und einen Viervierteltakt, zu dem man allenfalls marschieren oder schunkeln, nicht aber tanzen konnte. Und ich rufe es euch, unseren lebensneidischen Krittlern und Sargträgern zu: Nicht einmal ihr würdet in der Gesellschaft leben wollen, die ihr hättet, wenn es unseren Aufbruch nie gegeben hätte - nicht die Eroberung der Körper durch die neue Musik, die Erweiterung der sexuellen Grenzen, das Aufbegehren der Frauen! Dass dieser Kampf auch zu barbarischen Verirrungen geführt hat, muss ich hier nicht noch einmal beschreien, nur orthodoxe Dummköpfe bestreiten es, dass sie massenhaft und vielleicht für immer mit der Kultur des Gehorsams gebrochen haben.

Aber, Genossen, wir können uns nicht mit der Behauptung trösten, diese Bewegung sei an der staatlichen Repression oder sonst einer bösen, äußeren Macht gescheitert. Sie ist natürlich an sich selbst gescheitert, genauer an einer vermeintlich "wissenschaftlich gesicherten" Überzeugung, die als Religionsersatz funktionierte. Es war die Idee, dass der Mensch - und womöglich auch der deutsche Mensch - von Natur aus gut ist, wenn man ihn nur gut sein lässt. Man muss nur die räuberischen, ausbeuterischen, unterdrückerischen Umstände abschaffen, und mit ihnen werden Machtgier, Besitzstreben, Egoismus, Konkurrenz, Gewalt und Rassenhass verschwinden. Die Menschen werden, wie es weiland Herbert Marcuse träumte, "friedlich wie die Fische im Wasser" leben. Nur, wo außer im Aquarium leben Fische eigentlich friedlich?

Nach ein paar hunderttausend Jahren Menschengeschichte lässt sich über das Wesen der menschlichen Natur nicht viel Verlässliches sagen. Sicher weiß man nur, dass Menschen offenbar zu beidem fähig sind: zum Schlimmsten wie zum Besten. Ebenso unstreitig ist, dass man die "guten" und sozial erwünschten Eigenschaften oder Talente durch gesellschaftliche Einwirkung verstärken oder schwächen kann. Die These jedoch, das Böse gehöre gar nicht zur menschlichen Natur und werde von finsteren äußeren Mächten immer wieder ein-

geschleust, lässt sich nur in einer Erziehungsdiktatur "verifizieren".

Zum Glück hat der versprochene "neue Mensch" nicht aus den Buchdeckeln herausgefunden, und der belehrende linke Zeigefinger ist in 30 Jahren kürzer und auch krummer geworden. Aber bei euren öffentlichen Auftritten, Genossen, ist immer noch die Überzeugung spürbar, dass ihr die besseren Menschen seid und deswegen der besseren Argumente und einer einfallsreicheren Selbstdarstellung nicht bedürft. Und dieser uneingestandene Neid, das tiefe Misstrauen, das ihr, Genossen von der Basis, euren "Promis" entgegenbringt - spricht daraus nicht der alte Reinheitswahn, der verlangt, dass die linke Seele von Regungen wie Egoismus, Machtgier, Starallüren gefälligst frei zu bleiben habe? Womöglich haben viele Junge Angst vor euren guten Absichten und spüren, dass ihr sie am Ende, selbstverständlich zu ihrem Besten, nur umerziehen wollt. Kommt uns dieses Misstrauen nicht bekannt vor? Haben wir nicht einiges von den Monstern zu erzählen, die voller guter Absichten Monster gebären können?

"High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein", hieß es am Anfang - und was kam? Was wir einmal wollten, war eine libertäre und anarchische Rätedemokratie. Bekommen und mit geschaffen haben wir einen zentralistischen Sozialstaat, der 50 Prozent des Sozialprodukts auffrisst und den Freiheits- und Entscheidungsraum seiner Bürger immer weiter einengt. Gestreikt haben wir für eine kritische Universität. Bekommen haben wir einen Massenbetrieb, an dem die Studenten ihre Zeit vertrödeln und die ehemals antiautoritären Professoren aus allen Wolken fallen, wenn sie von der Idee hören, dass die Studenten ihre Leistungen als Lehrer benoten sollen.

Willy Brandt hat sich einmal über Revolutionäre mit Pensionsberechtigung mokiert. Er konnte nicht ahnen, dass unter Beihilfe der ehemaligen Revolutionäre der größte und unbeweglichste Beamtenstaat Europas entstehen würde, dessen Lobby, gleich welche Partei im Bundestag das Sagen hat, jeweils die Mehrheit stellt. Und unser Subjekt der Geschichte, der Protagonist unserer gedachten Klassenkämpfe, die Arbeiterklasse - was ist aus ihr geworden? Was sollen die Jungen von Gewerkschaftsführern halten, die ihnen - selbstverständlich unter der Fahne des Gemeinwohls - mit einem Urschrei des Gruppenegoismus entgegentreten: Rente mit 60!

Sind diese Jungen nicht in der Tat umstellt von Institutionen, die vor gutem Willen und edlen Absichten platzen und ihren Schützlingen die Luft zum Atmen nehmen? Und kann es sein, dass sie deswegen einem Mann hinterherlaufen, der ihnen gar nichts verspricht - nichts als Fun und Action?

* In Stockholm am 13. Mai.

DER SPIEGEL 21/2000
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