19.06.2000

SOZIALFORSCHUNGDie Droge Arbeit

Internet-Branche, Börsen-Fieber und Multimedia-Welt formen einen ultraflexiblen Menschentyp. Er schuftet Tag und Nacht, denkt vor allem ans Geld und sonst nur an sich. In den USA haben die jungen Aufsteiger bereits einen Namen: Der Yuppie-Nachfolger heißt „Yettie“.
Auf der Damenbrieftasche steht in goldenen Lettern "Gucci" und auf dem Ratgeber, der daneben liegt, der Titel "44 Schritte in die Selbständigkeit". Hinter dem blank geputzten Schreibtisch sitzt Ricarda Buckel, eine junge Hamburgerin mit energischem Kinn, die behauptet: "Ich arbeite im schnellsten und schärfsten Business, das es derzeit gibt." Ein Business, in dem Goldgräberstimmung herrscht - und das allerlei Erfolgsmythen gebiert: "Bill Gates hat in einer Garage angefangen", sagt Neo-Internet-Unternehmerin Buckel, "ich in einem Kleiderschrank."
Die 33-Jährige meint die winzige Abstellkammer ihres Zwei-Zimmer-Apartments in Hamburg-Altona. Dort schrieb sie im letzten Herbst ein Firmenkonzept, kalkulierte sie den Business-Plan. Buckel und ihre Geschäftspartnerin Nouchka Mertsching, 30, arbeiteten nächtelang zwischen Kleiderständern und Bügelbrett.
Neun Monate später logiert Buckels und Mertschings Internet-Agentur in einem schicken 70-Quadratmeter-Büro in Hamburg-Eimsbüttel. Zwei Angestellte sind dazugestoßen, bis Ende des Jahres soll ihre Firma network now, die Internet-Auftritte konzipiert und designt, acht Mitarbeiter zählen und eine Filiale in Berlin besitzen. "Wir fahren auf dem Überholstreifen der Datenautobahn, so Formel-1-mäßig", sagt Buckel. Sie und Mertsching arbeiten zwölf Stunden am Tag, mindestens, die Frauen im Business-Look nehmen kaum ein Wochenende frei. "Wir arbeiten bis zur Selbstaufgabe, Freizeit gibt es nicht mehr."
Die Arbeitswut des Führungsduos von network now ist typisch für den Gründerfuror, der Deutschlands Internet- und Multimedia-Branche erfasst hat. Rund 1,7 Millionen Menschen arbeiten zurzeit im Bereich Informationstechnik (IT), 2005 werden es rund zwei Millionen sein, rechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie. Doch dieser Boom schafft nicht nur Arbeitsplätze. An der Front des Turbokapitalismus entsteht auch ein neuer Menschenschlag.
"Die IT-Branche formt eine Spezies Mensch heran, die das ökonomische Denken zum Ausgangspunkt all ihres Handelns macht", sagt Günter Voß, Professor für Industrie- und Techniksoziologie an der Technischen Universität Chemnitz. Dieser neue Mensch ist ein Arbeitstier: "hoch flexibel, risikofreudig und vor allem auf sich selbst bezogen". In der Informationsindustrie ist schon Realität, sagen Experten, was mit der New Economy in den meisten Branchen Einzug halten wird.
In den USA hat die neue Internet-Elite bereits einen Namen: "Yetties", was für "young, entrepreneurial, tech-based" (frei: junge Internet-Unternehmer) steht. Die deutschen Yetties arbeiten überwiegend in den Technoparks von Hamburg, München oder Berlin, sind meist Singles und zwischen 20 und 35. Sie machen Internet-Werbung für Konzerne, bauen Web-Auktionshäuser auf oder schreiben Software für Online-Dienste.
Gemeinsam ist den Yetties ein windschnittiges Psychogramm: "Sie sind ultraflexible Menschen, die sich immer neuen Aufgaben stellen und ihre Grenzen auflösen", sagt die Soziologin Betty Siegel vom Trendbüro Hamburg. Ein Yettie lässt sich nicht ausbeuten - er beutet sich selbst aus. Das Berufliche verschlingt das Private, Freundschaften und Gesundheit werden für die Karriere instrumentalisiert. "Eine neue Form von Egoismus", beobachtet Siegel.
Bei den Yetties handele es sich nicht etwa um eine Neuauflage der Workaholics. "Die Verbetrieblichung des Lebens, dieses Arbeiten ohne Ende, wird nicht mehr als pathologisch wahrgenommen, sondern zur erstrebenswerten Norm erhoben", sagt Andreas Boes, Sozialwissenschaftler an der Technischen Universität Darmstadt.
Dies gilt in der IT-Branche nicht nur für Unternehmer, sondern auch für Angestellte, die sich zusehends "zum Unternehmer ihrer selbst machen". Boes betreut eine soziologische Studie über die Arbeitskräfte in der IT-Wirtschaft. "Diese High Performers meiden jegliche sozialen Bindungen und Verpflichtungen, die Konkurrenz für ihr Engagement im Job bedeuten."
Familie und Bekannte werden von den Yetties auf die Warteschleife geschickt. "Ich ruf meine Freunde sporadisch an und sage meistens: ,Sorry, ich kann doch nicht'", erzählt Ricarda Buckel, "und die verstehen mich auch." Kein Wunder, denn die "powern" alle in derselben Branche. Freunde außerhalb der Multimedia-Szene hat die Hamburger Internet-Unternehmerin kaum mehr: "Es fehlen gemeinsame Themen."
Früher diskutierte Buckel mit Freundinnen endlos über Privates. Heute treffe sie persönliche Entscheidungen wie geschäftliche: knapp und "on the fly". Da bleibe, räumt die Unternehmensgründerin ein, kaum Zeit, über sich selbst nachzudenken. Buckel ist Single, "Selbstverwirklichung in der Arbeit" ist ihr wichtiger als eine Beziehung, statt Streicheleinheiten sucht sie Anerkennung.
"Erfolg löst ein Glücksgefühl aus." Wenn sich Buckel etwas gönnen will, geht sie mit Geschäftspartnerin Mertsching shoppen: Die beiden fläzen sich vor dem Computer, zücken die Kreditkarte und kaufen online ein.
Tempo, Leistungsbereitschaft, Flexibilität, totale Verfügbarkeit für die Arbeit: Dies sind die Grundsätze des ultimativen Yettie-Lifestyles. Die Erfolgreichsten unter den deutschen Yetties werden gefeiert wie Popstars: etwa die sechs Youngster aus Berlin-Kreuzberg, die vor einem Jahr das Internet-Auktionshaus Alando gründeten, um es nur wenige Monate später an den US-Internet-Versteigerer eBay zu verkaufen.
Die Gründer erhielten Aktienpakete im Wert von etwa 80 Millionen Mark. Die Botschaft dieser Helden der New Economy lautet: "Arbeit macht Spaß". Wer nicht mitzieht, gehört scheinbar zu den Losern - beziehungsweise zu den "Analogen", wie die Verlierer in den Zeiten der digitalen Revolution heißen.
"Saugeil" sei es hingegen, die "Zukunft als Chance zu erleben", sagt Bernd Kolb, Chef der deutschen Multimedia-Agentur I-D Media. Der 37-Jährige, von der SPD zum "Unternehmer des Jahres" (1998) gekürt, ist ein Prophet der neuen Web-Welt und jettet zwischen seinen Filialen in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Potsdam und London hin und her. Vor eineinhalb Jahren zog I-D Media aus Esslingen nach Hamburg, die damals 80 Mitarbeiter machten den Umzug ausnahmslos mit. Dass in den ersten Wochen viele keine Wohnung hatten, war offenbar kein Problem: "Die sind es gewohnt, im Büro zu nächtigen."
Das versteht Kolb, ein Mann mit mehreren hundert Millionen Mark Aktienvermögen, unter neuer Flexibilität. Und schon sind einige seiner Internet-Nomaden - Web-Designer, Programmierer, Werbefachleute - an den heutigen Firmensitz in Berlin und ins Ausland weitergezogen. "Das Wort ,langfristig' versteht in dieser Branche niemand mehr", sagt Kolb. Seine Leute planten ihre "Lebenszyklen" für höchstens ein bis zwei Jahre. Werte wie Herkunft oder Heimat würden für die Cyberspace-Generation kaum etwas bedeuten, sagt Kolb. "Ich komm mir schon blöd vor, wenn ich diese Worte nur in den Mund nehme."
Finster sieht der New Yorker Soziologe Richard Sennett ("Der flexible Mensch") die Folgen dieser Entwicklung: Im Turbokapitalismus würden die Menschen ihre Arbeiten wie "Klumpen" verrichten, mal hier, mal dort. Der flexible Mensch müsse sich ständig neuen Aufgaben stellen, Arbeitsort und Arbeitsformen wechseln. Schließlich driftet er durch ein nicht wirklich selbst gestaltetes Leben. Die Kurzfristigkeit und die schwachen Bindungen der neuen Ökonomie geraten so in Konflikt mit den traditionellen Werten: Dauerhaftigkeit, Tiefe, Loyalität. Langfristig führe die Bereitschaft zur Marktkompatibilität zu einer Zersetzung des Charakters.
Die Imperative des neuen Kapitalismus - stete Veränderung, Bindungslosigkeit - begünstigen in hohem Maße die junge Generation: Sie ist bereit, große Risiken einzugehen. Das Alter ist in diesem System ein Killer.
Tatsächlich mutet der I-D-Media-Sitz in Hamburg, dieses Profitcenter der New Economy, wie ein Jugendhaus an. Kaum einer der 120 Multimedia- und Internet-Fachleute, die hier 10 bis 14 Stunden am Tag verbringen, ist über 30. Am Anschlagbrett neben dem Sekretariat verkündet ein Kleber das Mantra der Branche: "Let's go virtual!" Daneben zeigt eine an die Wand geheftete Fotokopie den "Mitarbeiter der Woche": eine CD-ROM.
Die Büros, in denen die Projektteams arbeiten, erinnern an nutzungsoptimierte Stallungen: Billigschreibtische dicht an dicht, kaum Platz zum Drehen und Wenden, Kabelwülste überall, an den Wänden Poster. Um die Bildschirme stapeln sich einige Dinge, die auf ein Leben draußen verweisen: Fahrradhelme, Musik-CDs, Lifestyle-Zeitschriften. Es herrscht Ruhe, die I-D-Leute sitzen an den Tastaturen: konzentriert, beinahe autistisch.
"Diese Arbeit hat was Spielerisches, man vergisst die Zeit und oft sich selber", sagt Jan Mühlig, Web-Fachmann bei I-D Media und diplomierter Soziologe. Doch das Wichtige ist: bloß nicht in einem Großkonzern malochen, lieber unbegrenzte als feste Arbeitszeiten, bloß nie Routine, dafür im Web nach der Zukunft fahnden.
Der 28-Jährige im Skater-Outfit ist für den "Cycosmos" verantwortlich: eine virtuelle Welt, in der sich Web-Nutzer als Cyber-Kreaturen bewegen und begegnen können. Auch Mühlig selbst lustwandelt durch den digitalen Kosmos, übers Internet schäkert er etwa mit den Sekretärinnen - die sitzen einen Stock tiefer.
Die "Community", so nennen die emsigen I-D-Werker ihr Arbeitsumfeld, wird zum Ersatz für verlorene soziale Kontakte nach draußen. Aber mit dem rasanten Tempo in der Branche ändert sich auch das Beziehungsnetz ständig, es muss immer wieder neu geknüpft werden. Yetties sind nicht einsam, doch bei diesen "verbetrieblichten Beziehungen", so beobachtet Betty Siegel vom Hamburger Trendbüro, gehe es weniger um Gefühle als einmal mehr um das Berufliche. "Diese Kontakte sind oft ein berechnendes Networking, ein Mittel zur internen Positionierung."
Den emotionalen Defiziten stehen Spitzenlöhne gegenüber, die in der boomenden IT-Wirtschaft bezahlt werden. Zwischen 100 000 und 140 000 Mark Jahresgehalt kassiert etwa ein erfahrener Web-Designer. Dazu kommen oft Unternehmensbeteiligungen und Aktiengewinne. "Wer diese Möglichkeiten richtig nutzt, hat am Ende des Jahres schon mal 300 000 Mark auf dem Konto", sagt I-D-Media-Chef Kolb und stellt mit Bedauern fest, dass es mit der Bescheidenheit in der Multimedia-Branche vorbei sei. "Heute geht es klar ums Geld." Kolb muss schon mal mitanhören, wie kaum 20-jährige Mitarbeiter sagen, sie wollten bis 30 genug Kohle gemacht haben, um nie mehr zu arbeiten.
Die Forderung ist nicht ganz unberechtigt. In einer merkwürdigen Mischung aus Leistungseuphorie und Galgenhumor behaupten die Yetties, 10 Arbeitsjahre in ihrer Branche seien so strapaziös wie 30 in einem Nine-to-Five-Job. Die flachen Hierarchien in der IT-Industrie gestehen zwar den Mitarbeitern viel Mitbestimmung zu. Doch die Teams ackern sich in befristeten Projekten ab, geben immer Vollgas. Jeder Kundenkontakt, jede Präsentation entscheidet über den Wert eines Mitarbeiters an der internen Arbeitsbörse. "Nicht jeder ist dazu geboren, diesen Druck auszuhalten", sagt Unternehmer Kolb.
Die Kurzfristigkeit in der Lebens- und Karriereplanung ermöglicht den Yetties erst ihre unbedingte Leistungsbereitschaft: Die jugendlichen Stürmer und Dränger der Internet-Welt scheinen in ihrem Geschwindigkeitsrausch an eine unbeschränkte Verfügbarkeit der eigenen Kräfte zu glauben. Doch nach einigen euphorischen Jahren kann auch ein Yettie ganz schön alt aussehen. "Dieses Leistungspensum hält keiner ewig durch", sagt der IT-Unternehmer Thomas Winzer. Bereits 1993 stieg der heute 36-Jährige in die Computerwirtschaft ein, baute die Firma Inosoft für Software-Entwicklung und -beratung in Marburg auf. Unter Deutschlands Yetties war Winzer ein Pionier.
Nach fünf schnellen und erfolgreichen Startjahren, "in denen es nichts als den Job gab", kam bei Winzer der Einbruch: Er fühlte sich ausgepowert, zusehends seelisch und sozial verkümmert und versuchte, seine vor dem Bruch stehende Liebesbeziehung "mit Business-Slang" zu retten.
"Doch meine Partnerin wollte nicht länger mit einem Mann zusammenleben, der spät abends nach Hause kam, um sich dann wie ein nasser Sack in den Sessel zu hängen." Auf Druck seiner Lebenspartnerin begann Winzer, sein Arbeitspensum zu reduzieren: von 70 und mehr Stunden auf heute durchschnittlich 55 Stunden in der Woche - immerhin. Der Unternehmer musste jedoch feststellen, "dass man Freunde nicht wie einen PC kaufen kann".
Heute zählt Winzers Firma 30 Mitarbeiter, und der Chef versucht, seine Einsichten an die Basis weiterzugeben: Wer nach acht Uhr noch in den Büros von Inosoft anzutreffen ist, wird schon mal nach Hause geschickt, geradezu krankhaft fleißige Mitarbeiter müssen in Zwangsurlaub. Menschenliebe allein ist es nicht, die Winzer zu dieser Personalpolitik führte: "Mein Unternehmen ist nicht auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet - auf Dauer bringen mir Wracks nichts."
Auch Winzer verlangt von seinen Angestellten, die meisten um die 30, "unternehmerisches Denken, Selbstkontrolle und hohe Flexibilität". Bei der Marburger Software-Firma wird indes versucht, Berufliches und Privates in Einklang zu bringen. Dabei ist die Freizeit allerdings weniger von der Arbeitswelt getrennt, als vielmehr in diese integriert: Winzer ließ für seine Angestellten ein kleines Fitnesscenter einrichten, hinter dem Firmengebäude steht ein Beachvolleyball-Feld, daneben gibt es eine Grillecke. Die betriebsinterne Freizeitgestaltung stärkt letztlich wieder den Teamgeist. Und wenn heute Winzers Beziehungsleben im Lot ist, dann hat dies auch sehr viel damit zu tun, dass seine Lebenspartnerin nun im Betrieb mitarbeitet. "Jetzt verstehen wir uns besser", sagt Winzer.
Das Private fusioniert mit der Arbeit, die Aussichten auf langfristige Sicherheiten schwinden: Die Yetties zeigen, wo es in Zukunft für die meisten langgehen wird. "Wir befinden uns in einem fundamentalen Wandel", sagt Soziologe Günter Voß, "es zeichnet sich eine Hyperarbeitsgesellschaft ab."
Noch sind sich die Experten uneins über die Folgen dieser Entwicklung: Die einen, vor allem die IT-Unternehmer, sehen darin den Siegeszug einer Chancengesellschaft, in der jeder sein Glück machen kann. Die anderen warnen, dass die Unterschiede zwischen Verlierern und Gewinnern immer größer werden. Und droht mit den Turboarbeitskräften auch ein Turboegoismus - frei nach dem Motto: Yettie ist sich selbst der Nächste?
Sicher scheint: "Jetzt erst kommt die Gesellschaft, in der alle richtig ackern werden", sagt Voß. Das Leben des flexiblen Menschen ist ziemlich anstrengend. MICHAEL MARTI
Von Marti, Michael

DER SPIEGEL 25/2000
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