03.07.2000

FRANKREICHKäse statt Hamburger

Nationalheld vor Gericht: Ein Bauer organisiert den Kampf gegen die Globalisierung.
Ganz Gallien ist von den Legionen des amerikanischen Imperialismus besetzt. Überall haben sie ihre rotgelben Standarten mit dem arkadenförmig geschwungenen M aufgepflanzt. Millionenfach erliegt die Jugend ihrem Bann.
Ganz Gallien? Nein, ein kleines Dorf unverzagter Schafzüchter auf der karstigen, von tiefen Schluchten durchzogenen Hochebene des Larzac an den südlichen Ausläufern des Zentralmassivs leistet der Invasion Widerstand. An ihrer Spitze ein verschmitztes Männlein, das mit seinen blauen Augen, den Lachfältchen und dem rötlich blonden Schnauzbart aussieht wie der leibhaftige Asterix: José Bové, 47, der Fluch von McDonald's und der Heerführer aller Globalisierungsgegner.
Frankreich hat einen neuen Nationalhelden. Vor knapp einem Jahr machte ein Bild den bis dahin unbekannten Bauern und Berufsprotestierer schlagartig berühmt. Am 12. August hatte Bové an der Spitze einer ausgelassenen Menge im Städtchen Millau eine neue McDonald's-Filiale, die sich noch im Bau befand, symbolisch "demontiert".
Die Landwirte der Region, die Schafsmilch für den Roquefort liefern, ärgerten sich über amerikanische Strafzölle gegen ihren Käse, die das Kilo in Washington von 30 auf 60 Dollar verteuerten. Bové wurde als Rädelsführer festgenommen. Breit lachend reckte er die Arme in die Kameras, die geballten Fäuste in Handschellen.
Seitdem führt Bové, eine Mischung aus Till Eulenspiegel und Thomas Müntzer, mit seiner kleinen Bauerngewerkschaft Confédération paysanne einen Guerrillakrieg - gegen den Siegeszug des globalen Liberalismus, den ungehemmten Welthandel, die industrielle Massenerzeugung von Nahrungsmitteln, vor allem aber gegen die "malbouffe", den Drecksfraß, den für ihn McDonald's mit seiner genormten Verköstigung im planetarischen Maßstab repräsentiert.
Nun musste er sich in Millau wegen gemeinschaftlich begangener Sachbeschädigung mit neun anderen Bauern vor Gericht verantworten, und er verwandelte seinen Prozess am Wochenende in ein großes Volksfest gegen die Globalisierung, eine Reprise von Seattle, wo Zehntausende im vergangenen November - der perfekt Englisch sprechende Bové natürlich mittendrin - die Konferenz der Welthandelsorganisation lahm gelegt hatten.
Müsste er ins Gefängnis, hatte der anarchistische Bauernführer schon vor der Gerichtsverhandlung gedroht, könnte es einen Aufstand geben, mit "unerwarteten und gefährlichen Folgen" für den französischen Staat.
Ein Heuwagen karrte die Delinquenten unter dem Jubel der Menge - die Zahl der Demonstranten übertraf die der Einwohner von Millau (22 000) nahezu - vor das Justizgebäude. Auf fünf Foren wurden in den Straßen der Stadt am Tarn die Missetaten der Globalisierung diskutiert; zu den Teilnehmern gehörten intellektuelle Stars der Nation wie der Soziologe Pierre Bourdieu.
Asterix Bové gegen die gesichtslose World Company: Bei aller Folklore geht es in Millau doch um mehr als die bloße Verteidigung französischer Spezialitäten vor universaler Geschmacksnivellierung. Bové, der mit seiner Schafsmilch nicht viel mehr als 2000 Mark im Monat verdient, ist kein Nostalgiker des einfachen Lebens auf dem Land, sondern die späte Fortsetzung der 68er Bewegung.
Als Philosophiestudent in Bordeaux, der sich lieber mit Bakunin und Proudhon als mit Karl Marx beschäftigte, begann er seine Protestkarriere, indem er den Wehrdienst verweigerte. Auf der Flucht vor den Gendarmen verdingte er sich bei Bauern in den Pyrenäen. 1973 zog es ihn ins Larzac, wo Schafzüchter sich gegen ein militärisches Übungsgelände wehrten.
Mit seiner Frau Alice bezog der städtische Intellektuelle Bové einen verlassenen Hof des Weilers Montredon, ohne Zugangsstraße, ohne fließendes Wasser, Strom und Telefon. Nachts studierte er im Schein der Petroleumlampe die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und der Bauernrevolten. Doch anders als die Marxisten unter den 68ern suchte der Anarchosyndikalist Bové nicht die Eroberung der Macht, sondern den Widerstand, die Schaffung kleiner, dezentraler "Gegenmächte".
Deshalb bekämpft er Gigantismus in jeder Form - die Multis, die Agrarindustrie und die Welthandelsorganisation. "Die Erde ist keine Handelsware", lautet sein Slogan gegen die "planetarische Diktatur der geldsaugenden Vampire".
Für Bové stellt die "malbouffe" mit ihrer Massenproduktion, ihren Hormonen, Pestiziden und genetisch veränderten Pflanzen die zeitgenössische Fratze des Kapitalismus dar. Die Mobilisierung dagegen ist deshalb eine moderne, erfolgversprechende Neuauflage des Klassenkampfes.
In Millau gab sich der Feind am Wochenende schon geschlagen. McDonald's hatte während des Prozesses geschlossen, 15 Polizeiwagen mussten eine schützende Sperre vor dem Lokal bilden. ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 27/2000
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