29.05.2000

AFFÄRENBerüchtigte Kundschaft

Im Abacha-Skandal geraten der MAN-Konzern und die Warburg-Gruppe immer mehr unter Druck. Ein Banker verlor seinen Job.
Im November 1995 ging ein brisanter Brief an den Chef der Hamburger Nobelbank M. M. Warburg, Christian Olearius. Die "zukünftigen nigerianischen Kunden" kämen am Montag, dem 27. November, in die Hansestadt. "Wie zugesagt, müssten die Herren am Flughafen mit bankeigenen Autos abgeholt werden." Auch ein Essen im Kasino der Bank solle ausgerichtet werden.
Als Absender des Schreibens zeichnete Jürgen Förster, der Leiter der luxemburgischen Warburg-Tochter. Bei den neuen Klienten handelte es sich um Mohamad und Abba Abacha, Söhne des berüchtigten nigerianischen Militärdiktators Sani Abacha.
Jetzt ist der Besuch aus Westafrika dem angesehenen Bankier zum Verhängnis geworden. "Herr Jürgen Förster, Geschäftsführendes Mitglied des Verwaltungsrates der M. M. Warburg & Co. Luxembourg S. A., hat heute darum gebeten, ihn von seinen Ämtern und Funktionen zu entbinden", heißt es diplomatisch in einer Mitteilung des Hamburger Bankenkonzerns vom vergangenen Freitag.
Damit zieht die piekfeine Warburg die erste personelle Konsequenz aus dem Abacha-Skandal. Auf ein Rechtshilfegesuch Nigerias sperrten die Behörden vor wenigen Wochen 1,31 Milliarden Mark bei M. M. Warburg & Co. Luxembourg S. A. Eingerichtet wurden die acht Konten von Mitgliedern der Abacha-Familie.
Insgesamt hatte die Clique um den Despoten Sani Abacha aus dem rohstoffreichen Nigeria rund 4,3 Milliarden Dollar herausgepresst. "Während der Herrschaft Abachas von 1993 bis 1998 schleppten Komplizen des Diktators das Geld mit Koffern aus der Zentralbank", bestätigt Enrico Monfrini. Der Genfer Anwalt kämpft im Auftrag des derzeitigen nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo um die Rückgabe der Fluchtgelder in Europa. Aus den Abacha-Raubzügen in Nigeria wurden auch bei Schweizer Banken 645 Millionen Dollar eingefroren.
Aus Deutschland flossen ebenfalls stattliche Summen in die Kassen des korrupten Clans. Ferrostaal, eine Essener Tochter des MAN-Konzerns, ließ insgesamt 460 Millionen Mark auf das Luxemburger Konto von Abacha-Sprössling Mohamad eingehen. Die Zahlungen, welche zuerst über Liechtenstein und die Schweiz geschleust wurden, stehen im direkten Zusammenhang mit einem der gigantischsten Industrieflops Afrikas.
Der Anlagebauer Ferrostaal errichtete von 1989 an im Südosten des Landes für die Aluminium Smelter Company of Nigeria (Alscon) eine Aluminium-Schmelze der Superlative - inklusive Hafen, Straßen und Werkwohnungen. Über vier Milliarden Mark hat die halb fertige Anlage bis jetzt verschlungen. Produziert wurde nicht lange. Ein Teil der Anlage lief nur von Anfang 1998 bis Sommer 1999, dann war Alscon so klamm, dass die Manager die Hütte schließen mussten.
Die immensen Geldflüsse in die Taschen der Abachas begründet Ferrostaal mit Rechnungen "nigerianischer Unterlieferanten zur Abwicklung lokaler Leistungen und Infrastrukturmaßnahmen". Doch die Wahrheit sieht nach Ansicht der Schweizer Bankenaufsicht anders aus. Bereits 1998 untersuchte die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) die Ferrostaal-Zahlungen über die M. M. Warburg in Zürich. Transaktionsvolumen: 300 Millionen Mark. Unter dem Titel "Vermögenswerte aus Korruption" hält die EBK in ihrem Bericht fest: "Die Bank selber bezeichnete die Gelder als 'Provisionen', ohne die nach ihrem Verständnis im internationalen Großanlagebau keine Aufträge erhältlich seien." Weiter schreiben die Bankenwächter: "Anstelle der nachträglich verlangten Dokumente wie Leistungsabrechnungen, Originalrechnungen und Verträge erhielt die Bank Unterlagen mit Angaben über das Großbautenprojekt."
Laut EBK wusste Warburg, "dass an den Vermögenswerten Angehörige der Präsidentenfamilie des Staates berechtigt waren". Damit hatten die Hamburger Bankiers gegen die "schweizerischen Anforderungen an die Gewähr für eine einwandfreie Geschäftsführung" verstoßen.
Um einer peinlichen Verfügung der EBK zuvorzukommen, handelte die Warburg-Zentrale 1998 schnell: Jürgen Förster wurde als Verwaltungsratspräsident der Schweizer Niederlassung abgezogen, ebenso der Vizepräsident und der Generaldirektor. In Luxemburg, wo schließlich alle Ferrostaal-Millionen geparkt wurden, blieb Förster jedoch im Amt.
Ob die Affäre auch bei Ferrostaal zu einem Revirement führt, hängt wohl vom weiteren Verlauf des Alscon-Projekts ab. Zurzeit sieht die Zukunft der staatlichen Schmelze, an der die MAN-Tochter zu 20 Prozent beteiligt ist, düster aus. Denn die stillgelegte Anlage gilt als eine der größten Betrügereien des Abacha-Regimes, die Kosten liegen weit über dem ursprünglichen Budget.
Um die Hütte wieder flottzumachen, braucht Ferrostaal frisches Kapital. Bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft blitzten die Essener ab. Jetzt wollen sie das Geld bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) holen. Das Frankfurter Institut, dessen Verwaltungsrat von Bundesfinanzminister Hans Eichel geleitet wird, prüft seit Monaten einen Kredit in Höhe von 400 Millionen Mark für die nigerianische Industriebrache. In einem Ferrostaal-Brief an den Warburg-Bankier Förster heißt es noch im Dezember 1999 euphorisch: "Auch die KfW hat das Konzept der Anlage und die Qualität der Erstellung sehr positiv bewertet."
Inzwischen gehen die staatlichen Banker aber entschlossen auf Distanz. "Gegenwärtig sehen wir nicht, wie die Voraussetzungen für die Finanzierung des Projekts erfüllt werden können." BEAT BALZLI,
JAN DIRK HERBERMANN
Von Beat Balzli und Jan Dirk Herbermann

DER SPIEGEL 22/2000
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