19.06.2000

Der Jahrhundertstar Marlene Dietrich - von der lasziven Kindfrau zur weltweit angehimmelten, in ihrer Heimat oft geschmähten Göttin der Filmgeschichte. Von Hellmuth Karasek

Der ungeliebte Engel

Von Karasek, Hellmuth

Josef von Sternberg war 1968 auf der Frankfurter Buchmesse, um seine Autobiografie "Fun in a Chinese Laundry" vorzustellen, die den deutschen Titel "Das Blau des Engels" tragen sollte. Sternberg, ein schlanker Mann mit schlohweißem Haar und einem weißen Spitzbart - er ähnelte ein wenig den Bildern, die man von Sigmund Freud kennt, nur war er viel zierlicher - war ein vollendeter Herr, elegant, mit wunderbaren k. u. k. Manieren, während sich die Journalisten um ihn drängten. Ich war mit einem Kamerateam des Hessischen Fernsehens ausgerückt, wir drehten für dessen Kulturmagazin den Buchmessen-Film, ein Interview-Termin mit dem Regisseur des "Blauen Engels" war abgesprochen.

Sternberg begrüßte uns mit ausgesuchter Höflichkeit, gehorchte freundlich den Bitten des Kameramanns und des Beleuchters - er war schließlich Profi, der größte Lichtzauberer, den das klassische Kino hervorgebracht hatte -, bis ich meine erste Frage stellte: "Herr von Sternberg", fing ich vor laufender Kamera an, die Sendung wurde live übertragen, "Herr von Sternberg, Sie haben mit Marlene Dietrich ..." Weiter kam ich nicht. Sternberg unterbrach mich brüsk und schnauzte mich in die Kamera hinein an: "Hören Sie mir mit diesem Scheißweib auf!" Ich schnappte nach Luft, das Interview war beendet, meine Audienz bei Sternberg auch.

Noch kurz vor seinem Tode - Sternberg starb im Dezember 1969 an Herzversagen - reagierte der Schöpfer auf das Opfer seiner Schöpfung, ja auf die bloße Erwähnung des Namens Marlene Dietrich, mit einem unbeherrschten Wutausbruch.

Marlene Dietrich hat, im Gegenzug, bis zu ihrem Tod 1992 Josef von Sternberg immer als ihren Schöpfer, ihren Gott gepriesen, dem sie alles verdanke, ihre Entdeckung, ihre einmalige Weltkarriere: Sie sei seine Galatea, er ihr Pygmalion, hat sie in Anspielung auf den mythologischen König Pygmalion von Kypros gesagt, der sich in eine von ihm geschaffene Elfenbeinstatue so brennend verliebte, dass er die Liebesgöttin Aphrodite bat, seiner Figur Leben zu verleihen: ein Geschöpf, das über seinen Schöpfer triumphierte, ein Kunstwerk, das sich den Künstler, der es geschaffen hatte, unterwarf.

In der Tat: kein schlechter, kein zu hoch gegriffener Vergleich für das Verhältnis Sternberg/Dietrich, die sich Marlene nannte, zusammengesetzt und verkürzt aus Maria Magdalena. Ihr Kreator Sternberg weigerte sich später, ihr einen "internationalen" Vornamen zu geben.

Ja, sagt von Sternberg in seiner Autobiografie, ich habe Marlene Dietrich aus dem Nichts geschaffen, aus dem Boden gestampft. Angeekelt zitiert er ihr Lob: "Sie hat nie aufgehört zu verkünden, ich hätte ihr alles beigebracht." Und er fährt mit bitterer Gekränktheit fort: "Zu den vielen Dingen, die ich ihr nicht beigebracht habe, gehört, mich ständig im Munde zu führen." Hier grollt ein Gott, der von seiner Schöpfung längst entgottet wurde.

Ihren "Svengali" hat sie Sternberg ein Leben lang genannt und sie sich seine "Trilby". Muster dieser Namensmaskerade ist der 1894 erschienene Roman "Trilby" von George du Maurier (dem Großvater der "Rebecca"-Autorin Daphne du Maurier). Darin macht ein dämonischer Magier namens Svengali aus einem Mädchen, das ihm in Liebe verfällt, mittels Hypnose eine begnadete Sängerin - ihre Stimme erlischt, als durch Svengalis Tod die Liebe und die hypnotischen Kräfte ihre Wirkung verlieren.

Svengali, der Zauberer des Lebenswegs und Geschicks der Dietrich, war Sternberg auch, weil sie ihm, kurz vor der "Machtergreifung" Hitlers, in die USA folgte - was gewiss nur Karrieregründe und kaum politische Motive hatte. Dass ihr die Nazis fremd, ja verhasst waren, hing mit ihrem Boheme-Freundeskreis in Berlin zusammen. Und mit der Tatsache, dass ihr Schöpfer und ihre Förderer bei der Ufa - Sternberg wie Erich Pommer - Juden waren, dass sie Heinrich Mann und Erich Maria Remarque liebte und schätzte. Kurz: Die Nazis gingen der kessen Preußin contre coeur.

Als Goebbels und Hitler ihr Mitte der dreißiger Jahre Avancen machten - ihre "arisierte" Ufa brauchte einen blonden Weltstar -, beantragte sie die US-Staatsbürgerschaft und erhielt sie kurz vor Kriegsbeginn. 1944, als die Alliierten sich anschickten, Deutschland niederzuringen, zog sie die amerikanische Uniform an, um als "one of the boys", einer der Soldaten, als Sieger in Deutschland einzuziehen, absolvierte unzählige Shows nahe der Front, in einer von ihr selbst kreierten GI-Uniform, mit Eisenhower-Jacke, Ordensbändern, Rangabzeichen, maßgeschneiderten Hosen, Kampfstiefeln und GI-Helm.

Wie ihre Tochter schreibt: "Die Soldatentochter hatte ihr Zuhause gefunden ... Sie spielte die Rolle des tapferen Soldaten." Schon in Rundfunksendungen für deutsche Soldaten hatte sie an der moralischen Front gestanden, wenn sie deutschen Soldaten über die BBC zurief: "Jungs, opfert euch nicht. Der Krieg ist doch Scheiße! Hitler ist ein Idiot."

So galt sie nach dem Krieg ihren niedergeschlagenen und besiegten Landsleuten, ähnlich wie Willy Brandt übrigens, der 1960 ihr Gastgeber bei dem heftig bekämpften Berlin-Gastspiel war, als Deutsche, die in der "Uniform des Feindes" in Deutschland eingezogen war. Es dauerte lange, bis die Deutschen ihren Frieden mit Brandt schlossen und mit Dietrich fanden - bei Dietrich erst nach ihrem Tode -, und noch die Diskussionen darüber, welche Berliner Straßen ihren Namen führen dürften, sollten, zeigten 50 Jahre später, wie schwer solche Wunden heilen.

Und das alles, weil Svengali-Sternberg Trilby-Dietrich per Schiff nach Amerika gelockt hatte, um seine, um ihre gemeinsame Karriere zu machen.

Wer war "die Dietrich" (damals sagte man das noch so), bevor sie ihren Regisseur traf, mit dem sie, erst in Berlin und dann in Hollywood, ihre sieben wichtigsten Filme drehte? Eine biedere, etwas pummelige Berliner "Hausfrau", wie er bemerkt, die, so fährt er sarkastisch fort, "auf Bildern wie jemand aussah, der eine Frau sein will".

In der Tat, wir kennen die Bilder jetzt, auch die laufenden Bilder, die es von ihr gibt, bevor sie auf von Sternberg traf. 1922 spielt sie in dem Film "So sind die Männer" (mit Harry Liedtke) ein Dienstmädchen: Sie ist mollig, fast korpulent, hat unter dem Häubchen ein kugelrundes Gesicht, eine knollige Nase (sie selbst spricht später immer wieder von ihrer "Nase wie ein Entenpopo"), Augen, die in den Wangenbäckchen ertrinken (man würde, unhöflich, von Schweinsäuglein sprechen), Lippen, die sich im wulstigen Fleisch verlieren.

Noch im "Blauen Engel", notabene, ist sie zu guten Teilen das mollige junge Entlein und zu besten Teilen in blitzenden Großaufnahmen die perfekte Ikone Marlene Dietrich, die Sternberg aus ihr in den USA, in Hollywood schuf, angefangen mit "Marokko" (1930).

Ihre Legende verdankt sie (zunächst) einem Wunderwerk aus Licht und Zelluloid. Sternberg versteht es, diese Frau zu schminken, zu stilisieren, auszuleuchten: Er gibt ihr die schrägen Augenbrauen, beleuchtet ihre hohen Backenknochen, formt ihre Lippen zum sinnlichen Herzmund mit der schwellenden Unterlippe, setzt die breite Nase wirkungsvoll auf die Schmetterlingsschatten der Nasenlöcher. Er überredete sie, sich vier Backenzähne ziehen zu lassen, was ihr Gesicht schmaler, schmachtender machte; 15 Kilo ließ er sie abhungern - mit einer Suppendiät. Marlene wusste, was er aus ihr gemacht hatte; in ihrem Haus in Beverly Hills hatte sie eine Leuchte so angebracht, dass sie Besuchern, wenn sie sich beim Empfang darunter stellte, erschien wie in ihren Filmen; und als sie nicht mehr mit ihrem Herrn und Meister drehte, da war sie längst zu seiner Meisterschülerin geworden: Sie erschien Morgen für Morgen als eine der Ersten auf dem Set und richtete mit den Beleuchtern eigenhändig und fachmännisch die Scheinwerfer ein: "Sie war die begnadetste Beleuchterin, die ich kannte - nach Josef von Sternberg", erinnert sich Billy Wilder, der die Kameraführung seines Kollegen (Sternberg führte zumeist Regie aus der Kamera-Position) nicht hoch genug rühmen kann. Sternberg, der durch Netze, Schleier, Vorhänge filmte, sei der Meister des Lichts gewesen.

Und Marlene sein Geschöpf. Er leuchtete nicht nur ihr Gesicht bis zur makellosen, verführerisch unnahbaren Schönheit aus, er steckte sie auch in Pelze und hautenge Paillettenkleider, die er so ausstrahlte, dass sie wie ausgezogen, wie in Marmor oder Elfenbein gehauen wirkte, er gab ihr auch den androgynen Touch, indem er die Gertenschlanke in Frack und Zylinder und mit Fliege auftreten ließ: ein unvergesslich wohliger Schock ihre Szene in "Marokko", wo sie als befrackte Diseuse einer verschämten jungen Schönheit eine Blume entreißt und die schüchtern Verlegene mit einem hitzigen Kuss belohnt.

Seit sie auf der Tonne als Tingeltangel-Lola im "Blauen Engel", von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, mit übereinander geschlagenen Beinen auf die natürlich unschuldigste Weise die Femme fatale, die männermordende Mänade spielte (den Namen Lola hatte der hochgebildete Sternberg Frank Wedekinds Kindfrau "Lulu" nachbuchstabiert), werden ihre Beine, wird der kesse Zylinder, ihr frecher Blick zum Markenzeichen. Die langen Beine? Marlene war auch für damalige Verhältnisse nicht allzu groß. Der kesse, schräge Zylinder? Zeitzeugen erwähnen immer wieder, dass ihr blondes Haar eher stumpf und eher dünn war - darum der Zylinder.

Was war ihr Geheimnis? Das Wunder ihrer Wirkung? Natürlich kennen wir es alle von der Leinwand, von den sieben Liebeserklärungen, die der von ihr besessene Sternberg mit ihr drehte, von "Marokko" (1930) über "Dishonored" ("Entehrt", 1932), "Shanghai Express" (1932), "Blonde Venus" (1932), "The Scarlett Empress" ("Die große Zarin", 1934) bis zu "The Devil is a Woman" ("Die spanische Tänzerin", 1935).

Aber auch nach der Trennung von Sternberg, als sein Rivale und Feind Ernst Lubitsch bei der Paramount ihr Herr und Meister werden wollte (Lubitsch lud sie gleich nach dem Bruch mit Sternberg zu einem Tête-à-tête ein), hat sie so betörend ausgesehen und gespielt - wie in "Desire" ("Sehnsucht", 1935), wo unter Lubitschs Oberaufsicht Frank Borzage Regie führte und sie sich zum zweiten Mal für Gary Cooper aus einer unwiderstehlich gefährlichen Mondänen zum liebend dienenden Weibchen mausert.

1948, da war sie Mitte 40, hat Billy Wilder sie in einem weitgehend vergessenen Meisterwerk, dem Fraternisierungsfilm "A Foreign Affair", das "Fräulein" spielen lassen, die Geliebte eines Nazis, die jetzt einem amerikanischen Besatzer den Kopf verdreht: Da steht sie ungekämmt und im schlampigen Morgenrock in ihrer Berliner Ruinenwohnung, putzt sich gerade die Zähne, als er mit einer Matratze kommt, die er auf dem schwarzen Markt gegen die Torte seiner amerikanischen Braut eingetauscht hat - und dann lacht sie ihn an und aus und spuckt ihm ihr Mundspülwasser ins Gesicht - eine Szene von entwaffnender sexueller Provokation.

Doch auch wenn sie von der Leinwand zurück ins so genannte Leben stieg (gab es das für sie nach dem "Blauen Engel" überhaupt?), muss sie eine einzige sexuelle Provokation gewesen sein: Zeitgenossen sind ihr zu Füßen gefallen, Zeitgenossinnen haben sie begeifert. Sie hat Hemingway, den Großwildjäger und zahnlosen Löwen, zu ihrem glühenden Verehrer gemacht, Machos wie Gary Cooper, Maurice Chevalier oder Jean Gabin zu ihren Geliebten, Erich Maria Remarque war ihr Liebhaber, und manchmal nahm sie sich auch einen muskulösen Jungschauspieler, dem sie für seine Liebesdienste eine Stereoanlage schenkte, die der "Hurensohn" zu seiner Frau brachte und der dann nie mehr (von Marlene) gesehen wurde.

Ihren Mann Rudolf Sieber hat sie ein Leben lang nach Strich und Faden betrogen, hat ihn ab- und beiseite gestellt, ihn "Papi" (so heißen Männer in entsexualisierten Ehen, wie Frauen "Mutti" heißen) genannt und liebevoll bekocht, ganz die "Berliner Hausfrau" - wie sie überhaupt alle, die sie liebte oder zu lieben glaubte oder zu lieben vorgab, rührend bekochte - als Europäerin mit kulinarischem Heimweh. Dann gab es Sauerkraut oder Braten oder Gulasch.

Eines Tages kam sie zu Billy Wilder und brachte in einer Thermosflasche etwas mit, etwas, was in Hollywood als köstlich galt, weil es das dort nicht gab: Pilzsuppe. "Ich habe Pilzsuppe mitgebracht", sagte sie. "O fein", sagte Frau Audrey Wilder, "dann werde ich mal zwei Tassen holen?" "Wieso zwei", fragte Marlene. "Ich habe nur für Billy Suppe mitgebracht."

Sie konnte schon ein Biest sein, und Frau Wilder schüttelt sich noch heute in der Erinnerung. "Marlene? She was the worst." Die Schlimmste, die absolut Schlimmste. Marlene wohnte bei ihren späten Hollywood-Besuchen, wie ihre Tochter Maria Riva notiert, "wenn sie nicht im Beverly Hills Hotel abstieg oder sich ein verschwiegenes Häuschen mietete", bei den Wilders, die ihr geduldig zuhörten und Marlenes Geheimnisse hüteten. In ihrer Art von Dankbarkeit vermerkte Dietrich:

"Die beiden sitzen den ganzen Tag nur vor dem TV! Billy isst sogar davor. An kleinen Tischen hocken sie da wie Mister und Misses Glotz aus der Bronx und essen Tiefkühlkost. Unglaublich! So ergeht es brillanten Männern, wenn sie Frauen aus der Unterschicht heiraten. Traurig!"

(War es Eifersucht? Zur Ehre von Audrey Wilder sei gesagt, dass Billy zwar mit unerbittlicher Leidenschaft Baseball, Tennis und Football im Fernsehen verfolgt, dass aber hochgepflegt bei Tisch gegessen wird, Audrey eine hervorragende Köchin ist, die sowohl die französische wie die mexikanische Küche glänzend beherrscht.)

Marlene Dietrich jedenfalls - die Liebe geht durch den Magen - war eine leidenschaftliche Köchin. Und eine mit Geschenken und Blumen leidenschaftlich Werbende. 1933 beginnt sie eine heftige Liebesaffäre mit Mercedes de Acosta, einer aus Europa eingewanderten Dramatikerin, Drehbuchautorin und Feministin, die in Hollywood Mittelpunkt eines lesbischen Zirkels war.

Damals, Dietrich hatte ein Verhältnis mit Maurice Chevalier, war die Diva in der Öffentlichkeit kaum in Frauenkleidern zu sehen. Chevalier hasste das, weil er fürchtete, die Reporter könnten aus Dietrichs männlicher Garderobe (falsche?) Rückschlüsse auf Chevaliers wahre Vorlieben ziehen.

Der Dietrich-Biograf Donald Spoto erwähnt, dass die Leidenschaft zwischen dem Star und Mercedes de Acosta auch dadurch motiviert war, dass die Dramatikerin ein notorisches Verhältnis mit Greta Garbo hatte, der großen Rivalin der Marlene. Als die Garbo 1933 nach Schweden auf Urlaub fuhr, versuchte Dietrich ihren Platz im Leben Acostas einzunehmen. Sie schickte ihr Rosen und Veilchen, "manchmal zwei Mal am Tag zehn Dutzend Rosen oder zwölf Dutzend Nelken und zahlreiche Lalique-Vasen". Und Dietrich schrieb: "Du bist der erste Mensch hier, zu dem ich mich hingezogen fühle. Ich möchte dich fragen, ob ich für dich kochen darf?"

Marlene Dietrich, die reine Fürsorge. Sie bekochte alle, und beim Drehen auf dem Set sorgte sie für die Wehwehchen und Sorgen der Techniker und Assistenten. "Sie war eine Mutter Teresa, aber mit schöneren Beinen", erinnert sich Billy Wilder.

Eine Frau, die liebte, die Liebe in vollen Zügen genoss, die von Rücksichten und Konventionen frei war? Zunächst erzählt Maria Riva, die Tochter, wie sie in ihrer Liebe zur Mutter förmlich verhungerte. Das mag mit der Monstrosität zusammenhängen, die eine so überragende Muttergestalt wie Marlene subjektiv auf das Kind ausstrahlt - das sich immer beiseite geschoben vorkam, für ständige wechselnde Freunde und Freundinnen der Mutter abrupt aufs Abstellgleis gestellt, für strahlend helle gesellschaftliche Ereignisse in den Schatten gedrängt: Maria Riva ist da am ungeschütztesten ehrlich, wo sie schildert, wie sie bei jeder Begegnung mit ihrer Mutter wieder klein und hilflos kindlich wurde, die Tochter der Diva, "mummy's dearest". Auch Maria Riva könnte wie Josef von Sternberg sagen: "Hören Sie mir mit diesem Scheißweib auf!" In ihrem Buch sagt sie es freilich höflicher und rücksichtsvoller.

Doch auch andere Zeugen als die Tochter Maria säen ihre Zweifel, wenn von der Liebesfähigkeit, der leidenschaftlichen Hingabe Marlene Dietrichs die Rede ist. Vor allem Marlene selbst ist ein skeptischer Zeuge ihres eigenen Lebens.

In dem wunderbar-sonderbaren Film, den Maximilian Schell über die alt gewordene Diva 1982/83 gedreht hat - ohne ihrer je ansichtig zu werden -, spricht sie auch über die Liebe, die Erotik, die Sexualität. Sie tut es spröde, kalt, abweisend. Das sei doch sehr überschätzt worden, damals. Das sei, als sie jung war, noch nicht so wichtig gewesen. Gott, bei ihrer Eheschließung habe das kaum eine Rolle gespielt.

Und dann, ganz zum Schluss, resignativ und fast ein wenig kleinlaut, das Bekenntnis: Nun ja, die Männer, die würden das einfach verlangen und erwarten. Und wenn man nicht allein bleiben wolle, dann müsse man dem einfach nachgeben. Frei nach Brecht, frei nach der Dreigroschenoper: "Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen, ja, da kann man doch nicht kalt und herzlos sein!"

Passt das mit dem Maulhurentum zusammen, mit dem Marlene, wenn sie eine Party verließ, während sie auf das Taxi wartete, die Gäste unterhielt: Und dann hatte ich etwas mit meinem Geigenlehrer und mit dem Kindermädchen und Claire Waldoff und dann mit einem Offizier und einem Schauspieler, da war ich noch nicht 16 ... Langweile ich Sie etwa, meine Damen und Herren? Audrey Wilder schüttelt sich. "Marlene? She was the worst!"

Über ihre Bindungslosigkeit schreibt Spoto: "In diesem Zusammenhang wäre es verlockend zu behaupten, dass sie bei den Männern in ihrem Leben immer auf der Suche nach einer Vaterfigur war und dass die Frauen Ersatzmütter waren, denen sie zu gefallen suchte ... Richtiger ist vermutlich, dass sich Marlene Dietrich zu all jenen Menschen hingezogen fühlte, deren Stil sie bewunderte, deren Intelligenz sie respektierte und an deren gesellschaftlichem Status sie teilhaben wollte. Sex konnte in einer Beziehung eine nützliche Rolle spielen - als Mittel, um ein emotionales Gleichgewicht herzustellen -, aber keine ihrer Affären hatte auch nur vorübergehend jene Ausschließlichkeit, die auf einen Wunsch nach tiefer, geschweige denn dauerhafter Liebe schließen lässt. Keiner ihrer Liebhaber, ob Mann oder Frau, berichtete jemals, sie habe sich einer wirklich großen Leidenschaft hingegeben; sie hatte vielmehr sowohl sich selbst als auch die Entwicklung, die eine Beziehung nehmen sollte, ständig unter Kontrolle."

Wir wissen, dass sie ihren Vater, einen preußischen Polizeioffizier, früh, allzu früh verlor. Wir können ahnen und es ihren Lebenszeugnissen entnehmen, dass die Bindung zu ihrer Mutter nicht die nötige Kraft hatte: die frühe Ehe, das Verhältnis zur eigenen Tochter, die Tatsache, dass sie ihren Mann "Papi" nannte, obwohl sie von ihm kaum Gebrauch machte (weder als Papi noch als Mann), sprechen dafür.

Und im Film Maximilian Schells taucht ein befremdliches, ja verstörendes Detail auf. Da sagt Marlene auf die Frage, ob sie Geschwister habe, nein, sie sei ein Einzelkind. Ihre ältere Schwester wird vergessen, verdrängt, beiseite geschoben. Ein merkwürdiger Ausfall!

Sternberg, ihr Mentor und Entdecker, erinnert sich: "Als ich sie besser kennen lernte, bekam ich Einblick in die Umstände, unter denen sie aufgewachsen war, Einblick in ihre Familie und den Kreis, der sie umgab. Sie muss eine unglaubliche Kraft besessen haben, um zu überleben und aus ihrer Umwelt herauszuwachsen. Sie litt unter schweren Depressionen, die ein Gegengewicht in Phasen unglaublicher Vitalität fanden. Es war nicht möglich, sie zur Erschöpfung zu bringen."

Jetzt gibt es einen Film von Joseph Vilsmaier über Marlene. Oder vielmehr: Es gab ihn. Denn er ist aus dem Publikumsinteresse sehr schnell verschwunden; nicht einmal 500 000 Zuschauer haben ihn gesehen. Das ist nicht schade, denn leider weiß der Film - eine plakathafte platte Chronik mit peinlichen Geschichts- und Gefühlsklitterungen - nichts von Marlenes Geheimnissen; er weiß und ahnt nicht einmal, dass es Geheimnisse gibt, geben könnte. Er erzählt ein Leben in Stationen, als wäre es eine Jahrmarktsnummer.

Die Beziehung ihres Lebens hieß Josef von Sternberg - und die Dietrich war sein Schicksal: Er hat sie in den Weltruhm hochgezogen, mit einem Schlag berühmt gemacht, zu Hollywood überredet; sie hat ihn mit ihrer schwindelnden Traumkarriere - sie war mit und neben der Garbo der Star - mit emporgerissen und ihn, da war er erst 41 Jahre, zurück ins Nichts gestürzt. Vor allem so teure, aufwendige Filme (Meisterwerke optischer Opulenz) wie "The Scarlet Empress" oder "The Devil is a Woman" brachten die Paramount, die ohnehin in einer Finanzkrise steckte, an den Rand des Ruins - und Ernst Lubitsch die willkommene Gelegenheit, seinen verhassten Rivalen, den hochfahrenden Sternberg, auszubooten. Zwar galt Marlene als "Kassengift", aber das lastete man nicht ihr an, sondern gab ihm die Schuld: Erklärte sie nicht wieder und wieder, dass sie sein willenloses Geschöpf, sein ergebenes Werkzeug sei, das Medium, durch das er sich ausdrücken und verwirklichen konnte, wie er nur wollte?

Er hat ihr schließlich, entnervt, den Laufpass gegeben: Es war der verzweifelte Versuch, seine katastrophale Niederlage vor dieser Frau zu verschleiern; es war eine Flucht, und Sternberg ist buchstäblich in eine selbst gewählte Einsamkeit emigriert, nachdem er mit ihr, als Filmregisseur versteht sich, Schluss gemacht hatte.

Ja, ihre sadomasochistische Beziehung war in erster Linie fast ausschließlich eine Filmliebe, die sich in der gemeinsamen Arbeit auslebte: er hat sie mit der Kamera begehrt, erobert, sich untertan gemacht, sie hat ihn mit ihrer tyrannischen Demut erledigt.

Sternberg, der als Regisseur ohnehin ein Menschenschinder war, ein Perfektionist, der mit nichts zufrieden war, ließ seine ohnmächtige Wut bei den Dreharbeiten an ihr aus: Stunde um Stunde ließ er sie die gleiche Szene immer aufs Neue wiederholen; sie ertrug das, im schweren Kostüm und im heißen Scheinwerferlicht mit stoischer Ruhe und der für sie sprichwörtlichen preußischen Disziplin.

Bei den Dreharbeiten zur "Spanischen Tänzerin", dem anrührendsten Film Sternbergs - es ist das Porträt eines feinfühligen und klugen Mannes, der der betäubenden Verführungskraft einer Frau verfällt, wobei er sich "stets tragisch bewusst ist, was ihm widerfährt, wenn er eine Frau liebt, die ihm nichts wiedergibt für alles, was er um ihretwillen verliert" (Spoto) -, bei diesen Dreharbeiten zu seinem tragischen Selbstporträt kam es zu schier unerträglichen Spannungen.

"Sternberg machte allen das Leben zur Qual" (so zitiert Spoto die Erinnerungen Cesar Romeros, des Partners der Dietrich), "aber zur Dietrich war er besonders gemein. Er schrie sie vor allen anderen an, ließ sie schwierige Szenen endlos und nutzlos wiederholen, bis sie nur noch weinte und weinte. ,Noch einmal', schrie er ,schneller! ... Langsamer!' ... Er war verrückt nach ihr gewesen, und nun, da ihre Beziehung zu Ende war, ließ er es an ihr und allen anderen aus."

"Die Dietrich ist ein extremer Fall", schreibt der Filmhistoriker David Thomson. "Und das nicht nur, weil sie zur gleichen Zeit das Lächerliche und das Erotische der Sexualität zum Vorschein brachte, sondern auch weil unklar bleibt, wie weit das ihre eigene Vorstellung war. Obwohl sie als von sich selbst besessen erschien und trotz dieser Gefühle, die sie mit ihrer starken Gleichgültigkeit hervorrief, ist es wahrscheinlich, dass sie, mehr als jeder andere große Star, eine reine Erfindung des Kinos war. War ihre Wirkung ein Produkt ihres Geistes, die Vision des Publikums oder des Lichts, das Josef von Sternberg auf ihre Haut legte?"

Dass der "Blaue Engel", der explosive Start ihrer gemeinsamen Liebeskarriere, ein Kind des schieren Zufalls war und noch dazu eine schreiende Absurdität im Ufa-Deutschland von 1929, ist oft genug runtergebetet worden. Auch dass Sternberg nur der "Ersatz"- Regisseur für Ernst Lubitsch war, den der Ufa-Produzent Erich Pommer zuerst für einen Film mit Emil Jannings verpflichten wollte. Lubitschs Gagenforderung war höher als die des Stars. Lubitsch forderte 60 000 Dollar, Jannings - damals als größter dramatischer Schauspieler der Welt gehandelt - erhielt nur 50 000 Dollar; und der Max-Reinhardt- und Hollywood-Star duldete nicht, dass jemand, und sei es auch der Regisseur, mehr als er bekam: Also wurde Sternberg für 40 000 Dollar engagiert, weil er bereits mit Jannings den Film "The Last Command" in Hollywood gedreht hatte. Man einigte sich auf die Verfilmung von Heinrich Manns Steißtrommler-Roman "Professor Unrat", einer Spießersatire. "Die beiden Männer hassten sich", schreibt der Dietrich-Biograf Steven Bach, "aber ihr gemeinsamer Film hatte Jannings den ersten Oscar eingebracht, der je verliehen wurde."

Sternberg, der damals stets mit einer kleinen Reitgerte oder einem Gehstock herumlief - der Dandy trug auf dem Set beim Drehen gern einen Turban -, suchte und suchte eine Besetzung für die Partnerin von Jannings und wurde nicht fündig. Natürlich lehnte er auch Trude Hesterberg, damals die Geliebte Heinrich Manns, ab - prompt hörte sie auf, des Romanciers Geliebte zu sein.

Im September besuchte er im Berliner Theater eine Revue mit dem Titel "Zwei Krawatten", in der als Star Hans Albers brillierte und Rosa Valetti seine Partnerin war. Pommer hatte den Regisseur gebeten, sich die beiden anzusehen, weil sie für Nebenrollen in dem Film vorgesehen waren.

Er sah jedoch nur Marlene Dietrich und entschied, dass sie sein "Blauer Engel" werden sollte - gegen alle Widerstände der Ufa und des Hauptdarstellers Jannings. Der Rest ist schnell (weil oft) erzählt. Marlene bekam die Rolle und spielte Jannings an die Wand - schon vorher, bevor Sternberg seine Lola, die explosive Mischung aus rührender Kindfrau, Femme fatale, Straßenmädchen und Unschuldslamm, in Marlene gefunden hatte, wollte er den Titel verändern, die Handlung verschieben - von "Professor Unrat" zum "Blauen Engel", vom liebestollen Spießer zur Männer ruinierenden Dirne. Damit war einer der wirkungsmächtigsten Mythen der Filmgeschichte erschaffen.

Und die Ufa konnte sagen, sie sei dabei gewesen. Die Ufa war damals Europas mächtigste Filmproduktionsfirma, eine echte Konkurrenz zu Hollywoods Major Studios. Und das dank ihres Chefproduzenten Erich Pommer, der der Ufa so wirkungsvolle und bahnbrechende Filme wie "Metropolis" oder "Faust" gedreht hatte und Publikumsschlager wie "Die Drei von der Tankstelle" oder "Ein blonder Traum".

Eigentlich passte Pommer, der Typ des leidenschaftlich besessenen, dennoch geschäftstüchtigen "amerikanischen" Produzenten nicht zur Ufa, die, auf Veranlassung der Reichsregierung im Ersten Weltkrieg als Propagandainstrument gegründet, inzwischen dem rechten Zeitungszaren Alfred Hugenberg gehörte - einem der Protagonisten deutsch-nationaler Erneuerung und 1933, also wenige Jahre später, Steigbügelhalter Hitlers.

Und eigentlich passte der "Blaue Engel" überhaupt nicht in das Ufa-Weltbild und Hugenberg-Konzept. Schon Heinrich Manns Buch war mit seiner liberalen Tendenz und seiner satirischen Kritik am hohlen Fortleben des wilhelminischen Spießertums kein typisches Ufa-Sujet: weder national noch auf die gesunden Volkskräfte bauend. Und dass ein deutscher Kleinstadt-Studienrat einem Tingeltangel-Mädchen erliegt, vor ihr auf dem Bauch robbt und für sie als Clown "Kikeriki!" schreit - das hatte mit dem Hugenberg-Bild von deutschem Mannestum wenig gemein. Kurz: Der "Blaue Engel" war eine Absurdität der Ufa: ein weißer Rabe, ein Torpedo der Zersetzung.

Da Marlene ihrem Erwecker und Entdecker unmittelbar nach der Premiere nach Hollywood gefolgt ist, hat sie von diesem erfolgreichsten Missverständnis nicht mehr viel mitbekommen: Sie hatte in Kalifornien einen anderen Planeten betreten, dessen Stars nur um sich selbst kreisten und dem die Ufa im selbst isolierten Nazi-Deutschland aus den Augen geriet.

Spätestens als sich Josef von Sternberg von Marlene Dietrich offiziell trennte (in Wahrheit: als er im Ring ihres Zweikampfes das Handtuch warf), spätestens dann konnte sie an dem deutschen Echo auf die Trennung lesen, was die Stunde geschlagen hatte.

Maria Riva berichtet, wie ein Bote des deutschen Konsulats ihrer Mutter einen Leitartikel überreichte, der "auf persönliche Anregung von Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels in den führenden deutschen Zeitungen erschienen war".

Da war zu lesen: "Applaus für Marlene Dietrich, die endlich den jüdischen Regisseur Josef von Sternberg entlassen hat, der sie immer eine Prostituierte oder sonstwie entehrte Frau spielen ließ, aber nie eine Rolle, die dieser großen Bürgerin und Vertreterin des Dritten Reiches zur Ehre gereichen würde."

"Marlene sollte jetzt ins Vaterland heimkehren, ihre historische Rolle als Anführerin der deutschen Filmindustrie übernehmen und sich nicht mehr als Werkzeug der Juden von Hollywood missbrauchen lassen."

Die Nazis also bauten Marlene Dietrich eine goldene Brücke, damit sie heim ins Reich kehren sollte, zurück zur Ufa. Es gibt viele Anekdoten, die überliefern, wie sie zur Rückkehr bewegt werden sollte. Dass die Goebbels-Ufa einen Star wie sie sehr entbehrte (als Garbo-Ersatz hatte man Zarah Leander gewonnen, und Kristina Söderbaum war ein unschuldiges Blondchen, eine "Reichswasserleiche"), liegt auf der Hand. Die Berlinerin mit der koddrigen sinnlichen Stimme, die Sängerin, die rauchig ihre Lieder hauchte ("Nimm dich in Acht vor blonden Frauen"), die Frau, die Weltläufigkeit und mondäne Allüre dem Typ der blonden Frau zugewonnen hatte, galt als die faszinierendste Frau der Welt - wie, wenn sie zu den Nazis überlaufen würde?

Nach einer Version der Legende (so hat Marlene Dietrich sie selbst erzählt) soll auch Dr. Karl Vollmoeller ein diplomatischer Bote der Nazis gewesen sein, jener Vollmoeller, der Heinrich Manns "Professor Unrat" in Sternbergs Auftrag und mit Sternbergs Intentionen zum Drehbuch "Der blaue Engel" umgeschrieben hatte. Er gehörte zu den dem "Dritten Reich" nahe stehenden Deutschen in Hollywood, einer Art kulturellen fünften Kolonne.

Vollmoeller nun soll Marlene erzählt haben, wie sehr "der Führer" ihre Filme liebe, Abend für Abend würde er sie sich in seinem Haus in Berchtesgaden anschauen und denken: Sie gehöre doch nach Deutschland. Sollte sie wiederkehren wollen, würde man in Berlin für sie rote Teppiche ausrollen, vom Flughafen Tempelhof bis zur Reichskanzlei, der Führer, das deutsche Volk, die Ufa würden sie mit offenen Armen aufnehmen.

Natürlich klingt das nach Märchen, und ganz so wird die Geschichte auch nicht gelaufen sein. Dennoch - sie lieferte der Marlene Dietrich, immer wenn sie sie zum Besten gab, auf einer Hollywood-Feier erzählte, eine ihrer schönsten Pointen.

Wer weiß, pflegte sie dann mit verschleiertem Blick und verschleierter Stimme zu enden, wer weiß, vielleicht hätte ich Hitlers Angebot doch annehmen sollen. Wer weiß?! Und nach der Pause, die dann entstand, in der alle stumm "warum?" zu fragen schienen, sagte sie: "Maybe, I could have talked him out of it!" Vielleicht hätte sie Hitler alles ausreden können. Alles, was dann noch Schlimmes kommen sollte: die Annexion der Tschechoslowakei, der Überfall auf Polen, der Angriff auf Russland, der Holocaust ... "I could have talked him out of it."

Stattdessen hat Marlene Dietrich, schon gleich nachdem sie den von Goebbels inspirierten Artikel ("Marlene sollte jetzt ins Vaterland heimkehren") gelesen hatte, alarmiert ihre Dreharbeiten unterbrochen, alle ihre Vertrauten zusammengerufen und am Ende den Chef der Abteilung für Public Relations bei der Paramount erklären lassen, sie würde ihre Verbindungen mit Deutschland endgültig abbrechen und um die amerikanische Staatsbürgerschaft nachsuchen. Ihre Tochter erinnert sich: "Ich sah, dass die Augen meiner Mutter ganz dick und verschwollen waren. Sie drehte den Kopf beständig zur Seite. Sie musste geweint haben."

Das war 1934. Fünf Jahre später bekam sie ihren amerikanischen Pass - knapp drei Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939.

Das leidige Kapitel "Marlene und die Deutschen" begann. Dietrich, die inzwischen ihre zweite Karriere gestartet hatte, die als Diseuse, sang für die Invasionstruppen an der Westfront. Sie stieg auch in diese Aufgabe mit preußischem Elan, scheute den harten Einsatz nicht, war stets nah an der Front, riskierte Entbehrungen, schlief in verlausten Quartieren (sie hatte oft Filzläuse, erkrankte in Italien an Lungenentzündung) und reiste im Jeep über holprige Feldwege. Auch für diese Situation hatte sie einen schnoddrigen Witz bereit. Auf die scherzhafte Frage, ob sie denn während des Einsatzes in vorderster Linie mit General Dwight D. Eisenhower, dem Oberkommandierenden der Alliierten, geschlafen habe, sagte sie: "Wie hätte ich das können? Der war doch nie an der Front."

Ihr wahrer romantischer Held, neben vielen jungen Offizieren, war der Panzergeneral Patton ("Oh, er war wunderbar! Ein echter Soldat! Groß, stark, energisch! Eine Führernatur!"). Patton bewunderte ihren Mut und sagte dann, laut Marlene: "Wenn Sie in Gefangenschaft geraten, wird man Sie wahrscheinlich für Propagandazwecke einspannen und zwingen, Radiosendungen zu machen, so wie Sie es für uns getan haben." Dann zog er einen kleinen Revolver aus der Tasche seiner Windjacke und sagte: "Hier. Erschießen Sie ein paar von den Scheißkerlen, bevor Sie sich ergeben! Oh, er war einfach wundervoll!"

Spätestens bei dieser bramarbasierenden Anekdote der Krieg spielenden Dietrich gewinnt man ein gewisses Verständnis, warum die Nachkriegsdeutschen, die Berliner, ihre verlorene Tochter nicht mit offenen Armen aufnehmen wollten. Das war eine geschlagene, depravierte Nation, die in Trümmern lebte und vor die Scham vor den deutschen Kriegsverbrechen den Trotz angesichts der erlittenen Erniedrigungen und Demütigungen gestellt hatte.

Marlene Dietrich hat darauf unpathetisch und nicht ohne Verständnis reagiert. Als Maximilian Schell sie auf die Anti-Marlene-Demonstrationen ansprach, die ihr in Berlin während ihres Besuchs 1960 widerfahren waren, sagte sie berlinerisch cool: "Die warn mir beese!" Und wiederholte: "beese", ein Kinderwort, nach dem man nur sagen kann: Komm! Lass uns den Streit begraben! Und mit fast den gleichen Worten hat sie sich daraufhin mit einer Berliner Rentnerin auf der Straße versöhnt. "Beese?!" Nein, das schon gar nicht.

Marlene ist in Deutschland aber immer ein ungeliebter Star geblieben. Und sie wäre in Deutschland auch ungeliebt, wenn sie nicht mit den amerikanischen Jeeps, in amerikanischer Uniform in das besiegte Deutschland eingezogen wäre. Sie ist eine Frau, die alles, was sie tat, spielte, darstellte, als Herausforderung, als Provokation ausspielte. Noch ihr Pathos, noch ihre Leidenschaft gab sich kalt, vernünftig. Ein ewiges Leben? Die fast 90-Jährige konnte sich nur schwer vorstellen, dass wir nach unserem Tode "da oben alle rumfliegen". Nein, das nun doch nicht.

Ihre Schönheit war betörend, aber kalt. Ihre Ausstrahlung sinnlich, erotisch, aber von Vernunft beherrscht. Sie war nie wie Rita Hayworth oder Marilyn Monroe das Opfer. Sie war nie wie Greta Garbo die Anna Karenina, die Kameliendame. Nicht dass sie eine Siegerin gewesen wäre, aber sie war zu stolz für ihre Niederlagen.

Und so schwingt auch in ihrer Stimme, unnachahmlich in ihrem singenden Nachhall, immer so etwas wie Spott, Überlegenheit mit.

Die Stimme! Mit ihr hat sie ihre letzte Karriere gemacht. "Sag mir, wo die Blumen sind"! Ein so sentimentales Lied kann nur eine so unsentimentale Frau wie sie vortragen. Früher hatte sie die schönsten Friedrich-Hollaender-Lieder gesungen. Und: "Ich küsse Ihre Hand, Madame!" Und: "Schöner Gigolo - Armer Gigolo!" Ihre Lieder hatten Reime wie sonst nur amerikanische Evergreens: blonde Frauen, die etwas Gewisses haben: Det isses! Berliner Slang pur.

Dem Texter von "Sag mir, wo die Blumen sind", Max Colpet, verdanke ich die Telefongespräche, die ich mit ihr 1991 geführt habe.

Colpet, ein Freund von Dietrich aus Berliner Tagen, als sie kleine Rollen in Ufa-Filmen spielte - Billy Wilder und Colpet (der damals noch Kolpe hieß) schrieben Drehbücher -, lebte hochbetagt in München und wusste, dass es ihr in Paris schlecht ging. Der SPIEGEL hat dann versucht, ihr zu helfen, ich habe versucht, beim Bundespräsidialamt einen "Ehrensold" für sie zu beantragen - was daran scheiterte, dass sie seit 1979 öffentlich für niemanden zu sehen war. Für niemanden, also auch nicht für einen Vertreter der deutschen Botschaft in Paris. So konnte man sie behördlich nicht identifizieren.

Dabei war ihre Stimme unverkennbar. Als sie mich auf meinen Brief hin beim SPIEGEL anrief, spät am Abend, war ich schon nach Hause gegangen. Und, wie sie mir eine Stunde später spöttisch, mit leicht schleppender Stimme erzählte, habe der Pförtner ihr zuerst meine Privatnummer nicht geben wollen. "Stellen Sie sich das vor."

Das Gespräch hatte meine Tochter angenommen, sie war damals zehn. Mit einem ungläubigen Glanz in den Augen und einem leicht verqueren Lächeln sagte sie: "Papa, da ist Marlene Dietrich am Telefon!"

Ich habe insgesamt fünfmal mit ihr telefoniert. Zweimal war sie aufgeräumt, gut gelaunt, gesprächig, freundlich und vertraulich. Bei den anderen Gesprächen war sie kurz angebunden, misstrauisch. Einmal, das war das fünfte Gespräch, versuchte sie vorzugeben, dass sie gar nicht Marlene Dietrich sei. Dabei hatte sie ihre unverwechselbare Stimme verraten. Sie legte trotzdem schnell auf. Sie war launisch, verzweifelt, einsam, habe ich gelesen. Das mag so sein.

Sie hat sich mehr als zwölf Jahre nicht mehr gezeigt, konsequenter noch als die Garbo, die man ab und zu mit Kopftuch und schwarzer dicker Sonnenbrille in New York beim Einkaufen "erwischen konnte". Dietrich war der Welt abhanden gekommen.

"Ihre Beine verdorren. Ihre Haare schneidet sie im Alkoholrausch mit einer Nagelschere kurz und färbt sie rosa mit schmutzigen weißen Flecken. Ihre Ohrläppchen hängen tief herunter, ihre Zähne - sie war immer so stolz gewesen, dass es ihre eigenen waren - sind schwarz geworden und brüchig. Ein grauer Star, den behandeln zu lassen sie sich weigert, hat ihr linkes Auge eingetrübt. Ihre einstmals durchscheinende Haut Pergament. Sie verströmt einen Geruch nach Scotch und körperlichem Verfall."

Die Tochter hat den Vorhang, postum, weggezogen. Wie gut, dass es die Filme gibt, "Marokko", wo sie Gary Cooper barfuß durch die Wüste folgt. Schön, unnahbar, hingebungsvoll. Demütig. Stolz. "Ein Scheißweib", um mit Sternberg zu sprechen.

Und ihr Verhältnis zu den Deutschen? In ihrem letzten Interview, dem SPIEGEL-Interview vom 17. Juni 1991, hat sie auf die Frage, woraus sich denn ihr Antifaschismus gespeist habe, eine entwaffnende Antwort gegeben: "Aus Anstandsgefühl." Besser, knapper lässt es sich nicht sagen.

"Selbst wenn sie nichts anderes als ihre Stimme hätte, könnte sie damit dein Herz brechen"

Ernest Hemingway, Schriftsteller

"Nie zuvor bin ich einer so schönen Frau begegnet,

die so falsch eingeschätzt und unterbewertet wurde, der Frau, die die Welt verzaubern sollte"

Josef von Sternberg, Hollywood-Regisseur, Marlene-Entdecker

"Ist es Gottes Wille, dass ich Dich wieder finde, Dich, die wunderbarste aller Frauen? ... Du bist in meinen Adern, in meinem Blut, ich höre Dich in mir"

Jean Gabin, Schauspieler, Lover

"Nicht zu übersehen war dieses unbeschreiblich schöne weiße Dreieck. Das Gesicht der Marlene, es verschlug mir den Atem"

Hildegard Knef, Sängerin und Schauspielerin

"Sie war die Kombination aus Glamour-Frau, aus Hausfrau, aus Mutter und Hure - also das, was sich jeder Liebhaber oder Mann wünscht"

Katja Flint, "Marlene"-Darstellerin


DER SPIEGEL 25/2000
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Der Jahrhundertstar Marlene Dietrich - von der lasziven Kindfrau zur weltweit angehimmelten, in ihrer Heimat oft geschmähten Göttin der Filmgeschichte. Von Hellmuth Karasek:
Der ungeliebte Engel