Von Stoldt, Hans-Ulrich
SPIEGEL: Fürst Hans-Adam, ist Ihr schönes Land von der Organisierten Kriminalität unterwandert?
Hans-Adam II.: Nein, natürlich nicht.
SPIEGEL: Der österreichische Sonderermittler Kurt Spitzer hat aber allerlei kriminelle Aktivitäten in Ihrem Fürstentum aufgedeckt. Waren Sie nicht überrascht?
Hans-Adam II.: Damit habe ich gerechnet. Es gab ja schon seit längerer Zeit Hinweise, die allerdings nicht hinreichend von der Justiz verfolgt wurden. So hat ein Richter die Ermittlungen gegen den jetzt verhafteten Gabriel Marxer einfach liegen gelassen. Gegen den Richter selbst und einen seiner Kollegen läuft seit längerer Zeit ein Verfahren wegen Amtsmissbrauchs.
SPIEGEL: Die Richter sind noch im Amt.
Hans-Adam II.: Die sind noch im Amt.
SPIEGEL: Wie kann das angehen?
Hans-Adam II.: Das frage ich mich auch. Alle Richter haben sich in der Angelegenheit für befangen erklärt. Probleme gab es auch, als der Haftbefehl gegen den Abgeordneten Marxer unterschrieben werden sollte.
SPIEGEL: Das musste Sie doch sehr misstrauisch machen.
Hans-Adam II.: Eine Portion Misstrauen habe ich natürlich. Viele Informationen, die ich in der Vergangenheit bekommen habe, waren, wie sich nun herausstellt, offenkundig falsch. Ich glaube aber nicht, dass dahinter ein ganzes System steht.
SPIEGEL: Irritiert es Sie nicht, dass zumindest ein Teil des vom SPIEGEL publizierten BND-Berichts über Organisierte Kriminalität in Liechtenstein zutrifft?
Hans-Adam II.: Da bin ich dem SPIEGEL und dem BND tatsächlich sehr dankbar. Ohne den Bericht wäre die Einsetzung des Sonderermittlers gar nicht möglich gewesen. Von allein hätte sich nichts getan. Der SPIEGEL war sicher der Auslöser.
SPIEGEL: Die nun verhafteten Liechtensteiner Treuhänder müssen sich sehr sicher gefühlt haben. Vorwürfe gegen sie waren lange schon bekannt. Haben sie gar keine Unterlagen vernichtet?
Hans-Adam II.: Als die Ermittlungen des Sonderstaatsanwalts begannen, gab es Hinweise, dass im großen Stil Akten aus den Büros getragen wurden. Wir hoffen aber, sie zu finden.
SPIEGEL: Wie viele Treuhänder werden denn noch in Lichtenstein hochgehen?
Hans-Adam II.: Es wird gegen einige Büros und Personen ermittelt. Wir versuchen derzeit, über Rechtshilfe noch weitere Unterlagen zu bekommen.
SPIEGEL: Gibt es aus der Liechtensteiner Regierung Widerstand gegen den Sonderermittler?
Hans-Adam II.: Ich glaube, langsam merken die meisten, dass sich bei der Rechtshilfe und im Gerichtswesen etwas ändern muss. Ich habe sehr klar gesagt, dass der Sonderstaatsanwalt freie Hand haben muss, da erwarte ich volle Unterstützung.
SPIEGEL: Und wenn dennoch gemauert wird?
Hans-Adam II.: Wenn es da Widerstände gäbe, könnte ich die Regierung entlassen und vorübergehend mit Notrecht regieren. Das würde ich im Ernstfall auch tun. Anderen Ländern keine Informationen über deren Steuerbürger zu geben, die hier ihr Geld anlegen, ist das eine, Geldwäsche und Zusammenarbeit mit der Organisierten Kriminalität aber etwas ganz anderes.
SPIEGEL: Ist das jetzt der Beginn eines Reinigungsprozesses am Finanzplatz Liechtenstein?
Hans-Adam II.: Ich hoffe es. Man kann beobachten, wie sich eine gesunde Panik ausbreitet. Das hätte schon früher geschehen müssen. Ich denke mal, es wird künftig deutlich weniger zwielichtige Kunden nach Liechtenstein ziehen. Deshalb bin ich etwas optimistisch.
INTERVIEW: HANS-ULRICH STOLDT
DER SPIEGEL 21/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.