19.06.2000

SCHULEAnonymer Tipp

Betrügereien beim Abitur bringen das sächsische Schulwesen in Verruf. Ist der Leistungsdruck im Freistaat zu groß?
Das Zeugnis erfüllte den sächsischen Kultusminister Matthias Rößler (CDU) mit Stolz: An fünf deutschen Hochschulen wurde bei Studienanfängern zu Beginn des Sommersemesters Schulwissen in Mathematik, Chemie und Physik geprüft. Die besten Ergebnisse erzielten Abiturienten aus Sachsen.
79 Prozent der Landeskinder bestanden den Test in Naturwissenschaften, bei den Probanden aus dem auf Spitzenleistungen versessenen Freistaat Bayern schafften das nur 69 Prozent. "Unser Zentralabitur", tönt der Sachse Rößler selbstbewusst, "ist bekanntermaßen sehr anspruchsvoll."
Doch seit Monatsbeginn hat der Glanz solch schulischer Höchstleistungen erheblich an Strahlkraft verloren. In mindestens zehn Fällen ist beim diesjährigen Abitur in Sachsen offenbar generalstabsmäßig geschummelt worden. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Die Pennäler kannten en détail Aufgaben samt Lösungen in den Fächern Deutsch, Geschichte, Mathematik, Biologie und Englisch bereits vor Prüfungsbeginn - möglicherweise der bisher größte Betrug beim Abitur in der Geschichte der Republik.
Am 22. Mai, die sächsischen Abiturienten brüteten über letzten schriftlichen Prüfungen im Orchideenfach Sorbisch, gab es die ersten Hinweise auf Schmu. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, gab den Behörden per Telefon einen Tipp: Prüfungsaufgaben würden aus der Druckerei für 1000 Mark verschoben.
Im Dresdner Ministerium waren sich die Beamten schnell einig, dass es sich bei der Mitteilung aus dem Off nicht um einen plumpen Abiturientenscherz handelte. Meldungen aus Oberschulen in Chemnitz und Dresden, darunter das renommierte Romain-Rolland-Gymnasium in der Landeshauptstadt, lieferten weitere Hinweise: Den Korrektoren war aufgefallen, dass Schülerarbeiten teilweise bis in die kleinste Formulierung übereinstimmten mit dem so genannten Erwartungsbild - einer Art Musterlösung, die den Lehrern die Korrektur erleichtern soll.
Fieberhaft suchten die Ministerialen nach der undichten Stelle. Alle Ministeriumsbediensteten, die mit der Prüfungsvorbereitung zu tun hatten, sowie 30 Schüler wurden peinlich verhört. Die Beamten checkten sogar, ob etwa via Internet die Aufgaben an die Prüflinge geraten waren. Nach der fast zwei Wochen dauernden Untersuchung konnte Ministeriumssprecher Steffen Große zumindest eines ausschließen: "Aus dem Ministerium ist nichts, aber auch gar nichts nach außen gedrungen."
Der Druckerei-Spur des Anonymus gingen die Ministerialen erst nach, als der Abiturskandal öffentlich wurde. Vermutlich glaubten die Beamten schon wegen der besonderen Sicherheitsvorkehrungen am Druckort, dass von dort nichts durchgesickert sein könnte: Seit 1993 werden die Unterlagen für das sächsische Zentralabitur in der Justizvollzugsanstalt Waldheim gedruckt und eingetütet.
Drei Jahre später gab es zum ersten Mal Hinweise über Unregelmäßigkeiten beim Abitur. Die Spur führte auch damals in die Gefängnisdruckerei. Eine interne Prüfung, angeordnet von Sachsens Justizminister Steffen Heitmann, endete jedoch ohne Ergebnis. Dennoch verstärkte die Gefängnisleitung die Kontrollen beim Druck. Außerdem werden Häftlinge oder Vollzugsbeamte, die Kinder in einer Abiturklasse haben, seither aus der Druckerei abgezogen, bevor die Prüfungsunterlagen per Kurier aus dem Ministerium ins Gefängnis gebracht werden.
Doch offenbar reichte das nicht. Seit vergangener Woche recherchiert die Staatsanwaltschaft Leipzig, ob und wie die Prüfungsunterlagen aus der Knastdruckerei herausgeschmuggelt und über Mittelsmänner Schülern in Diskotheken zum Kauf angeboten wurden - für 200 bis 300 Mark je Exemplar.
Die Mogel-Pennäler werden wohl ungestraft davonkommen. Von den 23 Verdachtsfällen sind nach nochmaliger Prüfung gerade zehn übrig geblieben. Doch auch da sieht Ministeriumssprecher Große schwarz: "Ohne Geständnis haben wir kaum Chancen, einen möglichen Betrug nachzuweisen."
Sachsens Primaner sind beim Betrügen recht clever - sie haben einen reichen Erfahrungsschatz, wie der Dresdner Pädagogikprofessor Wolfgang Melzer vor zwei Jahren bei einer Schülerbefragung herausgefunden hat. Jeder zehnte Schüler bekundete laut der Expertise, bei Klassenarbeiten permanent zu schummeln. 15 Prozent versuchten, sich gelegentlich "mit unlauteren Mitteln eine bessere Benotung zu verschaffen". Die Frage, ob sie schon einmal selbst bei Klassenarbeiten "erheblich gemogelt haben", bejahte mehr als die Hälfte aller Befragten.
Melzer führt den Hang zum Mogeln auch auf den erheblichen Leistungsdruck an Sachsens Schulen, besonders den Gymnasien, zurück. Im weiß-grünen Freistaat machen die Schüler bereits nach 12 Jahren das Abitur, ein Jahr früher als in fast allen anderen Bundesländern. Der Lehrstoff muss also schneller bewältigt werden.
"Das ehrgeizige Projekt", sagt die SPD-Landtagsabgeordnete und Lehrerin Barbara Ludwig, "schafft an den Schulen erhebliche Probleme." ANDREAS WASSERMANN
Von Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 25/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHULE:
Anonymer Tipp