31.07.2000

* 5. Die Zukunft der Wirtschaft * 5.1. New Economy - die neue Dynamik

DIE UNSICHTBARE MAUER

GESELLSCHAFT

Von Bredow, Rafaela von

Nirgendwo werden mehr Menschen so schnell so wohlhabend wie im amerikanischen Silicon Valley. Doch in Sichtweite der Prachtvillen der Software-Millionäre herrscht bittere Armut. Die New Economy des Internet-Zeitalters macht nicht alle reicher.

Ein kleiner Bach teilt das Silicon Valley in zwei Welten. Dabei eignet sich der San Francisquito Creek wegen seiner Unscheinbarkeit schlecht als Grenze - Häuser verstecken ihn, Brücken und Weidendickicht übertunneln seinen Lauf, Automotoren übertönen das Plätschern. Und jeder, der ihn auf der University Avenue Richtung Norden überquert, weiß, dass dahinter ein anderes Land beginnt.

Vor dem Flüsschen räkeln sich Säulenvillen mit häusergroßen Doppelgaragen, glänzt Messing von geschnörkelten Türschildern. Frauen haben sich ihre Sonnenbrillen ins Blondhaar gesteckt und gleiten in ihren Audi TT und BMW Z3 vorbei an Rosen und spitz manikürten Buchsbäumchen, durch Oleander- und Eukalyptusduft. In den Bistros am Straßenrand sitzen Männer in hellblauen Hemden und sprechen bei Sashimi und Sushi über Risikokapital und Börsengang.

Vor dem Fluss liegt Palo Alto, Perle des Silicon Valley, Paradeplatz der neureichen Hightech-Gesellschaft. Hinter dem San Francisquito Creek verblasst Graffiti auf verrammelten Schnapskaschemmen, die Bäume sehen aus wie zugestaubt. Es reiht sich Holzbaracke an Holzbaracke, davor Maschendrahtzäune. Jungs mit knietief hängenden Jeans und Ballonseidenjacken beugen sich unter die Motorhauben ihres alten Toyota oder kreuzen, begleitet vom rhythmischen Dröhnen der Subwoofer, mit Ford Granadas durch die Straßen.

Hier heißt das Stadtzentrum Whiskey Gulch, und auf den trüben Schaufenstern kleben Verbotsschilder: Das Abfeuern von Waffen, selbst in die Luft, ist kriminell.

Das ist East Palo Alto - eine Enklave der Armut im Tal der Instant-Millionäre. Noch 1992 war der kleine Ort Hauptstadt des Kapitalverbrechens in den Vereinigten Staaten. Nirgendwo sonst wurden, gemessen an der Einwohnerzahl, mehr Menschen ermordet.

Weil die Terra non grata so dicht dranhängt am Glanz der Cybergesellschaft, sticht ihre Schäbigkeit hervor wie die Schalheit von billigem Fusel nach einem Schluck Jahrgangschampagner. Nur zwei Kilometer University Avenue liegen zwischen der Frage des Feinkosthändlers "Straußensalami oder lieber Pérail de Brebis" und dem Feilschen im Whiskey Gulch um den Mais für die Großfamilie.

Und gerade mal elf Kilometer liegen zwischen dem Privatparkhaus für 20 Autos neben dem Schlösschen des Apple-Mitgründers Mike Markkula und jener Garage, in der Maria de los Angeles Gonzales mit ihrem Mann und den vier Kindern gewohnt hat.

Inzwischen sind die Gonzales in ein richtiges Haus umgezogen. "Und hungern tun wir auch nicht", erklärt Maria. Die 37-Jährige steht am Gitterzaun, der ihre Parzelle von der Straße trennt. "Drei Zimmer!", sagt Gonzales. Ihr Arm holt großzügig nach oben aus und fällt dann mittendrin runter, weil der Holzflachbau mit der hohläugigen Wohnwagenruine davor auch nur so breit ist wie eine Doppelgarage. "Besser als Mexiko", findet Maria. "Ein bisschen jedenfalls."

27 000 Menschen, vor allem mexikanische Hilfsarbeiter und Schwarze, wohnen in dem Nest nahe der Bucht von San Francisco. Auf der Landseite wird die Stadt umflossen von Dollarströmen: 260 000 Millionäre sollen in dem schmalen, lang gestreckten Tal wohnen. Alle 24 Stunden kommen 64 neue hinzu. Auch mindestens 13 Milliardäre leben dort, denen zusammen mehr als 45 Milliarden Dollar gehören. So ist es nun mal: Wer jenseits der Stadtgrenze von East Palo Alto lebt, schürft mit in der Goldmine Silicon Valley, dem größten legalen Vermögensgenerator in der Geschichte des Planeten, wie man hier gern sagt.

Nirgendwo in den USA verdienen die Leute mehr - das mittlere Einkommen liegt inzwischen 60 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Sekretärinnen leisten sich Prada und Gucci. Und die Partner der unzähligen Risikokapitalfirmen kaufen sich, nur von den Krumen der Investorenmilliarden, eine Cessna, eine Segelyacht oder eine 15-Zimmer-Villa.

"Soll ich uns runter nach Santa Barbara an den Strand oder lieber nach Lake Tahoe zum Skifahren fliegen?", lautet, ganz selbstverständlich, die Frage der Goldjungs im Valley, wenn sie am Wochenende mal Zeit haben, eine Frau zu umwerben. Gute Programmierer, begehrte weil rare Spezialisten im Hightech, bekommen vom neuen Arbeitgeber einen Porsche Boxster versprochen - als kleine Erkenntlichkeit nur fürs Unterschreiben des Vertrags.

Und die Schule im Örtchen Woodside leiert bei einem einzigen Wohltätigkeitsfest umgerechnet 439 000 Dollar aus den Eltern heraus. Dort oben, in den Hügeln über dem Tal, wohnt, wer zu Lebzeiten sein Geld auch bei größter Anstrengung nicht mehr auszugeben vermag: Gordon Moore zum Beispiel, Mitgründer von Intel und der reichste Mann Kaliforniens.

Versteckt in Redwood-Hainen, am Ende geschwungener Auffahrten weit außer Sicht der elektronikbewachten Schmiede-Tore, hat sich die Cyber-Elite in neureicher Ästhetik ihre Prunkstätten errichten lassen, Türmchenburgen, Tara-Südstaatenprotz, Tudor-Imitat. 1998 kostete ein Haus in Woodside im Durchschnitt 1,5 Millionen Dollar.

Die Gonzales bezahlen für die drei Zimmer im Flachbau in East Palo Alto 1500 Dollar im Monat. Carlos Gonzales, Marias Mann, war Gärtner, jetzt ist er Öl-Wechsler. Er verdient 1600 Dollar. Das reicht für die Miete. Bleiben 100 Dollar. Damit kann er aber seine Kinder weder satt kriegen noch ihnen Schulbücher kaufen, und deswegen haben die Gonzales ein Zimmer an Alma, ihren Mann und die drei Kinder untervermietet. Das bringt 450 Dollar, damit reicht es zum Überleben.

"Es ist besser als die Garage", sagt Maria. Auch wenn in zwei Monaten Almas Zwillinge auf die Welt kommen und dann 13 Menschen in den drei Zimmern leben werden. Besser als die Garage ist vor allem, dass Juvenal, ihr zwölfjähriger Sohn, sich in dem Haus ein bisschen von seinem Asthma erholt hat. So was ist teuer - Krankenhaus, Medikamente.

Maria weiß nicht, dass es eine Billigversicherung für die Armen gibt, und auch nicht, dass sie umsonst Essen kriegen kann von Second Harvest, einem großen Nonprofit-Unternehmen, das Armenspeisungen organisiert.

Maria Gonzales weiß - wie die meisten ihrer Nachbarn - wenig, weil sie schlecht Englisch spricht. Und weil sie von Informationen abgeschnitten ist: Sie kann die Monatsgebühren nicht bezahlen, und daher besitzt die Familie noch nicht einmal ein Telefon.

Es gibt im Valley immer weniger Geld für Jobs wie den von Carlos Gonzales. Die New Economy des Internet-Zeitalters macht längst nicht alle reicher, und schon gar nicht die Lakaien. Die Leute, die tagsüber Woodside bevölkern, die dort Hecken schneiden, Essen kochen und Autos waschen, gehören zum unteren Fünftel der Einkommensskala. Sie verdienen heute weniger als vor acht Jahren. Die Gehälter der anderen vier Fünftel steigen währenddessen unaufhörlich, die Empfänger geben das Geld mit vollen Händen aus und treiben so die Preise hoch. Benzin, Butter, Brot - inzwischen ist nirgendwo in den Staaten das Leben teurer als im Hightech-Land.

Selbst im Slum. Zwar zieht es junge Programmierer nicht unbedingt nach East Palo Alto, wo Taco Bell das beste Restaurant am Platze ist und beinahe alle Läden vergittert sind.

Aber es wird eng ringsumher. All die Möchtegern-Millionäre, die ins Wunderland strömen, brauchen ein Dach überm Kopf. Deswegen haben die Immobilienmakler ein Auge auf das wertvolle Land im Herzen des Tals geworfen. "Verkauf dein Haus!", lockt es von Schildern an den Strommasten in East Palo Alto. "Schnell".

Die Mittelklasse ist wegen der unbezahlbaren Mieten weggezogen, Lehrer, Polizisten, Feuerwehrmänner. Es gibt nur noch Reich und Arm und dazwischen den San Francisquito Creek.

Die Profiteure der neuen Technik-Gesellschaft sind keine schlechten Menschen, und deswegen spenden sie für die Armen, Millionenbeträge, etwa für Second Harvest. Oder sie gründen Stiftungen, die Juvenals Schule in East Palo Alto Computer schenken und den Anschluss ans Internet bezahlen.

"Ich mag Computer", sagt Juvenal. Lernt er programmieren? Der Junge zögert, schüttelt dann den Kopf, so vage, dass es auch Nicken bedeuten könnte. Er versteht nicht. Zu Hause spricht er nur Spanisch, die meisten Kumpel in seiner Schule, der Cesar Chavez Academy, sind Immigrantenkinder wie er. Das Wort "programmieren" kommt offenbar nicht vor.

In Juvenals Schule ist es schwer zu lernen. In Rechnen erreichen oder übertreffen nur acht Prozent seiner Klassenkameraden den Durchschnitt der Mathe-Schüler in den gesamten USA.

Nur vier Prozent der Arbeitnehmer in den großen Hightech-Firmen im Valley sind schwarz. Keine Chance oder keine Lust? Niemand in den USA kann sich sicher sein, ob den Schwarzen der Zutritt ins Rechnerreich aus subtilem Rassismus von klein auf verwehrt wird oder ob die meisten sich schon als Teenies wehren, weil Strebertum allgemein als uncool gilt und speziell solches nach Elektronikwissen, dem sich sonst nur die Weißen hingeben.

Cyberhelden wie Steven Jobs und Bill Gates kommen nicht in dunkelhäutiger und auch nicht in mexikanischer Variante vor. Michael Jordan oder LL Cool J - das sind Idole! Und zu werden wie sie, das kann man wenigstens auf der Straße üben. Dagegen erscheint es sinnlos, den San Francisquito Creek Richtung Palo Alto zu überspringen. Dafür muss man sehr, sehr schlau sein, die weiße Konkurrenz ist hart. Tough, aggressiv, smart - Valley-Mantras.

Sharifa Wilson ist so, die Bürgermeisterin von East Palo Alto. Nur hat sie andere Probleme, als Mikroprozessoren in den Markt zu boxen oder nach Risikokapital für ein neuartiges Internet-Auktionshaus zu jagen. Zum Beispiel muss sie sich wehren, wenn die netten weißen Nachbarn eine Mauer zwischen sich und East Palo Alto hochziehen wollen, an der Stelle, wo der San Francisquito Creek nicht die Grenze bildet.

"Unten Beton und oben Draht, aber dabei natürlich sehr, sehr hübsch sollte die werden, schön begrünt, haben sie mir versprochen." Wilson kann trotzdem lachen, weil es ihr gelungen ist, den Planern das Projekt auszureden. "Würde ein bisschen komisch wirken, eine Mauer ums Ghetto." Das haben die Nachbarn eingesehen.

"Ich hätte das süüüüßeste Lächeln, hat sich einer meiner Gegner einmal beklagt", erzählt sie und lächelt so. "Und dann" - ihre Faust rast hoch und mit Wucht zurück auf den Tisch, "dann verpass ich ihnen den nächsten Schlag!"

Wilson hat das Kämpfen als Kind in den Sozialsiedlungen von Brooklyn, New York, gelernt. Jetzt wuchtet sie die quadratmetergroße Planungskarte aus der Büroecke auf den Tisch. Die Skizze zeigt ihren Traum von einer Stadt. Schraffiert sind die Stellen für ein großes Einkaufszentrum, Projekt 1, und für ein Hotel, Projekt 2.

Das Hotel soll blank und strahlend da erstehen, wo heute die düsteren Läden von Whiskey Gulch verfallen. "Die Steuergelder würden unseren Haushalt verdoppeln." Die Stadt braucht das Geld für Bäume, Basketballkörbe, Jugendtreffpunkte. Und für die Polizei. Zwar hat East Palo Alto es aus der Spitze der Kriminalitätsstatistik herausgeschafft, weil die Stadt 15 zusätzliche Polizisten einstellen durfte.

Die Dollar kamen aus staatlichen Kassen, nachdem 1992 die Mordrate im Land bekannt geworden war. "Das war ihnen peinlich", erzählt Wilson. Tote und Drogen, ausgerechnet im Silicon Valley, dem Vorzeigeländle der Nation!

Aber jetzt läuft die Förderung für die Stellen aus, und eigentlich wollte Wilson die Polizisten mit den Steuereinnahmen aus den neuen Projekten finanzieren. Bloß laufen die nicht, wie sie sollen.

Für das Einkaufszentrum fand sich kein Projektentwickler - wer will Läden im Elendsviertel errichten? Das musste die arme Stadt selbst in die Hand nehmen. Dann stellten sich nur zögerlich die Einzelhändler ein. "Die denken eben alle, wir sind hier nur ein Haufen von Drogendealern und Kriminellen", sagt Wilson.

Aber die Bürgermeisterin und ihre Leute verkauften Land, beliehen und rechneten hin und zurück, und deswegen stehen da jetzt doch, nagelneu, ein Baumarkt und ein Elektronikhändler, ein Taco Bell und ein Bürowarenladen.

Es gibt einen Geist im Silicon Valley, der über die fast unsichtbare Grenze des San Francisquito Creek driftet: aggressiver Optimismus. Die East-Palo-Alto-Variante heißt, alles ist besser als Mexiko. Ein bisschen besser jedenfalls.

RAFAELA VON BREDOW


DER SPIEGEL 31/2000
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