DER SPIEGEL



SORGERECHT

Jede Art von Druck ist wichtig

Von Andresen, Karen

Bill Clinton wollte bei seinem Berlin-Besuch Kanzler Schröder auf Ungerechtigkeiten hinweisen, die amerikanischen Vätern und Müttern vor deutschen Gerichten widerfahren - zum Beispiel Glenn Gebhard, der seine Zwillinge seit 1994 nicht mehr sehen durfte.

SPIEGEL: Mr. Gebhard, zu Ihren Zwillingskindern Glenn und Shannon, die in Deutschland leben, haben Sie seit fast sechs Jahren keinen Kontakt mehr, weil Ihre geschiedene Ehefrau das nicht will. Fälle wie Ihrer haben sogar beim Deutschlandbesuch Präsident Clintons eine Rolle gespielt. Welche Erfahrungen haben Sie mit der deutschen Justiz gemacht?

Gebhard: Der Gang zu deutschen Gerichten hat sich für mich bisher als Falle erwiesen. Als meine Ex-Frau mir nach unserer Trennung 1994 den Umgang mit den Zwillingen verweigert hat, dachte ich, die Richter hier würden mir helfen und mir wenigstens Besuchsrecht geben.

SPIEGEL: Haben sie nicht?

Gebhard: Anfangs ja, aber als meine geschiedene Frau sich nicht an die Vereinbarungen hielt, hat das Oberlandesgericht Frankfurt entschieden, okay, das funktioniert nicht, also gibt es kein Besuchsrecht mehr. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz in Deutschland zu sein, dass derjenige vor Gericht gewinnt, der sich am meisten gegen die Rechte der Kinder stellt.

SPIEGEL: Hat Ihre Ex-Frau die Kinder gegen Ihren Willen nach Deutschland gebracht?

Gebhard: Nein, ich war damit einverstanden. Meine Ex-Frau ist Mexikanerin, die durch eine vorherige Ehe mit einem Deutschen Aufenthaltsrecht in Deutschland hat. Ich habe sie während eines Deutschlandbesuchs 1989 kennen gelernt. Wir haben geheiratet, als die Zwillinge schon unterwegs waren. Unsere Ehe war von Anfang schwierig. In den USA haben wir nur kurz zusammengelebt. Dann führten wir etwa zwei Jahre lang eine Art transatlantischer Beziehung. Sie lebte mit den Kindern in Deutschland, ich blieb in den USA.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Frau und die Zwillinge damals in Deutschland besucht?

Gebhard: Ja. Es geht bei mir nicht um einen klassischen Entführungsfall. Aber die Erfahrungen, die ich mit Ämtern und Gerichten in der Bundesrepublik machen musste, nachdem die Ehe gescheitert war und meine Ex-Frau mir den Umgang mit den Kindern verweigerte, sind genauso wie bei Catherine Meyer oder Joseph Cooke, deren Kinder gegen ihren Willen in Deutschland blieben. Wir alle mussten feststellen, dass wir verloren sind, wenn wir auf die Hilfe deutscher Gerichte vertrauen, um den Kontakt zu unseren Kindern aufrechtzuerhalten.

SPIEGEL: Konnten Sie denn das Besuchsrecht, das Ihnen das Amtsgericht Frankfurt zunächst zugestanden hatte, von den USA aus überhaupt wahrnehmen?

Gebhard: Ich kam mindestens fünfmal pro Jahr, um mit meinen Kindern zusammen zu sein. Ich bin nicht reich, all mein Geld gebe ich für diese Auseinandersetzung aus. Meistens flog ich damals wieder weg, ohne meine Kinder auch nur gesehen zu haben. Die Richter, die mir das Besuchsrecht zugestanden haben, taten nichts, um ihren eigenen Beschluss umzusetzen.

SPIEGEL: Im Januar 1996, als Ihre Ex-Frau mit den Kindern nicht zu einem vereinbarten Termin erschien, wurde sie nach Ihren Angaben zu drei Tagen Haft verurteilt ...

Gebhard: ... aber als die Polizei kam, um sie abzuholen, und sie die Tür nicht öffnete, war die Sache für die Behörden erledigt. Es passierte nichts mehr, und drei Monate später hat meine Ex-Frau sogar das alleinige Sorgerecht für die Kinder bekommen.

SPIEGEL: Für Polizei und Justiz ist so eine Situation nicht leicht zu bewältigen. Ein Gefängnisaufenthalt der Mutter wäre ein Schock für die Kinder gewesen.

Gebhard: Das ist sicher richtig. Andererseits: Man muss keine Gesetze machen, wenn man sie nicht einhalten will. Die deutschen Behörden hätten meiner Ex-Frau von Anfang an mit allem Nachdruck klarmachen müssen, dass sie das Recht der Kinder verletzt, wenn sie mir Shannon und Glenn systematisch vorenthält. Das ist über all die Jahre nur unzureichend geschehen, zuletzt überhaupt nicht mehr. Die Kinder brauchen mich, alle Kinder brauchen Vater und Mutter. In einem ersten Beschluss hat das Frankfurter Amtsgericht auch von einem "schwerwiegenden Erziehungsfehler" meiner Frau gesprochen.

SPIEGEL: Ihre geschiedene Frau argumentiert, der Umgang mit Ihnen sei für Shannon und Glenn schädlich.

Gebhard: Meine Ex-Frau hat mich verschiedentlich beschuldigt, ich sei homosexuell, ich nähme Drogen. In den jahrelangen Gerichtsverfahren haben diese absurden Vorwürfe aber nie eine Rolle gespielt. Ich möchte auch nicht über meine geschiedene Frau sprechen. Für mich ist entscheidend, wie deutsche Gerichte mit deren Verhalten umgehen. In einem der vielen Prozessgutachten heißt es beispielsweise, eine "Umgangsregelung des Kindesvaters" sei für eine "positive Entwicklung der Kinder unbedingt erforderlich". Man solle Shannon und Glenn aber dennoch "wider besseres Rechtsempfinden" bei der Mutter belassen, um dem Geschwisterpaar "mütterliche Panik" zu ersparen. Es ist unfassbar, was hier passiert.

SPIEGEL: Können Sie sich noch mit Ihren Kindern verständigen?

Gebhard: Ich spreche Spanisch, und das ist die Muttersprache der Kinder.

SPIEGEL: Wie verhalten sich Ihre Tochter und Ihr Sohn, wenn sie Ihnen begegnen?

Gebhard: Ich sah sie 1997 im Frankfurter Oberlandesgericht, da waren die Zwillinge fünf Jahre alt. Sie hatten Angst vor mir. Sie leben so lange von mir getrennt, dass sie mich nicht mehr kennen. Als die vom Gericht eingesetzte Psychologin sie fragte: "Habt ihr einen Vater?", haben sie geantwortet: "Nein." Nach einigem Nachfragen haben sie gesagt, ja, sie hätten doch einen, aber der sei ein ganz schlechter Mensch. Da ist etwas grundsätzlich falsch gelaufen.

SPIEGEL: Schreiben Sie Ihren Kindern?

Gebhard: Weil meine Ex-Frau die Briefe nicht an die Kinder weitergeben will, wurde per Gerichtsbeschluss vereinbart, dass ich meine Post an die Verfahrenspflegerin schicke. Vor einem Monat wollte diese ihnen einen Brief von mir vorlesen. Mein Sohn fuchtelte mit den Armen und rief aufgeregt: "Lesen Sie den Brief nicht, ich will das nicht." Das Ganze ist ein Alptraum.

SPIEGEL: Sie fürchten einen psychischen Schaden bei dem Geschwisterpaar?

Gebhard: Es ist doch nicht normal, dass Kinder so auf einen Elternteil reagieren. Mein Sohn und meine Tochter sind derart gegen mich beeinflusst, dass sie bald nicht mehr zurückzugewinnen sind, wenn die Gerichte nicht schnell etwas unternehmen. Eine Psychologin, die mein Anwalt eingeschaltet und die sich die Gerichtsakten angesehen hat, spricht von "emotionaler Kindesmisshandlung". Darunter werden Shannon und Glenn ihr Leben lang leiden.

SPIEGEL: Sie haben seit September eine Gastprofessur an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Konnten Sie Ihre Kinder seither sehen?

Gebhard: Nein. Ich bekomme nicht einmal Fotos von ihnen. Das wurde sogar gerichtlich so beschlossen. Aber ich werde weiter vor Gericht kämpfen. In Kalifornien hätte ich schon vor fünf Jahren das Sorgerecht bekommen.

SPIEGEL: Was erhoffen Sie sich von der Intervention Bill Clintons?

Gebhard: Solange deutsche Behörden und Politiker sagen, für sie gebe es überhaupt kein Problem, ist jede Art von Druck ungeheuer wichtig.

SPIEGEL: Aber befürchten Sie nicht, dass eine Politisierung der privaten Konflikte - hier die bösen Deutschen, dort die wackeren Amerikaner - die Auseinandersetzungen nur noch komplizierter macht?

Gebhard: Bisher wurde das alles verschwiegen. Jetzt ist es zumindest ein Thema. Ich bin kein Held, ich bin nur ein Vater, der um die Rechte seiner Kinder kämpft, so wie ich das auch von einem deutschen Elternteil erwarten würde, dem in den USA so etwas passiert wie mir hier. Ich habe meine Kinder, die Amerikaner sind, durch das deutsche Rechtssystem verloren - und Tatsache ist auch, es geht nicht nur mir so. Amerikanische Eltern der Organisation "Parents of Abducted Children Together" planen für die nächsten Monate zusammen mit Selbsthilfegruppen aus anderen europäischen Ländern eine Demonstration in Berlin. Auch deutsche Mütter und Väter werden sich beteiligen. Die haben dieselben Schwierigkeiten mit dem deutschen Rechtssystem wie wir.

INTERVIEW: KAREN ANDRESEN

* Mit Mitgliedern der Organisation "Väteraufbruch" am vergangenen Donnerstag in Berlin.

DER SPIEGEL 23/2000
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