Von Schulz, Matthias
Wenn er den breitkrempigen Lederhut aufsetzt, sieht er aus wie Indiana Jones. Seine Gestik erinnert eher an Georg Thomalla.
Schon morgens um zehn Uhr ist Sahi Hawas, der Antikenverwalter der Provinz Gizeh, in Hochform. Aktenberge türmen sich in seinem Wellblechbüro am Fuß der Pyramiden. Fünf Sekretärinnen laufen hektisch umher. Mit grimmer Miene greift der Chef zum Hörer, während er mit schneller Hand hingereichte Schriftstücke abzeichnet.
Erst im März leitete Hawas den Weltkongress der Ägyptologie in Kairo. Abends eilt der Doktor, der auch Staatssekretär ist, zu Empfängen und Stehpartys. Zwischendurch greift der Rastlose zur Hacke. Unter der Cheops-Pyramide hat er jüngst ein verborgenes Gangsystem aufgespürt, den "Osiris-Schacht" - und gleich wieder geschlossen: "No time to excavate."
Und nun auch noch Baharija. Ausgerechnet in einer abgelegenen Wüstenoase wurde das "Tal der goldenen Mumien" entdeckt. Das bedeutet Staubschlucken. Mindestens einmal in der Woche steht der Antikenchef um 5.30 Uhr auf, dunkelt die Fenster seines Jeeps ab und saust Richtung Südwesten. Die Fahrt führt über eine Teerpiste tief hinein ins altägyptische Totenland.
Nach 350 Kilometern stoppt der Wagen am Nordrand der Oase. "Folgen Sie mir", sagt der Archäologe und öffnet eine provisorisch in den Wüstenboden eingelassene Stahltür. Ein Assistent hält eine Halogenlampe in die Gruft. 30 Leichname, verpackt in vergoldete Kartonagen, liegen in den Grabnischen.
Eine Stimmung wie bei der Öffnung des Tutanchamun-Grabs durch Howard Carter im Jahre 1922 macht sich in dem Gewölbe breit. Augenbrauen, Lippen und Haarlocken sind auf die Stuckhüllen gemalt. Auf den Brustplatten der Toten - sie stammen aus dem 3. vorchristlichen bis 4. nachchristlichen Jahrhundert - prangen Hieroglyphen.
Der Fundort, weiträumig abgesperrt, wird wie eine Raketenbasis bewacht. Fünf der schönsten Mumien hat Hawas in die lokale Altertümerverwaltung ausgelagert, um die "Ruhe der Toten nicht zu stören", wie er sagt. Natürlich macht er zuweilen Ausnahmen. Erst Ende Mai trampelten 130 Techniker und Beleuchter des US-Senders "Fox TV" durch das Massengrab. Zur besten Sendezeit wurde über eine Stätte berichtet, in der es immer noch nach Harz und Balsam-Ölen riecht.
Keine Frage, die Oasengruft ist ein Knüller: Auf sechs Quadratkilometern erstreckt sich der Friedhof, in den Katakomben könnten bis zu 10 000 Mumien liegen. Und Hawas heizt die Stimmung weiter an: "Die bislang geborgenen 105 Leichen gehörten der Mittelschicht an - jetzt suchen wir die Gräber des Oasenadels."
Die gesamte Archäologenzunft ist in Aufruhr - und zerbricht sich zugleich den Kopf. Alten Texten zufolge lebten in Baharija Dattel- und Weinbauern. Ein bisschen Honig kam dazu, Tomaten und Gurken. Wieso konnte sich dieses abgelegene Krähwinkel solch einen Totenprotz leisten?
"Descheret", rotes Land, nannten die Pharaonen das lebensfeindliche Trockengebiet westlich des Nils - eine Zwielichtzone, in der nachts die Schakale heulten und in der Seth, der Gott des Chaos und des Unfriedens, regierte. In den alten Texten der Nil-Bürokraten werden die Oasen nahezu vollständig ignoriert.
Nur im Mythos wird diese abseitige Welt beschrieben. Einst verteilten die Götter das Land. Osiris erhielt das fruchtbare Niltal, Seth musste die Wüste nehmen. Dafür erschlug er den Bruder. Reliefs zeigen den Bösewicht in Gestalt eines schwarzen Schweins. Ab dem 6. vorchristlichen Jahrhundert wurde er mit feuerroten Haaren und roten Augen dar-
gestellt - ein Vorläufer des christlichen Teufels.
Auch den modernen Geografen blieb das Gebiet lange verschlossen. Erst vor 130 Jahren drang der Preußische Hofrat Gerhard Rohlfs mit Spiegelsextanten und Kreiselkompass ins Libysche Sandmeer ein. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte, im Automobil, der Ungar László Almásy (bekannt durch den Film "Der Englische Patient"). Seine Expeditionen führten in ein Terrain aus flimmernder Luft und Sandfeldern, "gerippelt wie riesige Grammophonplatten".
Ausgerechnet in dieser Staubhölle spielt sich nun ein fulminanter Grabungscoup ab. Fünf große Oasen ziehen sich halbmondförmig durch die ägyptische Westwüste (siehe Grafik Seite 225). In allen haben sich Archäologen einquartiert. Die Forscher schlafen auf Pritschen, sie leben in Lehmhütten. Und in allen Oasen wird reiche Beute gemacht:
* In Dachla kamen 20 Tempel zum Vorschein, darunter die größten Beamtengräber ("Mastabas") Ägyptens.
* In Charga wurden bemalte Tonsarkophage entdeckt sowie ein großes Schmuckdepot, der "Goldschatz von Douch".
* Und nahe der libyschen Grenze, in Belat al Roum, legt derzeit ein ägyptisches Team einen weiteren Großfriedhof frei - Inhalt: mindestens 400 Mumien. In den Totenmasken, sagt Grabungschef Abd al-Asis, "stecken Glasaugen".
Durch 3000 Jahre ziehen sich die Funde. Die Forscher stießen auf Wasserkrüge aus der Frühzeit der Pharaonen. Persische und griechische Besatzer hinterließen in den Oasen ihre Spuren. Um Christi Geburt kamen dann die Römer und bauten in den fernen Außenposten Garnisonen und Olivenfabriken.
Wie eingefroren liegen die Ruinen da. In Dachla wurden ganze Häuser bis zum Dach von Dünen begraben. Die Flugsande konservierten Bücher mit Holzseiten und Seidenschuhe, die aussehen, als wären sie noch gestern getragen worden. "Das Gebiet", schwärmt der Berliner Archäologe Christian Loeben, "ist ein einziges Pompeji."
An einigen der Oasentempel haften sogar noch schwarze, schmierige Flecken. Es sind Reste von Salbölen, die die Bürger - als Schutz vor bösen Geistern - gegen die Wände gossen. Chemische Untersuchungen ergaben, dass die Tinkturen aus Pflanzenfett und Duftstoffen hergestellt wurden. Die Wüste klebt - zumindest an diesen Stellen.
Und immer wieder Spuren des Wüstengottes Seth: Votivstatuen zeigen den Dämon, er ist auf Stelen und Tempelinschriften dokumentiert. In Charga lebte vor 2000 Jahren ein Geheimpriester namens Penbast, der sich "erster Prophet des Seth" nannte. "Der Mörder des Osiris", sagt der niederländische Archäologe Olaf Kaper, "hatte in den Oasen eine überragende Bedeutung."
Was für ein finsteres Ruinen-Dorado schält sich da aus dem Sand? Wo lagen die
Quellen des Reichtums, mit denen die Saharabewohner ihre Gräber und Goldmu-
mien finanzierten? Und warum schweigen die Quellen so beharrlich über die Welt fern des fruchtbaren Niltals?
Auf all die Fragen haben die Oasen-Forscher nun eine spannende Antwort parat: Es ist ein Wirtschaftskrimi, ein Kampf um Rohstoffe, der sich da im pharaonischen Niemandsland auftut. Zwei Kernpunkte schälen sich heraus:
* Die Westwüste war bewohnt von Schacherern, illegalen Händlern, die über eine geheime Karawanenroute Luxusgüter aus Afrika ans Mittelmeer transportierten.
* Immer wieder versuchte das Nilreich, diesen schwarzen Handelspfad unter Kontrolle zu bringen. Dabei rückten sie mit Waffengewalt tief in die Sahara vor.
Ob Löwenfelle oder Gold, Straußenfedern oder Elfenbein, alle jene kostbaren Luxusgüter, die die Pharaonen - unter staatsmonopolistischer Kontrolle - aus Zentralafrika raubten und über den Nil verschifften, wurden demnach durch eine Hintertür auch ans Mittelmeer geschleust. Im Windschatten der Pyramiden, vermutet der Kölner Archäologe Rudolph Kuper, "lebten Schmugglerkönige".
Schon sind die Forscher dabei, die Kapillaren dieses Transportnetzes zu entwirren. Sie stießen auf 4000 Jahre alte Felsinschriften und Wegmarken in der Einöde. Kuper geht davon aus, dass die Wege sogar "bis in den Tschad" reichten.
Die stärksten Belege für das neue Szenario hat nun Klaus Kuhlmann vorgelegt. Der Mann vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Kairo fahndet in Siwa, nahe der libyschen Grenze. Sonnengebräunt, mit Lederweste und aufgeknöpftem Wollhemd steht der DAI-Mann auf der Terrasse seines Wüstendomizils. Unter ihm erstrecken sich Dattelhaine. Am Horizont spiegeln sich zwei große Seen.
Siwa, 17 Meter unter dem Meeresspiegel liegend, gilt seit je als Inbegriff des Mysteriösen. Hier stand der - neben Delphi - berühmteste Orakeltempel der Antike: das Ammoneion. 331 vor Christus kniete Alexander der Große in diesem Heiligtum. In einem märchenhaften Pilgerzug war er zwölf Tage durch heißes Geröll geritten. Unter Historikern gilt die Reise als "phantastisch-irrationales Unternehmen".
Nun blickt Kuhlmann auf die legendenumwitterte Orakel-Ruine. Sie steht auf einem Felshügel, dessen Hänge stark erodiert sind. Ein Teil der Nordwand ist bereits in die Tiefe gekracht. Vor drei Jahren ließ der deutsche Archäologe Baukräne in die Wüste rollen. Maueranker wurden in den Tempel gebohrt, seine Rückfront steht auf einer Stahlstütze.
Und erst jetzt offenbart sich, was für ein Wüsten-Vatikan sich in Siwa einst erhob: "Von der Königsburg führte eine breite Prozessionsstraße ins Tal hinab", erläutert Kuhlmann. Der 400 Meter lange Götterparcours war von großen Bauten flankiert. Überall liegen Felsblöcke herum.
Erst vor kurzem hat der DAI-Mann ein weiteres Bauteil der Kultstraße entdeckt, den "Tempel D". Er liegt im angrenzenden Garten eines Oasenbauern. Mit Fegern und Spateln kratzen die Helfer das Steinfundament frei. Das Provinznest Siwa, in der Antike von höchstens 6000 Menschen bewohnt, besaß Heiligtümer wie eine kleine Supermacht.
Für all diese Pracht hat Kuhlmann nun eine schlichte Erklärung: Siwa war eine wichtige Station auf der bislang unbekannten Saharatrasse. Die Kleinkönige der Oase waren Schmuggler, die gleichsam im Rücken der Nilkönige einen schwunghaften Nebenhandel mit tropischen Luxuswaren betrieben. Über Jahrhunderte, vermutet Kuhlmann, hätten diese Handelspiraten "den ägyptischen Fiskus betrogen".
Und sie verdienten gut dabei. "Hier lang", sagt der Archäologe und kraxelt an einem blauen Schild vorbei (Aufschrift: "Mountain of the dead") einen kahlen Hügel empor. Der Berg im Zentrum der Oase ist von Grabkammern durchlöchert. Die meisten sind noch ungeöffnet. Ein Wachmann im Burnus patrouilliert auf der Kuppe.
Kuhlmann verschwindet in einem Grab, das mit farbprächtigen Malereien verziert ist. Isis und Osiris, der Unterweltdämon Am Am und der Gott Thot - dargestellt als schwarzer Schakal - sind auf die Wände gezeichnet. Der Grabbesitzer Si-Amun selbst ließ sich auf der Ostseite seiner Totengrotte verewigen. Er trägt, völlig untypisch für die ägyptische Ikonografie, gewelltes Haar und einen Backenbart.
"Ein Juwel", sagt der Forscher, "im Niltal gelegen, wäre diese Stätte längst weltberühmt."
Mit diesen Entdeckungen - die meisten sind noch nicht einmal publiziert - erhält die Westwüste eine völlig neue Bedeutung. Das mythische Reich des Seth entpuppt sich plötzlich als historischer Schauplatz: Die Pharaonen befanden sich in einem ökonomischen Spannungsfeld, das bis tief ins libysche Sandmeer reichte. Sie waren umringt von Konkurrenten.
Für die Zunft kommt diese Erkenntnis überraschend. Seit 200 Jahren schon blickt sie wie gebannt aufs Niltal. "Um die Wüste dagegen", sagt Kuper, "hat sich kaum jemand gekümmert."
Nahezu alle Grabungen waren bislang auf jenes grüne Schwemmland konzentriert, das sich wie eine Nabelschnur aus dem Innern Afrikas hochwindet. An diesem Fluss hat das Reich in seiner 3000-jährigen Geschichte eine monumentale Fassade errichtet. Obelisken säumen sein Ufer, der Säulen-Tempel der Hatschepsut und die Sphinxallee von Luxor.
Superlative zuhauf sind an den Ufern des Stroms aufgestapelt. 720 Tonnen wiegen die Memnon-Kolosse. Knapp ein Kilometer in der Länge misst der größte Tempel aller Zeiten (errichtet vom Ketzerpharao Echnaton). Die Cheops-Pyramide besteht aus etwa 2,4 Millionen Quadern. Einige sehen aus, als wären sie mit Diamantfräsen geschnitten worden.
Die gesamte Nachwelt geriet in den Sog dieser Schaffenskraft. Alexander der Große wollte für seinen Vater "eine Pyramide, den höchsten ägyptischen gleich", errichten. Der Kaiser Caligula karrte Obelisken nach Rom. In der Neuzeit kam Napoleon, der zugleich mit einem wissenschaftlichen Feldzug das Land eroberte. Auch Thomas Mann, 1930 als Besucher in Luxor, machte große Augen. Er fühlte sich auf eine "Zauberwiese" versetzt, bebaut mit den "heiligen Malen menschlich-kulturellen Anbeginns".
Bis heute ist die Faszination ungebrochen. Nach dem Attentat in Luxor im Jahr 1997 (Fundamentalisten erschossen 58 Menschen) erreicht der Besucherstrom neue Rekorde. 4,8 Millionen Touristen strömten im letzten Jahr ins Land der Sphinx. Sie drängeln sich vor dem Museum von Kairo und gleiten auf Nilbooten von Alexandria nach Assuan.
Vor allem die Deutschen kommen in Scharen. Unter dem Motto "Willkommen im 7. Millennium" hat das ägyptische Fremdenverkehrsamt in Frankfurt über 600 000 Bundesbürger ins Land gelockt - doppelt so viel wie im Vorjahr. Reisegruppen aus Bottrop karjuckeln mit Jeeps durch den Sinai. Am Roten Meer wird gesonnt und geschnorchelt. Zwischendurch sausen die Busse Richtung Nil, um die Gäste in den Ruinen abzuladen.
Ein schwer zugänglicher Bilderkosmos erwartet sie dort. Die Untertanen des in Memphis, später in Theben residierenden "Per'' o" ("Großes Haus") beteten über 50 Götter an. In den "Hallen des Anubis" (vulgo: Balsamierungsräume) zog ein Heer von Priestern den Toten das Gehirn mit Haken aus der Nase.
Doch gerade aus der Fremdheit speist sich die Magie dieses Reiches. Die Ramses-Romane des Franzosen Christian Jacq stehen seit Jahren in den Bestsellerlisten. Und es hagelt immer weitere Entdeckungen. Erst am vorletzten Sonntag präsentierte der Taucher Franck Goddio neue Bilder aus dem versunkenen Alexandria. Die Metropole war noch größer als gedacht (siehe Kasten Seite 228).
Dabei sind es nur Abglanz und Verfall, die sich den Pilgerströmen bieten. Wer heute den Aufweg zum Gizeh-Plateau hochläuft, tritt drei dunklen Steingebirgen entgegen. Einst aber waren die Pyramiden mit schneeweißen, glattpolierten Kalkplatten verkleidet. Auf ihren Spitzen steckten Hütchen aus Elektrum.
Was haben diese Gottkönige geprasst: 110 Kilogramm wiegt der Goldsarg des Tutanchamun. Vom Month-Tempel in Karnak, heute ein bröseliges Gemäuer, ist die Bauliste erhalten. Demnach wurden gut drei Tonnen Elektrum als Fußbodenbelag und zwei Tonnen Gold für die Tore verarbeitet. Hinzu kamen 500 Kilogramm Lapislazuli, knapp 200 Kilogramm Jaspis und 100 Kilogramm Türkis als Wandschmuck. Selbst die Mumien, als dunkle Schrumpelwesen erhalten, strahlten einst in weißem Teint.
Aus welchen Quellen sich all diese Finanzkraft speiste, fragt indes kaum jemand. Auch die Wissenschaft der Ägyptologie, fast so konservativ wie die Gottkönige selbst, machte das ökonomische Rückgrat des Landes bislang fast nie zum Thema von Untersuchungen.
Ihre Kollegen, kritisiert die Tübinger Ägyptologin Karola Zibelius, hätten das Nilland "idealisiert", seine Herrscher vom "Verdacht des Eigennutzes" befreit und damit "enthistorisiert".
In endlosen Variationen wurden die alten Ägypter als "friedliches Bauernvolk" vorgestellt, das fromm am Ufer saß, Papyrus zog und die fruchtbare Nilschwemme abwartete. Einen Staat "vollkommenster Gottesnähe" hat der Ägyptologe Jan Assmann das Pyramidenland genannt.
Doch langsam beginnen sich auch die unappetitlichen Seiten dieses Staatskolosses herauszuschälen. Immer deutlicher zeigt sich, dass die Pharaonen ein auf Expansion ausgerichtetes Zwangssystem anführten. Sklaven schufteten in ihren Bergwerken, Feinde wurden, wie es auf alten Stelen heißt, "zerhackt". Und auch der Außenhandel wurde nicht zimperlich betrieben. Wie ein Krake beuteten die Gottkönige Afrika aus.
Als zentrale Handelsader diente dabei der Nil. Ein nicht endender Strom an Luxusgütern schiffte den Fluss hinunter. Aus Punt (Eritrea), Djam (Sudan), aber auch dem Tschad stammten jene unermesslichen Kostbarkeiten, mit denen die Gottkönige in Memphis ihre Paläste pflasterten.
Schon im Alten Reich ließen sich hohe Beamte von schwarzen Dienern bewirten. Dressierte Affen wurden für die Ernte von Dumpalmnüssen abgerichtet. Meerkatzen und Paviane - "beliebte Luxustiere der Oberschicht" (Zibelius) - räkelten sich in ihren Gemächern. Die Pharaonen thronten auf Stühlen aus Ebenholz. Wollten sie Spaß, mussten die "Tanzzwerge" ran: Es waren Pygmäen.
Die Ausbeutung des Südens begann früh. Bereits in der 1. Dynastie überschritten bewaffnete Truppen regelmäßig bei Assuan die Reichsgrenze und gingen jenseits des 1. Katarakts auf Raubtour. Ta-seti - Bogenland - wurde diese von Nubiern bewohnte Welt genannt, in der Bäume rauschten und Straußen, Nashörner, Giraffen, Panter und Affen lebten.
17 große Festungen entstanden jenseits der Reichsgrenze. Pharao Snofru (2600 bis 2555 vor Christus), der in Ägypten den Pyramidenbau ankurbelte, war zugleich ein Großmeister der Expropriation. Mit Verve rollte seine Kriegsmaschine nach Unternubien. 200 000 Stück Vieh wurden entwendet, 7000 Männer und Frauen in Gefangenschaft geführt.
Immer tiefer drangen die Heere in den Schwarzen Kontinent vor. General Herchuf, Gouverneur von Assuan, startete um 2200 vor Christus mit 20 000 Soldaten einen Vorstoß, der ihn bis in das Gebiet jenseits des 3. Nil-Katarakts führte, 1200 Kilometer von Memphis entfernt. Abgeschlossen wurde der Raubzug mit Massenpfählungen an den Medja-Beduinen.
Lange haben die Wissenschaftler diese Vorstöße als "Razzien" verharmlost. Ziel sei es gewesen, verfeindete Barbaren zur Räson zu bringen. In Wahrheit waren die Nubien-Attacken von langer Hand geplante Aktionen, um das Land zu unterjochen und von dort aus immer raumgreifendere Überfälle in die "angrenzenden Savannengebiete Afrikas" zu unternehmen, wie Zibelius erklärt. Die Pharaonen hätten im Gebiet des heutigen Sudan "die erste Kolonie der Menschheit errichtet".
Bereits in der 4. Dynastie wurde der Süden systematisch nach Rohstoffen abgesucht. Prospektoren durchstreiften die Wüste und fahndeten nach Amethyst-, Jaspis- und Karneolvorkommen. In Buhen entstand eine Niederlassung zum Abbau von Kupfer.
Auch beim Holz - absolute Mangelware im Pyramidenstaat - mussten die Tropen herhalten. Staatlich angestellte Beilkommandos fällten Akazienstämme, Christusdorn und Ebenholz. Aus den extrem harten Dumpalmen wurden Flotten gebaut. In Assuan konnten Archäologen Reste von Albizia-Holz nachweisen. Dieser Baum wächst heute nur noch am Tschadsee und im Senegal.
Besonders begehrlich blickten die Gottkönige auf die nubischen Goldadern des Südens. "Fleisch der Götter" wurde dieses Metall in Ägypten genannt und zu Möbeln, Särgen und Tempelstatuen geschmiedet. Ging den Handwerkern in Memphis die Rohware aus, mussten die Zwangsarbeiter in den Minen am Roten Meer Sonderschichten einlegen. Bewachte Transportkonvois schifften die Fracht nach Norden.
Die requirierten Luxuswaren landeten direkt beim Pharao. Eilfertige Bürokraten verteilten die Waren zentral über das Ressort des königlichen Schatzmeisters. Privathandel war den Bürgern untersagt.
Ideologisch ließ sich die Ausbeutung leicht rechtfertigen. Die Nubier, dargestellt mit vorstehenden Kiefern, wulstigen Lippen und Ohrringen, galten als "Angehörige des Chaos". "Abscheu Gottes", nannte Pharao Thutmosis III. die Schwarzen. Andere Herrscher verunglimpften sie als "Ekel des Re". Jeder Ausländer war per se Rebell, Empörer, Grenzverletzer, den zu traktieren heiliges Recht war.
Gleichzeitig klingelte es in der Staatskasse. Bereits in der 3. Dynastie vertrieben die Planwirtschaftler des Pharaos "kosmetische Öle bis nach Kreta", wie der Wirtschaftsexperte Wolfgang Helck schreibt. Im Neuen Reich wurden Bitterapfelöle und teure Aromatika nach Sumer und ins Hethiterreich verkauft - mit Gewinnspannen von 300 Prozent und mehr.
Doch der staatsmonopolistisch überwachte Afrikahandel wurde offensichtlich empfindlich gestört. Im Alten Reich war die Macht der Pharaonen auf die Uferzonen des Stroms konzentriert. Anfangs besaßen sie nur die Kontrolle über die "Straße der 40 Tage". Diese Karawanenstrecke knickte beim heutigen Assiut ab und führte über die Oase Selima nach Nubien (siehe Karte Seite 225).
Weiter westlich dagegen erstreckte sich eine unwirtliche Schummerzone. Hochragende Dünen verstellten den Horizont, dazwischen lauerten Nomadenstämme, Libu und Tjehenu genannt. Auf alten Reliefs werden die Fremden aus der Wüste mit spitzen Kinnbärten dargestellt. Ihre Tracht bestand aus schärpenartigen Kreuzbändern sowie einem breiten Gürtel mit Phallustasche und einem herabhängenden Tierschwanz.
In diesem Niemandsland gab es viele Schlupflöcher. Hier hausten Beduinen, die auf eigene Faust wirtschafteten und es wagten, das Afrika-Monopol der Nilherrscher zu unterlaufen.
Am Ende der 5. Dynastie, so der neueste Forschungsstand, machte ein Pharao -
welcher, ist nicht geklärt - den Deckel zu. Er befahl den großen Ausfall in die Sahara. Und er hatte ein klares Ziel: Der Schlag richtete sich gegen Dachla.
Diese Oase gilt derzeit als vielleicht spannendster Ort der Ägyptologie. Unberührt von Plünderungen und Schatzsuchern wurden dort 3000 Jahre Geschichte unter Flugsanden konserviert.
Rund 30 Wissenschaftler haben sich in dem Grabungs-Dorado eingenistet, darunter Paläobiologen, Botaniker, Zoologen und Mediziner. Minutiös wurde das gesamte Grünland kartiert und von Fotoapparaten, die an Flugdrachen hängen, erkundet. Leiter des "Dakhleh Oasis Project" ist der Kanadier Anthony Mills.
Kaum ein Tourist stört den bärtigen Mann, der mit seinem Team in einer alten Lehmhütte residiert. Eine herrliche Abgeschiedenheit umgibt das Team. Dafür sei Dachla "etwas unkomfortabel", gibt Mills zu und fingert an der verstaubten Hose. Im Küchenraum, einem fensterlosen Stall, putzt ein Einheimischer für fünf Dollar pro Tag frisches Gemüse. WC und Dusche gibt es in dem Camp nicht.
Doch das Abenteuer lohnt sich. Über 400 antike Stätten hat Mills auf seinem Plan eingetragen. Die Experten gruben dutzende von Totenschädeln aus, und sie fanden Mumien, in denen sich Lepra-Erreger nachweisen ließen.
Ganz am Westrand, am Tempel von Deir al-Haggar, arbeitet das Team von Olaf Kaper von der Humboldt-Universität Berlin. Gleichsam in der Götterdämmerung, kurz bevor der ägyptische Pantheon zusammenstürzte, haben die Priester hier noch mal nach alter Manier zur Kelle gegriffen. Das Bauwerk wurde zwischen 54 und 138 nach Christus errichtet. Zu der Zeit war das Land längst römische Kolonie.
"Über 1500 Jahre lag das Heiligtum unter einer großen Wanderdüne begraben", erzählt Kaper. Nun ist der Sand weggeschaufelt. An den Reliefs haften noch Spuren der Originalbemalung. Der Gott Horus trägt ein türkisfarbenes Federkleid. "Das ist zerriebenes Malachit", sagt sein Kollege Christian Loeben, "ein Wolkenbruch, und die Farben sind abgewaschen."
Entsprechende Eile ist angesagt. Fünf Studentinnen haben Gerüste an das Bauwerk gestellt und durchsichtige Folien auf die Reliefs geklebt. Jede Hieroglyphe wird mit Filzstiften abgepaust. Abends baden die Helferinnen in einer heißen Quelle und ziehen sich züchtig die Badeanzüge an. Mitarbeiterin Vera Rohrschneider: "Hier gibt es viele Spanner."
Keine Frage: In Dachla macht das Graben noch Spaß. Am interessantesten - zumindest aus der Sicht der Fachleute - ist jenes Trümmerfeld, das sich im Osten der Oase erstreckt. Das ganze Areal ist mit Scherben, Tierknochen und Straußeneiern übersät. Dicke Mauerstümpfe ziehen sich durch den Boden. Es sind Relikte einer militärischen Festung aus der 5. Dynastie. "Mit dieser Stätte", sagt Mills, "haben wir endlich die Keimzelle der ägyptischen Okkupation gefunden."
Etwa um 2300 vor Christus, so die Rekonstruktion, begann der große Ausfall ins Totenland. Geschätzte 3000 Soldaten mit freiem Oberkörper setzten sich von Charga aus in Marsch. Pfeil und Bogen hielt die Infanterie im Arm, dazu Lanzen und Keulen wie Baseballschläger. Dann folgte die Proviantabteilung mit Wasserschläuchen aus Ziegenfell. Auf den Rücken der Packtiere lagen Mahlsteine und Weizensäcke.
Nach etwa 200 Kilometern erreichte der Trupp Dachla und errichtete ein Fort. "Zugleich wurde der gesamte Anmarschweg mit Wachtürmen gesichert", erklärt Mills.
Erst vor wenigen Wochen kam in einem dieser Militärposten ein Graffito zu Tage. Ein Soldat hat sich als Strichmännchen selbst porträtiert. Daneben prangt ein Vulvazeichen. Loeben: "Das waren einsame Männer."
Kaum war die Oase Dachla erobert, ging es den Altsiedlern an den Kragen. Die schriftunkundigen Beduinen der Scheich-Muftah-Kultur verschwanden jäh. "Die Leute wurden verjagt, totgeschlagen oder assimilierten sich", sagt Mills.
An ihrer Stelle machte sich nun der Klüngel aus Memphis in der Oase breit. Der Pharao schickte Beamte, Schreiber und Staatshändler. Auch die nächste Oase, Farafra, kam unter Kontrolle. Sie wird in alten Texten "Kuhland" genannt. Die Gouverneursposten besetzte der Nilkönig stets mit eigenen Verwandten.
Wie pompös diese Provinzfürsten lebten, davon zeugen die Mastaba-Gräber, die einst die Skyline von Dachla beherrschten. Es sind riesige Ziegelblöcke. Eines der Gräber steht noch. Die anderen fünf hat ein französisches Team abgetragen. Die unterirdischen Grabanlagen sind treppenförmig in den Fels gehauen. Auf der 20 Meter tiefen Sohle liegen die Grabkammern der Gaufürsten.
Auch den Gouverneurspalast der Oase haben die Franzosen im letzten Jahr entdeckt. Die Residenz besaß fünf Meter hohe Stuckdecken und Kamine. In den Schlafzimmern standen Betten mit Baldachinen. Gleich daneben lag eine 77 Zentimeter große Statue im Schutt. Sie zeigt den Wüstenchef Metu-nefer.
Viele Experten glauben immer noch, dass die Eroberer in den Oasen Landwirtschaft betreiben wollten. Doch Kuhlmann winkt ab: "Für ein paar miesliche Datteln in die Sahara zu laufen, das macht keinen Sinn." Auch Mills glaubt an einen handelsstrategischen Vorstoß: "Die Ägypter wollten Elfenbein, Straußenfedern und Ebenholz."
Wie aber verlief diese Transkontinentaltrasse nach Innerafrika? Westlich von Dachla beginnt der größte Sandsee der Erde. Da war kein Durchkommen. Noch in den dreißiger Jahren spekulierten die Forscher über eine verschollene Oase inmitten dieses gigantischen Sperrriegels. Mehrere Expeditionen drangen in die libysche Dünenwelt ein - ohne Ergebnis.
Doch auch im Süden von Dachla erstreckt sich verwittertes Geröll. Eine 800 Kilometer lange Glutzone muss der Wanderer überwinden, ehe er die ersten Wasserlöcher des Tschad erreicht. Das steht kein Kamel durch. Die Pharaonen kannten zudem nur Esel. Diese Tiere halten nur drei Tage ohne Wasser aus.
Nun endlich wird klar, wie der Marsch trotzdem gelang. Die Händler legten künstliche Wasserdepots an. Eine dieser Stationen, das Kruglager von Abu Ballas, wurde 200 Kilometer südwestlich von Dachla entdeckt. Es enthielt über 100 große Tongefäße. Von diesem Rastplatz aus, so die Annahme, hangelten sich die Karawanen bis in die Oase Kufra und weiter nach Schwarzafrika (siehe Karte Seite 225).
Mit diesem Nebengleis könnten die Forscher in eine der Herzkammern des pharaonischen Reichtums vorgedrungen sein. Quer durch die lebensfeindliche Ostsahara zog sich einst eine Handelsschlagader, eine zweite Seidenstraße, auf der Gewürze, Panter- und Leopardenfelle in den Norden gelangten.
Dieser Route, so die Vermutung, galt der strategische Vorstoß der Ägypter. Wer Dachla beherrschte, konnte auch den Schwarzhandel durch die Wüste stoppen.
Und ein weiterer weltgeschichtlicher Aspekt ergibt sich aus den Funden: Nahezu 3000 Jahre lang wurde um die Kontrolle über diesen "Parallelweg" (Loeben) gerangelt. Griechen, Phönizier und Perser gierten nach dem Schleichweg. Und noch die römischen Kaufleute könnten den Pfad genutzt haben, um die Gladiatoren-Arenen mit exotischen Tieren zu versorgen.
Doch auch die eigenen Leute, die Bürokraten des Pharaos, waren offensichtlich schwankende Genossen. Immer deutlicher schält sich heraus, dass in der Provinz die Zügel weniger straff geführt wurden. Trotz enormer Kraftanstrengungen konnte das Ägyptische Reich den schwarzen Kanal durch die Wüste nie richtig schließen.
Das Problem existierte offensichtlich von Anbeginn. Schon die Prunksucht der Oasenchefs von Dachla in der 6. Dynastie deutet auf Korruption und Schattenwirtschaft. Bestärkt wird der Verdacht durch die Tatsache, dass die sechs großen Mastabas allesamt aus der Regierungszeit Pepis II. stammen. Dieser Pharao gilt unter den Fachleuten als "Helmut Kohl vom Nil".
94 Jahre lang saß der verschnarchte Methusalem auf dem Thron. In seiner Schlussphase hatte der Greis vollständig den Überblick verloren. Friseure und Nagelpfleger stiegen in hohe Beamtenposten auf, die Verwaltung geriet aus den Fugen.
Vor allem die Gauführer mochten dem Gottkönig und seiner "Schatzkammer" nicht mehr zuarbeiten. Nach Pepis Ableben (um 2160 vor Christus) flog das Land auseinander. Der Nilstaat stürzte in die Wirren der "ersten Zwischenzeit".
In dieser Phase spielten sich auch in der Oase Tumulte ab. "Am Ende der 6. Dynastie wurde der Gouverneurspalast von Dachla von Brandstiftern angezündet", sagt Kaper. Hatten korrupte Beamte die erstbeste Gelegenheit genutzt, um das Heft an sich zu reißen? Kurz danach jedenfalls entstand gleich neben der verkohlten Ruine eine neue Stadt.
Und dort, so das Szenario, hatten fortan Schieber das Sagen, die in die eigene Tasche wirtschafteten. Hand in Hand mit den angrenzenden Beduinenstämmen schwangen sich die ehemaligen Staatsdiener zu Schmuggelkönigen auf. "Immer wenn die Zentralmacht schwach war", sagt Kuhlmann, "ließ auch der Griff auf die Oasen nach."
Historisch greifbar wird dieser Schwarzhandel auf Kreta. In den Palästen von Knossos und Phaistos prangen wunderschöne Wandmalereien, auf denen afrikanische Sklaven, Straußeneier und Elfenbein abgebildet sind - ein klares Indiz für Handelskontakte mit Innerafrika.
Zu der Zeit regierten in Theben die mediokren Führer des Mittleren Reichs (2040 bis 1650 vor Christus). Ihre Kraft reichte offensichtlich nicht aus, um die grünen Satelliten in der Wüste zu beherrschen.
Erst mit Pharao Ahmose (1550 bis 1525 vor Christus), dem Begründer des Neuen Reichs, nahm der Druck aufs Hinterland wieder zu. Ägypten erlebte eine letzte Renaissance, die 500 Jahre andauerte. Übermächtige Herrscher wie Thutmosis III., Echnaton oder die Herrscherin Hatschepsut bestiegen nun den Thron und führten das Land einem goldenen Zeitalter entgegen.
Nun rückten die Armeen sogar bis zum 5. Katarakt vor. Die abgefallenen Nubier wurden erneut unterjocht und härter denn je drangsaliert. "Der starke Arm des Pharao kam über sie wie eine Feuersbrunst und ließ die Berge erzittern", tönte Ramses II. (1290 bis 1224 vor Christus) nach einem erfolgreichen Feldzug in den Süden.
Hernach ließ dieser Pharao bei Abu Simbel 22 Meter hohe Sitzbilder in den Fels meißeln. Wie überlebensgroße Mahnwachen blickten die Kolosse tief ins nubische Kolonialgebiet.
Und auch auf die Oasen legte sich nun erneut die Eisenhand aus Theben. Windhunde, von einer speziellen Wüstenpolizei geführt, patrouillierten in den Sandsteppen. Erneut war die Schatzkammer Afrika nach Norden hin abgeschirmt.
In dieser Zeit durchlief das Reich seine prachtvollste Phase. Edelsteine und Goldbarren schleppten die Monopolisten aus dem Totenland heran, aber auch Abführmittel wie das "Silphium". Dieses bis heute nicht identifizierte Gewächs spross ausschließlich in der Ostsahara. Noch Plinius, ein römischer Doktor Allwissend, lobte das Mittel als "wertvollstes Geschenk der Natur".
Und auch die ägyptischen Priester konnten aufatmen. Ihr Tempel-Zauber wurde nahezu vollständig mit Ingredienzen aus den Tropen inszeniert. Nicht nur, dass die Geistlichen Panterfelle trugen - auch das betörende Räucherwerk, mit dem sie herumnebelten, kam aus Schwarzafrika. Dufthölzer und Gummiharze, so Zibelius, "spielten eine entscheidende Rolle im Kult und bei den Begräbnis- und Totenritualen".
Die Pfaffen entzündeten "Senetjer" (Weihrauch-Körner), das dem Glauben nach die Mumien zum Leben erweckte. Die Myrrhe des Boswelliastrauches wuchs im heutigen Eritrea. Auc h das süßlich riechende Kopal hatte im Kult große Bedeutung.
All diese kostbaren Rohwaren wurden vom König kontrolliert und üppig den Tempeln zugeteilt. Im Gegenzug lobten die Priester ihre Vorgesetzten als "Balken des Himmels" und "Steuerruder der Erde". "Des Amun-Re leiblicher, geliebter Sohn", hob um 1530 vor Christus ein Priester aus Karnak an, "kein Falsch ist an dir." Dann wünschte er seinem Staatschef gute Gesundheit "bis der Schwan schwarz und der Raabe weiß wird".
Doch am Ende der 20. Dynastie schwächelte das Imperium endgültig. Mysteriöse "Seevölker" griffen das Reich an. 945 vor Christus gewann der libysche Häuptling Scheschonk Macht über die Deltaregion und rief sich zum König aus. 740 vor Christus kam es noch schlimmer: Die Erzfeinde aus Nubien fielen in Theben ein und übernahmen das Regime.
Und auch ökonomisch begann der Stern des Osiris zu sinken. Ein weltgeschichtlicher Umbruch zeichnete sich ab. Das Pyramidenreich, in permanente Zwistigkeiten verstrickt, durchlief eine Volte wie weiland das auseinander brechende Sowjetreich. Es war nicht mehr Taktgeber des Weltgeschehens, sondern Getriebener. Vor allem im Norden wuchs den Pharaonen schließlich ein Gegner heran, der sie überrunden sollte: die Griechen.
Wie bösartige Viren hatte sich dieses Seefahrervolk im 8. und 7. Jahrhundert vor Christus in der nördlichen Hemisphäre breit gemacht. Griechen bildeten Kolonien in der Türkei und auf Zypern. Sie schacherten an der Wolgamündung und gründeten Marseille. Dann setzten die Händler nach Nordafrika über und gründeten die Stadt Kyrene im heutigen Libyen.
Plötzlich hatte Ägypten eine aufstrebende Supermacht im Rücken. Und die trat mit einem klaren Ziel an: Sie wollte die Reichtümer Afrikas anzapfen. Nur wie? Kein Grieche konnte die Sahara durchqueren, dazu gehörte Know-how. Und die Pharaonen kontrollierten immer noch den Nilhandel, wo sie bis zu 300 Prozent Exportsteuer auf ihre Güter aus den Tropen aufschlugen.
Doch die Kyrener verfielen offensichtlich auf einen gerissenen Plan: Keine 300 Kilometer von ihrer Siedlung entfernt, lag die Oase Siwa. Hier lebten erfahrene Karawanenführer, die nie von den Pharaonen assimiliert worden waren. Diese Beduinen, glaubt Kuhlmann, "wurden gezielt von den Griechen eingespannt, um ihnen den Schwarzhandel nach Innerafrika zu organisieren".
Mit diesem Ansatz hat Kuhlmann einen ganz neuen Blick auf die Orakeloase geworfen. Bislang wurde Siwa als ägyptisch beeinflusstes Gebiet angesehen. Das Ammoneion, heißt es in Lexika, sei ein "ägyptisches Bauwerk". Als Tempelstifter gilt Pharao Amasis (570 bis 526 vor Christus).
Doch das ist mitnichten der Fall. Mit Zollstock und Spatel steht der Gelehrte vor dem notdürftig gestützten Gemäuer. Er zeigt auf Steine mit merkwürdigen Kratzern. "Typische Spuren von griechischen Klauenmeißeln", sagt er. In den oberen Quadern des Mauerwerks befinden sich kleine Vertiefungen: "Das sind Eingriffslöcher von Karkinos-Hebezangen", erklärt Kuhlmann. Dann spricht er Klartext: "Das Ammoneion wurde von Kyrenaika-Griechen erbaut."
Auch eine Erklärung für diese kuriose Entdeckung hat der Archäologe parat: "Die Siwa-Leute halfen den Griechen beim Schmuggelhandel und ließen sich dafür nach ihren eigenen Vorstellungen ein Heiligtum errichten."
Die Oase war demnach ein Hort windiger Beduinen-Gangster, die im Verbund mit den Griechen den Staatsfiskus aus Theben schmerzliche Verluste zufügten. Während die Gottkönige den Südhandel über den Nil bewachten, betrieben die Schieber einen Paralleltransfer quer durch die Wüste.
Und auch auf die mysteriöse Pilgertour Alexanders des Großen, unmittelbar nach seiner Eroberung Ägyptens im Jahre 332 vor Christus, fällt nun neues Licht. "Völlig irrational aus dem Urgrund seiner Seele" habe der Feldherr bei seinem beschwerlichen Orakeltrip gehandelt, schrieb der Historiker Franz Hampl.
Alles Geschwätz. Alexander suchte in der Wüste nicht die Mysterien Ägyptens zu ergründen. Sein Besuch war fast ein Heimspiel, das der endgültigen Zementierung seiner Macht diente. Die Siwa-Leute, griechenfreundlich wie sie waren, kürten den Eroberer mit einem Trick zum Pharao (siehe Kasten Seite 232).
Mit diesen Entdeckungen sind die Forscher auf einen ganz neuen Kurs geraten. Als Welt von armen Tröpfen, deren karge Weiden allenfalls als Eselsweiden dienten, wurden die Oasen bislang betrachtet. Nun zeigt sich: Im vermeintlich drögen Hinterland der Pyramiden tummelte sich ein Heer von Dunkelkrämern, die unverfroren das ökonomische Gerüst der Zentralmacht aushöhlten.
Bislang besteht das neue Panorama nur aus wenigen Puzzlesteinen. Archäologisch gesehen ist die 700 000 Quadratkilometer große Westwüste Ägyptens immer noch ein jungfräuliches Gelände. "Hier sind längst nicht alle Schätze geborgen", sagt der Dachla-Experte Mills. Auch Kuhlmann ist sicher: "Die Arbeit in den Oasen dürfte noch viele Überraschungen bringen."
Doch das sich abzeichnende Gesamtbild gewinnt an Kontur. Auch die Herrscher aus Theben, die sich als "Söhne der Götter" und "einzige Herren der Menschen" bejubeln ließen, waren nur Raffzähne, die mit militärischen Mitteln den afrikanischen Kontinent unterjochten - und am Ende von noch größeren Tricksern ausgehebelt wurden.
Die Faszination, die das Niltal und seine triumphale Steinkulisse umwölkt, wird deswegen kaum erblassen. Nahezu 3000 Jahre konnten die Gottkönige ihre Macht durch die Zeiten retten. Eine geradezu übermenschlich wirkende Pracht haben die stärksten Führer entfaltet. Und noch im tiefsten Elend und als Auslaufmodell - 30 vor Christus mit Kleopatra - besaß das Land genug Charme, um das neue Imperium Rom und seinen hakennasigen Feldherrn Cäsar in Bann zu schlagen.
Selbst als längst untergegangenes Reich, sagt Loeben, habe das alte Ägypten "seine Sieger vereinnahmt und in sich aufgesaugt". Er zeigt auf die Tempelwände von Deir al-Haggar, die im roten Licht der untergehenden Sonne erstrahlen. An den Tempelfassade sind die Namen von Nero, Titus und Domitian eingraviert, der bis 138 nach Christus regierte.
Bei der Darstellung der römischen Kaiser hielten sich die Priester an die hergebrachte Ikonografie. Die Reliefs zeigen Pharaonen. MATTHIAS SCHULZ
DER SPIEGEL 24/2000
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