26.06.2000

KRIMINALITÄT

Im Netz von Monsieur

Von Ulrich, Andreas

Nachdem in einem Altbau kiloweise Schmuck gefunden wurde, könnte sich eines der spektakulärsten Verbrechen Deutschlands aufklären lassen - der Millionen-Krimi um den Juwelier Düe.

Theoretisch ist der Mann bedauernswert arm, doch darben muss er keineswegs: Das prächtige Haus auf Sylt, in dem René Düe lebt, gehört seiner Schwester, der Mercedes SL, den er fährt, ist geliehen. Der einstige Prominenten-Juwelier aus Hannover lebt zurückgezogen auf Deutschlands Prominenten-Insel und erfährt Luxus nur von der Güte seiner Freunde. Denn besitzen darf Düe, 54, aus juristischen Gründen offiziell nichts.

Bei einem bislang ungeklärten Raubüberfall auf sein Geschäft in Hannover kamen 1981 Juwelen, Gold und Uhren im Wert von mehr als 13 Millionen Mark abhanden, die ihm zum größten Teil nicht gehörten. Und die Besitzer hätten ihre Preziosen gern zurück.

Weil Düe den Tätern selbst die Tür öffnete, der Tresor offen stand und er dem Privatagenten Werner Mauss, 60, anschließend noch einige als geraubt gemeldete Stücke verschaffte, weigert sich die Versicherung bis heute erfolgreich, den Schaden zu begleichen. Agent und Versicherung glauben, dass Düe den Überfall selbst inszeniert hat.

Jetzt, 19 Jahre später, könnte der Fall vielleicht doch noch aufgeklärt werden. Elf Pakete mit Schmuck aus der Beute, zusammen 10,8 Kilogramm schwer, tauchten durch Zufall am Dienstag vorvergangener Woche auf - sie waren versteckt in einem ehemaligen Geschäft der Düe-Familie.

Damit gerät einer der spektakulärsten Fälle in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte erneut ins Rampenlicht. Alte Wunden reißen wieder auf. Es ging um ehrgeizige Polizisten und illegale Ermittlungsmethoden. Am Ende stand vor einem Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtags der Rechtsstaat auf dem Prüfstand. Manche Beteiligte leiden bis heute unter den Folgen.

Der Krimi begann am 31. Oktober 1981: Ein Briefträger, der zwei Wertsendungen abgeben wollte, fand Düe, bewusstlos auf dem Boden liegend, in seinem feinen Juweliergeschäft. Er hatte eine blutende Wunde am Kopf, aus dem Mund floss Erbrochenes. Dües Mutter kauerte, geknebelt und völlig verängstigt, auf der Empore. Der Tresor war offen, der Inhalt fehlte. Der Schaden: 13 665 962 Mark.

Per Zeitungsinserat und Postkarte hatte Düe für jenen Tag seinen Kunden eine Ausstellung exquisiter Stücke avisiert. Noch vor der Eröffnung, kurz nach 9 Uhr, klingelten aber zwei elegant gekleidete Männer mit Pilotenkoffern an der Tür; sie sahen südländisch aus, erinnerten sich Zeugen später. Er habe geöffnet, sagt Düe, weil er einen Geschäftsfreund erwartete.

Die beiden schlugen Düe nieder, und zwar brutal. Der Juwelier lag anschließend zwei Wochen lang im Krankenhaus. Die Beute bestand überwiegend aus Kommissionsware, es war auch etwas Privatschmuck dabei, etwa für eine halbe Million Mark. Wegen der Ausstellung hatte Düe bei der Mannheimer Versicherung seine Police erhöht. Die abgeschaltete Überwachungskamera und den geöffneten Tresor erklärt Düe mit den Vorbereitungen der Ausstellung.

Doch Ermittler und Versicherung glaubten ihm von Anfang an nicht so recht. Schnell geriet Düe, der zuvor bereits einmal überfallen und bestohlen worden war, in den Verdacht, den Überfall fingiert zu haben. Die Versicherung weigerte sich, den Schaden zu begleichen. Erst sei das Ende der Ermittlungen abzuwarten. Düe geriet mächtig unter Druck. Und die Polizei sah keine Spur zu den Räubern.

Da kam Werner Mauss ins Spiel. Mauss war damals noch ein Phantom, der geheimste Agent Deutschlands, ziviler Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA). Kaum jemand durfte wissen, wie er aussah. Die Polizei in Hannover habe sich Hilfe suchend an das BKA gewandt, sagt Mauss.

Deutschlands erfolgreichster Agent, der nach eigenen Angaben 2000 Verbrecher dingfest gemacht hat, begann schon in den sechziger Jahren damit, Verbrecher- und Terrorbanden zu unterwandern. Eingeweihte nannten ihn zu der Zeit respektvoll die "Institution M". 1976 setzte er für das BKA den damals als Terroristen gesuchten Rolf Pohle in Griechenland fest, zuvor hatte er den geraubten Kölner Domschatz zum größten Teil wiederbeschafft und die Täter dingfest gemacht. Er besaß diverse Ausweispapiere auf verschiedene Namen und beglückte Polizisten, indem er sie mitnahm auf Dienstreisen um die halbe Welt. Die Versicherungswirtschaft übernahm die Spesen, Erfolgshonorare hingegen, sagt Mauss, habe er nie bekommen. "Solche Zwitterarbeit habe ich nie gemacht. Das hätte das Verhältnis zu den Polizisten, mit denen ich zusammenarbeitete, belastet."

Mauss übernahm den vertrackten Fall. "Ich hatte um einige Tage Bedenkzeit gebeten und mir die Akte schicken lassen. Die Sache reizte mich", sagt er.

Der Detektiv begann ein Netz zu spinnen, in das sich später auch er selbst verstrickte. Der Fall Düe endete für Mauss schon deshalb in einer Katastrophe, weil er vom Phantom zur Figur wurde - enttarnt und mit dem Ruf belastet, er wende zweifelhafte Methoden an.

Im Untersuchungsausschuss vor dem niedersächsischen Landtag zum Fall Düe wurden seine Tricks öffentlich kritisiert. Die Ermittlungsbehörden mussten sich vorwerfen lassen, nicht sie hätten Mauss geführt, sondern umgekehrt. Geld von den Mannheimer Versicherungen landete auf Privatkonten der Ermittler, die damit die Dienstreisen finanzierten. Schließlich tauchte sogar ein Foto von ihm auf. Sein Mythos war angekratzt, sein Job im Zwielicht deutlich schwieriger geworden.

Als er Jahre später monatelang in kolumbianischer Haft saß, frohlockten Gegner, endlich erhalte er mal

seine verdiente Strafe. Der

Vorwurf: Er habe ohne Wissen der Regierung Geiseln von Guerrilleros freigekauft. Doch ein kolumbianisches Gericht sprach Mauss im Mai 1998 von allen Vorwürfen frei.

Damals in Hannover legte Mauss noch gänzlich unbekümmert los. Er ließ sich dem Juwelier über geschickt in dessen Umfeld platzierte Mittelsmänner als "Claude" vorstellen, als Vertreter eines reichen Mannes, der Geld investieren wolle. Düe solle für diesen Unbekannten ein Schmuckgeschäft in feinster Hamburger Lage eröffnen, er sei genau der richtige Mann. Kein Kleinkram mehr, nur noch tolle Sachen.

Man traf sich meist im Ausland. Mauss alias "Claude" setzte alle Tricks ein, um bei ihren diversen Treffen dem Juwelier auf die Spur zu kommen. Der Agent habe Autos und Hotelzimmer verwanzt, erinnert sich ein Fahnder, deutsche Richter unterschrieben Anträge für die Überwachung der Telefone aus Dües Umfeld, doch der Juwelier habe kein Wort gesagt, das ihn als Täter überführt hätte.

Im Sommer 1982 etwa charterte "Claude" an der Côte d''Azur für Düe und dessen Vertrauten eine mondäne Motorjacht und schickte sie aufs Mittelmeer. Die Yacht war selbstverständlich verwanzt, und auf einem zweiten Schiff, das unauffällig folgte, hockten französische und deutsche Polizisten. Doch die Übertragungsqualität war schlecht, kaum ein Wort zu verstehen.

Kurz darauf, im August 1982, nach monatelangen Ermittlungen und "vertrauensbildenden Maßnahmen", schnappte die Falle dann doch zu. Düe schickte seinem vermeintlichen Partner "Claude", in einem Koffer zwischen Handtüchern versteckt, 15 wertvolle Schmuckstücke ins Bremer Hotel Columbus. Jedes einzelne davon hatte er vorher als geraubt gemeldet.

Mauss sagt, Düe habe ihm vorgeschlagen, den Schmuck nach New York zu einem Hehler zu bringen. Bei dem sollten die Stücke dann von der per Tipp informierten Polizei sichergestellt werden, das Manöver sollte einen New Yorker Lieferanten belasten. So sollte Dües gefährdeter Ruf wieder- hergestellt, der Raub plausibel gemacht und die Versicherung zur Zahlung verpflichtet werden.

Der Fall schien klar, ein Richter erließ Haftbefehl gegen Düe. Das Landgericht Hannover verurteilte ihn am 4. Januar 1984 wegen "Vortäuschens einer Straftat, versuchten Betruges und veruntreuender Unterschlagung" zu sieben Jahren Haft.

Alles sah danach aus, als hätte Mauss wieder mal einen Treffer gelandet, Gewissensbisse etwa wegen der Lauschangriffe hat er nicht: "Das war alles mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen." Ohne die "logistische Unterstützung" der Behörden hätte er nicht so ermitteln können.

Dües Erinnerungen sind ganz anders. Mauss habe von Anfang an gedrängt, die Sache mit der Versicherung müsse schnell erledigt werden, damit sie sich um das geplante neue Geschäft kümmern könnten. Es sei die Idee des Detektivs gewesen, Schmuck beim Hehler zu platzieren. Mauss habe sogar gedrängt, Stücke nach Fotos nacharbeiten zu lassen, um sie dann dem Hehler zuspielen zu können. Schließlich habe er aber selbst, so behauptet Düe, "durch Zufall" die vermeintlich gestohlenen Stücke in seiner Werkstatt gefunden, wo sie angeblich zur Reparatur waren. Noch heute spricht Düe den Namen Mauss nicht aus. Er nennt ihn "Monsieur". "Ich bekomme sonst", sagt Düe, "einen ekligen Geschmack im Mund."

870 Tage saß der Juwelier nach dem ersten Urteil in Haft. Am 13. März 1989 erreichte der hannoversche Rechtsanwalt Elmar Brehm in einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem Braunschweiger Landgericht dann aber ein sensationelles zweites Urteil: Freispruch für Düe. Das Gericht glaubte dem Juwelier. Der angeblich gestohlene Schmuck, den Düe Mauss zukommen ließ, sei als Beweis unerheblich, da Mauss sich die heiße Ware mit illegalen Methoden beschafft habe.

"Wir haben damals", sagt Brehm heute, "dem Rechtsstaat zum Sieg verholfen." Brehm hatte aus politischer Überzeugung für Düe gekämpft, ging es doch um einen Kampf gegen den Überwachungsstaat und Ermittler, die über die Stränge schlagen. Dazu steht der Jurist noch immer.

Nur jetzt hat Brehm ein Problem, ebenso wie all jene, die damals für Düe stritten und Mauss verdammten. Juristisch gesehen ist Düe so unschuldig, wie einer nur sein kann. Er hat für das angebliche Unrecht, das ihm widerfuhr, gar vom Land Niedersachsen 2,5 Millionen Mark erhalten. Aber dass der Schmuck jetzt in einem ehemaligen Düe-Haus auftauchte, sieht nicht schön aus. "Dann wird ungerechterweise Mauss rehabilitiert und die ganze eigentliche Problematik von damals rückt in den Hintergrund", befürchtet Brehm - wohl zu Recht.

Denn es könnte sein, dass Mauss, der vermeintliche Bösewicht, sehr wohl den richtigen Riecher gehabt hat. Wieder einmal: Handwerker fanden den sorgfältig verpackten Schmuck in der Decke eines kleinen Juwelierladens zwischen der Kneipe "Kalauer" und dem "Teestübchen" am

Ballhof in Hannover. Das Geschäft hatte

der Juwelier Horst Ackermann 1985 von seinem Chef übernommen - von Renés Vater Friedrich Düe, der 1990 starb, und bis vor kurzem geführt. Jetzt wird das von Wein bewachsene idyllische Haus gerade von den neuen Besitzern umgebaut. Wände werden eingerissen und neu verputzt, der Fußboden wird restauriert.

Gleich nach dem Fund baten die jungen Juweliere Ackermann und den Hildesheimer Rechtsanwalt Martin Fett um Hilfe. Ihnen war sofort klar, dass der Schatz aus dem Fall Düe stammen musste, und sie befürchteten einen schlechten Neustart für ihr Geschäft.

Die elf Pakete waren sorgfältig mit braunem Paketband umwickelt. Anwalt Fett öffnete eines davon, er zählte 163 Ringe und sah daran die Preisschilder mit dem Aufdruck "Juwelier Düe". Der Jurist brachte die Pakete zur nächsten Polizeiwache. Der junge Beamte am Tresen konnte zunächst mit dem Millionenfund nichts anfangen, aber ein älterer Kollege erinnerte sich. Jetzt liegt der Schmuck beim Landeskriminalamt.

Strafrechtlich hat der Juwelier kaum etwas zu befürchten. Düe ist, das weiß auch Thomas Klinge von der Staatsanwaltschaft Hannover, mit einem rechtskräftigen Urteil von allen Vorwürfen freigesprochen worden. Er kann nicht einmal mehr als Verdächtiger bezeichnet werden. "Wir ermitteln nicht gegen Herrn Düe, sondern gegen unbekannt wegen Raubes", sagt Klinge.

Das ist die einzige Möglichkeit, den Fall überhaupt noch zu bearbeiten. Und so werden Zeugen vernommen und die Fundstücke auf Fingerabdrücke untersucht. Sehr sorgfältig, mit Gummihandschuhen und Pinzetten, zogen Spezialisten des Landeskriminalamtes die Klebestreifen von den elf Versandschatullen, in denen der gefundene Schmuck verpackt war.

Sie hoffen, dass der Täter Haare oder Hautpartikel auf dem Klebeband hinterlassen hat, die eine DNA-Analyse für den genetischen Fingerabdruck ermöglichen können. Sollte sich ein Raub dennoch nicht nachweisen lassen, wird die Staatsanwaltschaft wohl verlauten lassen müssen, dass sich neue Hinweise nicht ergeben hätten.

Dabei gibt es noch eine Spur in die Türkei, nach Istanbul. Dort wurde 1992 der damals 34-jährige Aydin Y. wegen Mordes zu 17 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der Türke hatte seinen Freund Nevzat A., mit dem er einige Jahre in Hannover verbracht hatte, bestialisch ermordet. Er hatte sein Opfer in einem Hotelzimmer erdrosselt und ihm anschließend mit grobem Zwirn den Mund zugenäht. Eine beliebte Mafia-Strafe für Leute, die zu viel reden.

Zu Beginn des Prozesses sagte Aydin Y. aus, dass René Düe ihn mit dem Mord an seinem Kompagnon beauftragt hätte, um den Kumpel zum Schweigen zu bringen. Denn, so berichtet die Tageszeitung "Hürriyet", der Juwelier habe sie für den Raubüberfall auf sein Geschäft gedungen. Doch Düe habe dann nicht gezahlt, und da habe sein Kumpan den Mann aus Hannover hochgehen lassen wollen. Für den Mord sollte er 225 000 Mark bekommen.

Der Anwalt der Familie des Ermordeten, Aydin Cosar, erklärte, die deutschen Behörden hätten die Spur nicht verfolgen wollen, und für eine Anklage in Istanbul seien die Beweise zu dünn gewesen. Außerdem hatte der Mörder im Verlauf seines Prozesses jenen Teil der Aussage wieder zurückgenommen, der Düe belastete.

Juwelier Düe, der in wenigen Wochen im noblen Keitum auf Sylt unter dem Namen Dué mit Hilfe finanzstarker Freunde ein neues Schmuckatelier eröffnen will, bleibt aber bei seiner Version der Geschichte. Alles üble Verleumdungen, das Spinnennetz von "Monsieur". "Ich habe erst am Freitag nach dem Auftauchen des Schmucks davon erfahren und war überglücklich, dass der Fall nun endlich aufgeklärt und meine Unschuld bewiesen werden kann", sagte Düe.

Doch schon kurz darauf habe ihn wieder das alte Misstrauen überfallen, seien alte Ängste erwacht, klagt er. Steckt hinter dem Fund wieder das System von "Monsieur"? Eine neue Intrige? Oder, ein unglaublicher Verdacht, könnte gar sein alter Vater etwas mit dem Überfall auf ihn zu tun gehabt haben?

Aber das ist wohl wirklich ein unglaublicher Verdacht. ANDREAS ULRICH

* Am Ballhof in Hannover. * In Keitum auf Sylt.

DER SPIEGEL 26/2000
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