17.07.2000

PROZESSEStockschläge und Kniebeugen

Zum ersten Mal stehen Erzieher eines DDR-Spezialkinderheims wegen Misshandlung oder sexuellen Missbrauchs ihrer Schutzbefohlenen vor Gericht.
Die Erzieherin kannte keine Nachsicht. Als der weinende Junge ihre Fragen nach seinen Personalien nicht sofort beantwortete, trat sie ihm mit voller Wucht ins Gesäß. Dann packte sie ihn, brachte ihn unter Schlägen zum Waschbecken und ließ kaltes Wasser über seinen Kopf laufen. Als das total verstörte Kind immer noch nichts sagte, zerrte sie es zu einem Toilettenbecken, presste seinen Kopf hinein und zog die Wasserspülung.
Mit dieser "Begrüßung" - so erinnert sich Mario Selzer - begann im Januar 1986 seine knapp dreijährige Leidenszeit im einstigen DDR-Kinderheim Meerane. Damals war Selzer zwölf Jahre alt, ein Kind aus zerrütteten Verhältnissen, das schon mehrmals im Heim gewesen war. Vertreter der Jugendhilfe hatten ihn aus seiner Schule abgeholt und in das Heim in der kleinen sächsischen Industriestadt gebracht.
Dass der brutale Empfang keine Ausnahme war, wurde Selzer, der heute in Hof lebt und als Reinigungskraft arbeitet, schnell bewusst. "Die haben uns wie Vieh behandelt", sagt er: "Wer aufmuckte, den haben sie versucht zu brechen."
Sieben Jahre nach der Wende zeigte Selzer, der bis heute selbstmordgefährdet ist und ständige psychiatrische Betreuung braucht, seine früheren Betreuer an. "Ich wollte anderen Kindern Mut machen, sich auch zu wehren." Vier ehemalige Erzieher und ein Lehrer müssen sich ab dieser Woche vor dem Landgericht Chemnitz wegen Misshandlung, Freiheitsberaubung oder sexuellen Missbrauchs ihrer Schutzbefohlenen verantworten. Verhandelt wird nach DDR-Recht, denn die "Verletzung von Erziehungspflichten" und die anderen vorgeworfenen Taten waren auch unter dem SED-Regime strafbar.
Erstmals stehen in Chemnitz Vertreter der autoritären DDR-Jugendfürsorge vor Gericht. Der Prozess beginnt in letzter Minute: Im September vergangenen Jahres noch hatte das Landgericht die Eröffnung des Prozesses wegen Verjährung abgelehnt. Das Ober-
landesgericht Dresden hob den Beschluss jedoch auf mit der Begründung: Laut Gesetz vom Dezember 1997 laufe die Verjährungsfrist für mittelschwere Straftaten, die in der DDR begangen wurden, erst am 2. Oktober 2000 ab.
Der Chemnitzer Prozess erhellt ein finsteres Kapitel DDR-Geschichte: den Umgang mit Menschen, die es im real existierenden Sozialismus nicht geben durfte - seelisch kaputte Kinder. Das Regime propagierte das Ideal einer Jugend, die im Blauhemd, frisch gewaschen, optimistisch und Fahnen schwenkend für die Partei marschierte.
Wer nicht ins Bild passte, verschwand in den 32 Jugendwerkhöfen oder wurde in Spezialheimen verwahrt. Ein System heilpädagogischer Betreuung gab es dort allenfalls in Ansätzen.
Mario Selzer, dem nach Angaben seines Anwalts ein psychiatrisches Gutachten Glaubwürdigkeit bescheinigt, ist nicht der Einzige, der seine früheren Betreuer schwer beschuldigt. Nach einem Fernsehauftritt und Presseveröffentlichungen (SPIEGEL 41/1997) meldeten sich Dutzende ehemaliger Heimkinder.
Was die Zeugen der Chemnitzer Staatsanwältin Helga Hinke berichteten, unter-
mauert Selzers Aussage: Im Meeraner Kinderheim wurden - so die Beschuldigungen - Minderjährige geschlagen und getreten, mit Peitschen traktiert und in einer kalten Arrestzelle eingesperrt, wenn sie nicht parierten.
Kniebeugen und Liegestütze, "Entengang" in der Hocke auf dem Flur, stundenlanges Stillstehen mit waagerecht nach vorn gestreckten Armen, Stockschläge in die Kniekehlen sowie das Reinigen von Klobecken mit der Zahnbürste gehörten danach zum pädagogischen Repertoire.
Laut Anklage soll es im Meeraner Kinderheim auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. So habe einer der Betreuer nachts einen Jungen aus dem Bett geholt und ihn ins Nachtwachezimmer beordert. Dort habe er mit einem Stofftier an dessen Geschlechtsteil manipuliert. Als der Junge eine Erektion bekam, habe der Erzieher auf den Penis eingeschlagen.
Das Kinderheim von Meerane hat heute nichts mehr von seiner einstigen Tristesse: Der Bau aus dem vorigen Jahrhundert strahlt seit seiner Renovierung 1995 in heller Farbe. Heute wird das Kinderheim "Georg Krause" (benannt nach einem Meeraner Pfarrer) unter dem Dach der Diakonie Sachsen vom Förderverein für lernbehinderte Kinder verwaltet.
Von den fünf Beschuldigten, die alle Vorwürfe kategorisch bestreiten, arbeitet einer noch immer im Heim. Ein Zweiter musste zwar 1997 wegen der Ermittlungen seinen Posten als Heimleiter räumen. Allerdings ist er nach wie vor in einem Büro des Gebäudes aktiv - als Geschäftsführer des Fördervereins, der dem Kinderheim vorsteht.
Ein Dritter - er soll einem Zögling die Gitarre auf den Kopf geschlagen haben - ist seit zehn Jahren stellvertretender Bürgermeister der knapp 20 000 Einwohner zählenden Stadt Meerane.
ALMUT HIELSCHER
* Oben: nach der Renovierung 1995; unten: bei den Weltjugendfestspielen 1973 in Ost-Berlin.
Von Almut Hielscher

DER SPIEGEL 29/2000
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