DER SPIEGEL



ZEITGEIST

Der totale Spaß

Von Mohr, Reinhard

Ob "Big Brother" oder "Insel-Duell": Immer schriller gebärdet sich die neue deutsche Spaßkultur. Geht das Volk ohne Witz nun tabulos ins Lach-Millennium? Droht flächendeckender Schwachsinn, oder geht es um die Befreiung von alter Humorlosigkeit? Von Reinhard Mohr

Es war wieder einmal ein Bombenwochenende: Die deutsch-philippinische Real-Life-Soap "Diese Wallerts" ging in die siebte Woche, die Dreharbeiten zum "Insel-Duell", der verschärften Antwort von Sat 1 auf "Big Brother" mit 13 Überlebenskandidaten, schlugen erste Wellen, während Stefan Raab ("TV Total") vor Ort und mit knallgelbem Schnorchel den Videoclip zu seinem neuen Unterwasser-Hit "Blabber blabber blubber bla!" aufnahm.

Am Strand des idyllischen malaysischen Eilands präsentierte derweil Dolly Buster ihr neues Buch "Alles echt - Durchhänger und andere Höhepunkte", bevor sie für die extra angereisten Kamerateams das bunt geschmückte, von einem Oldenburger Autohändler für 24 000 Mark ersteigerte Dixi-Klo betrat, auf dem kurz zuvor "Big Brother"-Stargast Verona Feldbusch viermal ihre Notdurft verrichtet hatte.

Im berühmtesten Container Deutschlands aber ging es zur gleichen Zeit auf die Zielgerade: Jürgen oder John - wer kriegt den ersten Preis als beliebtester Lagerinsasse nach 1945? Nicht zuletzt: Der Börsenkurs der als "sexy" geltenden Endemol-Aktie setzte zu neuen Höhenflügen an.

Denksportaufgabe in den Zeiten des "Borderline-Journalismus" ("SZ-Magazin"): Was stimmt und was ist erfunden? Sagt wer: Es ist egal?

"Bild" jedenfalls fragte ganz verstört: "Sind wir alle gaga? Verschwinden unsere deutschen Werte im Lokus?"

Dixi verum dixit?

Was immer "deutsche Werte" sein mögen - die neue deutsche Spaßgesellschaft jedenfalls triumphiert zum großen Finale des "Big Brother"-Spektakels so total, wie eine deutsche Spaßgesellschaft nur triumphieren kann. In diesen Wochen wird einfach alles in Grund und Boden gelacht, gebrüllt, geschrien.

Ein Volk, ein Raab, ein Lachanfall.

Wurde einst alles todernst genommen, so erscheint nun alles irre komisch. Selbst die Intellektuellen, lange Zeit die Spaßverderber der Nation, bei denen das Lachen stets "im Halse stecken bleiben" musste, um das Siegel "gesellschaftskritisch" zu verdienen, fiebern jetzt mit Zlatko und Sabrina, lieben Harald Schmidt und lesen "Gala" statt "Kursbuch".

Kult statt Kulturkritik, Ironie statt Ideologie: Das deutsche Feuilleton hat sich geradezu überschlagen in der Bemühung, das Phänomen "Big Brother" niveauvoll zu deuten, ohne es, wie früher, umstandslos zu TV-Müll zu erklären: "Trash" klingt besser.

Eine neue Lust am Banalen hat sich Bahn gebrochen. Die Diagnose lautet, frei nach Herbert Marcuse: Regressive Entsublimierung. Nun gibt es, scheint's, kein Halten mehr. Die Deutschen, so der TV-Komiker und Komikkritiker Oliver Kalkofe, sind auf dem besten Wege, "Humorweltmeister" zu werden. In kürzester Zeit werde nun nachgeholt, was in Jahrzehnten des bierernsten Trübsalblasens versäumt wurde. Der Humorstandort Deutschland holt mächtig auf, die verspätete Lachnation, das "Volk ohne Witz" (Otto F. Best), kehrt heim in den Schoß der westeuropäischen Zivilisation. Total normal: Die Berliner Republik lacht jetzt gnadenlos zurück.

Gewiss: Seit ein paar Jahren schon ist der Trend zu jener Spaßgesellschaft erkennbar, die sich nicht mehr einzelne geniale Humorbeauftragte hält wie Loriot oder Otto Waalkes, sondern selbst Hand anlegt an die Tradition von Muffigkeit und Abwehrkette: gesellschaftliche Lockerungsübungen mit den Mitteln der Ironie und des kalkulierten Zynismus. Motto: Das Ganze ist das Absurde.

Und immer wieder auch, etwa im Feuilleton der "Zeit", ist die neue deutsche Lachkultur totgesagt worden, begraben unter all den ernsten Dingen des Lebens. Jüngst noch postulierte das so genannte popkulturelle Quintett fünf aufstrebender Jungautoren ("Tristesse Royale"), das Ende der lustigen Fahnenstange sei erreicht: "Irony is over"; und nicht wenige Trendforscher prophezeien die Rückkehr von Pathos und Tragik. Selbst Thomas Gottschalk, die Blondschwalbe des deutschen Unterhaltungswunders, zeigt sich "doch etwas erschrocken", dass es nun "so spaßig" geworden ist (SPIEGEL 21/2000).

Aber gerade der Erfolg von "Big Brother" markiert eine neue Stufe der Radikalisierung: Entertainment als Travestie einer Horrorvision. Was George Orwells Roman "1984" zum Inbegriff totalitärer Herrschaft machte - "Big Brother is watching you" -, das wendet John de Mol, Europas Reichsprogrammführer mit Sitz in Holland, hemmungslos ins Triviale: Aus Terror und Gedankenherrschaft werden Voyeurismus und Exhibitionismus, die Ingredienzen der fortgeschrittenen Mediengesellschaft: "Das Wunder geschieht, weil es dich gibt." Echte Menschen: einfach geil.

Lebte er noch, hätte Theodor W. Adorno, der philosophische Kopf der Kritischen Theorie, hier zum zweiten Mal in seiner akademischen Laufbahn die Polizei zu Hilfe gerufen - zur akuten Verteidigung von Menschenwürde, Vernunft und Aufklärung. Nie war sein Satz, der Sieg der "Kulturindustrie" sei ein doppelter, so auf der Höhe der Zeit: "Was sie als Wahrheit draußen auslöscht, kann sie drinnen als Lüge beliebig reproduzieren."

Geradezu gespenstisch aktuell wirken die in Kritiker-Kalkstein gemeißelten Worte aus der "Dialektik der Aufklärung" von 1944: "Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig. Lachen in ihr wird zum Instrument des Betrugs am Glück."

Ein halbes Jahrhundert später bestätigt die Zeitschrift "Psychologie heute" (1/2000) den Befund: Das "subjektive Wohlbefinden in der Erlebnisgesellschaft" habe sich verschlechtert, depressive Störungen, so der englische Psychologe Oliver James, hätten sich gegenüber den fünfziger Jahren gar um das Zehnfache erhöht. Diagnose: Aushöhlung eines dauerhaft positiven Selbstwertgefühls.

Doch angesichts von Wucht und Breite der geballten Spaßattacken auf die Gesellschaft ist die "alte" Kulturkritik fast völlig verstummt. Die Sehnsucht nach Gegenwärtigkeit und Intensität, nach "Authentizität" und Erlebnis lässt sich nicht mehr mit Hinweisen auf das angeblich "falsche Ganze", auf Ausbeutung und Manipulation ins ideologische Unrecht setzen. Es gibt keine Wahrheit hinter der Maskerade, die sich nicht in ihr selbst offenbarte - und es gibt keinen intellektuellen Standpunkt mehr, von dem aus "wahr" und "falsch" stets klar zu unterscheiden wären.

Nicht zuletzt am Niedergang der Grünen zeigt sich, wie radikal sich die Gesellschaft verändert hat - und mit ihr die Bedingungen ihrer Selbstwahrnehmung. Das Bedürfnis nach radikal innerweltlicher Unterhaltung, wie inszeniert und dümmlich die "Events" am Ende auch sein mögen, folgt dem Prinzip ironischer Identifikation und zynisch gefärbter Affirmation.

Gerade weil Container-Insasse Zlatko sich als dramatisch ungebildet präsentierte, feierten ihn die Fans triumphierend als "Zlatko the brain!". Gerade weil die ostdeutsche Hausfrau Regina Zindler mit einem eher schlichten Gemüt geschlagen ist, wurde sie mit ihrem Wort vom "Maschendrooahtzauun" (der vom Knallerbsenstrauch des Nachbarn bedroht wurde) in die Riesenspaßmaschine eingespeist und zum Objekt eines beispiellosen Medien-Hypes. Dass sie anschließend einige Tage in einer Nervenklinik verbringen musste, war da nur noch eine Nebensache.

"Phantasie an die Macht!", riefen die Pariser Straßenrevolutionäre von 1968 - die deutsche Antwort im Jahr 2000 lautet:

Witzischkeit kennt keine Grenzen / Witzischkeit kennt kein Pardon! Von der Politik bis zum Sport, von der "New Economy" bis zu den Society-Events der Berliner Gesellschaft, von Möllemann bis Lilo Wanders - der Fun-Faktor regiert die Republik, Spaßkultur muss sein: "Konkret krass" und "fett stabil".

Trotz aller Aufs und Abs der Quoten - die Comedy-Welle rollt und rollt und rollt, und alle machen mit: Anke Engelke und Karl Moik, Hape Kerkeling und Michael Mittermaier, Rüdiger Hoffmann und Bastian-"Hallo liebe Liebenden"-Pastewka. Ob "Power-Rafting", "Para-Gliding" oder "Extrem-Piercing" - Deutschland ist zum Freizeitpark mit voll integrierter Spaßzone geworden, ein Crossover der Massenkultur aus Pop, Comedy, Polit-Show und Dauerparty: Spiel ohne Grenzen. Selbst der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), die halbamtliche Stimme der Ex-DDR, zollt dem Hedonismus auf seine Weise Tribut und sendet, wenn auch als sozialkritische Dokumentation getarnt, den TV-Schocker "Die Lust am Ausziehen - Nackt und frei. FKK gestern und heute".

Den Paradigmenwechsel beschrieb der Komiker Ingo Appelt, der sein Lieblingswort "Ficken" gern auch optisch ins Zentrum des Geschehens rückt, im SPIEGEL (4/2000) anhand einer Anekdote: Als er vor wenigen Jahren bei der ARD auftrat und sein Schild mit den sechs bösen Buchstaben hochhielt, hieß es: "Das geht nicht!" Als er mit dem nämlichen Provo-Plakat bei RTL auftauchte, wurde ganz anders gemäkelt: "Herr Appelt, so geht das nicht. Zeigen Sie das Schild in die Kamera drei, sonst sieht's ja keiner." "Da", sagt Appelt, "wusste ich: Ingo, du musst noch viel härter werden."

Gehorcht der Humorstandort Deutschland also allein den Gesetzen des Marktes - immer schriller, immer blöder, immer geiler? Tabulos ins Millennium? Stürzen wir ab in die RTL-2-Hölle aus Schmierentheater und reinem Schwachsinn?

Oder zeigen sich auch befreiende Momente, eine gesellschaftliche Klimaveränderung hin zu Mediterranem und Britischem? Ist das Land nicht leichter und lebenslustiger, aber auch nüchterner und unaufgeregter geworden?

Am Anfang der neuen Spaßgesellschaft, so viel ist sicher, standen das Ende der politischen Großutopien und der Aufstieg des kommerziellen Fernsehens. Der Fall der Mauer 1989 besiegelte das Zeitalter der ideologischen Konfrontation. Bis dahin standen Witz und Satire im Dienst der Weltrevolution, zumindest des Weltfriedens, auf jeden Fall aber im unerbittlichen Kulturkampf gegen "Birne".

Der Kohl-Witz als selbständige politische Einheit war der letzte Haltegriff des traditionellen Polit-Kabaretts - aber auch schon ein wenig L'art pour l'art, Birnen-Dada, wehmütiger Anklang an Zeiten, als es noch wirkliche Feinde gab.

Über lange Zeit waren Humor und Esprit, Ironie, Satire und Sarkasmus Fremdwörter in deutschen Landen gewesen. Zwar gab es Heinrich Heine und Georg Christoph Lichtenberg, Wilhelm Busch und Kurt Tucholsky, aber sie waren einzelne Erscheinungen, teils gehasste Außenseiter.

In ihrer großen Mehrheit hielten es die Deutschen lieber mit Goethe und Schiller, ihren Klassikern und Paradephilosophen. Die konnten selbst die unwillkürliche und von Lärm begleitete Kontraktion von einigen dutzend Gesichtsmuskeln einer exakten Definition unterwerfen - Lachen, so dozierte etwa Immanuel Kant, sei ein "Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts"; und für Hegel gründete das Komische schlicht im "Kontrast des Wesentlichen mit der Erscheinung, des Zwecks mit dem Mittel".

Das musste reichen. Es blieb das karge Brot der Abstraktion. Immer wieder schluckte der Tiefsinn den Esprit, das Genie den Witz. Humor als Mittel, die philosophischen Höhenflüge auf den krummen Boden der Tatsachen zurückzuholen, das konnte nicht Sache deutscher Dichter und Denker sein, die dem Weltgeist auf der Spur waren.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfaltete sich unter dem Eindruck von Weltkrieg und Kaiserdämmerung ein Klima feuilletonistischer Zeitkritik zwischen Dadaismus und Satire, Polemik und Poesie, ein Säurebad für die Trümmer der alten Welt. Hitlers Vernichtungswerk zerstörte schließlich auch diese kurze Blüte des kosmopolitischen Geistes, der vor allem das kulturelle Leben der Weimarer Republik geprägt hatte.

Mühevoll versuchten Kabarett-Künstler wie Werner Finck, Wolfgang Neuss und Heinz Erhardt nach 1945 auf je eigene Weise, unterbrochene Verbindungen wieder aufzunehmen. Mitten im deutschen Wirtschaftswunder, umgeben von der Kultur des röhrenden Heimatfilms, Vico Torrianis und von "Charleys Tante", repräsentierten sie als Solitäre den undeutschen Leichtsinn jenseits von "Komödienstadl" und "Ohnsorg-Theater".

Es bedurfte offenbar jener Revolte von 1968, die heute für allerlei Ödnis und Elend verantwortlich gemacht wird, um auch den versprengten Potenzen des deutschen Humors ein neues freies Feld zu eröffnen. Fritz Teufels "Spaßguerrilla", die radikalisierte Nachfolgerin der Happening-Avantgarde, war nur ein politisch extremes Signal des allgemeinen Aus- und Aufbruchs.

Rasch entstand eine regelrechte Nonsens-Kultur. Ob Insterburg & Co., Schobert & Black, Didi Hallervorden oder Udo Lindenberg mit seinem Panikorchester - überall wurde nach Kräften gegen Vietnamkrieg, Blümchentapete und Gartenzwerge angesungen und angedichtet, geblödelt und gekalauert.

Die siebziger Jahre waren aber auch das Dorado des traditionellen politischen Kabaretts von Dieter Hildebrandt bis Lore Lorentz: Noch einmal wurde es zum Katheder der Republik, noch einmal wurde den Herrschenden Abend für Abend, oft genug im Chor, zugerufen: So nicht!

Doch schon in den achtziger Jahren, den goldenen Zeiten für die wunderbar verquere Alltagskomik von Loriot und Gerhard Polt, hatte sich die Politik als Leitwährung des "Brettls" verabschiedet.

Wo das alte Kabarett versucht hatte, intellektuell und politisch Ordnung ins Chaos der Welt zu bringen, da präsentierten nun freche Nachwuchskräfte die Unordnung in den Zeiten geistiger Verwirrung - nicht selten sarkastisch triumphierend.

Habermas' Wort von der "neuen Unübersichtlichkeit" legte schon die Drachensaat für die Comedy-Brut der neunziger Jahre. Ironie der Geschichte: Gerade ein kultureller Leitbegriff der 68er-Revolte und ihrer Ausläufer - "Selbstverwirklichung" - ist zum ideellen Paten der "Generation Golf" geworden, der heute 30-Jährigen, der zentralen Zielgruppe der neuen deutschen Spaßgesellschaft. Nur die Umstände haben sich geändert.

Was früher in der WG gesucht wurde, findet nun in der Ich-AG statt. Das Glück liegt nicht mehr auf der Straße oder im Hochbett, sondern im Chatroom oder am Neuen Markt der Frankfurter Börse. Der Individualisierungsschub, den die Alternativbewegung der siebziger Jahre auf paradoxe Weise ausgelöst hat, wird jetzt konsequent ausgelebt.

Nach dem Ende aller weltgeschichtlichen Transzendenz sind "Erfolg" und "Spaß" die entscheidenden Faktoren der modernen Sinn- und Erlebnisstiftung geworden. Wer heute von "Systemveränderung" spricht, meint Computer-Software, keine politische Utopie.

Die alte, autoritäre Arbeitsgesellschaft mit Stechkarte, Gewerkschaftssekretär und sozialdemokratischem Vertrauensmann ist perdu. Globalisierung und Internet-Revolution haben die Anforderungen an Mobilität und Flexibilität, an Eigeninitiative und Kreativität massiv erhöht und gleichzeitig die Bedeutung der Freizeit verändert. Sie dient nicht mehr in erster Linie der Erholung (marxistisch: der "Reproduktion der Arbeitskraft"), sondern der Selbstentfaltung. Auch das ist Arbeit für die Ich-AG.

So kann der neue kategorische Imperativ "Erlebe dein Leben!", den der Kultursoziologe Gerhard Schulze formuliert hat, bisweilen an den Rand der Spaßbereitschaft führen - eine permanente Überforderung, die oft genug nur mit neuen Spaß- und Freizeitaktivitäten abgebaut werden kann.

Doch wehe, wenn der Spaß ausbleibt. In der Ego-Gesellschaft wird jeder Aufschub von vermeintlichen Glücksmomenten als persönliche Kränkung aufgefasst. Objektive Hindernisse im Fun-trächtigen Alltag erscheinen als Sabotage an der Selbstverwirklichung. Was zählt, ist die Verschmelzung mit dem Augenblick, frei nach Partystar Ariane Sommer: Ich und mein Magnum in der Badewanne.

Die hier und da existierende Unlust oder Unfähigkeit, zwischen dem eigenen Ich und der Welt überhaupt noch zu unterscheiden, Ambivalenzen und Widersprüche auszuhalten, führt nicht selten in eine deprimierende Ich-Höhle. Umso wichtiger wird das Tempo wechselnder Reize, die rastlose Suche nach Anerkennung und Bewunderung. Messbares Ergebnis: Die Zeitspanne zwischen Geburt und erstem Fernsehauftritt wird immer kürzer.

Die radikal innerweltliche Konsumgesellschaft provoziert geradezu narzisstische Verhaltensmuster - prinzipielle Austauschbarkeit, Selbstvermarktung und membranengleiche Durchlässigkeit sind die neuen Maximen in diesem rasenden Wettbewerb der Lebensstile, Moden und Selbstinszenierungen. Da wird die äußere Realität grundsätzlich als Spiegelung des Größen-Selbst in Dienst genommen, wechseln Allmachtsphantasien und diffuse Ängste einander ab: Von einer "geisterhaften Wirklichkeitsverdünnung" spricht der Hamburger Autor Dietrich Schwanitz.

Zwei Tendenzen begleiten die avancierte Spaßgesellschaft: die Ästhetisierung der Existenz - bis zur perfekten Selbstdarstellung - und die Sexualisierung der öffentlichen Sphäre. Ob für Dessous oder Fluggesellschaften geworben wird - der nackte Körper ist allgegenwärtig. Doch die Werbe-Erotik spiegelt eher kalte Lust als Liebe und Leidenschaft, denn der Kult um den Körper ist eher körperfeindlich, aseptisch, voller Abwehr gegen fordernde Nähe und tatsächliche Entblößung.

Wie bei der alljährlichen Love-Parade in Berlin wird Sex zum Zeichen körperloser Kommunikation ohne Folgen: Schaulust pur, eingehüllt in den Kokon von Coolness. Das bauchnabelfreie Outfit ruft "Schände mich!", doch die Seele sagt: Ich habe Angst.

In der Gemeinschafts-Sexklinik des deutschen Fernsehens freilich rammelt und pimpert es unentwegt, wird gepeitscht, getackert und genagelt, massiert und rasiert, gepudert und abgespritzt. War einst alles "irgendwie politisch", so ist hier alles irgendwie geil. Exhibitionismus als Normalfall des Narzissmus. Da ist der TV-Beitrag über den hippen Schamhaarfriseur schon Kaffee Hag fürs Publikum. Auch der "Gang-Bang", massenhafter öffentlicher Geschlechtsverkehr mit einem Pornosternchen (die Männer müssen brav in der Schlange stehen, bis sie dran sind), ist längst Nesquick für geübte Fern-Seher, nur ein Kiesel im endlosen Strom des gynäkologischen Voyeurismus.

Auch hier verschwindet Erotik - diesmal in der spießerhaften Buchhaltermentalität, keine einzige klitzekleine Perversion auszulassen. Also doch: Untergang des Abendlandes? Frisst die Spaßgesellschaft ihre Kinder?

Der geistig-moralische Gewinn der neuen Lachkultur liegt auf der Hand: Wer alles ironisiert, hat nichts mehr zu verlieren, schon gar keinen angreifbaren, also verteidigenswerten Standpunkt. Zynische Affirmation als Panzerung eines gründlich desillusionierten Realismus: Wer an nichts glaubt als an die eigene Schlagfertigkeit, ist vor philosophischem Weltschmerz gefeit. Die Rundum-Ironisierung macht die prinzipielle Indifferenz zur Waffe, die sämtliche Differenzen ausräumt, ohne dass es weh- tut. Alles ist möglich, wenn nichts möglich ist. Das ist die Stefan-Raab-Mediengesellschaft mbH & Co. KG.

Und der Verlust? Wo alles auf lustig lackiert wird, verliert der Witz den Witz.

Harald Schmidt, geistliches Oberhaupt der neuheidnischen Lachkultur, hat das längst begriffen. In seiner Sendung am Dienstag vergangener Woche, frisch genesen von seiner jüngsten Magen-Darm-Infektion, aß der bekennende Hypochonder erst einmal in aller Ruhe Zwieback.

Trockener Humor, Selbstironie, Distanz. Ein Zeichen für die Deutschen.

Es war wie eine Befreiung.


DER SPIEGEL 23/2000
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