19.06.2000

Die verleugnete Schwester

Was tat Elisabeth Will, geborene Dietrich, in Bergen-Belsen?
Die Königin der Film-Legenden sah niemals einen Sinn darin, ihr Publikum durch Tatsachen zu verwirren. Angaben zu ihrer Herkunft und Familie änderten sich allemal. Ihrem Interviewer Maximilian Schell versicherte Marlene Dietrich, sie sei als Einzelkind mit ihrer Mutter aufgewachsen - dabei hatte sie eine ältere Schwester, Elisabeth.
Deren Existenz hat sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs schlicht geleugnet, und dafür gab es einen Grund: Elisabeth meldete sich 1945 aus Bergen-Belsen, einem der entsetzlichsten Konzentrationslager im Reichsgebiet. Und sie gehörte nicht zu den Opfern.
Die Schreckensstätte hatte der zuständige deutsche Militärbefehlshaber Mitte April 1945 den Briten übergeben: Von den etwa 60 000 Häftlingen lagen an die 10 000 tot in den Baracken. Mehr als 20 000 starben noch in den Wochen nach der Befreiung.
Kaum hatten britische Soldaten das Lager besetzt, wurden sie auf Elisabeth und ihren Ehemann Georg Will aufmerksam: Jedem, der zuhören wollte, erzählten die Wills, sie seien mit der weltberühmten Diva verwandt.
So wollten sie wohl davonkommen: Häftlinge waren sie nicht gewesen, SS-Aufseher zwar auch nicht, aber in den Augen der Briten doch höchst suspekt, weshalb sie ihre Wohnung gleich neben dem Lager räumen sollten.
Was hatte die Dietrich-Schwester an einem solchen Ort des Grauens zu suchen? Zuverlässige Auskunft über ihre Rolle in Bergen-Belsen kann ein Zeitzeuge geben, Dr. Arnold Horwell, 86. Dem gebürtigen Berliner gelang 1939 die Ausreise nach England, im April 1945 gehörte er im Rang eines Oberleutnants zu einer britischen Einheit, der die Auflösung des verseuchten Lagers oblag.
Heute wohnt der lebhafte alte Herr in London. An viele Vorgänge in Belsen kann er sich genau erinnern. Geht es um Details, helfen lange Briefe, die er damals jeden Abend an seine Frau schrieb. Hunderte sind erhalten.
Am ersten Tag nach der deutschen Kapitulation flog die Tür seines Büros auf, und vor ihm stand eine Blondine in amerikanischer Uniform. "Dieses Gesicht! Diese Beine!" Vor ihm stand - Marlene Dietrich.
Seit über einem Jahr hielt die Traumfrau die amerikanischen Truppen bei Kampfeslaune. In München gehörte sie zum Tross des US-Generals Omar Bradley. Dort hatte sie auch vom Aufenthaltsort ihrer Schwester erfahren.
Als Marlene so plötzlich vor Oberleutnant Horwell stand, hatte sie Elisabeth bereits im Schlepp dabei. Es stellte sich heraus, dass die Schwester zusammen mit ihrem Mann eine kleine Kantine für die Wehrmacht betrieben hatte, und zwar im Truppenlager-Kino, das sich in den Kasernen der Panzerschule befand - nur wenige hundert Meter entfernt vom KZ, errichtet zur Entspannung der Soldaten wie der SS-Schergen.
Dort gab es die Durchhaltefilme nach dem Geschmack jenes Propagandaministers Dr. Goebbels, der Marlene Dietrich aus Hollywood hatte heimholen wollen ins Reich, zum deutschen Film.
Die Nachbarschaft zum Todeslager, der ständige Kontakt zum SS-Lagerpersonal und der wirtschaftliche Gewinn, den sie als Kantineninhaber daraus zogen, rückten Elisabeth und Georg Will moralisch gefährlich nahe an die Täter. Diese Verwandtschaft konnte Marlenes Weltruhm beschädigen.
Was sie zunächst erbat, war nicht viel. Sie hatte nur den Wunsch, ihrer Schwester - einer typischen deutschen Hausfrau, dem genauen Gegenteil der "göttlichen Marlene" - doch die kleine Wohnung über dem Kino zu belassen. Auch eine ärztliche Untersuchung Elisabeths und eine Schutzimpfung gegen Typhus erschienen vonnöten.
Dafür setzte die Dietrich ihren ganzen Charme ein, fand Horwell. Er genoss die bestrickende Unterhaltung von Berliner zu Berlinerin, die Namen höchster Generäle fielen, und ein herumliegendes Dokument empfing die höhere Weihe eines Dietrich-Autogramms. Zufällig war es die Meldung über die Kampfpause, welche die Befreiung Belsens erlaubt hatte.
Noch im selben Monat folgten Briefe des Stars an den jungen Offizier: Mal enthielten sie einen Dietrich-Schnappschuss mit befreiten britischen Kriegsgefangenen, mal den dezenten Hinweis auf jüdische Freunde, denen die Dietrich bei der Auswanderung nach Amerika hatte helfen können, und auch allerlei handschriftliche Schmeicheleien, die Horwell geradezu erröten ließen, wie er seiner Frau umgehend gestand.
Bei all dem bemühte sich Marlene Dietrich, eine imagefreundlichere Erklärung für den Aufenthalt der Schwester an diesem fatalen Ort zu finden. Ausgerechnet an Horwell, der es besser wusste als jeder andere, schrieb sie, wie sehr sie über das Aussehen ihrer Schwester erschreckt gewesen sei und über den Zustand ihrer Nerven.
Auch ihre Mutter habe man als "politisch verdächtig" eingestuft, und eben seien noch weitere Verwandte in einem Lager bei Salzburg aufgefunden worden. Offenbar sei jeder, der ihren Namen trage, "hineingesteckt worden".
Ins Lager? Auf diese Weise vollzog sich vor Horwells Augen die Metamorphose der Schwester Elisabeth vom Zeugen der Katastrophe zu deren Opfer.
An Horwell richtete Marlene schließlich nur noch einen Wunsch: Bitte, keine Presse! Man konnte nie wissen, was die in Sachen PR höchst unerfahrene Schwester den Reportern in einem Anflug von Aufrichtigkeit erzählen würde.
Die von der Dietrich fabrizierte Legende klang so glaubhaft, dass sie von vielen Biografen verbreitet wurde. Selbst Marlenes Tochter Maria war zunächst vom KZ-Schicksal Elisabeths überzeugt: Als sie ihre Tante im November 1945 in Belsen besuchte, erlitt sie einen Schock. Vorbereitet war sie auf einen "Concentration camp cadaver", ein "atmendes Skelett". Stattdessen umarmte sie eine Frau, die sich seit den Vorkriegsjahren kaum verändert hatte, gesund, mollig, psychisch intakt.
Nicht das Wiedersehen trieb der 20jährigen Maria die Tränen in die Augen, sondern die Entdeckung, dass die Lagerhaft nur eine Legende war. Diese Unwahrheit entehrte offensichtlich die Opfer.
Nur zu gut hatte Maria noch die nazibraunen Hemden in Erinnerung, die Elisabeths Sohn schon als Kind getragen hatte. Tatsächlich sprach Elisabeth noch Jahre nach dem Krieg von der "moralischen Integrität" des Dritten Reichs: Die Nazis hätten, bei allem Übel, doch nur die deutsche Ehre wiederherstellen wollen. Kein Wunder, dass Marlene Dietrich die verlogene Mär vom Nazi-Opfer Elisabeth bald wieder aufgab und die Schwester fortan lieber verleugnete.
Privat blieb der geschwisterliche Kontakt jedoch unverändert bestehen, bis zu Elisabeths Tod 1973. Sie lebte bis zuletzt in Belsen. Das war ihr Zuhause. AXEL FROHN, FRITJOF MEYER
Von Axel Frohn und Fritjof Meyer

DER SPIEGEL 25/2000
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