Von Dohmen, Frank und Kerbusk, Klaus-Peter
Der Auftritt in der Frankfurter Börse war so ganz nach dem Geschmack des Telekom-Chefs. Wochenlang hatte sich Ron Sommer über die düsteren Prognosen von Finanzexperten geärgert.
Eine "Zitterpartie", so argwöhnten sie, könne der vierte Börsengang der Telekom werden. Das Papier sei überbewertet, die Anleger nach den Kursstürzen der vergangenen Monate "extrem verunsichert".
Umso größer war Sommers Genugtuung, als er am vergangenen Montag in Frankfurt eine Erfolgsbilanz präsentieren konnte, die kaum jemand für möglich gehalten hatte: 200 Millionen Aktien zum Preis von je 130 Mark hatte die Telekom angeboten, gut 700 Millionen hätten die Anleger ihr abgenommen.
Dass Sommer mit seinem unumstrittenen Verkaufstalent Aktionäre begeistern und mitreißen kann, hat er in den vergangenen vier Jahren mehrfach unter Beweis gestellt. Der neue Run auf die T-Aktie jedoch ist mit rationalen Argumenten kaum noch zu erklären.
Nie zuvor klafften Unternehmensdaten und Börsenbewertung weiter auseinander, nie zuvor mussten die Anleger mehr Vertrauen in die visionären Versprechungen des Telekom-Chefs setzen.
Das Unternehmen steht vor einer tief greifenden Zäsur mit unüberschaubaren Folgen. Seit Monaten muss die Telekom in ihrem Kerngeschäft herbe Rückschläge hinnehmen. Viel schneller als erwartet schlug der Wettbewerb beim Telefonieren auf die Margen durch. Um die Kunden nicht scharenweise an die Konkurrenz zu verlieren, musste Sommer die Tarife drastisch senken. Die Folge: Die Gewinne sinken - und zwar dramatisch.
Nur durch Verkäufe von Teilen des TV-Kabelnetzes oder aus dem umfangreichen Immobilienbesitz kann das Ergebnis noch ausgeglichen werden. Und an dieser Entwicklung, befürchtet der neue Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, werde sich vorerst nichts ändern. "Der Verkauf von nicht mehr benötigten Unternehmensteilen in Milliardenhöhe", so Eick, "wird in den nächsten zwei bis drei Jahren zu einem festen Bestandteil der Ergebnisplanung." Dann jedoch, hoffen die Telekom-Lenker, werde der Konzern das Tal der Tränen durchschritten haben.
Konsequent hat Sommer auf die Einbrüche im Telefongeschäft reagiert und dem Konzern einen rigorosen Umbauplan verordnet. Neben dem Festnetzgeschäft, das allein in diesem Jahr mit Investitionen von rund zwei Milliarden Mark auf breitbandige Anschlüsse (T-DSL) zur schnellen Datenübertragung aufgerüstet wird, soll das Geschäft künftig auf drei weiteren Säulen basieren: den zukunftsträchtigen Bereichen Mobilfunk, Internet und Datenkommunikation.
Alle drei Sparten sollen durch Zukäufe zu globalen Spitzenreitern ausgebaut werden und die Verluste im Festnetz ausgleichen. Was nicht mehr ins neue Konzept passt, wird verkauft.
Auch die Funktionen des bislang achtköpfigen Vorstands sollen dem neuen Modell angepasst werden. Zwar werden Einzelheiten erst auf einer Klausurtagung in den nächsten Wochen beschlossen. Es gilt aber als sicher, dass eine Art Holding-Vorstand aufgebaut wird, in dem sich voraussichtlich auch ein neuer Vorstand um Inhalte für die verschiedenen Telekom-Dienste kümmern soll.
Geht Sommers Planung auf, steht der Telekom tatsächlich ein enormes Wachstum bevor. Denn kaum ein anderer Telefonkonzern hat sich ähnlich breit aufgestellt wie der Ex-Monopolist aus Bonn. Chris Gent beispielsweise konzentriert sich mit Vodafone allein auf den Bereich Mobilfunk, Steve Case mit AOL auf das Internet, IBM auf Datenlösungen, und selbst Telefonmultis wie Worldcom wollen mit Festnetztelefonie und Mobilfunk demnächst nur zwei Bereiche abdecken.
Voraussetzung für Sommers ehrgeizige Pläne ist jedoch, dass es ihm gelingt, das Unternehmen mit seinen vier Säulen auch international erfolgreich zu positionieren. Genau daran hapert es aber noch gewaltig.
Seit die geplante Fusion mit der Telecom Italia im vergangenen Jahr scheiterte und auch der internationale Brückenkopf Global One wegbrach, den die Deutschen zusammen mit der France Télécom und der US-Firma Sprint aufgebaut hatten, gerät Sommer mit seinen Auslandsplänen immer stärker unter Zugzwang.
Nicht einmal zehn Prozent des Umsatzes, musste sich der Telekom-Chef auf der letzten Hauptversammlung von aufgebrachten Aktionären vorwerfen lassen, erziele die Telekom im Ausland. Sommer, wetterte Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Hessen, habe sich als reiner "Ankündigungsweltmeister profiliert".
Ganz so untätig wie es den Aktionären scheint, waren Sommer und seine Mannen aber nicht. Und das nicht nur, weil mit den Börsengängen erst die notwendige Papier-Währung von rund 100 Milliarden Euro geschaffen wurde, um den teuren Auslandsfeldzug überhaupt zu finanzieren.
Nach dem Fiasko mit der französischen Allianz, in der sich Sommer und sein Pariser Kollege Michel Bon aufrieben, hat der Telekom-Chef strenge Regeln aufgestellt. "Eine Minderheitsbeteiligung oder ein Joint Venture, bei dem beide Partner gleich viel zu sagen haben", betont Auslandsvorstand Jeffrey Hedberg, "kommt für die Telekom erst gar nicht in Frage." In einem Konzern, so Hedberg, könne nur einer die Richtung angeben - und das soll natürlich die Telekom sein.
Auch eine Übernahme, bei der sich das Management mit hohen Abfindungen aus dem Staub macht, wie es etwa bei Mannesmann nach der Übernahme durch Vodafone geschah, kommt für die Telekom nicht in Frage. Die Lücken mit eigenen Managern zu besetzen oder neue Spitzenleute zu suchen sei viel zu langwierig und könne den Erfolg einer Übernahme komplett in Frage stellen, meint Hedberg.
Klar, dass die Partnersuche bei so strengen Vorgaben nicht einfacher geworden ist. Besonders in Europa, stöhnt ein Vorstand, sei die Situation "äußerst schwierig". Nicht selten scheitern selbst sinnvolle Bündnisse an nationalem Prestigegerangel.
Zum Beispiel hatten Sommers Manager wochenlang mit der spanischen Telefónica über eine Fusion verhandelt. Über alle grundsätzlichen Fragen, bestätigt ein Telekom-Manager, bestand Einigkeit. Doch der greifbar nahe Abschluss, der das weltweit wohl schlagkräftigste Telekommunikationsbündnis besiegelt hätte, scheiterte an der Standortfrage für die Firmenzentrale: Die Telekom lehnte Madrid ab, die Telefónica Bonn. Selbst dem von den Deutschen vorgeschlagenen Kompromiss, die Holding in Amsterdam anzusiedeln, wollte Telefónica-Chef Juan Villalonga nicht zustimmen.
Völlig umsonst, so ein Telekom-Manager, seien solche Verhandlungen trotzdem nicht: "Der Druck, sich zu schlagkräftigen Einheiten zusammenzuschließen, wächst täglich." Bei neuen Gesprächen in einigen Wochen oder Monaten könne dann zumindest auf bereits ausgehandelte Zwischenergebnisse zurückgegriffen werden.
So hat sich die Telekom beispielsweise bei der Telecom Italia eine Rückfallposition aufgebaut. Zwar würde eine Übernahme auch diesmal an nationalen Ressentiments scheitern, glaubt ein Telekom-Manager. Der Weg, beide Konzerne über die Gründung einer völlig neuen Gesellschaft zusammenzuführen, stehe aber offen.
Vorerst jedoch will sich die Telekom auf den Erwerb von UMTS-Lizenzen beispielsweise in Frankreich, der Schweiz oder Österreich konzentrieren. Über die begehrten Mobilfunkfrequenzen und den Aufbau eigener Netze soll der Einstieg in die Auslandsmärkte gelingen.
Die immer wieder unterstellten Gespräche mit der britischen Telefongesellschaft BT, so ein Telekom-Vorstand, gebe es dagegen "definitiv nicht". Interessanter sei da schon BT-Konkurrent Cable & Wireless. Dort sind die Führungsstrukturen zurzeit allerdings so unklar, dass sich Gespräche äußerst zäh entwickeln.
Das Hauptaugenmerk für größere Investitionen liegt deshalb jetzt - wieder einmal - auf dem US-Markt. "Dort", so ein Telekom-Vorstand, "haben wir vier bis fünf aussichtsreiche Bälle in der Luft." Interesse hat die Telekom beispielsweise an dem größten regionalen US-Telefonanbieter Bell Atlantic/GTE. Mit dem erst kürzlich fusionierten Unternehmen, das über rund 63 Millionen Festnetzanschlüsse und 25 Millionen Handy-Kunden verfügt, wäre ein idealer Einstieg auf dem US-Markt möglich. Aber auch die abgebrochenen Verhandlungen mit der US-Gesellschaft Qwest könnten wieder belebt werden.
Ob solche großen Fusionen in den nächsten Wochen tatsächlich abgeschlossen werden, ist ungewiss. "Wir lassen uns", hat Sommer seinen Mitarbeitern erst vor wenigen Tagen eingebläut, "keinesfalls unter Druck setzen." Nur wenn sich eine wirklich gute Chance ergebe, werde die Telekom zum großen Schlag ausholen.
Bis dahin will der Telefonmulti seine vier Säulen mit kleinen, aber feinen Zukäufen verstärken. Schon in den nächsten ein bis zwei Wochen soll ein solches Geschäft abgeschlossen werden. Bis dahin nämlich will die Telekom den größten englischen Internet-Anbieter Freeserve übernehmen.
"Der riesige Coup", so ein Telekom-Manager, sei das noch nicht. Die internationale Position der Internet-Tochter T-Online werde dadurch aber erheblich gestärkt. FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK
DER SPIEGEL 26/2000
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