03.07.2000

ZEITGESCHICHTEDer seltsame Professor

Der Alt-Nazi Theodor Oberländer war der umstrittenste Minister der Adenauer-Ära. Ein DDR-Gericht verurteilte ihn wegen „fortgesetzt begangenen Mordes“ in der Ukraine. Nun hat ein junger Historiker Oberländers Privatarchiv ausgewertet - und be- und entlastet ihn zugleich.
Im Oktober 1941 traf beim Generalstab der Heeresgruppe Süd ein Schreiben ein, in dem ein Wehrmachtsoffizier ziemlich mutig gegen den Terror hinter der Ostfront protestierte. Die Deutschen, so war darin zu lesen, würden gegenüber den Ukrainern "eine innere Abneigung, ja einen Hass" zeigen. Wer aber durch "Misshandlung der Bevölkerung das deutsche Ansehen" schädige, müsse "streng bestraft" werden.
Was trieb ihn? Handelte es sich um einen Gegner der Nazi-Barbarei aus humanitärer Gesinnung, um einen Offizier aus dem Widerstand?
Der couragierte Soldat war keineswegs ein Gegner Hitlers; er hieß Theodor Oberländer und galt als alter Nazi und Antisemit. Er war der umstrittenste Minister in der Regierung Adenauer, ein besonders lebhaftes Beispiel für die Kontinuität der Funktionselite zwischen dem Dritten Reich und der Nachkriegsrepublik. Neben Kanzleramtschef Hans Globke, dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, war er die Symbolfigur für die Ewiggestrigen, die Adenauer beim Aufbau der Bundesrepublik für unentbehrlich hielt.
Überlebende des Holocaust warfen Oberländer vor, für Pogrome im galizischen Lemberg 1941 die Verantwortung zu tragen. In einer ihrer größten Kampagnen prangerten die DDR-Medien den westdeutschen Minister an. Ost-Berlin machte ihm in Abwesenheit den Prozess wegen "fortgesetzt begangenen Mordes" und "fortgesetzter Anstiftung zum Mord" und verurteilte ihn zu lebenslangem Zuchthaus. 1960 musste er als Adenauers Minister zurücktreten.
Oberländer wollte über seine merkwürdige doppelte Vergangenheit eigentlich nicht mehr Auskunft geben, als ihn 1995, drei Jahre vor seinem Tod, ein Doktorand der Geschichte anrief. Er hieß Philipp-Christian Wachs und erweckte das Vertrauen des alten Mannes. Daraus entstand eine Biografie, die dem Mann gerecht wird, ohne ihn harmloser erscheinen zu lassen, als er war*.
Der junge Oberländer gehörte der bündischen Jugend an, die nach dem Ersten Weltkrieg großen Zulauf hatte. Bei einer Wehrsportübung in Forstenried bei München unternahmen einige der 18- bis 20-Jährigen einen Abstecher in die Stadt an der Isar. Dort hatte Adolf Hitler gemeinsam mit General Erich Ludendorff die "Nationale Revolution" ausgerufen. Oberländer und seine Freunde marschierten mit den Nazis am 9. November 1923 zur Feldherrnhalle. Die Polizei schlug den Putsch nieder. Oberländer musste einige Tage ins Gefängnis und galt fortan als Nazi der ersten Stunde. Es dauerte aber mehr als neun Jahre, bis er im Mai 1933 in die NSDAP eintrat.
Theodor Oberländer stand zu diesem Zeitpunkt vor einer glänzenden akademischen Karriere. Der Agrarökonom hatte gleich zweimal promoviert. Im März 1933 wurde der aufstrebende Nachwuchswissenschaftler zum kommissarischen Leiter des Instituts für Osteuropäische Wirtschaft in Königsberg ernannt. Da war es hilfreich, Parteigenosse zu werden.
Oberländer beriet Ostpreußens Gauleiter Erich Koch und leitete den "Bund deutscher Osten", der die Einwanderung von Polen in den Grenzgebieten zu verhindern suchte. Unter Historikern ist umstritten, ob Oberländer zu den Vordenkern der Vernichtung zählt.
Er orientierte sich an den Forschungen des Ökonomen Paul Mombert, der behauptete, es lasse sich - bezogen auf die Wirtschaftskraft eines Landes - ein Bevölkerungsoptimum errechnen. Oberländer übertrug die Mombertsche Formel auf Osteuropa und kalkulierte allein für Polen eine "agrarische Überbevölkerung" von mehreren Millionen Men-
schen. Doch weder Mombert noch Oberländer dachten an
die Vernichtung der Menschen,
die bei den Berechnungen überflüssig erschienen. Mombert stammte aus einer jüdischen Familie und starb 1938 an den Folgen der Gestapo-Haft.
Oberländer wollte, wie Wachs zeigt, die Überbevölkerung auf dem Lande durch "Abwanderung in die Industrie" abbauen. Er schrieb damals in Fachzeitschriften Sätze wie diese: "Die Eindeutschung der Ostgebiete muss in jedem Fall eine restlose sein. Solche Maßnahmen vollständiger Aus- und Umsiedlung mögen für die Betroffenen hart erscheinen ... aber einmalige Härte ist besser als ein durch Generationen währender Kampf." Kurz vor Kriegsausbruch fiel der Wahlostpreuße Oberländer bei den Parteigenossen in Königsberg in Ungnade. Der Professor mit dem akkuraten Seitenscheitel und den glatten Zügen überwarf sich mit Gauleiter Koch, einem Eisenbahner aus Wuppertal.
Oberländer musste sich einen neuen Protektor suchen - und fand ihn in Admiral Wilhelm Canaris. Aus dem Volkstumsideologen wurde ein Geheimdienstmann.
Canaris war Chef der Abwehr, der Auslandsspionage der Wehrmacht. Ihm fehlten Ostexperten, und Oberländer galt als "Bolschewisten-Professor", weil er mehrmals durch die Sowjetunion gereist war. Der Admiral wollte den notorischen Antikommunismus der Ukrainer nutzen, die unter Stalins Kollektivierung der Landwirtschaft furchtbar gelitten hatten. Oberländer bekam die Aufgabe, Exilukrainer für Sabotage- und Spionagekommandos auszubilden.
Am Angriff auf die Sowjetunion nahm Oberländer mit seinem Bataillon "Nachtigall" aus 300 Ukrainern und 100 Deutschen teil, das "mit jedem Kosakenchor mithalten konnte", wie er sagte, und erreichte am 30. Juni 1941 Lemberg. Die Hauptstadt Galiziens war mit Flüchtlingen, vor allem Juden, überfüllt; dort tobte ein Pogrom.
Die sowjetische Geheimpolizei NKWD hatte gut 5000 Gefangene, vor allem ukrainische Nationalisten, erschlagen und erschossen, ehe sie sich zurückziehen musste. Kaum war die Rote Armee geflohen, machten Ukrainer die Juden in der Stadt für die Morde des NKWD verantwortlich und fielen über sie her. Die SS stachelte den Mob an, auch deutsche Landser mischten beim Gemetzel mit. Oberländers Gegner behaupteten später, Ukrainer aus dem Bataillon Nachtigall hätten, von ihm angestiftet, ebenfalls mitgemordet.
Einige Ukrainer nahmen tatsächlich am Massaker teil, wie Zeugen glaubwürdig berichten. Nur, ein Befehl Oberländers ist nicht belegt. Die Mörder wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
Oberländers ehrenwertere Zeit begann im Spätsommer 1941. Hitler verlor nach seinen Siegen an der Ostfront das Interesse an den Exilukrainern. Der Professor erhielt nun den Auftrag, Kaukasier auszubilden. Auf einem Truppenübungsplatz nahe Mittenwald ließ er einen bunten Haufen antreten: Aserbaidschaner, Georgier, dunkelhäutige Nordkaukasier. Sie sollten im Kaukasus nächtens hinter den Linien abspringen, um die einheimische Bevölkerung gegen die Sowjets aufzustacheln.
Im August 1942 zog der "Sonderverband Bergmann" los und kam fast bis nach Grosny. Was Oberländer an deutschen Gräueltaten sah, ließ ihn mehrere Protestdenkschriften an seine Vorgesetzten verfassen.
Besonders setzte er sich für Ukrainer und Russen ein. "Auch der letzte russische Proletarier und Kolchosbauer", so schrieb Oberländer 1943, dürfe "nicht ein auf Rechtlosigkeit, Missachtung und damit auf Misstrauen beruhendes Helotendasein" führen. Die Osteuropäer sollten schließlich nicht von "bolschewistischer Tyrannei in deutsche Versklavung" fallen. Am 11. November 1943 wurde Oberländer aus der Wehrmacht entlassen - wegen "politischer Betätigung".
Fortan stand der Abwehroffizier unter Beobachtung. Die entsprechenden Unterlagen fand die Historikerin Alena Misková im vorigen Jahr in Prag, wo Oberländer nach seiner Entlassung forschte und lehrte. Der Sicherheitsdienst der SS warf ihm vor, er habe sich "aus seinen bündisch-liberalistischen Gedankengängen bis heute noch nicht gelöst" und mokiere sich über die Rassenlehre. Es war von KZ-Haft und Strafeinsatz in einem Rüstungsbetrieb die Rede. Am Ende erhielt Oberländer ein Aufenthaltsgebot für Prag und musste sich jeder politischen Betätigung enthalten.
Als das Dritte Reich in Trümmern lag, bot Oberländer, der Volkstumsideologe und Canaris-Mann, seine Dienste den Westalliierten an. Bis heute ist seine Personalakte in Washington weitgehend gesperrt. Aus dem freigegebenen Teil geht hervor, dass er für die US-Geheimdienste bis 1949 Nachrichten aus Osteuropa auswertete. Die U. S. Army revanchierte sich und half Oberländer bei der Entnazifizierung; er wurde als "entlastet" eingestuft.
Doch so ganz haben die Amerikaner Oberländer nicht getraut. Bis mindestens 1954, Oberländer war schon ein Jahr lang Vertriebenenminister in Bonn, öffneten sie seine Post und hörten sein Telefon ab.
Die SED wollte am Ende der fünfziger Jahre, wie es in einer Politbürovorlage hieß, mit der Oberländer-Kampagne die "Wesensgleichheit des Bonner Systems mit dem Hitlerfaschismus beweisen". Um ihn zu beschuldigen, begnadigte die Kreml-Führung Überlebende des Kaukasier-Verbandes, die im Gulag saßen. Renommierte Antifaschisten wie die Schriftsteller Arnold Zweig und Ludwig Renn halfen als nützliche Poeten bei der Kampagne.
1960 wurde Oberländer in Ost-Berlin der Prozess gemacht. In der Gauck-Behörde liegen ein gutes Dutzend Aktenordner, die belegen, wie Zeugenaussagen gefälscht, Verteidigerrechte beschnitten, Weggefährten Oberländers unter Druck gesetzt wurden.
Adenauer weigerte sich zunächst, "einem Mann den Kopf abzuschlagen, nur weil die SED es will". Vor dem Bundesverwaltungsgericht beantragte die Bundesregierung auf Oberländers Drängen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) als kommunistisch gesteuert zu verbieten; die VVN hatte die SED-Kampagne mitgetragen. Ein junger FDJ-Funktionär musste für zwei Monate hinter Gitter, weil er in West-Berlin Plakate geklebt hatte, die Oberländer als Nazi zeigten.
Eine internationale Kommission nahm sich der SED-Vorwürfe an; im Archiv liegen die Quittungen für die öffentlichen Gelder, mit denen Oberländer die Kommission finanzierte. Als die Bonner Staatsanwaltschaft über das Lemberger Pogrom ermittelte, sprachen die Veteranen ihre Zeugenaussagen untereinander ab.
Am 3. Mai 1960 trat der Minister zurück. Den wohlwollendsten politischen Nachruf sprach der alte, kalte Menschenkenner Adenauer: Oberländer sei "einer von den Anständigeren, nicht von den Anständigen" gewesen. KLAUS WIEGREFE
* Philipp-Christian Wachs: "Der Fall Theodor Oberländer (1905 bis 1998)". Campus Verlag, Frankfurt am Main; 533 Seiten; 78 Mark.
Von Wiegrefe, Klaus

DER SPIEGEL 27/2000
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