19.06.2000

POLIZISTENMORDDa klumpt sich was zusammen

War der Täter, der im Ruhrgebiet drei Polizisten erschoss, an der Vorbereitung eines Terroranschlags von Neonazis beteiligt?
Wahrscheinlich hat er nicht gewusst, dass die leicht abgewandelte Order acht Jahrhunderte alt ist. "Töte sie alle", prangte hinten auf seinem Auto. "Gott wird seine Wahl treffen."
Zwischen 1209 und 1229 wurden im Namen des Papstes unter dieser Losung tausende Albigenser, angebliche Sektierer, ermordet. Und viel später, im Vietnamkrieg, stand der perfide Spruch auf den Shirts amerikanischer GIs.
Der 31-jährige Michael Berger mag sich vorgekommen sein wie ein Kämpfer. Sein Arsenal bestand aus Totschlägern, einer Splitter-Handgranate, Jagdgewehren, Revolvern - und einer ungarischen Pistole.
Mit dieser Waffe tötete Berger am Mittwoch vergangener Woche in Dortmund und bei Recklinghausen drei Polizisten, eine Beamtin wurde verletzt. Erst hatte er sich, nach einer Verfolgungsjagd, den Weg freigeschossen. Dann streckte er zwei Polizisten in einem Streifenwagen nieder.
War Berger, der sich später selbst richtete, verrückt, nur verrückt? Freunde berichteten, er sei ein Polizeihasser gewesen - weil seine Ex-Freundin offenbar vor ihm mit einem Beamten liiert war.
Oder hat er getötet, weil er seine Enttarnung fürchtete? Berger war früher nicht nur Mitglied bei den rechtsextremistischen Republikanern und der Deutschen Volks-Union, die gerade in Dortmund besonders großen Zulauf hat. Er sympathisierte auch stark mit der NPD - und war bei "Nadis" gespeichert, dem Informationssystem der Verfassungsschützer.
In der einschlägigen Ruhrgebietsszene wird gar kolportiert, Berger sei ein Polizeispitzel gewesen - weil der Staatsschutz von seiner Waffensammlung gewusst habe, ohne einzuschreiten. Ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums versicherte am vergangenen Freitag: "Berger war kein V-Mann."
Sicherheitsexperten wie der oberste Verfassungsschützer Heinz Fromm sind überzeugt, dass in letzter Zeit Rechtsextremisten eine immer größere Gewaltbereitschaft zeigten. Der Staatsschutz wisse "von Neonazis", so der Chef des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz, "die sich auf den bewaffneten Kampf vorbereiten". Jetzt prüfen Beamte vor Ort und im Land, ob Berger an den Vorbereitungen eines Terroranschlags von rechts beteiligt war.
"An der These vom braunen Terrorismus", sagt Bernd Wagner, in Berlin Leiter des Zentrums Demokratische Kultur und früher Staatsschützer, sei "was dran". Der diplomierte Kriminalist, der Postillen und Internet-Seiten rechter Gruppen auswertet, warnt: "Da klumpt sich was zusammen."
Viele Rechte, so Wagner, dächten über terroristische Kampfformen nach: "Die Militanz ist groß" - und Vorbild ist, was geplante Strukturen und Logistik angeht, ausgerechnet die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF).
Beim "Kampf für die Freiheit der weißen Völker", so das Postulat der Braunen, seien dringend Computerkenntnisse erforderlich, auch müssten die Kombattanten Waffen beherrschen. Beides passt auf Berger - genaues Schießen lernte er als Panzergrenadier bei der Bundeswehr.
Nach seiner Entlassung jobbte Berger als Taxifahrer und Vertreter für Feuerlöscher. Ständig geriet er, wegen kleinerer Vergehen, mit dem Gesetz in Konflikt. Er wurde im bayerischen Starnberg verurteilt, im niedersächsischen Walsrode, in Rostock und im westfälischen Lünen. Das letzte Urteil: drei Monate Haft auf Bewährung wegen Fahrens ohne Führerschein.
Seit Juni 1996 hatte er einen Arbeitsplatz bei einem Dortmunder Autohaus. Er war zuständig für den EDV-gesteuerten Materialeinkauf und verdiente gut - 1999 monatlich 4517 Mark inklusive Zulagen. Als Anfang 2000 die Überstundenbezahlung abgeschafft wurde, sank sein Lohn trotz Mehrarbeit um über 1000 Mark. "Ich habe keinen Bock mehr", sagte er zu Kollegen. "Mir ist das alles zu viel." Er ließ sich krank schreiben - wegen Depressionen. Später lag er deshalb mehrere Tage in einer psychiatrischen Klinik.
Sein Chef kündigte ihm. Berger zog vors Arbeitsgericht, die Angelegenheit endete mit einem Vergleich. Auf einer Party seiner Anwältin, bei der er plötzlich auftauchte, fiel Berger, der 1,91-Meter-Mann, den Gästen auf: Er trug einen Ring mit Hakenkreuz. Bei anderer Gelegenheit hatte er sich in die Haare des Hinterkopfs zwei Achten einrasieren lassen - das Geheimsymbol der Neonazis. Die Acht steht für den achten Buchstaben im Alphabet, das H. "88" heißt : "Heil Hitler".
Berger erzählte von der Dortmunder Kneipe "Schützeneck", einem bekannten, mittlerweile geschlossenen Treff Rechtsradikaler. Sein "bester Freund", berichtete er weiter, sei "der SS-Siggi".
SS-Siggi, das ist Siegfried Borchardt, 46, einst Chef der "Borussen-Front", die in den achtziger Jahren Ausländer durch Dortmund jagte. Bei der Fußball-Europameisterschaft vor 16 Jahren war der frühere Adlatus des Extremistenführers Michael Kühnen Anführer der deutschen Gewalttäter, die zum "Frankreich-Überfall" aufriefen - heute gilt er den Hooligans unter den Neonazis immer noch als Idol.
Als Polizeibeamte nach den tödlichen Schüssen Bergers Wohnung durchsuchten, fanden sie neben den zahlreichen Waffen auch eine Fahne mit fünfzackigem Stern und Maschinenpistole - das Symbol der RAF. "Dies", so der Ex-Polizist Wagner, "kann ein Fingerzeig sein."
GEORG BÖNISCH,
JÜRGEN DAHLKAMP, ANDREA STUPPE
Von Georg Bönisch, Jürgen Dahlkamp und Andrea Stuppe

DER SPIEGEL 25/2000
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