03.07.2000

„Er machte alle kalt“

Der Pitbull, der den kleinen Volkan umbrachte, war ein Star der kriminellen Szene von Hamburg-Wilhelmsburg. Senioren und Kinder lebten in ständiger Angst.
Sind alle hysterisch geworden in diesem Land? Wie kann sich irgendjemand darüber wundern, dass der Pitbull Zeus den kleinen Volkan anfiel und zerfetzte? Das musste Zeus doch machen. Hat doch nur sein Revier verteidigt, das arme Tier.
So reden die Herrchen der Kampfhunde von Hamburg-Wilhelmsburg, die sich spät am Abend in der Kneipe "1001 Nacht" treffen. Dann rufen sie nach Bier, greifen unter den Tisch, um ihre lebendigen Waffen zu tätscheln, und sagen: "Warum musste der Junge ausgerechnet auf der Wiese neben der Turnhalle spielen?"
Weil diese Wiese Teil des Geländes der Grund- und Hauptschule Buddestraße ist. Weil der sechsjährige Volkan dachte, er sei hier sicher. Volkan und seine Kameraden aus der Vorschulklasse hatten keine Ahnung, dass diese Wiese aus der Perspektive des Pitbulls heimisches Territorium war, das es zu schützen galt.
Jeden Abend trainierte Ibrahim K., 23, seinen Zeus hier. "Training" hieß, dass Ibrahim der Kommandant war und der Hund sein GI. GIs, so ist das im Kino, dürfen getreten werden und sind dankbar dafür, weil sie erst durch Tritte gut werden. "Nur die Besten überleben den Krieg", sagte Ibrahim seinen Freunden.
Darum trug der Hund beim Training einen Autoreifen um den Hals, und an dem Reifen hing eine Eisenkette, und am anderen Ende der Kette saß Ibrahim auf einem Motorroller und bremste. Der Hund musste Bäume hochklettern, die keine Äste mehr hatten. Er biss Bretter durch und die Hartgummisitze von Schaukeln, die zwei Meter über dem Boden baumelten. Und zum Schluss rannte er auf der runden Scheibe eines Spielplatzkarussells wie ein Hamster im Laufrad.
War er gut, gab es schwierigere Aufgaben. War er schlecht, gab es Tritte. Was es immer gab, waren Anabolika, denn nur gedopte Kampfhunde sind konkurrenzfähig. Am Ende war Zeus ein Monster, 40 Kilogramm schwer, und Ibrahims Clique nannte diesen Piranha auf Beinen "König von Hamburg".
Hunde sind erstklassige Stellvertreter. Man muss nichts leisten, man lässt leisten - und wer den König von Hamburg befehligt, wird ein Star seiner Szene. Ibrahim, so sehen es die Jungs aus dem Viertel, hat einen Weg gefunden, selbst in Wilhelmsburg eine Art Karriere zu machen.
Wilhelmsburg ist die Bronx des Nordens. Die Geschichte des Ghettos begann 1962, als die große Flut hier 207 Menschen tötete. Damals zogen eine Menge Wilhelmsburger weg, und in ihre verfallenen Häuser wurden Gastarbeiter gesteckt. Als neue Gastarbeiter kamen, wurden die Betontürme gebaut.
Und heute leben 46 000 Menschen im Hinterhof der Hansestadt; sie leben zwischen Industriegebieten, dioxinverseuchten Müllbergen und Autobahnen; sie leben in Hochhäusern ohne Hoffnung, da das Klima von Wilhelmsburg jeden kleinkriegt.
Nichts geschieht, wenn dieser Typ mit dem weißen VW-Bus in der Buddestraße parkt, die Schule betritt und die Mädchen anfasst. Alle wissen, an welchem Schuleingang die Dealer hocken - nichts geschieht. "Jeder Tag ist ein Glückstag, an dem meine Tochter heil nach Hause kommt", sagt Emine Çetinbas, Mutter der achtjährigen Duygu. "Ich habe immer Angst vor irgendetwas", sagt Duygu.
Im Viertel rund um die Schule ist natürlich auch das so genannte Abziehen beliebt. Wer eine schicke Jacke trägt, muss damit rechnen, Opfer einer Bande zu werden - es sei denn, er hat einen Kampfhund. Wer den stärksten Kampfhund hat, gewinnt, und darum war Ibrahim K. ein Pate seines Wohnblocks.
Dessen Familie stammt aus Ordu am Schwarzen Meer. Vor über 20 Jahren kamen die Eltern nach Wilhelmsburg. Sie haben türkische Freunde, reisen nach Mekka, beten viel. Seine Brüder machten das mit, doch Ibrahim weigerte sich.
Er wollte kein Moslem sein, und er hasste dieses kleine, miese Leben der Menschen von Wilhelmsburg.
In Mölln ging Ibrahim in die Lehre, aber er brach im dritten Jahr ab; wer wird schon freiwillig Autolackierer? Bis er 18 war, wohnte er bei seinen Eltern, aber es gab viel Gebrüll, und dann warf der Vater ihn raus. Das sei die simple, türkische Art der Erziehung, sagen Türken wie Mehmet Zoroglu, der den Kiosk neben der Schule führt: "Einfach wegstoßen und sagen: Der gehört nicht mehr zu uns."
Ibrahim kaufte sich den Pitbull Zeus, weil dessen Vater Jason der wildeste Killer der Stadt war - bis er eingeschläfert werden musste. Ibrahim zog mit seiner Freundin Silja in dieses Loch in der Buddestraße, das neben der Schule liegt. Hier begann sein gesellschaftlicher Aufstieg.
Viele der Jungs von Wilhelmsburg wetteten auf Zeus. Wenn Ibrahim und die Zuhälter von der Reeperbahn wieder einen Kampf verabredet hatten, draußen an der Elbe, dann gaben die Jungs aus dem Viertel ihrem Idol 100 oder 200 Mark in die Hand. Das war eine sichere Anlage. Denn Zeus wurde vor dem Kampf ein paar Tage ohne Futter im dunklen Keller eingesperrt und war ziemlich aggressiv. Zeus war "der Schönste, der Prächtigste und machte alle kalt", sagt einer der Jungs, der sich "P.G." nennt. Bis zu 6000 Mark seien pro Kampf umgesetzt worden, und das machte Ibrahim für Wilhelmsburger Verhältnisse wohlhabend.
Darum trat Zeus im Videoclip der Jugend-Band Die wahren Bosse auf, ein paar Sekunden lang nur, aber ein paar Sekunden Fernsehen sind sehr viel Ruhm in der Welt der Halbstarken. Das Geschäft kam in Gang.
Wer in Wilhelmsburg einen Kampfhund kaufen will, muss etwa 500 Mark zahlen, ohne Papiere. Wer Welpen vom König von Hamburg wollte, zahlte 2000 Mark. Da Zeus ein wackerer Zuchtbulle war, hatte Ibrahim bald mehr Geld als je zuvor und allemal genug für Haschisch und die Blättchen, die er am Kiosk neben der Schule kaufte.
"Warum leinst du deinen Hund nicht an?", fragte Verkäufer Mehmet Zoroglu.
"Ey, wenn du etwas gegen Zeus hast, kaufe ich woanders ein", sagte der Kommandant des Königs von Hamburg.
Insgesamt 18 Ermittlungsverfahren und Verurteilungen sind in der Akte Ibrahim K. verzeichnet, und das hätte eigentlich reichen müssen, um Hund und Herrchen zu trennen. Allein im April hatte Zeus drei Hunde angefallen und verletzt. Pitbulls wie Zeus seien "zu Kampfmaschinen" ohne Beißhemmung gezüchtet worden, sagt die Hundetrainerin Hiltrud Remstedt.
Aber die beiden waren weiterhin täglich auf der Straße, und deshalb flohen die Senioren, die zum "Altentreff" wollten, auf die andere Straßenseite; Leine oder Maulkorb hatte Ibrahim nie dabei.
Es ist grotesk, wenn Beamte sagen, sie hätten vorher nichts tun können. Ihr Argument, alle Bescheide seien zurückgekommen, weil Ibrahim nicht ordnungsgemäß gemeldet gewesen sei, ist ungefähr so logisch wie eine Einstellung jeglicher Verbrechensbekämpfung mit der Begründung, dass die gemeinen Verbrecher sich ja verstecken. Wer in Wilhelmsburg nach Ibrahim K. fragt, kennt seine Adresse innerhalb von fünf Minuten.
"Die Wahrheit ist", sagt der Wilhelmsburger Familienvater Svat Atís, "dass sich bis genau 11.42 Uhr am vergangenen Montag niemand kümmern wollte."
KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 27/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Er machte alle kalt“

  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen
  • Bastler-Tuning auf russisch: Das rollende Auto
  • "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera