31.07.2000

* 5. Die Zukunft der Wirtschaft * 5.1. New Economy - die neue Dynamik

POSITIVE ZERSTÖRUNG

SPIEGEL-GESPRÄCH

Von Wolfram, Bickerich. und Martens, Heiko

Megafusionen sind in der Wissensgesellschaft sinnlos, meint der sächsische Ministerpräsident KURT BIEDENKOPF. Er fordert eine Rückkehr der sozialen Marktwirtschaft auf globaler Ebene.

SPIEGEL: Herr Professor Biedenkopf, Sie haben Ihrer Partei nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 empfohlen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren - nämlich zu Ludwig Erhard und der sozialen Marktwirtschaft. Kann das angesichts von Globalisierung und Turbokapitalismus wirklich die Zukunft sein?

Biedenkopf: Wenn wir eine gute politische Zukunft haben wollen: Ja. Globalisierung hat es doch schon immer gegeben, etwa in den letzten Jahrhunderten mit den Kolonien. Für die westliche Welt ist das Neue daran, dass sie nicht mehr Subjekt, sondern nun auch Objekt der Globalisierung ist. Nach der Auflösung der bipolaren Ordnung treten Milliarden von Menschen in den Markt ein, die der Westen nicht mehr im Griff hat. Eine signifikante Veränderung ist allerdings am Finanzmarkt festzustellen, wo das Geld zur Ware wird und selbständig gehandelt wird.

SPIEGEL: Kritische Beobachter des Wirtschaftsgeschehens sehen in der "New Economy" ausschließlich das Ziel, die Gewinne auf Kosten der Arbeitsplätze zu mehren.

Biedenkopf: Die New Economy ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich auch Experten von der Wirklichkeit lösen. Es wird sich erweisen, dass das Ganze ein Luftschloss ist. Wir gehen derzeit durch eine Phase, die man wirklich als Paradigmenwechsel bezeichnen kann, also als einen Ordnungswechsel. Solche Phasen sind, zumindest partiell, chaotisch, weil die alte Ordnung nicht mehr richtig funktioniert und die neue Ordnung noch nicht entwickelt ist. In diesem Turbokapitalismus können die Ordnungssysteme, die auf nationale Ökonomie ausgerichtet sind - dazu gehören soziale Marktwirtschaft oder das Wettbewerbsrecht -, die Phänomene nicht mehr vollständig erfassen. Wir leben in einer Zwischenzeit.

SPIEGEL: Und wie kann die Politik darauf reagieren, wenn sie nicht kapitulieren will? Sie braucht doch wohl neue Regeln und nicht die alte soziale Marktwirtschaft.

Biedenkopf: Soziale Marktwirtschaft heißt heute: internationale Regeln, internationale Verhinderung von Wettbewerbsbeschränkungen. Die Intervention der EU bei der Fusion von Boeing war ein erster Schritt zur Internationalisierung der sozialen Marktwirtschaft.

SPIEGEL: Der Markt ist aber nicht mehr Deutschland allein ...

Biedenkopf: Der relevante Markt der Zukunft ist immer jener Markt, in dem das Unternehmen und seine Wettbewerber tätig sind.

SPIEGEL: Also die Welt.

Biedenkopf: Nur zum Teil, manche Unternehmen wären gern Global Player, weil sie glauben, sie bewegten sich dann in einem rechtsfreien Raum.

SPIEGEL: Für Global Player lässt sich Marktwirtschaft sicher nur bis zu einem gewissen Grad regulieren.

Biedenkopf: Das Anliegen der sozialen Marktwirtschaft ist nicht Regulierung. Sie soll vielmehr wirtschaftliches Handeln normativ binden, das heißt, Regeln unterwerfen - wie auch im Sport.

SPIEGEL: Das ist nur eleganter ausgedrückt.

Biedenkopf: Nein. Regulierung ist sehr viel mehr.

SPIEGEL: Wettbewerbsrecht ist Regulierung.

Biedenkopf: Das bestreite ich. Wettbewerbsrecht verhindert ja gerade eine Regulierung, die etwa durch private Absprachen getroffen wird. Ohne Wettbewerbsrecht organisieren die Unternehmen den Markt, und zwar äußerst effizient, wenn auch nur in ihrem Sinne.

SPIEGEL: Also muss der Staat regulieren.

Biedenkopf: Der wichtigste Regulator ist ein funktionierender Wettbewerb. In den Worten von Franz Böhm: Wettbewerb ist eine geplante Veranstaltung. Wettbewerb hat zwei Funktionen - die eine heißt Entmachtung: Wo Wettbewerb herrscht, kann niemand Macht ausüben. Sobald Elemente der Macht hineingeraten, wird der Wettbewerb verzerrt. Deshalb muss der Staat Machtzusammenballung verhindern. Zweite Aufgabe des Wettbewerbs ist es natürlich, die Evolution voranzutreiben durch die "positive Zerstörung" des Überholten, wie es kluge Ökonomen genannt haben.

SPIEGEL: Und die dritte Aufgabe wäre die Mehrung des Wohlstands, und bei der Einkommensverteilung muss zu Gunsten der Gerechtigkeit eingegriffen werden.

Biedenkopf: Ja, aber das sind keine Fragen des Wettbewerbs. Der Wettbewerb kann weder Gerechtigkeit schaffen, noch kann er Verteilungsprobleme lösen. Das muss man anders machen.

SPIEGEL: Wer hat das Primat - die Politik über die Wirtschaft? Oder wird es eher umgekehrt?

Biedenkopf: Die Politik hat immer das Primat. Das muss auch so bleiben, weil die Politik die einzige Kraft ist, die Werte durchsetzen kann.

SPIEGEL: Wo und wie muss als Erstes gehandelt werden?

Biedenkopf: Vielleicht hilft ein historischer Vergleich. Bei den Römischen Verträgen zur Gründung der damaligen EWG hat man sich auf vier Freiheiten verständigt - die Freiheit der Güterbewegung, der Dienstleistungsbewegung, der Bewegung von Menschen und von Kapital. Und man hat drei Wettbewerbsregeln vereinbart - das Verbot von Kartellen, von Monopolen und von Diskriminierung. Wenn man diese Regeln weltweit anwenden könnte, wären schon wesentliche Bausteine geschaffen.

SPIEGEL: Nämlich welche?

Biedenkopf: Es muss Regeln geben, die sichern, dass die Märkte offen bleiben, dass sich die Menschen an die normativen Bindungen halten, ohne die eine zivilisierte Gesellschaft nicht denkbar ist. Regeln müssen die Arbeitnehmer schützen und wieder andere Menschen vor Dingen, die sie nicht kontrollieren können. Aber diese Regeln dürfen nicht zur Vormundschaft werden, sonst sind sie kontraproduktiv. Das ist ein schmaler Grat.

SPIEGEL: Wer stellt die Regeln auf?

Biedenkopf: Überwiegend wohl weiterhin der Nationalstaat. Das kann er nur auf zwei Gebieten nicht mehr - bei der Verflechtung der so genannten Global Player und auf den Finanzmärkten. Ich bin zum Beispiel mit Helmut Schmidt einer Meinung, dass die internationalen Finanzmärkte dringend eine Regelung brauchen.

SPIEGEL: Damit haben wir noch nicht den sozialen Teil der Marktwirtschaft.

Biedenkopf: Den kann man nicht weltweit organisieren. Das Arbeitsrecht bleibt national, die Sozialpolitik ebenso; vielleicht wird sie einmal europäisch, aber das wird sehr schwierig. Im Gegenteil: Wir werden bei den so genannten sozialen Risiken eher eine Regionalisierung erleben.

SPIEGEL: Der US-Ökonom Edward Luttwak fürchtet, dass sich - solange die neuen Regeln fehlen - der von ihm so genannte Turbokapitalismus immer weiter beschleunigt und die Gesellschaft gespalten wird.

Biedenkopf: Diese Spaltung auf dem Planeten haben wir doch längst! Wir befassen uns in Europa und Amerika mit Spaltungsphänomenen, über die 80 Prozent der Menschheit nur lachen, wenn sie überhaupt etwas zu lachen haben. Das Bruttoinlandsprodukt von Indien liegt bei 500 Dollar pro Kopf und Jahr. Bei uns wächst es pro Jahr um etwa diesen Betrag. Das nenne ich eine Spaltung. Das ist eine riesige Kluft, die die reiche Minderheit in den nächsten Dekaden mit Sicherheit bedrohen wird. Im Übrigen halte ich den Begriff Turbokapitalismus für Nonsens, und zwar schon deshalb, weil Kapital gar nicht mehr die knappste Ressource ist.

SPIEGEL: Sondern?

Biedenkopf: Die knappste Ressource ist das Wissen. Im 21. Jahrhundert sucht sich das Kapital das Wissen, denn ohne die Verbindung mit Wissen ist es wertlos. In der Wissensgesellschaft findet der Turboeffekt statt. Die Vermehrung von Wissen vollzieht sich derart schnell, dass mittelfristige Projektionen kaum noch möglich sind. Da dreht sich der Turbo, aber nicht bei den großen Unternehmen, die unentwegt größer werden wollen.

SPIEGEL: Die Sucht nach Größe ...

Biedenkopf: ... ist ein Irrweg.

SPIEGEL: Daimler-Chef Jürgen Schrempp ist auf dem Holzweg?

Biedenkopf: Er geht ein großes Risiko ein. Man kann überzeugt sein, die Macht eines Unternehmens sei umso größer, je mehr Mitarbeiter es hat und je größer sein Börsenwert ist. Das ist jedoch eine überholte Philosophie. In der Wissensgesellschaft kommt es doch nicht darauf an, eine halbe oder eine Million Leute zu beschäftigen. Es kommt darauf an, was das für Leute sind, welche Ideen die haben und wie das Unternehmen die Entstehung von Wissen und Ideen fördert.

SPIEGEL: Dennoch wird überall fusioniert.

Biedenkopf: In der Wissensgesellschaft sind riesige Hierarchien unsinnig. Meine These lautet: Das Netzwerk überwindet die Hierarchie. In den nächsten Jahren werden sich virtuelle Unternehmen entwickeln, die aus einer größeren Zahl von unabhängigen Einheiten bestehen und sich vernetzen. Ein solches Unternehmen ist hierarchisch organisierten haushoch überlegen.

SPIEGEL: Wie wird die wirtschaftliche Organisation der Zukunft aussehen?

Biedenkopf: Wesentlich stärker dezentralisiert, mit der Erkenntnis auf der staatlichen Ebene, dass ein Überdehnen des Interventionismus den Staat lähmt. Die Politik muss lernen, Prozesse zu steuern und nicht Einzelentscheidungen zu treffen. Wenn jemand in zehn Jahren sagt "Ich mache das zu meiner Chefsache", werden die Leute lachen. Sie wissen, der Chef kann überhaupt nichts machen, wenn er den Prozess nicht richtig steuert.

SPIEGEL: Sie scheinen wenig Hoffnung für die Zukunft der Demokratie zu haben.

Biedenkopf: Im Gegenteil, die Zukunft ist demokratischen Systemen auf den Leib geschnitten. Sie würden sich durch Interventionismus nur gefährden, weil sie immer neue Sonderinteressen schaffen.

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Wolfram Bickerich und Heiko Martens. IM NÄCHSTEN HEFT: * 5.2. Aktien - Treibsatz der Ökonomie Aktionäre: Geldanlage als Massenvergnügen Entwicklungsländer: Existenzgründung mit 40 Mark SPIEGEL-Gespräch: Thomas Fischer über die Altersversorgung mit Aktien Spekulation: Wie ein Student Börsen-Millionär werden will DIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT: 1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappe Ressourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum 5. Zukunft der Wirtschaft 6. Technik: Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft der Kultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis

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