10.07.2000

ARCHIKTEKTEN

Der friedliche Frechdachs

Von Beyer, Susanne

Einer der wichtigsten Architekturtheoretiker der Gegenwart, Vittorio Magnano Lampugnani, baut jetzt selbst. Doch der thesenfreudige Debattenlöwe erweist sich als zahmer Baumeister.

Es war gewagt. Leicht hätte er, der bedeutendste deutschsprachige Literaturkritiker, seinen Ruf verspielen können. Nachdem Marcel Reich-Ranicki über Jahrzehnte mit gefürchtetem Temperament letzte Urteile über Autoren und ihre Werke gesprochen hatte, wagte er, selbst zum Autor zu werden. Sein großer Feindeskreis freute sich: endlich. Nun war er dran. Die Gelegenheit war da, Reichs Worte an seinen Taten zu messen.

Doch dem Richter über deutsche Literatur blieb ein hartes Urteil erspart. Marcel Reich-Ranicki schrieb eine Autobiografie, ein Sachbuch also. Und das, was er über sich und sein Leben berichtete - die Jahre im Warschauer Ghetto, seine Lebensliebe zu Ehefrau Teofila -, war so ergreifend und anrührend, das keiner ihm übel wollte. Nun ist er beides: berühmter Kritiker, gefeierter Autor - ein seltenes Glück.

Der Italiener Vittorio Magnano Lampugnani gilt hier zu Lande auch als einer der wichtigsten Kritiker seiner Zunft: Er ist Architekturtheoretiker, wie Reich-Ranicki im Ausland geboren und eng mit dem deutschen Sprachraum verbunden. Er ist zwar im Ton sehr viel charmanter als sein Kollege von der Literatur, in der Sache aber erweist sich der schlanke Römer mit dem ernsten Blick als genauso streitbar, seine Worte wiegen in der Szene ebenso schwer.

In den achtziger Jahren war Lampugnani Berater der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Berlin. Ein folgenreiches Amt, denn die IBA gilt heute als Auslöser einer großen Wende in der deutschen Architektur: der Abkehr von der kämpferischen Moderne hin zur historischen Reflexion im Bauen.

1990 wurde Lampugnani Direktor des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main, einer Institution, der es gelingt, immer wieder mit spektakulären Ausstellungen ins Gespräch zu kommen. Mitte der neunziger Jahre bekam der intellektuelle Weltenwanderer einen Ruf an die renommierte Architekturfakultät der Technischen Hochschule in Zürich. Er wurde Professor für die Geschichte des Städtebaus, inzwischen ist er Dekan - Freeclimbing auf der Karriereleiter.

Immer und immer wieder gelang es dem Theoretiker, die Architekturdebatte mit steilen Thesen anzuheizen: Als er bei seinem Amtsantritt im Frankfurter Museum verkündete, er wolle eine Ausstellung der Architektur des Nationalsozialismus "ohne erhobenen Zeigefinger" widmen, war die linke Szene außer sich.

Wenige Jahre später mehrte er wieder die Schar seiner Feinde: 1993 forderte er in einem SPIEGEL-Essay eine Besinnung auf Konventionelles, Dauerhaftes und Einfaches und geißelte alles Modische. Ein "verbissen fröhlicher Postmodernismus" war ihm genauso suspekt wie die "miserablen Grundrisse" und "unpraktischen Konstruktionen" dekonstruktivistischer Entwürfe. Er bilanzierte, dass die Architektur in Deutschland in einem "deprimierenden" Zustand sei: keine handwerklichen Tugenden, zu viel Eitelkeit der Entwerfer.

In den Wochen nach Drucklegung dieser Schimpftirade wurde Lampugnani mit einer Leserbrief-Flut und empörten Gegen-Essays konfrontiert. Schon jetzt ist der Streit um seine Thesen in die Theoriegeschichte der Architektur eingegangen.

Gerade weil sich Lampugnani nicht als Vertreter einer bestimmten Schule zu erkennen gibt, weil er kein Postmoderner, kein Dekonstruktivist, kein Traditionalist und kein Moderner sein will, sondern theoretisch ab durch die Mitte marschiert, verdirbt er es sich regelmäßig mit den Parteigängern. Aber genau so soll es sein. Der Mann ist Kritiker und hat damit den hohen Auftrag, anderen Leuten den Spaß zu verderben - ein Freibrief für kluge Frechheiten.

Doch nun hat sich der professionelle Frechdachs auf ein besonders gewagtes Spiel eingelassen. Auch er tauschte die Rollen. Der Kritiker baut, schon zum zweiten Mal. Der erste Streich: ein Geschäftshaus in Berlin-Mitte. Der zweite: eine Wohnanlage in Österreich, in der Nähe von Graz.

Der Wechsel von der Theorie zur Praxis ist für den 49 Jahre alten Professor ein heikles Unterfangen. Er befindet sich auf der Höhe seiner Berufstätigkeit - es bleibt viel Zeit, ihm seine Fehler nachzutragen.

Doch Lampugnani versteht es, sich aus der Affäre zu ziehen. Wenn Bauten diplomatisch sein können - seine sind es. Es ist nicht seine Architektur, die verblüfft, es ist das Geschick des Kritikers, der Kritik auszuweichen.

Punkt eins im Strategieplan zur Besänftigung möglicher Heimzahler: Lampugnani verbündet sich mit anderen Baumeistern. Das Berliner Gebäude ist Teil des so genannten Kontorhauses Mitte, für das der Bau-Promi Josef Paul Kleihues verantwortlich zeichnet.

Die Siedlung in der Steiermark plante Lampugnani gemeinsam mit seiner Frau, der Architektin Marlene Dörrie (der Schwester der Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie). Was Lampugnanis Idee war und was Dörries - genau wird man das nie bestimmen können.

Punkt zwei: Lampugnani kann sich, wenn Gefahr droht, hinter ungewöhnlich störrischen Bauherren verstecken. Das Berliner Haus ist von einem Investor in Auftrag gegeben worden, dem, so stellt es Lampugnani dar, die Rendite wichtiger war als die Ästhetik. Für den Baumeister bedeutet dies: Er fühlt sich eigentlich nur für die elegante, berlinerisch traditionelle Sandsteinfassade verantwortlich.

Das Innere? Da winkt er ab: "Das hat der Investor nach seinen Vorstellungen verändert", beteuert er. Die Bauherren wollten ein Stockwerk mehr als Lampugnani, die Räume sind nun viel niedriger als vorgesehen. Zudem platzierten neue Besitzer im Treppenhaus willkürlich einen Fahrstuhl, die Symmetrie ist futsch - der Architekt aber unschuldig.

Genauso unschuldig wie - wenn es zum Schwur kommt - bei der Siedlung in Maria Lankowitz bei Graz. Dieses Projekt gehört zum Sozialen Wohnungsbau. Auch da sind die Vorgaben rigoros, die Mittel knapp: winzige Wohneinheiten, kleine Grundstücke - wehe dem Entwerfer, der öffentliche Gelder für Sperenzchen verschleudert.

Entsprechend schlicht kommt Lampugnanis Siedlung daher. Dreizehn gestaffelt angeordnete Reihenhäuser in der Mitte, allesamt kastenförmig, mit flachen Dächern. Im Westen steht ein dreigeschossiges Punkthaus, im Osten eine Wohnzeile, auch mit drei Geschossen. Alle Häuser sind gemauert und weiß verputzt, die großen Fenster mit Fichtenholzrahmen eingefasst, die Türen taubenblau gestrichen und ebenfalls aus Holz. Keine Abweichung, keine Irritation.

Hier und da wagt Lampugnani ein paar Lieblichkeiten, die bei einem Protagonisten der Abstraktion zunächst erstaunen: Am Mehrfamilienhaus ließ er unter den Fenstern feste Blumenkästen aus verzinktem Stahl anbringen, an den Hauswänden sind Holzspaliere für Rosen - nette Accessoires, die jedoch nichts verkitschen, weil sie sich selbstverständlich ins unprätentiöse Ganze fügen.

Lampugnani lässt sich nicht bei Fehlern erwischen, aber ebenso wenig bei überraschenden Ideen. Und dafür hat er auch eine Begründung parat: "Es geht beim Bauen nicht darum, sein Architekten-Ego zu verwirklichen, die Leute sollen in den Häusern leben und sich wohl fühlen", sagt er mit sanfter Stimme und schafft listig den Anschluss an seine Theorien. Seine Bauten repräsentieren, sagt er, das, was er immer gefordert hat: Handwerklichkeit, Zurückhaltung, Neutralität.

Auch wenn er Recht hat, Theorie und Praxis sich bei ihm nicht widersprechen, lässt sich dennoch am Beispiel des Italieners eines erkennen: Manchmal wiegen Worte schwerer als Taten. Denn Anlass für große Debatten werden seine Häuser nicht sein: zu still für Jubelstürme, zu stimmig für Verrisse - Friede den Hütten, kein Krieg dem Kritiker.

Somit hat es schon wieder ein Vertreter der Mäklerzunft geschafft, der Schelte durch seinesgleichen zu entkommen. Die Kritiker bleiben, was sie immer schon waren: Spaßverderber. SUSANNE BEYER


DER SPIEGEL 28/2000
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