19.06.2000

MEDIZINKinderarzt unter Verdacht

Babys und Kleinkinder sollen am Universitätsklinikum Münster falsch und ohne Einwilligung der Eltern operiert worden sein. Zudem soll einem kleinen Patienten - angeblich ohne Kenntnis der Eltern - zu Forschungszwecken ein Antibiotika-Cocktail verabreicht worden sein, der nicht zugelassen war. Das geht aus acht Briefen hervor, die bei der Staatsanwaltschaft Münster eingegangen sind. Obwohl die Schreiben anonym sind, ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt wegen des Verdachts auf Körperverletzung und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. Die Vorwürfe seien derart detailliert, dass sie offenkundig aus der Ärzteschaft des Klinikums kämen, erklärt Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Im Zentrum der Anschuldigungen steht der Direktor der Klinik für Kinder- und Neugeborenenchirurgie, Günter-Heinrich Willital. Anfang Juni durchsuchten Polizisten und Staatsanwälte das Institut und die Wohnung des 60 Jahre alten Medizinprofessors und beschlagnahmten Krankenakten und Gewebeproben. Willital wird unter anderem vorgeworfen, nach falscher Indikation Teile des Darms chirurgisch entfernt zu haben. Ein Münsteraner Arzt hat sich vor kurzem unter vollem Namen bei der Klinikleitung über Willital beschwert, wie Verwaltungsdirektor Manfred Gotthardt bestätigt. Zudem habe es in der Klinik anonyme Hinweise gegeben. Inzwischen hat Willital gegenüber dem Wissenschaftsministerium in Düsseldorf eine dienstliche Erklärung abgegeben, bis auf weiteres nicht mehr zu operieren. Seine Anwälte weisen die Anschuldigungen unterdessen zurück. Man habe dem Ministerium eine Stellungnahme übergeben, in der "im Einzelnen die fehlende Berechtigung der Vorwürfe" dargelegt sei. Zudem hat Volker Schumpelick, Chirurg am Aachener Klinikum, auf Bitte Willitals eine Stellungnahme abgegeben, in der er seinen Münsteraner Kollegen entlastet. Nun will auch das Düsseldorfer Ministerium zwei unabhängige Gutachter bestellen.
Anm. d. Red: Das Ermittlungsverfahren gegen Günter Heinrich Willital ist im Juni 2005 gem. § 153a StPO endgültig eingestellt worden, nachdem Willibald die ihm gemachten Auflagen erfüllt hat.

DER SPIEGEL 25/2000
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