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Masken sagen die Wahrheit

Von Dallach, Christoph und Wellershoff, Marianne

Der britische Musiker Peter Gabriel über sein Millennium-Dome-Spektakel "Ovo", Blumenkostüme und seine Begeisterung für die digitale Zukunft

Gabriel und vier seiner Mitschüler gründeten Ende der sechziger Jahre die britische Rockband Genesis. Mit ihren pompösen Stücken und Gabriels Showtalent wurde die Gruppe Anfang der siebziger Jahre berühmt. 1975 stieg der Sänger bei Genesis aus und veröffentlichte seitdem mehrere Soloalben, darunter 1986 "So", das mehr als sieben Millionen Mal verkauft wurde. Sein Video"Sledgehammer" galt als richtungsweisend und wurde mehrfach ausgezeichnet. Außerdem hat Gabriel, 50, 1989 die Weltmusik-Plattenfirma Real World Records gegründet und die "Ovo"-Show für den Londoner Millennium Dome mitentwickelt, deren Musik nun als CD erscheint. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Mr. Gabriel, der Londoner Millennium Dome steht vor der Pleite, es fehlen 90 Millionen Mark - trotz oder wegen Ihrer Show "Ovo", die dort dreimal am Tag gezeigt wird?

Gabriel: Wegen natürlich. Aber im Ernst: Der Millennium Dome ist das unpopulärste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet habe.

SPIEGEL: Wie konnte das passieren?

Gabriel: Politik. Bürokraten haben künstlerische Entscheidungen getroffen, obwohl sie davon nichts verstehen.

SPIEGEL: Warum haben Sie trotzdem mitgemacht?

Gabriel: Weil die vielen Komitees sich letztendlich doch nicht so eingemischt haben wie bei der Gestaltung der Ausstellungszonen. Eigentlich sollte Cameron Mackintosh, der Produzent des Musicals "Les Misérables", die Show schreiben. Aber er bestand darauf, dass man einen Theaterraum wie eine große Box unter das Zeltdach stellte. In gewisser Hinsicht hatte er mit dieser Forderung Recht, doch die Sache war zu teuer. Dann wurde der Bühnendesigner Mark Fisher engagiert, und der wiederum fragte mich. Zu der Zeit hatte mir auch die Expo in Hannover angeboten, am Kulturprogramm mitzuarbeiten, nachdem Brian Eno abgelehnt hatte. Ich habe Fishers Angebot akzeptiert unter der Bedingung, dass ich nicht nur die Musik komponiere, sondern auch das visuelle Konzept mitentwerfe.

SPIEGEL: Wäre es Ihnen angesichts des kommerziellen Debakels nicht doch lieber, Sie hätten sich nie am Millennium Dome beteiligt?

Gabriel: Das würde ich so nicht sagen. Ich träume seit 20 Jahren davon, einen Park der Erfahrungen zu bauen, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern und Wissenschaftlern. Es gibt nämlich unabhängige Plattenfirmen und Filmfirmen, aber keinen unabhängigen Themenpark. Die Millennium-Dome-Show Ovo betrachte ich als Training dafür.

SPIEGEL: In den vergangenen Jahren haben Sie sich mehr für technisches Entertainment interessiert, etwa für CD-Roms. Warum sind Sie nun zu etwas so Ursprünglichem wie Theater und Artistik zurückgekehrt?

Gabriel: Weil es für mich eine neue Herausforderung ist. Ich war gerade bei dem Theaterregisseur Robert Lepage in Québec, der im vergangenen Jahr ein Stück namens "Zulu Time" inszeniert hat. Nun wollen wir das zum Kunst- und Wissenschaftskabarett ummodeln.

SPIEGEL: Steht dahinter auch die Enttäuschung darüber, dass CD-Roms als Medium sich nicht wirklich durchgesetzt haben - auch wenn Sie mit Ihren CD-Roms "Xplora1" und "Eve" großen Erfolg hatten?

Gabriel: Wir haben alle vom großen Multimedia-Zeitalter geträumt, aber am Ende gab es vor allem jede Menge bankrotter Unternehmen. Für mich ist es immer reizvoll, mit Leuten am Tisch zu sitzen, die klüger sind als ich, und mit denen ich bei einem schönen Essen und einem Glas Wein Zukunft träumen kann.

SPIEGEL: Ihre Ovo-Show ist aber eher zukunfts- und technikfeindlich: Die Bösen wollen die Guten zu Sklaven von Maschinen machen, das Glück liegt jedoch in der Rückkehr zur Natur.

Gabriel: Das haben Sie falsch verstanden. Das Stück propagiert am Ende eine Zukunft, Technik und Natur integriert - beispielsweise gibt es heute schon organische Computer, die mit Leuchtstoffen eines Fisches arbeiten. Solche biotechnischen Entwicklungen interessieren mich, aber sie machen mir auch Sorge. Ich bin sicher, sie werden unser Leben mehr verändern als jeder Silikonchip.

SPIEGEL: Woher kommt diese Begeisterung für Technik und Wissenschaft?

Gabriel: Mein Vater war Elektroingenieur. Er hatte ein Gerät entwickelt, dessen wichtigstes Bedienungselement eine Telefonwählscheibe war. Ich war zwar noch ein Kind, aber insistierte, dass diese Scheibe unpraktisch sei und Wähltasten viel besser wären. Er lachte nur. Ansonsten war er seiner Zeit weit voraus. Er sprach immer von Entertainment-on-Demand, Pay-TV und Home Shopping. Damals hielten ihn die meisten für einen Phantasten.

SPIEGEL: Und wenn Sie phantasieren - glauben Sie, die Zukunft wird besser sein oder schlechter?

Gabriel: Lebensqualität, Zugang zu Informationen: besser. Glück: genau wie heute. Zufriedenheit: Fragezeichen. Zum Beispiel war es einer der großen Fortschritte des vergangenen Jahrhunderts, sich frei überall hin bewegen zu können. Heute aber kann jede Bewegung überwacht werden. Wir treten in ein transparentes Zeitalter ein.

SPIEGEL: Fürchten Sie sich davor?

Gabriel: Nein, denn über Gut und Schlecht ist noch nicht entschieden.

SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, oder interessieren Sie sich tatsächlich immer weniger dafür, eigene Platten zu produzieren - wie zum Beispiel das seit Jahren erwartete nächste Soloalbum?

Gabriel: Vielleicht steht meine eigene Musik weniger im Vordergrund als früher, weil ich so viel Spaß an anderen Dingen habe. Die Ovo-Show sollte ein halbes Jahr Arbeit sein, dann wurden doch zwei daraus. So geht es die ganze Zeit. Aber um ehrlich zu sein: Diesen Kreislauf aus Album-Tour-Album-Tour finde ich ermüdend. Trotzdem verbringe ich fünf Tage der Woche in meinen "Real World Studios".

SPIEGEL: Und nun arbeiten Sie auch noch an einem Online-CD-Vertrieb namens "OD2" - sind Sie jetzt sogar unabhängig von Plattenfirmen und Läden?

Gabriel: Nein, die werden auch in Zukunft gebraucht. Die Stärke von Real World liegt in der Musikproduktion. Plattenfirmen sind dagegen besser darin, Künstler zu entdecken und unter Vertrag zu nehmen. Und echte Fans werden genau wie ich früher am Samstagmittag in ein Geschäft gehen, um dort herumzuwühlen und neue CDs anzuhören. Für die Plattengeschäfte heißt das aber auch, dass sie hier Konzepte entwickeln müssen, wie sie solche Kunden halten und unterhalten. Die Zukunft gehört Systemen, die aus allen Informationen eine individuelle Auswahl für jeden Kunden treffen.

SPIEGEL: Und wo liegt die Chance des Internet für Musiker?

Gabriel: Beispielsweise habe ich noch 130 unveröffentlichte Songs in der Schublade. Ich kann die nun, wie jeder andere Künstler auch, ins Internet stellen zum Herunterladen für Gabriel-Fans. Ich wäre glücklich gewesen, wenn es ein solches Angebot für John Lennons Ideen gegeben hätte. Allerdings muss die Gesellschaft endlich die Frage entscheiden, ob alles im Internet grundsätzlich kostenlos ist oder aber ob man Gebühren verlangt und dann mit Piraterie konfrontiert ist.

SPIEGEL: Gewöhnlich interessieren Sie sich weniger für die Vermarktung Ihrer Musik. Oder wie konnte es passieren, dass Ihre Entdeckung, der senegalesische Sänger Youssou N'Dour, seine Weltkarriere als Sony-Künstler macht?

Gabriel: Weil es Real World noch nicht gab, als ich mit ihm zusammengearbeitet habe. Als die Firma gegründet war, hatte Youssou sich schon zu einem etablierten Musiker entwickelt, den wir nicht bezahlen konnten. Heute hat Youssou eine eigene Plattenfirma, die senegalesische Musiker produziert. Das entspricht der Real-World-Idee: Wir wollen Künstlern helfen zu wachsen, damit sie in ihrer Heimat ihre eigene Firma aufmachen können. Übrigens hat Real World im vergangenen Jahr zum ersten Mal Gewinn gemacht. Zum Glück bin ich seit meinem Album "So" wohlhabend genug, um mir solche Projekte langfristig leisten zu können.

SPIEGEL: Sie fielen schon Anfang der siebziger Jahre als Sänger durch Ihren Sinn fürs Exotische auf: Sie liefen im Fuchskostüm oder als übergroße Blume über die Bühne. War das die Kompensation eines schüchternen Teenagers?

Gabriel: Genau das Gegenteil. Ich habe neulich ein Anthropologie-Buch gelesen, das sich mit der Geschichte des Maskierens beschäftigt. Und da hieß es, dass Masken nichts verbergen, sondern vielmehr tief sitzende Empfindungen und Regungen freisetzen - meine Meinung damals hat vielleicht mehr Wahres über meine Persönlichkeit ausgesagt, als ich ahnte.

SPIEGEL: Waren Ihre Genesis-Kollegen darüber irritiert?

Gabriel: Sie fanden meine Kostümierung, glaube ich, ein wenig unangenehm. Ich erinnere mich an Nächte, wo auch die Zuschauer in fassungsloses Schweigen verfielen. In Deutschland bin ich sogar mal von der Bühne gejagt worden. Da war ich solo mit Frank Zappa auf Tournee, und die alten Zappa-Fans haben mich regelrecht gehasst. Ich habe alles versucht, war nett oder böse, aber sie schrien nur: "Englische Scheiße, go home!" Und sie bewarfen mich, bis ich aufgab. Am nächsten Abend machte ich beim Konzert aus Trotz genau da weiter, wo ich in der Nacht zuvor aufgehört hatte, und alle waren begeistert.

SPIEGEL: Haben Sie es je bereut, 1975 bei Genesis ausgestiegen zu sein? Die Band verdiente doch viel Geld.

Gabriel: Zu meiner Zeit haben wir gar nichts verdient. Wir waren immer in den Miesen, hatten einen schlechten Vertrag und kaum Hits. Aber es wurde gerade besser, und die anderen warfen mir damals vor, dass ich die Zukunftschancen mit meinem Abgang zerstörte. Am Ende haben wir alle Erfolg gehabt. INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,

MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 23/2000
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