26.06.2000

SPRACHEÜberall Fliegendreck

Wie ein Virus, warnen Wissenschaftler, grassiert in Deutschland eine neue Unsitte: Pluralbildung mit Apostroph. Pessimisten fürchten, dass bald das neue Dummdeutsch dudenreif ist.
Sagt man nun Balkons oder Balkone? Pizzas oder Pizzen? Parke oder Parks? Taxis oder Taxen? "Die Pluralbildung im Deutschen", doziert die Potsdamer Linguistin Heide Wegener, "ist nicht chaotisch, aber komplex."
Warum heißt die Mehrzahl von Buch zwar Bücher, von Hund aber keineswegs Hünder? Ganz einfach: "Auf Grund der lautgesetzlichen Auslautverhärtung führt bei Simplizia, die auf einen Obstruenten auslauten, die native Pluralbildung zur Sonorisierung des Konsonanten", erläutert die Professorin.
Als wäre das alles nicht komplex genug, hat der deutsche Volksmund sich daran gemacht, eine bislang völlig unbekannte weitere Pluralform zu bilden.
Landauf, landab verunzieren Wörter wie "CD''s" und "Croque''s", "Kamera''s" und "Souvenir''s", "Autoradio''s" und sogar "Gyro''s" immer häufiger Anzeigen und Auslagen, Werbezettel und Fassaden von Bistros und Shops (die konsequenterweise Bistro''s und Shop''s heißen müssten).
Anfangs schien die Sprachseuche nur im Osten zu grassieren. Vor drei Jahren schlug die "Berliner Morgenpost" Alarm, es gebe in der Hauptstadt "keine Geschäftsstraße" mehr, die nicht mit Schöpfungen wie "T-Shirt''s" oder "Steak''s" dem falschen Apostroph fröne. Wenig später diagnostizierte die "Süddeutsche Zeitung", die Apostrophitis rase "wie die Schwarzen Blattern" durch die alten Länder. Mittlerweile scheint Deutschland flächendeckend infiziert, ohne Ausnahme.
Ob ein Bäcker im badischen Weinheim "Snack''s" offeriert, ein Erlanger Marktbeschicker "Bonbon''s" oder ein Hamburger Kaufmann "Handy''s" - allerorten schiebt sich das bazillenförmige Häkchen zwischen Wortstamm und -endung. "Überall schmeißen sie jetzt so einen Fliegendreck hin", wendet sich die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache angewidert ab.
Die Pluralverhunzung ist bereits die zweite Apostrophen-Katastrophe, die Deutschlands Linguisten erschüttert. Das erste Beben war unmittelbar nach der Wiedervereinigung ausgebrochen, als, in Überanpassung an die Fast-Food-Sprache des Westens, im Osten jeder Jungunternehmer seinen neuen Imbiss "Dora''s Wurstexpress" oder "Waldemar''s Grillcorner" nannte - obwohl der Duden schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zweifelsfrei verfügte: kein Apostroph vor dem Genitiv-S von Eigennamen.
Nach der Wende entsetzte sich die "Zeit" über die "konsequente, ja absolut vollständige Negierung des deutschen Genitivs" in den fünf neuen Ländern. Das Satire-Blatt "Titanic" veröffentlichte Frontberichte aus den "fünf Neuen Apostroph-Missbrauchsgebieten". Doch bald schon zeigte sich, dass der (angel-)sächsische Genitiv von den Sprachpflegern trotz aller Mühen "nicht zu stoppen" war, wie 1998 die Deutsche Presseagentur meldete.
Die Rechtschreib-Wächter gaben schließlich klein bei. Zur Kennzeichnung des Genitivs von Namen, heißt es mittlerweile in der "Amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung", abgedruckt im neuen Duden, werde "gelegentlich" ein Apostroph gesetzt, "um die Grundform eines Personennamens" zu verdeutlichen - offizielles Musterbeispiel: "Andrea''s Blumenecke".
Nach dem stillen Rückzug der Sprachpäpste maulte der eine oder andere Feuilletonist noch über "Duden''s neues Regelwerk" ("FAZ"), das "Ossi''s Dummdeutsch offiziell abgesegnet" habe (Zürichs "Tages-Anzeiger"). Mittlerweile scheint der Genitiv-Apostroph endgültig eingebürgert - zum Verdruss von Sprachkritikern, die sich nicht damit abfinden mögen, dass die "Flut der Amerikanismen" im Deutschen "angeschwollen ist wie noch nie", so der Publizist und "Kursbuch"-Herausgeber Karl Markus Michel, und dass "pseudoweltläufiges Neusprech sich überall durchsetzt", so der Dortmunder Professor Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache und Autor einer einschlägigen Streitschrift*.
Dabei handelt es sich bei dem zugewanderten Gastronomie-Genitiv nach Art von McDonald''s immerhin noch um einen echten Anglizismus - im Gegensatz zum Apostroph-s-Plural: Der ist weder in England noch in den USA erlaubt, sondern schlicht dämlich. Dennoch fürchten Pessimisten, dass auch der Deppen-Plural bald schon dudenreif sein könnte - wenn er nur, im Gefolge des legalisierten Genitiv-Häkchens, massenhaft Verbreitung findet.
Damit aber muss gerechnet werden. Am leichtesten lässt sich der Vormarsch des falschen Plurals derzeit im Internet verfolgen. Die Suchmaschine AltaVista.de beispielsweise meldete vergangene Woche, dass allein die Fehlbildungen "Info''s" und "Link''s" mittlerweile auf rund 40 000 beziehungsweise 10 000 deutschsprachigen Homepages vertreten sind.
Im Web allerdings formiert sich seit einiger Zeit Widerstand gegen die Invasion der Apostrophe. Ein sprachkundiger Eleve des Emil-von-Behring-Gymnasiums im bayerischen Spardorf, den "geradezu körperlicher Schmerz" bei der Lektüre von Wörtern wie "Tee''s" und "CD''s" befällt, rief in der Online-Schülerzeitung "diebombe.de" zum "Apostrophozid" per Edding-Stift auf: "Alle nichtexistenzberechtigten Apostrophe müssen aus dem öffentlichen Leben verschwinden!"
Ein Web-Dienstleistungsunternehmen namens www.korrekturen.de hat es zwar aufgegeben, den schier allgegenwärtigen Genitiv-Apostroph-Missbrauch anzuprangern: "Wollten wir hier alle Beispiele zitieren", schreiben die Korrektoren, "wäre der Speicherplatz unseres Servers schnell erschöpft." Umso mehr aber wollen sich die Sprachpfleger auf die "neue Tendenz" konzentrieren, "jetzt auch in Pluralformen einen markanten Apostroph zu setzen".
Front gegen diesen Trend macht seit einiger Zeit der Hamburger Computerexperte und Sprachpurist Philipp Oelwein ("mit oe wie Goethe"): In seiner "Apostroph-Gruselgalerie" im Internet (www.oelwein.de/philipp/linguistik/grusel. htlm) hat der 31-jährige Diplomphysiker besonders gräusliche Beispiele gesammelt - etwa aus der Computerbranche ("New''s of Electronic").
Sein Göttinger Mitstreiter Daniel Fuchs (http://members.aol.com/apostrophs) betreibt eine ähnliche Website mit Fundsachen wie "Pulli''s, Short''s, Top''s". Dem Sohn einer Sprachwissenschaftlerin war zumindest ein schöner Erfolg beschieden: Nachdem er den Knabberzeug-Hersteller Chio wegen eines Mais-Snacks namens "Tortilla''s" an den virtuellen Pranger gestellt hatte, taufte die Firma das Produkt in "Tortillas" um.
Dennoch sieht der 34-Jährige keinen Grund zum Optimismus, "denn es grassiert wie verrückt, es breitet sich aus". Neuester Trend: Nachdem der falsche Apostroph den Genitiv bereits gemeuchelt und den Plural verstümmelt hat, befällt er jetzt alle übrigen Wörter, die auf s enden.
In Göttingen entdeckte Fuchs die Mitteilung "Sonntag''s Brötchen", in Berlin-Marzahn fotografierte ein Freund ein Schild "Freitag''s Singelparty". In Nürnberg führt ein Laden "Spielzeug von Damal''s". Einen weiteren schweren Fall von Apostroph-Abusus meldete ein Verbündeter von der deutschen Nordseeküste: Dort gibt''s neuerdings "Matje''s und Seelach''s".
Das Nonplusultra aber entdeckten Mitstreiter in der Bettenabteilung eines Kasseler Kaufhauses: "Matratze''n."
JOCHEN BÖLSCHE
* Walter Krämer: "Modern Talking auf deutsch". Piper Verlag, München; 262 Seiten; 29,80 Mark.
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 26/2000
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