22.05.2000

AFFÄRENGeld aus Essen

In den Abacha-Skandal ist auch der MAN-Konzern verwickelt. Eine Tochterfirma zahlte mehrere hundert Millionen Mark an den Sohn des nigerianischen Ex-Diktators.
Voll gepumpt mit Viagra, überkam General Sani Abacha ein dringendes Bedürfnis. Am 8. Juni 1998 um 4 Uhr morgens trieb es den nigerianischen Militärdiktator aus seiner Residenz in eine nahe gelegene Villa. Drei indische Prostituierte erwarteten ihn. Während der Orgie brach der 54-Jährige tot zusammen.
Der Exzess war Abachas Leben. Seine Gegner ließ er reihenweise aufknüpfen, sein Land systematisch ausplündern. Rund 4,3 Milliarden Dollar schaffte der Clan um den Juntachef aus dem rohstoffreichen Staat im Westen Afrikas. Während der fünfjährigen Schreckensherrschaft bunkerten Familienmitglieder mindestens 645 Millionen Dollar in Schweizer Banken. Die Beute wurde von den Behörden eingefroren.
Blockiert sind auch 1,31 Milliarden Mark auf Abacha-Konten bei der M. M. Warburg & Co. Luxembourg S. A., Tochter der renommierten deutschen Privatbank M. M. Warburg & Co. "I am not amused", kommentiert Christian Olearius, Gesellschafter und Sprecher des Hamburger Edelinstituts, die Affäre. Inzwischen ist das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen aktiv.
Auf deutsche Ermittler dürfte noch mehr Arbeit zukommen: Denn auch die hiesige Industrie pflegte mit den Führern des seinerzeit korruptesten Landes der Welt intensiven Kontakt. Milliardendeals wurden abgeschlossen, begleitet von ungewöhnlichen Finanzmanövern. Profitiert hat der berüchtigte Sohn Abachas, Mohamad. Das ergaben jetzt erste Untersuchungen der Genfer und Luxemburger Justiz.
Durch die Kanäle des Warburg-Konzerns schleuste beispielsweise der Essener Anlagebauer Ferrostaal, Tochter des MAN-Konzerns, rund 460 Millionen Mark in die Kassen des Abacha-Clans. "Ferrostaal hat zwischen 1996 und 1998 insgesamt 300 Millionen Mark auf ein Konto Mohamad Abachas auf die M. M. Warburg in Zürich gezahlt", bestätigt der Genfer Untersuchungsrichter Georges Zecchin, der in der Schweiz die Ermittlungen führt.
Das Konto richtete Abacha unter dem Namen "Raw Materials Development and Trading Ltd." ein. Es ist mittlerweile geschlossen. Wohin die Summe verschoben wurde, bleibt Gegenstand der Ermittlungen. Einziger Hinweis ist der Name des Empfängers: Bartridge Overseas Ltd.
Weitere 160 Millionen Mark von Ferrostaal sollen auf Abacha-Konten bei Warburg in Luxemburg deponiert worden sein, heißt es im Umfeld der Ermittler. Die nigerianischen Behörden gehen davon aus, dass es sich bei den Zahlungen um Schmiergelder handelt. Auch die Genfer Justiz hat einen Anfangsverdacht in dieser Richtung. Bewiesen ist noch nichts.
Fest steht jedoch, dass der deutsche Anlagenbauer 1989 in Nigeria einen Großauftrag an Land zog. Er sollte im Südosten des Landes für die nigerianische Aluminium Smelter Company of Nigeria (Alscon) eine Schmelzhütte der Superlative aus dem Boden stampfen. Die budgetierten Kosten beliefen sich auf zwei Milliarden Dollar. Alscon plante einen Ausstoß von gut 190 000 Tonnen Aluminium jährlich.
Die Kommandos kamen direkt von der Abacha-Clique, denn der nigerianische Staat kontrollierte 70 Prozent der Anteile an dem Komplex. Mit 20 Prozent der Anteile kaufte sich Ferrostaal direkt ein. Der US-Multi Reynolds International begnügte sich mit zehn Prozent.
Seit Beginn der Unternehmung lief fast alles schief. Nachdem die Weltbank eine Mitfinanzierung des umstrittenen Prestige-Projekts verweigert hatte, verzögerte sich das Anfahren der Produktion immer weiter. Erst 1998 verließen die ersten Aluminiumbarren die Fertigungshallen.
Insgesamt erwies sich die Investition als Riesenflop. Nicht einmal ein Viertel der Kapazitäten war ausgelastet. In der Kasse klafften immer größere Löcher, die überforderten Manager mussten im Juni 1999 die Hütte schließen.
Inzwischen gilt die stillgelegte Anlage als eine der größten Betrügereien des Abacha-Regimes. Das behauptet zumindest der demokratisch legitimierte Nachfolger Abachas, Olusegun Obasanjo, während eines Besuchs in der Nähe der Industriebrache: "Beim Bau und beim Betrieb der Hütte wurden auf korrupte Weise mehr als 500 Millionen Dollar abgezweigt."
Tatsächlich schnellten die Kosten bis zum bitteren Ende auf 2,5 Milliarden Dollar hoch, rund ein Viertel mehr, als die ursprüngliche Planung auswies. Ob Ferrostaal eine Mitverantwortung trägt, wird möglicherweise Gegenstand von Untersuchungen sein. Sicher ist jedoch, dass die Zahlungen an Mohamad Abacha eindeutig mit dem Alscon-Projekt zu tun haben.
Die Ermittler in Genf und Nigeria vermuten, dass die 460 Millionen Mark als Provision für die Auftragserteilung gezahlt wurden, Ferrostaal dagegen behauptet: "Zur Abwicklung lokaler Leistungen und für Infrastrukturmaßnahmen sind uns von der Regierung Abacha seinerzeit nigerianische Unterlieferanten vorgegeben worden. Deren Rechnungen sind gemäß Anfall bezahlt worden." Die "genannten Zahlungen" an Mohamad Abacha bestätigt Ferrostaal indirekt.
Der Sprössling des Diktators dürfte zur Zeit an dem Geld aus Essen keine Freude haben: Er sitzt wegen Mordverdachts in einem nigerianischen Gefängnis.
BEAT BALZLI, JAN DIRK HERBERMANN
Von Beat Balzli und Jan Dirk Herbermann

DER SPIEGEL 21/2000
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